9. Dezember

Draco presste seine Zähne fest aufeinander und vergrub seine geballten Fäuste tief in seinen Hosentaschen. Er hatte keine Lust, es schon wieder zu versuchen, das Ergebnis war eh stets dasselbe. Er machte sich lächerlich. Und dieser Blick, den er ihm immer zuwarf, wenn er ihn ansprach. Diese Mischung aus Mitleid und Abscheu. Als würde er eine Kakerlake beobachten, die auf dem Rücken lag und sich nicht selbst umdrehen konnte. Aber anstatt ihr zu helfen, wollte er sie lieber zertreten, es war die einfachere Lösung. Er hasste diesen Blick.

Draco atmete tief durch und wartete, bis der Klassenraum leer war, ehe er nach vorne zu Professor Slughorn trat. Er setzte ein unbesorgtes, fröhliches Lächeln auf und sagte: „Sir, ich habe am Wochenende einen Brief meines Großvaters erhalten. Er lässt Sie schön grüßen.“

Es dauerte einen Augenblick, ehe Slughorn sich zu ihm umdrehte, als wolle er gar nicht mit ihm sprechen. Innerlich wappnete Draco sich für den Gesichtsausdruck, der sich ihm unweigerlich zeigen würde, und klammerte sich an sein fröhliches Lächeln. Wie erwartet, betrachtete Slughorn ihn nicht sonderlich freundlich: „Wie schön, wie schön. Danke, Mr. Malfoy.“

Draco schluckte und fuhr fort: „Er schrieb, dass er sehr froh sei, dass Sie dieses Jahr unser Lehrer sind. Er hat eine sehr hohe Meinung von Ihnen.“

Ein kurzes Lächeln flog über Slughorns Gesicht: „Nun, Ihr Großvater war ein sehr guter Schüler, sehr höflich, sehr charmant, ein Gentleman, wie man ihn selten trifft.“

Bemüht darum, begeistert dreinzuschauen, nickte Draco: „Ja, da haben Sie recht. Er sagt mir ständig, dass ich werden soll wie er, wenn ich erwachsen bin.“

„Ja, da tun Sie gut dran“, kam es kurzangebunden von Slughorn: „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun? Ich bin ein wenig in Eile…“

Frustriert nickte Draco erneut und ließ ihn alleine. Es hatte keinen Sinn, egal, aus welcher Richtung er das Gespräch anfing, Slughorn ließ sich nie wirklich auf ihn ein. Wütend verließ er den Klassenraum, nur um festzustellen, dass Potter, Weasley und Granger vor der Tür standen und offensichtlich gelauscht hatten. Ohne auf sie zu achten, schritt er an ihnen vorbei. Er konnte die Verachtung auf dem Gesicht von Potter gerade nicht ertragen.

„Was hab ich euch gesagt?“, hörte er Potter hinter sich flüstern: „Er versucht ständig, sich bei Slughorn einzuschleimen. Er will unbedingt zu seinem Club eingeladen werden… so peinlich.“

Rasend vor Wut beschleunigte Draco seine Schritte. Potter musste gerade reden, er war es doch, der der Liebling aller Lehrer war. Der dumme Slug-Club war ihm völlig egal, als ob es ihn irgendwie interessieren würde, von diesem senilen alten Mann zu irgendwelchen Dinner-Partys eingeladen zu werden. Es wäre nur so viel einfacher, wenn er wenigstens einmal halbwegs unbeobachtet im Schutz der Menge das Büro betreten könnte. Mehr wollte er doch nicht.

„Malfoy!“

Genervt blieb er stehen und schloss die Augen. War ja klar, dass Granger ihm nachlaufen würde. Sie konnte ihn einfach nicht in Ruhe lassen. Mit verschränkten Armen drehte er sich zu ihr um: „Was? Du willst mit mir reden, währen Potter und das Wiesel in der Nähe sind?“

„Sei kein Idiot, Malfoy“, schnappte Hermine: „Die beiden sind in die andere Richtung gegangen.“

„Wäre ja auch zu peinlich, wenn sie ihre kleine Prinzessin mit der bösen Schlange aus Slytherin reden sehen würden, was?“

„Okay, alles klar, ich nerve dich, aber kannst du dich für einen Moment daran erinnern, dass wir eigentlich Waffenstillstand geschlossen hatten?“, gab sie ungeduldig zurück. Kopfschüttelnd ließ Draco seine Schultern sinken. Es war beeindruckend, wie beharrlich Granger war. Er konnte abweisend sein, wie er wollte, sie kam trotzdem immer wieder zurück. Er hatte sich nichts vorzuwerfen, er hatte sein Möglichstes getan, sich von ihr fern zu halten, wenn sie das nicht wollte, mehr konnte er nicht tun.

