Alive and dead

Als Erstes fiel mein Blick auf den höhnisch grinsenden Navarro, der nur wenige Meter vor der Tür stand. Durch meinen Schlag lief Blut aus seiner Hakennase.
Hastig rannte ich auf ihn zu und versetzte ihm mit der linken Schulter einen heftigen Stoß.
Meine Schulter bedankte sich für diese Aktion mit einem stechenden Schmerz. Ich ignorierte ihn und lief weiter bis zur Eingangstür und öffnete sie.
Aber ich hatte nur einen Schritt über die Schwelle getan, als mich Navarro am Kragen packte und zurückzog. Und zwar mit solcher Kraft, dass ich nach hinten kippte und wir beide gemeinsam stürzten. Der Boden unter uns vibrierte und drei Geldbündel fielen aus meinem Hosenbund.
Ich lag auf Navarro, der sich unter mir hin und her wälzte. Er wollte mich loswerden, doch das ließ ich nicht zu. Jetzt hatte ich zumindest einen kleinen Vorteil.
Dies musste auch Navarro in den Sinn gekommen sein, denn er legte den rechten Arm um meinen Hals und nahm mich in den Schwitzkasten. Mir wurde unsagbar heiß und mein Schädel dröhnte.
„So leicht mache ich es dir nicht, Roddick“, zischte er mir gefährlich ins Ohr.
„Du hast keine Chance gegen mich.“ Darauf lachte er laut, wobei es klang, als würde er ersticken.
„HALT DEINE KLAPPE“, schrie ich verzweifelt, da ich Angst hatte, nie wieder hier herauszukommen. Ich wand mich in seinem Griff. So langsam wurde ich panisch. Was, wenn Mickey wiederkam?
Ich musste Navarro loswerden, mit allen Mitteln. Ich fing an, wie wahnsinnig um mich zu treten und zu schlagen, in der Hoffnung, ihn zu treffen.
Es dauerte einige Minuten, bis meine Taktik Erfolg zeigte. Mit dem Ellbogen erwischte ich seine Rippen. Zuerst machten Navarro die Schmerzen nichts aus, doch auf Dauer wurde es unangenehm für ihn.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ er mich los und ich konnte von ihm heruntergehen. Vor meinen Augen erhob sich Navarro und stellte sich mir gegenüber. Seine Haare klemmte er sich hinter die Ohren.
„Du bist ein harter Brocken, dass muss ich zugeben.“
„Man sollte seinen Gegner niemals unterschätzen“, meinte ich und ging rückwärts. Diesmal würde ich entkommen, egal, was Navarro jetzt noch vorhatte.
Mit einem finsteren Blick beobachtete er mich ein paar Sekunden. Eigentlich hätte ich mich umdrehen und weglaufen können, aber Navarro würde mir sicherlich folgen. Ich hatte einfach keine Kraft mehr alleine zu kämpfen. In der Schnelle fiel mir keine Möglichkeit ein, ihn zu stoppen.
Navarro war nur noch einen halben Meter von mir entfernt, als ich spontan entschied, was zu tun war. Blitzschnell wich ich nach rechts aus, da er zu einem weiteren Schlag ausholte.
Er machte ein überraschtes Gesicht, bevor ich mit meiner rechten Hand seinen Nacken packte und ihn zur nächsten Wand bugsierte. Navarro schlug um sich und fluchte laut. Davon ließ ich mich jedoch nicht beeindrucken und schlug seinen Schädel mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, gegen die Wand.
Rumpfs. Ein lautes Krachen zerriss die Stille. Seine schon hässliche Nase war plötzlich schief und es schoss Blut aus den Nasenlöchern.
„DU VERFLUCHTER…“, schrie er.
Ich hörte ihm nicht zu, sondern donnerte seinen Kopf immer und immer wieder gnadenlos gegen die Wand, die allmählich unregelmäßige, rote Blutflecken aufwies.
Nachdem sein Kopf unzählige Male Bekanntschaft mit der harten Wand gemacht hatte, spürte ich, wie seine Muskeln auf einmal erschlafften. Als ich ihn losließ, kippte er sogleich nach hinten und knallte auf den Boden. Eine beträchtliche Menge Blut befleckte das dunkle Parkett. Einen Moment lang stand ich stocksteif da und starrte auf den toten Navarro Henstridge. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich hatte das Gefühl keine Luft zu bekommen.
Ich konnte es nicht glauben. Ich hatte einen von ihnen erwischt. Meinen Triumph konnte ich jedoch nicht allzu lange auskosten, denn die Zeit saß mir im Nacken. Ich musste hier raus.
Bevor ich jedoch meine Wohnung verließ, packte ich Navarro unter den Armen und zerrte ihn mit meiner verbliebenen Kraft in mein Schlafzimmer. Dort angekommen ließ ich ihn los und schaute zurück. Eine Spur aus Navarros´ Blut führte vom Wohnzimmer, bis hierher. Es stank bestialisch nach Metall. Ich schüttelte den Kopf und konzentrierte mich.
