9. Vierundzwanzig

Obwohl die Ecke, für die Gregor sich entschieden hatte, nicht wirklich weit weg von der Haltestelle war, kam Toni der Weg dahin trotzdem wie eine halbe Ewigkeit vor, denn inzwischen hatte sein Gehirn, das bei Gregors Anblick, wie schon öfters mal, komplett ausgesetzt hatte, seine Arbeit wieder aufgenommen. Und jetzt war er sich gar nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee war, Gregor auf das Thema anzusprechen und als sein Gehirn jetzt anfing, mögliche Gesprächsabläufe durchzuspielen, von denen keiner gut endete, verschwand auch noch das letzte bisschen Erleichterung in ihm und sein Herz fing stattdessen heftig an zu klopfen. Für eine Sekunde spielte er mit dem Gedanken, gleich über irgendetwas völlig Unbefangenes zu plaudern. Das würde dann zwar mehr als lächerlich wirken, aber bei Gregor war das Kind seit ihrem letzten Treffen ja sowieso schon in den Brunnen gefallen.

Doch dann blieb Gregor stehen, drehte sich zu ihm um und verschränkte die Arme vor der Brust. "Also? Worüber willst du reden? Und beeil dich, der Bus kommt gleich!"

Seine abweisende Miene, seine Augen, die sich in Tonis bohrten und seine spürbare Ungehaltenheit sorgten dafür, dass Toni nicht mehr in der Lage war, ruhig nachzudenken. Weswegen ihm jetzt auch absolut nichts Unbefangenes einfiel. Angesichts Gregors Stimmung konnte er sich auch nicht mit einem ,Es ist nichts' aus der Affaire ziehen. Und außerdem wollte er ja eigentlich auch unbedingt wissen, was er mit dem seelischen Ballast gemeint hatte. Aber bevor er es ansprach, war es vermutlich erst einmal besser, die Wogen zu glätten. Er räusperte sich einmal und senkte den Kopf, denn in diesem Moment war es ihm nicht mehr möglich, Gregors kaltem Blick standzuhalten. "Ich...ich wollte mich entschuldige. Für... mein Verhalten in der letzten Zeit."

"Und dafür machst du hier diesen Aufstand?" Gregors Stimme klang absolut unbarmherzig und Toni, der sich mit jeder Sekunde mieser fühlte, wäre am liebsten einfach gegangen. Aber irgendwie war er dazu auch nicht in der Lage. "Es tut mir Leid!" sagte er noch einmal, zwar wieder, ohne Gregor dabei anzusehen, aber zumindest mit fester Stimme, die nichts von dem Chaos in seinem Inneren verriet. Diesmal wartete Toni nicht auf Gregors Reaktion sondern redete gleich weiter, bevor ihn noch der Mut verließ. "Und das ist nicht der einzige Grund wieso ich dich sprechen wollte." Er räusperte sich wieder und angesichts Gregors spürbar wachsender Ungeduld war es besser, jetzt sofort zum Punkt zu kommen: "Ich... ich wollte auch noch wissen was du gemeint hast, als du sagtest, ich würde meinen seelischen Ballast bei dir ablassen. Was soll das denn für ein Ballast sein? Ich hab doch nie irgendwas gesagt!" Gregor konnte nicht ernsthaft ihre oberflächlichen Gespräche über die Unis und Professoren als Abladen seelischen Ballasts bezeichnen.

"Gesagt vielleicht nicht" erwiderte Gregor. "Aber was du gemacht hast, hat mir schon gereicht"
Toni riss die Augen auf. "Was soll ich denn bitte gemacht haben?!"

