9. Kapitel

                                                                      9

Mia Bridges war erleichtert, als sie den Cumberland Park Drive verließ und die letzten achthundert Meter bis zu ihrem Haus zurücklegte. Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte ihr, dass es zehn Minuten nach neun war. Ich sollte mir doch wieder ein Fahrrad zulegen, dachte die junge Frau. Seit dem Tag, als man ihren alten aber noch recht passable Drahtesel dreister weise vom Schulhof weg geklaut hatte, war sie steht’s zu Fuß unterwegs oder hatte in Ausnahmefällen dem Bus den Vorzug gegeben. Einige seltsame Lichtreflexe erregten ihre Aufmerksamkeit, noch bevor sie in die Mulberries Road einbog. Die Tatsache, dass sich dieses Licht Szenario direkt vor ihrem Haus abspielte, wurde ihr erst bewusst als sie das Eckhaus am Eingang zu ihrer Straße passiert hatte.  

Oh mein Gott, Paps, sie wusste nicht warum, aber Mias erster Gedanke galt ihrem Vater. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus, ein fader Geschmack in ihrem Mund und die Beine wollten ihr den Dienst versagen.

Zwei, drei Atemzüge lang hatte Mia den Wunsch sich umzudrehen und weg zu rennen, doch letztendlich siegten Vernunft und Neugier. Sie holte tief Luft und ging schnellen Schrittes und in dunkler Vorahnung auf den Fahrzeugpark vor ihrem Haus zu.

Mrs. Bridges betrat ihr Wohnzimmer, als ein Police Constable sich ihr in den Weg stellte.

»Sorry, Ma’am, darf ich fragen wer sie sind?« fragte er höflich aber bestimmt.

»Verzeihen Sie, aber ich wohne hier. Mein Name ist Mia Bridges. Was ist hier eigentlich los und wo ist mein Vater?« Mia trat recht resolut auf. Sie versuchte Unsicherheit, hochkochende Angst und Ungeduld im Zaum zu halten.

»Wenn sie sich einen kleinen Moment gedulden wollen, Mrs. Bridges. Ich sage sofort dem Chief Inspector Bescheid.« worauf er sich entfernen wollte.

»Was heißt hier ich sage dem Chief Inspector Bescheid. Ich werde mich in meinem eignen Haus doch wohl bewegen können wie es mir beliebt«, erwiderte Mia und schob den verdatterten Vertreter des Gesetzes kurzerhand zur Seite.

»Aber Ma’am, ich, äh – sie können doch nicht…«

Mia ließ dem Beamten keine Chance, den unvollständigen Satz zu Ende zu bringen. Beherzt durchschritt sie ihr Wohnzimmer und betrat den angrenzenden Flur auf dem sich die Treppe zum oberen Wohnbereich befand.

»Vater! Vater, bist du da oben?« rief die junge Frau auf dem Weg hinauf.

Der Chief Inspector erschien am oberen Absatz der Treppe und empfing die junge Frau.

»Guten Abend Miss Bridges«, begrüßte sie der Leiter der Mordkommission, den man zwischenzeitlich informiert hatte, dass einer gewisse Mia Bridges das Haus gehört.

»Mrs. Bitte, Inspector«, korrigierte Mia den Mann der ihr jetzt seine Hand entgegen streckte..

» Chief Inspector Anthony Doyle«, stellte sich der Kriminalist vor und ließ ganz bewusst den Leiter der Mordkommission weg, um die junge Frau nicht von Anfang an zu verunsichern.

»Können wir uns einen Moment in der Küche unterhalten?« fragte er und zog sie, die Hand von der Begrüßung noch nicht zurückgezogen, sanft in die Küche hinein.

»Was soll der ganze Aufwand? Was ist passiert und wo ist mein Vater? Ist ihm etwas zugestoßen?« fragte sie ängstlich, verwirrt.

»Es tut mir wirklich sehr leid, aber ich habe eine traurige Nachricht für sie«, begann der Inspector und machte eine kurze Pause, dabei schaute er in ein erwartungsvoll, besorgtes Gesicht. Dies war ein Teil seiner Arbeit den er ums verrecken nicht mochte aber auch nicht verhindern konnte. Anthony Doyle wusste, dass ihm diese Aufgabe niemand abnehmen würde, also nahm er sich zusammen und sagte: »Sorry, Mrs. Bridges, ihr Vater wurde ermordet.«

Entsetzen zeichnete sich auf Mias Gesicht ab. Verständnislos starrte sie den Chief Inspector an, als hätte sie das gesagte nicht verstanden. Ihr Mund öffnete sich, sie wollte etwas sagen, brachte jedoch keinen Ton über die Lippen. Das Blut wich ihr aus dem Kopf und ihr Gesicht wurde schneeweiß, Schwindel ergriff sie und sekundenlang schwebte sie am Rand einer Ohnmacht.

Inspector Doyle winkte den Constable heran der in der Tür stand und trug ihm auf den Doc zu holen. Wenige Augenblicke später erschien Doktor Shelby.