Ich öffnete die Türen meines Kleiderschranks und riss so viele Kleidungsstücke, die ich auf einmal greifen konnte, heraus und warf sie aufs Bett. Dann schnappte ich mir erneut den Leichnam meines ehemaligen Kollegen und stopfte ihn in den Schrank. Ich wollte damit so lange, wie möglich, verhindern, dass der Leichengestank so stark wurde, dass die Nachbarn ihn bemerkten, doch das würde nicht reichen. Ich würde wohl oder über später zurückkommen müssen und den Leichnam loswerden.
Nachdem ich die Schranktüren fest verschlossen hatte, wirbelte ich herum und rannte so schnell ich konnte.
Ich flog beinahe die Treppe herunter. Zum Glück traf ich keinen der Nachbarn im Treppenhaus.
Unten angekommen durchschritt ich die Eingangstür und verließ das Wohnhaus. Ich machte mir nicht die Mühe mich nach Mickey umzusehen. Vermutlich stand er noch immer unter dem Fenster und wartete darauf, dass ich einen Fluchtversuch unternahm. Von mir aus konnte er dort verrotten.
Ich lief nicht zurück zum Krankenhaus, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Ich wollte es nicht riskieren, dass Mickey mir doch folgte und ich ihn direkt zu Holly führte.
Dabei fragte ich mich plötzlich, ob sie, nach Ophelias und Emilias Angriff, alle glaubten, dass Holly tot war. Als ich sie am Sportplatz gefunden hatte, waren die beiden Killerinnen nicht mehr da gewesen. Vielleicht hatten sie sich geirrt und geglaubt, Holly den Gar ausgemacht zu haben. Wenn dies wirklich der Fall sein sollte, dann wäre Holly zumindest für einige Zeit in Sicherheit…

Ausgepowert und mit den Nerven am Ende kam ich nach zwei Stunden am Krankenhaus an. In den vergangenen Stunden war ich beinahe ununterbrochen gelaufen. Bevor ich das Krankenhaus betrat, atmete ich mehrmals tief durch.
Ich hatte das Gefühl, dass meine Lunge zerreißen würde. Normalerweise war ich gut in Form. Nichts konnte mich richtig anstrengen, aber heute war es anders. Heute war alles anders.
Mit festem Schritt durchquerte ich die Eingangshalle, die ziemlich voll war, und machte mich auf den Weg zu Hollys Zimmer. Unterwegs fragte ich mich, ob ihre Freunde noch da waren. Ich hoffte nicht. Ich hatte keine Kraft mich mit ihnen zu streiten.
Vor dem Zimmer 245 blieb ich stehen und lauschte. Absolute Stille. Es schien kein Besuch da zu sein. Dennoch wartete ich noch fünf Minuten. Ich musste mich unbedingt normal verhalten. Ich durfte mir nicht anmerken lassen, dass ich vor wenigen Stunden um mein Leben gekämpft hatte.
Wenn Holly jemals dahinter kam, dass ich trotz großer Gefahr zurück in meine Wohnung gegangen war, dann würde sie ausflippen.
Kurz schloss ich die Augen, um mich zu konzentrieren. Bilder des blutüberströmten Navarro schossen mir in den Kopf. Da das Adrenalin in meinem Körper stetig sank, kehrten langsam, aber sicher, meine Schmerzen zurück. Ich musste mich zusammenreißen. Ich wischte die Erinnerung an jenes Ereignis weg und ging ins Krankenzimmer, ohne anzuklopfen.
Da es draußen bewölkt und dunkel war, war die Deckenlampe eingeschaltet worden. Als ich um die Ecke ging, sah ich Holly, die im Bett lag und betrübt aus dem Fenster schaute. Ihr rechtes Bein war angewinkelt und gestützt worden. Ich blieb mitten im Raum stehen und beobachtete sie. Sie sah unglücklich aus.  
Ihre sonst strahlenden Augen zeigten nichts als Leere. Das Azurblau wirkte trüb. Hollys schwarzen Haare fielen ihr ins eingefallene und blasse Gesicht.
Ich hatte mich gefreut sie zu sehen, weil mich ihre Fröhlichkeit sicherlich aufgeheitert und abgelenkt hätte, doch ihre Erscheinung rief etwas ganz anderes in mir hervor: Besorgnis.
Ich ging zu ihr herüber und setzte mich auf die Bettkante. Sogleich merkte ich, wie sich die Geldbündel und vor allem die Waffe, die in meinem Hosenbund steckten, unangenehm in meine Haut bohrten.
Kaum hatte ich die Matratze berührt, da zuckte Holly erschrocken zusammen und wandte sich mir zu. Von einer Sekunde auf die Andere zeigte sie ein breites, aufrichtiges Lächeln.
„Hallo“, hauchte sie. „Ich habe gar nicht bemerkt, dass du rein gekommen bist.“
Ihre Augen durchbohrten meine mit einem Blick, der mir gar nicht gefiel. Er war voller Traurigkeit.
„Das ist nicht schlimm.“ Ich erwiderte ihr Lächeln.