Gregors Stimme wurde, wenn das überhaupt möglich war, noch härter "Jahrelang höre ich absolut gar nichts von dir und dann treffen wir uns ganz zufällig in dieser verdammten Stadt und auf einmal sitzt du vor meinem Haus, rettest mich vor Langweilern und zeigst mir deutlich, dass dir meine Beziehung mit Xenia nicht passt! Und warum das alles? Weil ich ja immer noch der Einzige bin, der Bescheid weiß und der nie ein Wort darüber verloren hat. Und deine ständigem Blicke und deine Versuche, mit mir ins Gespräch zu kommen waren immer als würdest schreien ,Hilfe ich brauche jemanden zum Reden und du bist der Einzige, mit dem ich das machen kann'. Und du hast mich schon einmal ausgenutzt, also warum sollte es nicht noch einmal klappen?!" Inzwischen klang er bitter und nachdem er geendet hatte presste er die Lippen in einer Art aufeinander, die Toni nur zu gut kannte.

Natürlich hätte Toni sich gleich denken können, dass Gregor das alles niemals so einfach abgetan hatte, wie er es ihm damals, als er vor seiner Tür auf ihn gewartet und sich dann auf der Bank unterhalten hatten, hatte weismachen wollen. Aber wie so oft hatte Toni auch diesmal wieder den einfachen Ausweg bevorzugt und sich darüber nicht weiter Gedanken gemacht, weil er ja davon ausgegangen war, dass jetzt alles in Ordnung war.

Deswegen traf Gregors absolute Wut ihn jetzt auch total unvorbereitet und seine Worte tanzten für einen Moment in seinem Hirn herum. Der erste Impuls der dabei herauskam war, sich zu verteidigen: "Ich habe dich nicht..." fing er an, aber setzte den Satz nicht fort. Zum Einen, weil Gregor, der natürlich schon wusste, was er sagen wollte, in diesem Moment so aussah als würde er ihm am liebsten in Gesicht schlagen. Und außerdem fiel Toni erst in diesem Moment wieder ein, wie wenig Gedanken er sich deswegen gemacht hatte, bis er Gregor hier wiedergetroffen hatte. Vorher hatte er, wenn er an Gregor gedacht hatte, das sehr selten auf dieser Weise getan. Wohingegen Lydia, die er ja auch ausgenutzt hatte, damals in seinem Hirn ständig Thema gewesen war und gegenüber der er ja heute immer noch ein schlechtes Gewissen hatte.

Aber die Sache mit Gregor, die hatte er größenteils einfach abhaken können und in diesem Augenblick war er über diese Tatsache ziemlich erschrocken.

"Was hast du mich nicht?!" riss ihn ihn Gregors Stimme in diesem Moment zurück auf den Boden der Tatsachen. "Mich ausgenutzt? Mich vollgeheult mit deiner völlig kruden Weltanschauung und dich dann einfach verpisst?!" Er kam einem Schritt auf Toni zu, wobei er eine Hand zur Faust ballte und Toni stellte sich schon einmal auf eine Schlägerei ein - aber Gregor schlug nicht zu. Stattdessen sagte er jetzt in beinah freundschaftlichem Ton: "Warum gibst du nicht einfach zu, dass du ein Arschloch bist?!"

Toni der sich inzwischen, nachdem Gregor sein egoistisches Verhalten schonungslos vor ihm ausgebreitet hatte, richtig elend fühlte, senkte den Kopf. "Du hast Recht, ich bin ein Arschloch," sagte er tonlos.

"Ein mieses kleines Arschloch das denkt, es könnte mich jetzt wieder ausnutzen und dann ganz geschockt feststellen muss, dass ich jetzt eine wunderbare Beziehung zu seiner Frau haben." Die .Frau' betonte Gregor dabei ganz besonders.

Inzwischen war jedes seiner Worte ein Stich in Tonis Herz und schliesslich merkte er erschrocken wie ihm die Tränen über die Wangen liefen. Er fuhr sich einmal schnell mit dem Jackenärmel durchs Gesicht, in der Hoffnung, dass Gregor nicht bemerkte was er da wegwischte und erwiderte dann: "Jetzt hör doch endlich auf damit! Ich hab mich doch entschuldigt! Was soll ich denn sonst noch machen?"

