Anderswelt

Anderswelt

Varek

Sie ging fort, so lautlos, wie sie vor mir erschienen war und ein Teil von mir sehnte sich danach, ihr hinterher zu laufen, sie am Arm zu packen, zurückzuhalten und zu bitten, nicht zu gehen. Denn die Kälte, die mit der Trennung unserer einzigartigen Verbindung Einzug in meine Seele gehalten hatte, schien mir nun, da sie fort war, noch unerträglicher zu sein. Über sieben Jahrhunderte lang war Kadra stets ein Teil von mir gewesen. Nun war sie fort und die Stille in meinem Inneren tobte wie ein Sturm.
Würde ich sie jemals wiedersehen?
Der Gedanke, dieses Mädchen könnte gerade mit der Liebe meines Lebens verschwunden sein, schien mir so absurd, dass ich ihn nicht zu Ende denken konnte.
»Ist sie das Mädchen, in dem Kadras Seele schlummert?«
Langsam drehte ich mich um und setzte zum ersten Schritt an, als ich bemerkte, dass sich die Zeltplane bewegt hatte, als wäre jemand hindurchgegangen. Meine Instinkte schärften sich rasant. Plötzlich nahm ich einen Hauch wahr; die Gegenwart eines Geschöpfes, das zu mir gehörte und mir durch und durch vertraut war. Mein Blick glitt in die Dunkelheit, die hier im Zelt vorherrschte und als ich einen Schemen vorübergleiten sah, spürte ich sofort, wie Erleichterung meine Seele berührte.
»John«, entfuhr es mir leise. Ein Grinsen bahnte sich einen Weg über meine Lippen. »Ja, das war sie.. Aber das braucht dich nicht zu kümmern. Sie ist fort.«
»Wieso hast du sie gehenlassen?«
»Ich kann sie doch nicht festhalten. Sie hat einen eigenen Willen, ein eigenes Leben, einen Gefährten und eine Zukunft, weit weg von alledem hier.«
»Doch, das kannst du. Du musst sie zurückholen.« Mit zwei Schritten war der Dämon ins Licht getreten. John war einen halben Kopf größer als ich, sehr viel stämmiger gebaut und von fast animalischer Statur. Seit seiner ersten Werwolfverwandlung gingen ihm die Haare aus, sodass er stets ein Kopftuch trug. Diesmal ein Schwarzes, mit weißen Totenköpfen. Seine kristallblauen Augen funkelten mich an und auf seinen Lippen zuckte ein Lächeln, dem es nicht gelingen wollte, an die Oberfläche zu gelangen. »Varek, dein halbes Leben lang hast du nach dieser Seele gesucht. Wie kannst du sie jetzt einfach in die Nacht verschwinden lassen?«
»Weil ich kein Recht dazu habe, sie festzuhalten. Sie ist nicht Kadra. Dieses Leben gehört ihr und sie entscheidet, wie sie es leben wird. Nicht ich.«
»Und wenn Layra sie findet?«
»Layra wird sie nicht finden.«
John zog die Augenbrauen zusammen. »Sag bloß, du hast einen Abschirmzauber über das Mädchen verhängt? Hast du dich von Kadra getrennt, nachdem du so lange nach ihr gesucht hast? Was ist aus dem Mann geworden, der alles geben wollte, um eine Frau für sich zu gewinnen?«
»Der ist vor wenigen Augenblicken an dem Gedanken zerbrochen, eine andere Liebe zu zerstören. Ich habe meine Chance gehabt. Meine Welt ist untergegangen, John. Ihre noch nicht. Was für ein Mann wäre ich, wenn ich ihr die Liebe ihres Lebens nehmen würde, nur um mein Leben für eine Weile zu verlängern?«
»Deine Chance?« John schnaubte verächtlich. »Wann hattest du die? In drei Tagen ist deine Schonfrist vorüber. Du hast dieses Mädchen angelogen. Du weißt genau, dass du in den letzten Jahren nur verschont geblieben bist, weil sich Layra deine Brüder geholt hat. Wer stirbt diesmal für dich? Es ist niemand mehr übrig, mein Freund. Du hast all deine Karten ausgespielt.« Er hob die Hand und deutete auf die inzwischen deutlich sichtbaren Linien und Schnörkel auf meinen Bannfesseln. »Sie ist dein allerletzter Trumpf.«
»Glaubst du, das wüsste ich nicht?«, fuhr ich ihn an und verbarg die Ringe unter meinen Ärmeln. Ich wollte sie nicht sehen, und noch weniger, dass irgendjemand anders sie sah.
»Dann hol sie zurück und übergib Layra ihre Seele! Lass sie Rache nehmen und gewinne für dich einen Aufschub. Ist da s nicht genug, um wieder Hoffnung zu schöpfen? Ein Jahrhundert kann so viel für dich verändern. Einhundert Jahre können alles wandeln. Du könntest eine Lösung finden. Vielleicht geht die Welt bis dahin zu Grunde und das Portal und deine Heimat mit ihm? «