„Wie lange sind deine Freunde geblieben?“, fragte ich eher beiläufig. Ehrlich gesagt interessierten mich ihre Freunde recht wenig, zumindest die Meisten von ihnen, aber ich wollte nicht sofort auf ihre Stimmung zu sprechen kommen.
„Leider waren sie nur eine Stunde hier, aber ich fand es schön, dass sie mich alle besucht haben.“ Sie räusperte sich.
„Vanessa hat mir erzählt, dass sie dich im Flur getroffen hat“, berichtete sie. „Warum bist du nicht mit reingekommen?“ Aus ihrer Stimme konnte ich Enttäuschung heraushören.
Ich musste mich zusammenreißen, damit ich nicht wütend schnaubte.
„Du kannst dir wohl denken, warum ich nicht wiedergekommen bin“, sagte ich mürrisch und verschränkte die Arme vor der Brust. Nach ein paar Sekunden fing Holly an zu nicken.
„Linda“, flüsterte sie.
„Es lag nicht nur an Linda, sondern auch an den Anderen. Vor allem an dem Idioten, der dich auf der Halloweenparty angebaggert und mich beleidigt hat“, beklagte ich mich und es kam ein zorniges, tiefes Knurren aus meiner Kehle.
„Das verstehe ich.“ Zaghaft lächelte sie.
„Hat es dich nicht gestört, dass er dich besucht hat? Auf der Party hatte ich das Gefühl, dass du ihn auch nicht gerade in dein Herz geschlossen hast.“
Nach meiner Frage studierte ich aufmerksam ihre Miene. Holly wirkte auf einen Schlag angespannt und leicht nervös. Sie begann an ihren Fingernägeln zu kauen.
„Zuerst war ich nicht begeistert, dass Cassidy hierher gekommen ist, doch dann hat er sich aufrichtig bei mir entschuldigt. Danach konnte ich ihm nicht mehr böse sein.“ Sie traute sich nicht mir in die Augen zu sehen. Innerlich stöhnte ich laut auf. Warum hatte sie ihm verziehen? Hatte sie vergessen, wie er sich aufgeführt hatte? Aber plötzlich hielt ich in meinen Gedanken inne.
Holly war ein guter Mensch, der nicht lange böse auf jemanden war und einem noch eine Chance gab. Ich war das beste Beispiel dafür. Sie hatte mir schon so vieles verziehen, obwohl ich dies gar nicht verdient hatte. Also verdrängte ich meine Vorwürfe und hielt lieber den Mund.
„Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, weil du seine Entschuldigung angenommen hast“, sagte ich gelassen und nahm ihre rechte Hand.
Sie hob ihren Blick und sah mich an. Und schon wieder fragte ich mich, was mit ihr los war. Vor wenigen Stunden war sie noch sorglos und überglücklich gewesen. Was war passiert?
Holly fuhr sich durch die Haare, bevor sie versuchte sich zu mir zu drehen. Umständlich wandte sie sich zu mir.
„Lass das bitte, Holly. Du bist doch verletzt.“ Sanft fasste ich sie an den Schultern. Bestimmend drehte ich sie wieder zurück.
„Mir geht es gut, James“, protestierte sie.
„Stimmt das wirklich?“, fragte ich und hob skeptisch eine Augenbraue in die Höhe.
„Ja, klar. Warum fragst du?“ Ihr Gesicht zeigte Unverständnis.
„Weil ich an deinen Augen sehe, dass etwas nicht stimmt. Du siehst traurig aus.“
Ich rutschte ein Stück näher an sie heran und musterte sie.
Nach meiner Aussage wirkte sie ertappt. Das gab mir die Bestätigung, dass ich Recht hatte. Irgendetwas beschäftigte Holly.
„Ich weiß nicht, was du meinst“, entgegnete sie.
Krampfhaft wollte sie mir weismachen, dass alles okay war. Sie wollte selbstsicher wirken, doch das gelang ihr nicht. Stattdessen wirkte sie überfordert.
„Du kannst mir alles sagen“, meinte ich ernst und nahm ihr Gesicht in meine Hände. Kaum hatte ich sie berührt, da liefen die ersten Tränen über ihre zarten Wangen.  
Leise schluchzte Holly und presste ihre Lippen fest aufeinander. Die Augen hatte sie geschlossen.
„Nachdem du und dann auch noch meine Freunde gegangen ward, hatte ich erst richtig Zeit über alles nachzudenken.“ Sie zuckte heftig und atmete schwer. Bevor sie weitersprach, musste sie sich erstmal sammeln.
„Ich wäre beinahe gestorben, James, genau wie meine Eltern“, krächzte sie mit immer leiser werdender Stimme. Ihre Haut wurde noch ein bisschen weißer.
Urplötzlich öffnete sie die Augen. Mich traf ein Blick, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, besonders nicht an ihr. Er eröffnete Hollys tiefe Verzweiflung, Trauer und Angst. Mich schmerzte dieser Anblick viel mehr, als alle, durch meine Ex-Kollegen zugefügten, Schmerzen.