»Wie geht es ihnen, Mrs. Bridges? Fühlen Sie sich schwindlig oder ist ihnen schlecht. Möchten Sie sich vielleicht ein wenig hinlegen? Ich kann ihnen auch eine Beruhigungsspritze geben«, bot der Doc an.

»Danke Doktor, es geht schon wieder. Ich werde mich ausruhen, wenn das alles hier vorbei ist. Nochmals Danke, für ihre Fürsorge«, antwortete Mia.

Auf ein leichtes Handzeichen des Inspectors zog sich der Doc wieder zurück.

Minutenlang herrschte Stille im Raum.

»Ermordet, sagten Sie!« Mrs. Bridges sah Inspector Doyle mit leeren, ausdruckslosen Augen an.

»Ja Ma’am«, erwiderte Doyle und machte absichtlich eine Pause, »man hat ihn erhängt«, ergänzte seine Aussage.

»Erhängt … wie bestialisch. Wer tut sowas? Das ist unmenschlich!« Mia schüttelte teils verständnislos, teils angewidert den Kopf.

»Es tut mir leid, wir wissen noch nicht wer es war. Es gibt noch zu wenig Anhaltspunkte. Wir müssen erst die vorhandenen Spuren auswerten, dann sehen wir weiter. Sie könnten uns dabei behilflich sein, indem sie uns einige Fragen beantworten. Jetzt – Morgen oder wann immer sie sich dazu in der Lage fühlen«, erklärte der Kriminalist.

»Ein Letztes für Heute! Fühlen sie sich in der Lage ihren Vater zu identifizieren oder wollen wir diese unangenehme Aufgabe verschieben, wenn sie darüber geschlafen haben?« fragte der Inspector.

»Nein, ich äh … ich glaube ich bin froh, wenn ich das hinter mir habe. Ich versuche es gleich«, erwiderte Mia schweren Herzens, atmete ein paar Mal tief ein und aus und ging mit dem Inspector hinüber ins Wohnzimmer.

Der Tote Joseph Cameron lag indes transportbereit auf einer Trage. Auf ein Zeichen des Chief Inspector‘ s hob einer der Träger die bereits geschlossene Plane und legte das Gesicht des Toten frei.

»Ma’am, ist das ihr Vater, Joseph Cameron?« fragte Inspector Doyle.

Mia Bridges war nicht in der Lage zu antworten. Wie hypnotisiert ruhte ihr Blick auf dem Gesicht das jetzt wie schlafend vor ihr lag und das sie von Kindheit an geliebt hatte. Ein zittern durchlief ihren Körper und tränen trübten ihren Blick. Suchend tastete sie nach dem Arm des Inspectors, der ihr hilfreich stützend Halt gab. Noch immer sagte die junge Frau kein Wort, ihre Hände waren eiskalt und schweißnass, ohne es selbst zu merken verkrampfte sich ihre Hand in des Inspectors Arm. Mias Atem war hörbar, sie schluckte, der Kriminalist ließ ihr Zeit.

»Ja, das ist mein Vater, Joseph Cameron«, hauchte sie fast tonlos und drehte sich weg. Sie konnte – nein, sie wollte den Anblick nicht länger ertragen.

»Kann ich etwas für sie tun?« fragte der Inspector.

Mia hörte seine Stimme. Sie hatte das Gefühl, als spräche er aus weiter Ferne zu ihr. Mit einem fragenden Blick sah sie ihn an, als wüsste sie nicht wer er ist.

»Kann ich etwas für sie tun?« wiederholte der Inspector seine Frage.

»Ich möchte mich etwas hinlegen«, sagte Mia leise, einem Selbstgespräch gleich. Sie vermittelte den Eindruck als würde sie das drum herum gar nicht wahrnehmen. Ihr Gesicht war jetzt Blutleer, weiß, wie eine gekalkte Wand, dann verdrehte sie die Augen bis das weiße der Augäpfel überwiegte und sie sackte in sich zusammen.

Im letzten Moment konnte Doyle die Fallende auffangen. Er trug sie hinüber in Camerons Schlafzimmer und wies den Doc an sich um sie zu kümmern.

In dem Moment kam Sergeant Davis dazu. Er hatte indes die Befragung von Mrs Diana Abbot beendet und trat nun an den Freund heran.

»War wohl alles ein bisschen viel für Sie«, bemerkte er und erntete ein stummes Kopfnicken von Anthony Doyle.

Zwei, drei Atemzüge lang lag der Blick der befreundeten Kriminalisten auf dem bleichen Gesicht der Ohnmächtigen Mia, bevor zwei herbeigerufene Beamte und der Doc, die junge Frau in Joseph Cameron‘ s Schlafzimmer schafften.

»Konntest du von der alten Dame etwas wesentliches erfahren?« fragte der Chief Inspector, wieder auf die wesentlichen Fakten konzentriert, doch der junge Sergeant stierte noch immer wie hypnotisiert hinter den Männern die Mrs. Bridges wegtrugen hinterher.

» Rupert, was ist los mit dir?« fragte Doyle.

»Äh … sorry, was hast du gesagt, Tony?« lautete Sergeant Davis‘ Gegenfrage, der immer noch ein wenig abgelenkt wirkte.