„Schön“, sagte er langsam: „Was kann ich für dich tun, Prinzessin?“

„Spar dir die Ironie!“, fuhr sie ihn an: „Ich dachte eher, dass ich etwas für dich tun kann.“

„Und was könnte das sein?“, unterbrach er sie. Ein Gedanke kam ihn und mit einem hinterhältigen Lächeln trat er noch einen Schritt auf sie zu: „Möchtest du mich wieder aufmuntern? Wie letztes Jahr?“

Amüsiert registrierte er, dass sie wie damals auch sofort rot anlief, doch sie schüttelte nur energisch mit dem Kopf: „Das… das meinte ich nicht! Ich dachte, falls du wirklich in den Slug-Club willst…“

„Als ob ich mich für so einen Blödsinn interessieren würde!“, unterbrach er sie erneut, diesmal jedoch wütend: „Du glaubst auch alles, was Potter erzählt, oder?“

„Oh, entschuldige, hoher Herr, dass ich dir meine Hilfe anbiete!“, zischte Hermine, während ihr Gesicht noch roter wurde: „Als ob irgendjemandem entgangen sei, dass du immer und immer wieder versuchst, auf Slughorns gute Seite zu kommen. Wenn das nicht dein Ziel ist, was dann?“

„Nicht deine Sache, Granger, wie oft noch?“

„Ich hab’s verstanden, ist gut. Immer noch stur“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm. Lauter fügte sie hinzu: „Okay, ich sag das jetzt einfach, mach damit, was du willst. Ich bin im Slug-Club und wir dürfen für die Weihnachtsfeier dieses Wochenende eine Begleitung mitnehmen. Alles klar?“

„Süß, Granger“, schmunzelte Draco und legte ihr eine Hand auf die Wange: „Soll das ein Date werden? Wo bleibt da mein Kuss?“

„Ach, lass das endlich!“, fuhr sie ihn an und schlug seine Hand weg: „Waffenstillstand, erinnerst du dich? Keine Not, mich ständig zu ärgern.“

„Und wenn ich es ernst meinte?“, erwiderte er ernst. Er war sich selbst nicht sicher, ob er es ernst meinte, aber die Erinnerung daran, wie gut ihm der Kuss nach dem verlorenen Quidditch-Spiel getan hatte, machte ihn neugierig. Granger hatte die letzten Tage schon bewiesen, dass sie ihm auf unerklärliche Weise gut tun konnte einfach nur mit ihrer Anwesenheit. Wer wusste schon, was sie noch für ihn tun konnte?

„Wenn du es ernst meinst…“, setzte sie an, doch er konnte sehen, dass sie schlucken musste, ehe sie weiter sprechen konnte: „Wenn du es ernst meinst, dann… wäre es okay.“

Überrascht starrte er sie für einen Moment einfach nur an, ehe er verarbeiten konnte, was sie da gerade gesagt hatte. Angespannt leckte er über seine Lippen, dann legte er ihr erneut eine Hand auf die Wange.

„Aber du meinst es gar nicht ernst…“

Und noch bevor er begriff, was sie tat, hatte sie seine Hand vorsichtig von sich genommen und einen Schritt zurück getan: „Ich bin ehrlich zu dir, Malfoy. Wäre schön, wenn du das auch sein könntest. Wenn du es nicht ernst meinst, tu gar nicht erst so.“

Dann war sie weg, eilte mit schnellen Schritten den Gang entlang zur Großen Halle. Verwirrt blickte er ihr nach. Wie konnte sie so sicher sein, dass er es nicht ernst meinte. Er wusste es ja selbst nicht einmal. Er hatte sie damals aus einem Impuls heraus geküsst und sie hatte sich nicht gewehrt. Was wäre diesmal anders?

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