In meiner Brust fühlte es sich an, als bräche mein Herz entzwei. Mir wurde speiübel und ich konnte förmlich spüren, wie mir ebenfalls die Farbe aus dem Gesicht wich.
Vor mir bäumte sich eine riesige Welle des schlechten Gewissens auf, die über mich schwappte und mich überwältigte.
„Ich vermisse sie so sehr“, flüsterte Holly. „Ich weiß nicht, ob ich das alles schaffe. Zuerst der Tod meiner Eltern, dann die Angriffe auf dich und dann auch noch der Mordanschlag auf mein eigenes Leben“, brachte sie fast schon gequält hervor. Es traten immer mehr Tränen aus ihren Augen.
Ich wusste nicht, was ich zu ihr sagen sollte. Ich war sprachlos. Das Einzige, was ich tat, war ihre Wangen mit meinen Daumen trocken zu wischen. Ich beschloss sie lieber trauern zu lassen. Es war besser für sie, wenn sie einfach alles rausließ. Es war kein Wunder, dass auf einmal alles aus ihr herausbrach, denn in letzter Zeit hatte sie ihre Gefühle ständig unterdrückt.

Ich saß neben Holly und hielt sie fest. Irgendwann hatte ich sie in meine Arme genommen und angefangen, sie vorsichtig hin und her zu wiegen. Ich hoffte, sie dadurch beruhigen zu können.
In manchen Momenten hatte ich auch das Gefühl, dass mir dies gelungen war, aber dann gab es Augenblicke, in denen Holly plötzlich ohrenbetäubend und herzzerreißend aufschrie und einen Heulanfall bekam, der nicht mehr aufhören wollte. Wenn dies geschah, dann streichelte ich ihr liebevoll über den Rücken und presste sie ganz nah an meinen Körper.
Hinter den Fenstern zogen sich die dichten grauen Wolken zu und es wurde allmählich dunkel, als Holly in meinen Armen einschlief. Ihre Atmung war regelmäßig und leise. Auf meine Lippen schlich sich ein erleichtertes Lächeln.
Ich war froh, dass sie jetzt schlief. Mir gefiel es nicht, dass es Holly schlecht ging. Nicht zum ersten Mal zerfraßen mich meine Gewissensbisse.
Ich hatte ihr Leben zerstört. Durch meinen Leichtsinn hatte sie ihre geliebten Eltern verloren. Dazu kam noch, dass ich ihr Leben in Gefahr gebracht hatte. Dabei war und ist es für mich doch das Wichtigste, dass Holly nichts passiert. Ich hatte alles falsch gemacht.
Ich saß schon seit geraumer Zeit auf dem unbequemen Bett mit Holly in meinen Armen, als eine ältere Krankenschwester hereinkam und abrupt stehen blieb. Zuerst sah sie überrascht aus, doch dann schlug ihre Überraschung in Wut um und das in Sekundenschnelle.
„Was machen Sie denn noch hier? Haben Sie mal auf die Uhr gesehen? Die Besuchszeit ist längst vorbei“, blaffte sie mich hysterisch an.
Ich wollte ihr gerade sagen, dass sie etwas leiser sprechen sollte, damit sie Holly nicht weckte, aber es war bereits zu spät.
Hollys Lider flatterten, bevor sie ihre Augen öffnete und mich direkt ansah. Ihr Blick zeigte Verwunderung.
„Du bist noch hier, James? Wie spät ist es denn?“ Langsam rappelte sie sich auf und rieb sich den Rest Schlaf aus den Augen. Obwohl sie ein paar Stunden geschlafen hatte, sah sie immer noch sehr müde aus.
„Es ist halb zwölf und deswegen wird ihr Besuch jetzt gehen“, antwortete die Krankenschwester an meiner Stelle.
Hollys Kopf schnellte zu der Frau, die mitten im Raum stand und mir finstere Blicke zuwarf.  
„Du darfst nicht gehen, James“, jammerte sie und umklammerte mich.
„Ich habe keine Wahl“, entgegnete ich mit grimmiger Miene und löste behutsam ihre Arme, die sie um meinen Oberkörper geschlungen hatte.
„Ich komme morgen wieder“, sagte ich aufmunternd. Mir war nicht wohl dabei Holly jetzt allein zu lassen, aber mir blieb nichts anderes übrig. Nicht zum ersten Mal verfluchte ich die Krankenhausvorschriften.
„Wann kommst du morgen?“, fragte sie mich, wobei sich ihre Augen erneut mit Tränen füllten.
„Ich komme sofort, wenn die Besuchszeit anfängt. Versprochen.“

Am nächsten Tag durfte Holly nach Hause. Früh morgens war ich nach einer weiteren Nacht in der Eiseskälte ins Krankenhaus zurückgekehrt. Als ich das Zimmer betreten hatte, war mir gleich aufgefallen, dass Holly um einiges entspannter und gelassener aussah, als noch am Tag zuvor.