"Du,,," fing Gregor an und in diesem Moment ertönte von der Gruppe an der Haltestelle "Hey Greg, da kommt der Bus!"

Toni hatte den Kopf gesenkt damit Gregor nicht mitbekam das er immer noch heulte, merkte aber trotzdem deutlich wie er ihm einen Blick zuwarf und dann "Fahrt schon mal vor, ich komm später nach!" zurück rief. Zu Tonis absoluter Überraschung denn das war echt das letzte mit dem er gerechnet hatte. Er war eigentlich davon ausgegangen, dass Gregor jetzt mit seinen Leuten weg fuhr und ihr Verhältnis ab da wieder genau so eiskalt werden würde wie damals im Restaurant.

Als Gregor dann aber unbarmherzig "Du bist ja immer noch genau so eine Heulsuse wie früher!" sagte da wurde Toni bewusst, dass er vermutlich deswegen nicht mitgefahren war, weil er ihn noch eine ganze Weile weiter piesacken wollte. Aber der Frust darüber wie Toni sich damals verhalten hatte, saß bei Gregor wohl ziemlich tief, was Toni ja eigentlich auch mehr als verdient hatte. Trotzdem konnte er nicht verhindern dass er wütend wurde. "Warum bist du denn jetzt nicht mitgefahren? Hast du mich nicht genug fertig gemacht?! Ich habs ja kapiert, keine Sorge!"

"Ach, ich möchte einfach noch einen Moment hier stehen und dir beim Heulen zugucken und daran denken, dass dein Leben immer noch genau so erbärmlich ist wie früher, einfach weil du ein Feigling bist!" antwortete Gregor und grinste hämisch.

"Ich hab mich doch entschuldigt!" wiederholte Toni. "Was soll ich sonst noch machen? Mich vor dir auf den Boden werfen und darum betteln, dass du mir mir die Absolution erteilst?"

"Warum entschuldigst du dich nicht nochmal und guckst mir dabei in die Augen? Denn wenn du das hinbekommst, kann ich vielleicht annehmen, dass du es auch ernst meinst" schlug Gregor vor.

Es kostete Toni unerwartet viel Kraft den Kopf zu heben und Gregors eiskaltem Blick nicht nur zu begegnen sondern auch standzuhalten. "Entschuldige bitte. Ich weiss, ich bin ein Mistkerl!"

Sie starrten sich einen Moment wortlos an und Toni bekam das Gefühl, dass das hier auf einen Machtkampf hinauslief – da verschwand plötzlich sämtliche Anspannung aus Gregors Körper und er ließ die Schultern sinken. "Eigentlich hab ich ja gar keinen Bock auf das hier," sagte er müde. "Und eigentlich hätte ich mir ja auch denken können, dass alles genau so kommt wie es gekommen ist, schließlich kenne ich dich. Und ich hatte die Wut auch irgendwann unter Kontrolle.

Aber dann passiert dieser absolut irre Zufall und ich sehe dich nach sieben Jahren wieder und du bist immer noch genau das gleiche selbstgefällige Mistkerl wie damals. Und dann war die Wut eben wieder da. Damals auf der Bank war es irgendwie noch kein Problem, so zu tun, als wäre mir das alles inzwischen egal, aber je mehr Aktionen du abgezogen hast, desto mehr kam sie zurück." Er seufzte tief und rieb sich einmal über die Stirn. "Aber jetzt habe ich dir ja gesagt, wie es mir geht und und ich hab mit meinem Leben echt schon genug zu tun. Also was hälst du davon, wenn wir jetzt hier einfach einen Schnitt machen?"

"Einen Schnitt?" wiederholte Toni verwirrt, der Schwierigkeiten hatte, mit Gregors pötzlichem Stimmungsumschwang mitzukommen und dem außerdem noch seine Worte durch den Kopf schwirrten. Vorallem der ,selbstgefällige Mistkerl' war sehr präsent und er musste sich zusammenreißen, um dazu nichts zu sagen.

