Alice

Nach einer sehr kurzen Nacht werfe ich meine wenigen Kleiderstücke die im Schrank liegen in meine Reisetasche, während meine Mutter die Entlassungspapiere unterschreibt. Als ich alles in die Tasche gepackt habe, bleibt mein Blick an den leeren Fächern hängen, bei deren Anblick ich an meinen ersten Aufenthalt hier denken muss.
Ich hatte schreckliche Angst und ich umklammerte meinen Stoffpinguin Mr. Bubbles ganz fest, während meine Mutter die Kleider in den Schrank einräumte. Ich sass auf meinem Bett, Mr.Bubbles im Arm und habe geweint.
Ich bin mir ziemlich sicher, das meine Mutter auch geweint hat, aber als sie sich umdrehte war ihr Gesicht wie immer, sie lächelte sogar und sagte zu mir:«Hab keine Angst mein Schatz, wir werden das schaffen, wir werden diese Krankheit besiegen und es wird alles so wie früher.»
Doch es wurde nie mehr so wie bevor ich den Krebs hatte.
Mein ganzes restliches Leben dreht sich fast ausschliesslich um dieses Thema und forderte nun ihren Preis.
Mit diesem Gedanken  schliesse ich die Tasche  und gehe zu meiner Mutter, die auf dem Flur auf mich wartet.  Ich verabschiede mich von den Schwestern und wir gehen zu den Fahrstühlen. Erleichtert, endlich von hier weg zu können, drücke ich den Fahrstuhlknopf und mit einem Gefühl der Freiheit verlasse ich das Krankenhaus.
Ich habe für mich einen Entschluss gefasst. Ich möchte nicht über mein zu kurzes Leben trauern, davon lebe ich auch nicht länger.  Ich möchte geniessen was ich noch habe und die Zeit die mir noch bleibt ausnutzen.
Mein Vater holt uns ab, die Augen geschwollen vom weinen.
Er sagt kein Ton als wir kommen und auch auf den Weg zum Auto schweigt er. Meine Mutter geht stumm neben uns her, in Gedanken versunken und ebenso stumm wie mein Vater. 
Mein Vater bezahlt das Parkticket während ich mich auf die Rückbank des Autos setze. Ich habe immer Papier und Stift dabei, was sehr nützlich ist für mein Vorhaben. In grossen Buchstaben schreibe ich:
"TO DO LISTE BEVOR ICH STERBE"
Ich halte inne und überlege, was ich noch alles machen möchte.
"Bungeejumping"
"Nach Amerika reisen"
"Das grösste Eis bei funkys essen"
" Etwas gutes tun"
"Im teuersten Hotel der Stadt übernachten"
"Aus einem Flugzeug springen"
"Mich so betrinken, dass ich einen Kater habe"
" Surfen lernen"
"Achterbahn fahren bis mir schlecht wird."
"Mich verlieben"
"Ich liebe dich sagen und es aus tiefsten Herzen meinen"
Ich bin zufrieden mit meiner Liste und lasse sie auf dem Tisschen liegen.
Ich starre aus dem Fenster.
Grüne Wiesen ziehen vorbei, hässliche, mit Graffiti versprayten Betonmauern und manchmal auch ein Haus.  
Mein Vater biegt von der Autobahn ab und fährt auf die Landstrasse.  
Der Schnee bedeckt die Wiesen und Felder, Pferde mit Decken stehen draussen auf der Weide und scharren den Schnee weg um das wenige Gras zu finden, das sich unter dem Schnee versteckt.
Nach ein paar Kilometer biegt mein Vater auf die Strasse, die in die Stadt führt und 15 Minuten später sind wir endlich zu hause.
Kaum ist der Motor aus, schnappe ich meine Reisetasche und meine To do liste und steige aus dem Auto.
Schlitternt gelange ich zur Haustür, die logischerweise verschlossen ist.
Ungeduldig schnalze ich mit meiner Zunge, um meinen Eltern zu verdeutlichen, das sie ein bisschen Gas geben sollen.