Es hatte auch nicht lange gedauert, bis ihr Onkel und Olivia gekommen waren, um sie nach Hause zu bringen. Der Arzt, der Holly untersucht hatte, hatte ihnen erst einige Minuten zuvor gesagt, dass die 48 Stunden, die sie zur Beobachtung da bleiben musste, vorbei seien und Holly nun gehen dürfe.
Sie hatte sich natürlich riesig gefreut und angefangen nur noch unablässig zu grinsen. Ihr waren die letzten zwei Tage wohl genauso lang vorgekommen, wie mir.
Eine halbe Sunde später hatten wir alle gemeinsam das Krankenhaus verlassen. Dabei hatte ihr Onkel eine Tasche getragen, in der Hollys Kleidung verstaut war, die er und seine Frau ihr immer wieder gebracht hatten.
Ich hatte ihm angeboten die Tasche zu tragen, aber er hatte bloß einen verächtlichen Blick für mich übrig gehabt und den Spruch: „Ich schaffe das schon, so alt bin ich auch wieder nicht.“
Trotz seiner offensichtlichen Anfeindung war ich ganz ruhig geblieben und hatte gelächelt.

Als das große Haus in Sichtweite kam, entfuhr Holly ein erleichtertes Stöhnen. Ihre blauen Augen sprühten regelrecht vor Begeisterung und Glück. In diesem Augenblick nahm ich ihre rechte Hand. Zusammen saßen wir auf der Rückbank des Wagens.
„Endlich bin ich wieder zu Hause“, hauchte sie neben mir.
Ich freute mich genauso wie sie, aber nicht, weil sie wieder in ihr Haus zurückkehrte, sondern weil sie fröhlich war.
Sekunden später hielten wir an. Sofort stieg ich aus, lief auf die andere Seite des Wagens und öffnete Holly die Tür.
„Was für ein Gentleman“, seufzte Olivia, die gerade selbst aus dem Auto stieg.
Holly musste sich das Lachen verkneifen, während sie langsam zur geöffneten Tür rutschte. Sie wollte schon die Krücken benutzen, doch ich hielt sie davon ab.
„Die brauchst du nicht. Ich trage dich ins Haus.“ Und bevor sie widersprechen konnte, ging ich in die Knie und nahm sie Huckepack. Schnell schlang sie ihre Arme um meinen Hals. Sie klammerte sich so fest, dass ich jeden Muskel von ihr spüren konnte.  
„Keine Angst, ich lasse dich bestimmt nicht fallen.“ Hinter mir hörte ich ein nervöses Lachen.
„Das will ich auch hoffen“, hauchte sie gegen meinen Nacken. Sogleich stellten sich meine feinen Härchen auf.
Bevor ich losging, schlug ich die Wagentür zu. Vor mir gingen Olivia und Hollys Onkel. Ab und zu schaute Olivia zu uns zurück, immer mit einer verzückten Miene.
Ihr Mann dagegen schnaubte in regelmäßigen Abständen und grummelte verärgert etwas Unverständliches vor sich hin. Sein Verhalten machte mir ein weiteres Mal klar, dass, egal was ich auch tat, er mich nie mögen würde. Genausowenig, wie viele von Hollys Freunde.
Ich schüttelte leicht den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden. Es brachte sowieso nichts darüber nachzudenken, denn ändern würde sich nichts. Außerdem konnte es mir egal sein, ob sie mich leiden konnten oder nicht. Das Wichtigste war doch, dass Holly mich liebte. Alles andere konnte mir da gänzlich gestohlen bleiben.

„Das wäre nicht nötig gewesen, Holly“, stöhnte ich und ließ mich rücklings auf ihr weiches Bett mit der lilafarbenen Tagesdecke fallen.
Wir waren in ihrem Zimmer, in dem es durch das fehlende Tageslicht dämmrig war. Holly lag ebenfalls auf dem Bett. Unter ihr rechtes Bein hatte sie eins ihrer Kopfkissen geklemmt, um es zu stützen. Gerade hatte sie mir eröffnet, dass sie Olivia darum gebeten hatte, dass ich einige Tage bei ihnen übernachten durfte.
„Und ob das nötig war. Es schadet dir sicher nicht in einem Haus mit Heizung zu schlafen.“ Sie warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu.
Ich verdrehte die Augen, doch ich sagte nichts. Es nützte nichts, mich zu beschweren. Außerdem konnte ich Holly kaum etwas abschlagen, vor allem, wenn sie verletzt war.
„Dann bleibe ich eben hier. Mir bleibt sowieso nichts anderes übrig, oder?“ Fragend schaute ich sie an, wobei sie für mich auf dem Kopf stand.
„Nein“, antwortete Holly unverblümt.
Danach herrschte langes Schweigen. Das Einzige, was ich hörte, war der einsetzende Regen, der gegen die Fenster prasselte. Zuerst waren es bloß kleine Tropfen, doch im Laufe der Zeit wurden sie dicker. Das rhythmische Trommeln gegen das Glas dröhnte laut und brachte meine Ohren zum Klingeln.
Plötzlich drang Hollys Stimme durch das dumpfe, unangenehme Dröhnen.