"Einen Schnitt," sagte Gregor nochmal. "Wir vergessen alles, was gewesen ist und fangen noch einmal neu an. Auch Xenia und Anna zuliebe." Er hielt Toni seine Hand hin, der für einen Moment nichts andere machen konnte, als einfach draufzustarren. Er hatte plötzlich ein unangenehmes Gefüh im Magen. Wenn Gregor davon sprach, alles zu vergessen, meinte er dann wirklich alles, auch das, was damals zwischen ihnen gewesen war? Natürlich meinte er das, denn er war jetzt ja glücklich mit Xenia, also wieso sollte er diese Erinnerungen noch brauchen? Obwohl Tonis Wut in diesem Augenblick in absolute Niedergeschlagenheit umschlug, griff er trotzdem Gregors Hand. "Okay, machen wir es so," sagte er mit neutraler Stimme. Denn was hätte es schon gebracht, Gregor zu zeigen, was er wirklich von seiner Idee hielt?

"Wie wäre es jetzt mit einem Bier?" fragte Gregor, nachdem sie sich einmal die Hände geschüttelt hatten und machte eine Kopfbewegung in Richtung eines Kiosk auf der anderen Straßenseite.

"Ja klar," erwiderte Toni obwohl er sich immer noch komplett misrabel fühlte und eigentlich auch lieber nach Hause gegangen war. Allerdings würde er zuhause dann sowieso nur herumsitzen und nachdenken, was dazu führen würde, dass er sich noch beschissener fühlte, also war es definitiv besser, diesen Wunsch zu ignorieren.

Nachdem sie sich zwei Flaschen Bier gekauft hatten, die Gregor ausgab, setzten sie sich nebenan auf die Stufen zu irgendeinem Gebäude und tranken fünf Minuten schweigend vor sich hin. Dann hielt Toni es nicht mehr aus; wenn diese Stille nicht sofort aufhörte, würde er durchdrehen. Deswegen räusperte er sich einmal und fragte: "Wie geht es eigentlich Kara?" Er hatte keine Ahnung, wie er jetzt ausgerechnet auf Kara kam, aber über sie zu reden war besser, als gar nicht.

"Als ich das letzte Mal mit ihr geredet hab, ging es ihr bestens," antwortete Gregor etwas überrascht. "Ob du es glaubst oder nicht, aber sie ist jetzt seit vier Jahren mit Simon zusammen und die beiden haben sogar schon eine Wohnung zusammen."

"Ach wie krass!" erwiderte Toni, der keine Ahnung mehr hatte, wer Simon war und auch an Kara konnte er sich nur noch verschwommen erinnern.

Gregor war anscheinend auch dankbar für dieses Thema, denn er erzählte noch einige andere Sachen über Kara, die an Toni aber einfach vorbeirauschten, denn sein Gehirn hatte grad beschlossen, dass es lieber über ihr Gespräch von grade nachdenken wollte.

Und, dass Toni die ganze Zeit in seinen Gedanken war, war ein Grund, wieso ihre Unterhaltung die ganze Zeit absolut verkrampft war und obwohl Toni nicht alleine sein wollte, war er trotzdem erleichtert, als Gregor schließlich eine Nachricht bekam und aufstand. "Ich muss dann mal. Man sieht sich." Er nickte Toni noch einmal zu und stieg die Stufen hinunter.

Toni sah ihm nach, wie er zurück zu der Haltestelle ging und seufzte einmal tief. Er fühlte sich immer noch absolut beschissen und obwohl das Bier es nicht mal ansatzweise besser gemacht hatte holte er sich trotzdem noch eins, das er trank, während er wieder auf den Stufen saß und vor sich herstarrte. Als die Flasche leer war, war Gregor mit dem nächsten Bus verschwunden und auch Toni stand jetzt auf, um nach Hause zu gehen.

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