Es ist nicht nur arschkalt, mein Körper schreit nach einer dusche und einem warmen, kuscheligen Bett.
«Wir kommen ja schon.»haucht mein Vater.
 Vorsichtig kommen meine Eltern auf dem Eisigen Weg zu mir und mein Vater schliesst die Haustüre auf.  Ich will gerade nach oben gehen, da erhascht meine Mutter einen blick auf meine Liste.
«Was soll das Alice?» fragt sie leise.
Verwirrt drehe ich mich um. Ihr Blick klebt förmlich auf dem Blatt Papier in meiner Hand und erst als ich ihrem Blick folge verstehe ich, wo ihr problem liegt.
«Das sind Dinge die ich tun möchte, bevor ich sterbe.»erkläre ich und drehe mich Richtung Treppe.
«Warum tust du uns das an?» sagt meine Mutter mit vorwurfsvoller Stimme. «Was?»sage ich und drehe mich wieder zu meinen Eltern um.
« Du hast kein einziges mal geweint oder warst geschockt als du erfahren hast das du stirbst und jetzt schreibst du so eine scheiss Liste. Es ist dir wohl egal das du stirbst, das dein Vater und ich ein Kind verlieren.»schreit meine Mutter, tränen laufen über ihre Wangen.
«Ich würde es auch bevorzugen noch ein paar Jahre zu leben, aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Ich muss mich mit der tatsache abfinden, dass ich bald sterben werde und ich werde diese Zeit nicht weinend in meinem verbarrikadierten Zimmer verbringen.»antworte ich ruhig, obwohl ich wütend bin. Es tut mir so verdammt leid, dass meine Eltern nach all den Jahren Kampf  verlieren, aber ich kann es nicht ändern. «
 Du könntest wemigstens zeigen das es dir leid tut das du sterben wirst und all die anderen den schmerz ertragen müssen!»schreit meine Mutter.
Dieser Satz meiner Mutter macht mich so wütend, ich kann meine Wut nicht mehr zügeln.
«Es ist meine Sache wie ich damit umgehe, es ist meine sache ob ich weine oder nicht. Ich möchte die Zeit die mir noch bleibt geniessen und nicht heulend in meinem Zimmer verbringen!»schreie ich und renne in mein Zimmer.
Die Reisetasche und die To do Liste werfe ich auf den Boden und ich lasse mich auf mein Bett fallen.
Warum ist das Leben so ungerecht?
Warum muss ich, mit 16 Jahren an Krebs sterben?
Was habe ich getan, womit ich dieses Schicksal verdient hätte?  
Was ist so falsch daran, seine verbleibende Zeit zu geniessen und all das zu tun, was man schon immer mal machen wollte?
Es klopft leise an der Tür und ich richte mich auf. «Herein.»sage ich und hoffe das es nicht meine Mutter ist.
Aber es ist meine Schwester Darya, die einen Brief in ihrer Hand hält.
« Der ist für dich. Ich habe dich mit Mama streiten hören. Alice wirst wirklich sterben?»sagt Darya unsicher.
Ich nicke.
Darya lässt den Brief fallen und rennt weinend in ihr Zimmer. Seufzend stehe ich auf und hebe den Brief auf, neugierig von wem er ist.
Hastig öffne ich den Brief und beginne zu lesen.
Mit jeder Zeile verschwinden meine Probleme und die Tatsache, dass ich bald sterbe werde immer mehr.
Als ich sehe von wem der Brief ist, ist alles vergessen.
Das Glück rauscht durch meine Venen wie eine Droge, am liebsten würde ich vor Freude schreien.
Ich unterdrücke diesen Drang und nehme mein Handy aus der Tasche um meine Freundinen auf den neusten stand zu bringen.
«Wie schnell auf Unglück Glück folgen kann.»denke ich während ich auf senden drücke. Dann fallen mir die Augen zu und ich schlafe ein.

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