„Darf ich dich was fragen, James?“ Als ich zu ihr herübersah, hatte sie ihren Kopf schräg gelegt.
„Klar“, schoss es aus mir heraus. Ich dachte an nichts Böses, doch ihre anschließende Frage brachte mich völlig aus dem Konzept.
„Als du mich ins Haus getragen hast, habe ich an meinen Beinen etwas gespürt. Also, trägst du irgendetwas in deinem Hosenbund mit dir herum?“ Ihrem Tonfall nach zu urteilen war es keine Frage, sondern eine Feststellung. In ihren blauen Augen erkannte ich grenzenlose Neugierde.
Ich musste erstmal hart schlucken. Eigentlich hatte ich vorgehabt ihr alles, was in meiner Wohnung vorgefallen war, zu verschweigen, aber nun gab es keinen anderen Ausweg. Es wäre sinnlos zu leugnen, dass ich etwas bei mir trug. Holly würde wissen, dass ich sie anlog. Für die kurze Zeit kannte sie mich bereits viel zu gut.
Nur wie sollte ich anfangen? Wie schaffte ich es, dass Holly nicht krank vor Sorge werden oder mich mit Vorwürfen bombardieren würde? Mit vor Nervosität leicht zitternden Händen fuhr ich mir gefühlte hundertmal durch die Haare.
Derweil wartete Holly ungeduldig auf eine Antwort. Sie sagte zwar nichts, doch ihr Blick war drängend.
Nach einigen Minuten Bedenkzeit setzte ich mich beinahe wie in Zeitlupe auf und fing an die Geldbündel, eins nach dem anderen, hervorzuholen. Hollys Augen weiteten sich bei jedem weiteren Bündel immer ein Stückchen mehr. Ich glaubte, dass ihre Augen nicht noch größer werden konnten, doch ich irrte mich. Als ich zum Schluss die Waffe auf das Bett legte, ähnelten ihre Augen zwei Tennisbällen.
Sie wich so weit zurück, bis ihr Rücken das Kopfende des Bettes berührte. Ihr Gesicht war von einer Sekunde auf die Andere kreidebleich geworden und ihre Lippen bibberten.
„Bring sie weg!!! Ich will dieses verfluchte Ding nicht hier haben“, schrie sie mit hoher Stimme. Ich hörte Panik, Angst und Wut heraus.
„Wo soll ich sie denn hinbringen?“, fragte ich energisch und steckte die Waffe nach Hollys extremer Reaktion umgehend wieder in meinen Hosenbund zurück.
„Keine Ahnung, Hauptsache sie ist nicht mehr im Haus“, dröhnte sie und warf mir einen entsetzten Blick zu.
„Na gut“, entgegnete ich und verließ schnellen Schrittes das Zimmer. Augenblicke später stand ich im Vorgarten und war planlos. Ich konnte es gut verstehen, dass Holly auf meine Waffe dermaßen panisch und verschreckt reagiert hatte. Nicht zum ersten Mal in ihrem Leben wurde sie mit einer Waffe konfrontiert.
Aber wo zur Hölle sollte ich die Waffe verstecken? Ich würde bestimmt kein Loch mit meinen Händen ausheben, um sie dann in der Erde zu vergraben wie ein Hund.
Hektisch ließ ich meinen Blick umherschweifen, bis ich dichte Büsche entdeckte, die am Zaun entlang wuchsen. Es war zwar nicht das beste Versteck, aber für ein paar Stunden oder Tage würde es reichen.
Ich eilte zum Zaun herüber, nahm die Waffe aus dem Hosenbund und steckte sie so weit ich konnte in einen Busch. Bevor ich wieder ins Haus ging, merkte ich mir genau, wo ich die Waffe untergebracht hatte.
Zehn Minuten später war ich in Hollys Zimmer und lief ständig auf und ab. Sie ließ mich dabei nicht eine Sekunde aus den Augen. Seit ich wieder hier war, hatten wir kein Wort miteinander gesprochen. Vermutlich wartete sie nur darauf, dass ich ihr erklärte, woher ich die Waffe und das viele Geld hatte, das noch immer auf ihrem Bett lag.
Nur dachte ich nicht daran sie aufzuklären. Zumindest nicht über alles.
„Du willst sicherlich eine Erklärung von mir“, fing ich aus heiterem Himmel an. Aus den Augenwinkeln nahm ich ihr eifriges Nicken war.
Leicht schmunzelte ich. Was anderes hatte ich von ihr auch nicht erwartet.
„Nachdem ich das Krankenhaus verlassen habe, wusste ich erstmal nicht, was ich tun sollte, doch dann kam mir die Idee in meine Wohnung zu gehen und meinen Safe zu leeren. Den Inhalt siehst du vor dir.“
Schnell huschten meine Augen zu den Geldbündeln, bevor ich fortfuhr.
„Das sind ungefähr 250.000 Dollar.“ Mit den drei Bündeln, die ich bei Navarros Angriff verloren hatte, musste es jetzt etwas weniger sein.