»Ist alles in Ordnung, mit dir?« wollte Doyle wissen, dem das Verhalten des Freundes etwas eigenartig vor kam.

»Ja, ja natürlich. Eine tolle Frau diese Mia Bridges. Sie hat etwas faszinierendes an sich, findest du nicht auch, Tony?«

»Ja, schon aber verschon mich jetzt mit deinen Weibergeschichten. Ich glaube, das Mädel hat einiges durchgemacht und ich finde sie ist zu schade für eines deiner unzähligen erotischen Abenteuer, darum tu mir den Gefallen und befasse dich wieder mit dem vorliegenden Fall. Also, was hast du von der alten Dame erfahren?«

»Ich bin ganz deiner Meinung, Tony, für ein Abenteuer ist sie wirklich zu schade. Ok, zum Thema! Hör zu, das ist recht interessant, was Mrs. Abbot beobachtet hat«, begann Davis, wieder voll konzentriert, die Befragung der Witwe wieder zu geben: »Kurz vor dem Abend-Spielfilm geht Mrs. Abbot für gewöhnlich in die Küche um Teewasser aufzusetzen. Heute jedoch hielt sie ein Telefongespräch mit einer Bridgefreundin davon ab. Später, während sie darauf wartete, dass das Wasser für den Tee kocht, fiel ihr Blick auf das gegenüber liegende Fenster. Das Wohnzimmer war erleuchtet und es zeichneten sich deutliche Schatten ab. Ihre Wahrnehmung erschien ihr so ungewöhnlich, dass sie nicht glaubt was sie gegenüber sah. Übrigens, da sie mit Mia Bridges, der hiesigen Hauseigentümerin in Kontakt steht, kennt sie die Wohnverhältnisse hier im Haus. Also, sie sah, dass auf einem Stuhl, der auf dem Esstisch vor dem Fenster platziert war, eine männliche Person saß. Was sie schon als äußerst ungewöhnlich empfand. Ein paar Minuten geschah nichts, dann bewegte sich die Person, die Bewegungen wurde heftiger, schließlich stand der Mensch auf und zwei drei Atemzüge später stieg der Mann auf den Stuhl. Seine Bewegungen wurden jetzt hektisch, der Stuhl fiel um, er strampelte, wandte sich hin und her, trat in alle Richtungen mit den Füssen, bis die Bewegungen langsamer wurden und schließlich aufhörten. Die alte Dame ging sofort zum Telefon, wählte 112 und berichtete was sie gesehen hatte. Mrs. Abbot ist zwar Brillenträgerin aber ihre Aussage ist durchaus glaubwürdig – ich habe ihr Sehen getestet und festgestellt, die Dame ist Kurzsichtig. Auf Grund ihrer Brille ist sie durchaus in der Lage Dinge in der Ferne klar zu erkennen. Und noch etwas hat sie gesehen«, ergänzte der Sergeant mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. »Mrs. Abbot hat den Täter gesehen.« verriet er triumphierenden.

Verblüfft hob der Leiter der Mordkommission die Augenbrauen. »Und?«, lautete sein einsilbig, überraschter Kommentar.

 »Nach dem Telefonat, kehrte Mrs. Abbot zum Fenster zurück und entdeckte gefühlte drei bis vier  Minuten später eine sich im Schatten bewegende Person, die dabei war, dass gegenüberliegende Grundstück zu verlassen. Sie identifizierte das Subjekt einwandfrei als männlich, groß und schlank. Er war mit einer schwarzen oder auch dunkelbraunen Hose und einer hellbraunen Jacke bekleidet, möglicherweise war es Wildleder. Mrs. Abbot will es aber nicht beschwören, obwohl die alte Dame in früheren Jahren in der Textilbranche tätig war. Die Lichtverhältnisse waren halt für ein besseres Erkennen nicht gegeben. Eine Kopfbedeckung hatte er ebenfalls auf und da ist sie sich sicher, dass es sich dabei um einen dunkelbraunen Hut handelte. Das Gesicht konnte sie, da es im Schatten der Hutkrempe lag, leider nicht erkennen. Und, was sagst du jetzt, Tony?« fragte Davis den Freund.  

»Ich bin echt beeindruckt. Leider wird uns diese Beschreibung nicht viel weiterbringen. Sie passt auf zirka einhundert tausend männliche Personen aber es ist schon mal ein Anfang. Wir warten erst mal die Auswertungen der Spurensicherung ab, dann sehen wir weiter. Möglicher Weise, kann Mrs. Bridges ein wenig Licht ins Dunkle bringen und uns noch ein paar Fragen beantworten, wenn sie das Ganze ein wenig verdaut hat und wieder auf dem Damm ist. Für heute würde ich sagen, machen wir erst mal Feierabend. Morgen früh sehen wir weiter, mein Freund.«

»Du hast wie immer recht. Ich werde mich in den nächsten Tagen ein wenig um Mia, äh … Mrs. Bridges kümmern, vielleicht erfahren wir so etwas über das Mordmotiv«, war Rupert Davis schnelle Antwort.  

»Tu das«, entgegnete der Chief Inspector  kurz und knapp aber mit einem hintergründigen Lächeln.


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