'Aber 2/3 machen das so...'

An dieser Stelle würde ich gerne nochmal auf das vorherigen Thema eingehen, die Hochsensibilität.

Natürlich habe ich im vorherigen Kapitel nur einen kleinen Teil dieses Themenkomplexes angerissen, und zwar wenn sich ein Hochsensibler über seine Andersartigkeit bewusst ist und sie annimmt.
Aber niemand ist perfekt und auch ein Hochsensibler kann seine Person immer wieder in Frage stellen. Das gehört dazu und ist nichts Verwerfliches, aber irgendwann wird auch da eine Grenze überschritten. Und darüber würde ich in diesem Text gerne schreiben.

Vor einer Weile steckte ich in so einer Art schwarzem Loch, in dem all meine positive Energie verschwand, weil mich ein Ereignis vollkommen aus der Bahn warf. Ich hätte nie erwartet, dass dieses Ereignis eine 3-wöchige Leidenszeit mit sich bringen würde, aber nun kam es so.
Ich hatte massiv angefangen mich selbst anzuzweifeln. Erst versank ich in Selbstmitleid, weil mich (anscheinend) wieder mal keiner verstehen wollte und mich negative Erinnerungen einholten. Dabei verlor ich das Interesse an all meinen bisherigen Hobbies. Mein E-Bass verstaubte in der Ecke, meine Pastellkreiden zersetzten sich schon fast in ihre Einzelteile, die Tastatur und der Hometrainer rosteten zeitweilig ein und meine Japanischbücher vegetierten nur so vor sich hin, weil ich keine Lust mehr hatte Vokabeln zu lernen.
Stattdessen beschäftigte ich mich nur mit dem Schlechten in dieser Welt und wie wenig ich doch wert sei. Das war ein einziges Trauerspiel, weil ich mich zu rein gar nichts aufraffen konnte.

Und dann, ganz plötzlich packte mich der schwachsinnige Gedanke, dass es alles daran liege, dass ich allein war und dringend mit Menschen sprechen müsste. Ich begab mich also des öfteren in diese nervtötende Stadt, die ich nicht ausstehen kann, und redete mir ein, dass ich öfter rausgehen müsse, weil das normal wäre und andere es ja auch täten. Außerdem dachte ich dadurch neue Leute kennenzulernen, weil ich das unbedingt nötig hätte.
Nebenher chattete ich munter in einem Forum für Soziophobiker, weil mir von jetzt auf gleich die Idee kam, dass ich einfach nur Angst vor zwischenmenschlichem Kontakt hätte und das irgendwie bekämpfen müsste.
Ich zwang mich also dazu durch eine Gegend zu laufen, die ich nicht leiden kann, und Menschen anzugrinsen, die nie zurück lächeln würden. Einfach, weil andere das ja auch täten. Wahrscheinlich. Vielleicht.

Ich orientierte mich zunehmend an anderen Menschen. Von einem Moment auf den anderen fing ich an mein Fahrrad aus der Garage zu kramen und große Radtouren zu unternehmen, weil es normal sei. Ich drängte mich dazu jeden Tag mindestens einmal das Haus zu verlassen, weil es normal sei. Ich ging auch einfach in Geschäfte und Läden hinein, um halt reinzugehen, damit ich mal drin war.
Im Nachhinein kommt mir das alles ein bisschen dämlich vor.

Zudem setzte man mir im Soziophobiker-Forum immer wieder die Flausen in den Kopf, dass ich ausziehen müsse, weil meine Eltern mich zu sehr verhätschelten und ich nur so wieder auf 'normale' Gedanken käme. Anders als auf Belle sind manche Menschen in diesem Forum, aufgrund ihrer Erkrankung, sehr darauf aus ihre Weltsicht auf andere zu projizieren, weil sie ja nichts anderes kennen.
In einem anderen Forum warf man mir gar an den Kopf, dass ich ein faules Wohlstandskind sei.
Ich fing an zu recherchieren, was ich für einen Auszug alles benötigte, machte mir Listen und mit jeder neuen Internetseite überfluteten mich die Ängste; die Angst in Geldnot zu geraten, Streit mit meinen Eltern zu haben, noch weiter zu vereinsamen und den anderen Jugendlichen meines Alter hinterher zu hinken, weil ich nicht studieren kann und nebenher zwei bis drei Nebenjobs habe. Immerhin sei das ja völlig normal. Denn 2/3 der Jugendlichen, die anfangen zu studieren, machen es ja so. Und wer es nicht so macht, wäre ein faules Wohlstandskind.
Immer mehr nahm ich also die Sicht der 'Normalsensiblen' an, für die all diese Tätigkeiten vollkommen gewöhnlich waren. Wie sollte ich mit meiner eng gesteckten Belastungsgrenze da auch ein Widerwort geben? In dieser Welt muss man immerhin vieles und am besten noch mehr leisten, um anerkannt zu werden und mithalten zu können. Also fange ich so früh wie möglich damit an, dachte ich.