„Die Waffe war auch in dem Safe. Ich dachte ich könnte sie und das Geld in nächster Zeit gut gebrauchen.“ Nach meinen Ausführungen blieb ich auf der Stelle stehen. Ich spürte, dass jede Faser meines Körpers angespannt war. Hoffentlich würde Holly nicht allzu viel nachfragen. Mehr Fragen bedeuteten ein höheres Risiko, dass sie meine Lügen enttarnte.
„Aber ich dachte, es wäre zu gefährlich in deine Wohnung zurückzugehen. Das hast du selbst gesagt“, meinte sie verwirrt.
„Ja, ich weiß, aber ich hatte keine andere Wahl. Ich kann uns mit der Waffe viel besser verteidigen“, erklärte ich ernst und wandte mich ihr zu.
Sie wirkte nachdenklich und in sich gekehrt. Ihr Blick haftete auf den Geldbündeln, die vor ihr lagen. Ihre Stirn hatte sie in Falten gelegt.
Irgendetwas sagte mir, dass es nicht so lief, wie ich es mir erhoffte. Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend.
„War das alles?“, fragte sie misstrauisch.
„Ja.“
„Und wieso glaube ich dir kein Wort?“, sagte sie unverfroren. Schneller, als ich gucken konnte, hob sie ihren Blick und starrte mich an.
„Du hast mir gesagt, dass du dich ändern und nicht mehr lügen willst. Wieso tust du es dann trotzdem?“
Auf diese Frage hatte ich keine spontane Antwort. Anstelle von mir sprach Holly weiter.
„Meine Vermutung ist, dass du lügst, weil irgendetwas passiert ist und du mich nicht beunruhigen willst.“ Eingehend musterte sie mich, als könne sie durch eine Geste oder Miene meinerseits erkennen, ob sie richtig lag.
Scharf sog ich Luft durch meine aufeinander gepressten Zähne. Jetzt kam die Stunde der Wahrheit. Am Liebsten hätte ich ihr die Schilderungen erspart, aber sie wollte es ja nicht anders.
„Du hast recht“, gab ich resigniert zu. „Eigentlich hatte ich vor dir nie zu erzählen, was geschehen ist.“
Ich ging zum Bett herüber und setzte mich neben sie.
„Glaub nicht immer, dass du mir alles ersparen musst, James“, beklagte sie sich.
„Du kannst mir ruhig alles anvertrauen. Ich halte das aus.“ Mit festem Griff nahm sie meine linke Hand.
Mir kam ein gequältes, langgezogenes Stöhnen über die Lippen.
„Nein, dass tust du nicht, Holly“, widersprach ich. „Ich habe den größten Respekt vor dir, denn bis jetzt hast du das Vergangene gut verkraftet. Das habe ich zumindest geglaubt, denn du konntest deinen Schmerz verbergen. Aber so langsam wird das alles zu viel für dich.“
Die Erinnerung an Hollys Zusammenbruch in der letzten Nacht im Krankenhaus kam blitzschnell zurück. Sie hatte schon so viel Schreckliches durchmachen müssen, das sie in ihr Unterbewusstsein verdrängt hatte, doch nun drang alles ohne Vorwarnung an die Oberfläche.
„Ich entscheide immer noch selbst, wann es für mich zu viel ist und wann nicht“, giftete sie mit hochroten Wangen.
„Erzähl mir sofort, was in deiner Wohnung geschehen ist“, verlangte sie wutentbrannt. Durch die Aufregung hob und senkte sich hektisch ihr Brustkorb.
„Bist du dir ganz sicher, dass ich dir alles erzählen soll?“, erkundigte ich mich beharrlich.
„Ja“, raunte Holly und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ich legte meinen Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Ich nahm mir vor, meine Ausführungen so kurz, wie möglich, zu halten.
„In meiner Wohnung haben zwei Ex-Kollegen, wie vermutet, auf mich gewartet und umgehend angegriffen. Ehrlich gesagt hatte ich Angst, nicht mehr lebend herauszukommen“, sagte ich atemlos.
Ich machte eine Pause, um tief Luft zu holen.
„Irgendwann habe ich es geschafft in mein Schlafzimmer zu flüchten, um dort den Safe zu leeren. Dann wollte ich eigentlich durch das Fenster abhauen, aber draußen hat Mickey schon gewartet. Also bin ich durch die Tür raus. Der Andere von den Beiden war noch in der Wohnung und wollte mich daran hindern abzuhauen. Wir haben miteinander gekämpft. Zum Glück konnte ich ihm entkommen und…“, mein Kopf schnellte zu Holly und auf meinen Lippen breitete sich ein triumphales Lächeln aus, „…ich habe ihn getötet.“
„Wen von ihnen hast du getötet?“, fragte sie wie aus der Pistole geschossen.
„Navarro Henstridge. Er war in der Nacht, in der deine Eltern starben, auch im Haus.“
Holly saß starr wie eine Salzsäule auf ihrem Platz. Ihre Augen blickten mich emotionslos an. In diesem Moment erinnerte sie mich an eine seelenlose Schaufensterpuppe.
Verunsichert beobachtete ich sie. Was war los? War sie so schockiert über die Vorkommnisse in meiner Wohnung?
„Holly?“ Meine Stimme war nicht mehr, als ein Flüstern.
„Ich…ich…“, stammelte sie und schüttelte dabei verständnislos den Kopf.
„Ich kann es einfach nicht fassen.“ In ihren Augen spiegelte sich ihre Ungläubigkeit wieder.
„Wieso hast du dein Leben so leichtsinnig aufs Spiel gesetzt? Du wusstest doch ganz genau, dass deine Ex-Kollegen auf dich warten würden. Wiegt der Mord an einem von ihnen dieses Risiko auf? Meiner Meinung nach nicht. Mir ist es egal, wieviele Killer du tötest. Mir geht es bloß um dich James und um nichts anderes“, brachte sie aufgebracht und ernst hervor.
Aufmerksam hörte ich Holly zu. Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich ihren Standpunkt nicht verstehen konnte, aber mir war es nicht gleichgültig, dass ich Navarro umgebracht hatte. Für mich war der Mord ein Erfolgserlebnis. Zwar war Navarros Tod bloß ein kleines Stück auf dem langen Weg meiner Rache, aber ein toter Ex-Kollege war zumindest schon mal ein guter Anfang.
„Ich kann deine Sorgen nachvollziehen, Holly, aber für unser beider Leben ist es wichtig, dass keiner von ihnen übrig bleibt. Nur, wenn sie alle tot sind, sind wir in Sicherheit“, klärte ich sie mit ruhiger Stimme auf.
Ich wusste genau, wie sehr sie sich wieder nach einem normalen Leben sehnte. Ein Leben ohne Trauer, Tod, Angst und Verzweiflung. Solch ein Leben hatte Holly gehabt, bevor sie mir begegnet war und ich alles zerstört hatte.
Meine Aufgabe war es, sie vor den verrückten Killern zu beschützen, dass war ich ihr schuldig.
Während ich tief in Gedanken versunken war, wurde Hollys Miene etwas weicher. Sie rückte, so gut es mit dem eingegipsten Bein ging, ganz nah an mich heran und legte ihren Kopf auf meine Schulter.
„Mir ist klar, dass du Recht hast. Trotzdem werde ich krank vor Sorge, wenn ich daran denke, in welche Gefahr du dich ständig begibst. Hast du nicht selbst das Gefühl, dass du manchmal zu viel riskierst; dass du nicht immer nachdenkst, bevor du handelst?“
Als Reaktion auf ihre Frage zeigte ich ein breites und vergnügtes Grinsen. Dies brachte mir einen verwirrten Blick seitens Holly ein.
„Warum lachst du denn jetzt schon wieder, James?“
„Weil du den Nagel auf den Kopf getroffen hast. Ich denke nie darüber nach, was ich tue.“ Keck zwinkerte ich ihr zu.
Sie erwiderte mein Grinsen mit einem atemberaubenden Lächeln.
„Du hast echt einen Knall“, sagte sie und schaute zu mir hoch. Minutenlang sahen wir uns nur tief in die Augen. Ich fragte mich, was sie in diesem Augenblick dachte.
Vor einiger Zeit war es für mich kein Problem gewesen, in ihrem Gesicht und ihren Augen ihre Gefühle und Gedanken abzulesen, doch jetzt war sie für mich undurchschaubar. Ich konnte nicht erklären, woran es lag, aber ich hoffte, dass sich dieser Zustand bald änderte.
„Ich bin froh, dass du ein paar Tage bei mir bleibst“, sagte Holly und durchbrach somit das Schweigen.
„Ich auch, aber ich schätze mal, dass dein Onkel nicht gerade begeistert ist, oder?“
„Das ist doch keine ernst gemeinte Frage, James“, entgegnete sie verblüfft. „Du weißt genau, dass er keine Luftsprünge gemacht hat, als Olivia ihm gebeichtet hat, dass du einige Tage hier wohnen wirst.“
Als ob sie mir zeigen wollte, wie dämlich meine Frage war, verdrehte sie gespielt entnervt die Augen. Dann fing sie an zu kichern.
Verwundert beobachtete ich Holly dabei, wie sich ihre Wangen rosa verfärbten und sie sich eine Hand vor den Mund schlug.
„Ich finde es toll, dass du dich über mich amüsieren kannst“, meinte ich gelassen.
„Tschu…Tschuldigung“, presste sie angestrengt zwischen zwei Lachern hervor.  
Ich winkte ab und wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Komischerweise dauerte dies länger, als erwartet.
Nach einer halben Ewigkeit hörte Holly auf zu lachen. Stattdessen nahm sie mein Gesicht in ihre Hände und gab mir einen zärtlichen Kuss.
„Ich liebe dich, James. Du bist für mich das Wichtigste auf dieser Welt“, gestand sie mir mit leiser Stimme.
„Und du bist das einzig Gute, was mir im Leben passiert ist.“

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Feenstaub

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