An den ersten zwei Tagen dieser 'mentalen Verwandlung' lief es auch noch ganz gut, aber mit jedem neuen Tag geriet ich immer mehr in eine Art Belastungsspirale. Alles wurde anstrengender und rückte in die Ferne, weil meine Psyche sich versuchte von meinem Körper zu distanzieren. Irgendwann war ich nur noch unglücklich.

Und dann sagte ich: 'Stopp, das ist falsch!'
Es ist nicht in Ordnung, wenn andere Menschen besser wissen, was gut für mich wäre und in welchem Alter ich von zuhause ausziehen sollte. Dafür gibt es kein Patentrezept. Nicht jeder ist mit 18 Jahren schon bereit dazu.
Und ich kann auch nicht jeden glücklich machen, nicht mal, wenn ich versuche so zu sein, wie Menschen mit einer niedrigeren Sensibilität. Wenn man sich nämlich immer gegen seine innere Uhr stellt, dann geht sie irgendwann kaputt. Das interessiert 'die Anderen' dann auch nicht mehr.
Man wird dadurch auch nicht leistungsfähiger. Im Gegenteil. Man hinkt beständig hinterher, auch wenn es gerade das ist, was man zu verhindern versucht. Es funktioniert nicht.
Es ist wichtig sich von dieser fürchterlich erfolgsorientierten Gesellschaft zu distanzieren, weil man eben nicht so ist wie 80-85% der Menschheit. Das muss niemand verstehen oder gut finden. Wichtig ist nur, dass man es selber versteht und gut findet und sich seinen Platz in der Welt sucht.
Ich habe mir gestern einige Dinge verboten. Das klingt erstmal komisch, aber das ist es, was ein Hochsensibler braucht, um sich nicht selbst in der Masse zu verlieren.

Wollt ihr wissen, was ich mir verboten habe?
Ich werde mich nie wieder an anderen Menschen und ihren Leistungen orientieren.
Ich werde nie wieder versuchen zu sein wie andere.
Ich werde mir nie wieder sagen: 'Das schaffst du noch, der andere macht doch noch viel mehr als du.'
Und ganz wichtig, ich werde niemals in Konkurrenzmustern denken. Ich stehe in keinem Wettbewerb mit irgendwem. Auch wenn einem das immer wieder eingeredet wird. Das Leben ist kein Wettbewerb. Andere Menschen sollten keine Gegner sein, sondern Verbündete. Und wenn ich dadurch die Chancen auf einen supergut bezahlten Job einbüße, dann ist mir das nur recht. Solange ich von meiner Tätigkeit leben kann und sie mir Spaß macht, muss ich kein Leiter eines Megakonzerns sein. Das wollte ich auch nie.

Und auch wenn es an dieser Stelle kitschig klingt und wie aus einem Aphorismen-Büchlein geklaut;
Lieber Leser, bitte sei du selbst und vergleiche dich nicht mit anderen. Es wird immer irgendwen geben, der besser ist als man selbst. Aber warum sollte es dich stören?
Fahr Fahrrad in deinem Tempo und nicht, um jemanden zu beeindrucken, und im Nachhinein geht dir doch nur die Puste aus oder du baust womöglich noch einen Unfall. Es ist egal, wie toll oder doof dich andere finden. Das ist es wirklich. Es zählt nur, dass du mit dir und deinen Leistungen zufrieden sein kannst. Und die musst du um Himmels Willen nicht an einem gesellschaftlichen Ideal festmachen, sondern ganz alleine an dir selbst.

Kommentare

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    Maschinenfuchs, es freut mich, das Du dich selbst geheilt hast, das Du erkannt hast einfach nur Du selbst zu sein und dein Leben nach Deinen Bedürfnissen ausrichtest. Während ich das las, sah ich Dich auf einer großen Bühne mit Headsets vor einem Publikum und genau das weitergegeben hast wie Du es geschafft hast zu erkennen und deshalb glücklich zu leben..LG Carmen

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    Vielen herzlichen Dank, lieber Vince für dieses einmal mehr wundervolle Kapitel! Du hast mit allem was du sagst, so Recht! Ich kenne diese Gefühle und Gedanken auch von mir, denn auch ich bin hoch sensibel. Unsere Gesellschaft ist noch immer viel zu sehr auf Konkurrenz und Kampf ausgerichtet. Dass es Menschen gibt, die dieses System immer mehr hinterfragen ist wichtig und sehr nötig. Für dein wunderbares Statement danke ich dir! Du hast sehr weise Worte gesprochen und ich bin tief berührt! :-D

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    Danke für deine Offenheit, Vince! Ich hoffe sehr, daß deine Erfahrungen andere ermutigen, zu sich selbst und ihren Bedürfnissen zu stehen und wie du aus dem Getriebe des Wettbewerbs und des Vergleichens auszusteigen! Ich empfinde große Achtung vor deinem Weg!

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    Als ich den ersten Teil des Kapitels gelesen hatte, wollte ich dich einfach nur in den Arm nehmen und tröstend knuddeln, beim zweiten Teil auf ein Podest stellen und dir eine Goldmedaillie umhängen! Ganz toll! Und bleib, wie du bist. Denn genauso bist du richtig!!!

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