»Ich würde Layra niemals das einzige Wesen überlassen, das ich mehr liebe, als mich selbst.« Ich seufzte. Meine Augen wanderten über meine Hände. Die vielen Silberringe und Talismane. Alles nur Teil der Show. Alles Teil einer Maskierung, um mir einzureden, dass ich diesmal wieder Glück haben und davonkommen konnte. Aber diesmal hatte John Recht. Alle Asse waren bereits im Spiel. Und jeder Zug, den ich machte, ließ meine Chancen kleiner werden.
»Wenn Layra dich findet, und sie wird dich finden, zieht sie dich durch das Portal in deine dunkelsten Albträume hinab und behält dich für alle Zeiten dort. Vorausgesetzt, du überlebst den Übergang an ihrer Seite.«
»Ich weiß«, wehrte ich ab. Ich war meine Lage wieder und wieder durchgegangen und hatte alle Möglichkeiten durchgespielt. Alle, bis auf eine.
»Du hast keine andere Wahl mehr, Varek. Hol das Mädchen zurück. Entreiße ihr Kadras Seele und übergib sie mir. Ich überbringe sie Layra in deinem Namen und bitte sie, dir ein Jahrhundert Aufschub zu gewähren. Für sie sind einhundert Jahre nur ein Atemzug. Ob sie diesmal siegt, oder im nächsten Jahrhundert - welche Rolle spielt das? Sie wird dir Aufschub gewähren, wenn du ihr Kadras Seele übergibst. Etwas, das ihr deine Loyalität beweist. Es ist die einzige Möglichkeit, Zeit zu gewinnen.«
Die Vorstellung, Layra Kadras unsterbliche Seele zu übergeben, nur um ihren Zorn zu mildern, weil ich ihr über Jahrhunderte hinweg eine Sterbliche, eine Tote, vorgezogen hatte, schien mir unerträglich. Meine Gefühle für Kadra waren in Jahren nicht aufzuwiegen. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, ihre Seele Kiras Körper zu entreißen, sie sterben zu lassen, und zu Layra zu bringen. Nicht in diesem und in keinem anderen Leben, wäre ich je in der Lage dazu, meine Gefühle zu verraten. Nicht einmal, wenn es mich diesmal retten konnte.
John verschränkte kopfschüttelnd die Arme vor der Brust. »Sie ist auch nur eine Frau. Eine wütende, verschmähte Frau, die-«
»Ich sagte nein, John.«
»Ich habe deinen Brüdern versprochen, dir zu helfen. Ich gab mein Wort, alles zu tun, damit Layra nicht noch einen von euch bekommt. Wieso musst du es mir so schwer machen? Keiner deiner Brüder hatte je eine Basis für Verhandlungen. Du kannst das Blatt zu deinen Gunsten wenden.«
Die Entschlossenheit in seinen Augen erinnerte mich an mich selbst. An ein früheres, naives Ich, das nicht mehr existierte, seit der Bann das erste Mal meinen Willen einschnürte. John hatte etwas an sich, das ich mochte. Er war schlau, treu, loyal, und ein guter Freund. Und doch war er nie verliebt gewesen. Sein ganzes Leben drehte sich darum, meine Brüder zu beschützen. Er wusste nicht einmal ansatzweise, was ich empfand.
Als ich damals Layras erste Annäherungen verspürt und mich für Kadra entschieden hatte, war die Welt aus den Fugen geraten. Ich, einer der Letzten, der ihr Frieden und Freiheit schenken konnte, verschmähte sie ob ihrer Stärke und Schönheit. Diese bedeutete mir nichts. Sie war kein Füllmaterial für das Loch, das Kadras Tod in mir hinterlassen hätte. Hinterlassen hatte.
In keinem Szenario, das mir vorschwebte, war Kadra auszuliefern, eine Option.
»Du weißt nicht einmal, ob es funktionieren würde«, entschied ich schließlich.
»Und du weißt nicht, ob es nicht so wäre. Sei klug, Varek! Sie ist tot. Worauf wartest du?«
Auf einen Funken Glück? Eine Ewigkeit vereint, selbst wenn wir nur im Tode zusammen sein konnten?
»Oh«, hörte ich den Werwolf machen und konzentrierte mich auf sein Gesicht. Der harte Ausdruck auf seinen Lippen verblasste. »Dieses Mädchen bedeutet dir mehr, als du zugeben magst. Sie gefällt dir. Ihr Kadra zu entreißen, würde ihren Tod bedeuten.«
»Mach dich nicht lächerlich. Sie hat noch ein ganzes Leben vor sich. Ich bin alt. Vielleicht ist meine Zeit einfach gekommen.«
»Nicht dieses Jahrhundert.« Er schüttelte den Kopf. »Denk nach.«
Meine Gedanken raschelten wie Blätter im Wind. Ich hörte das Blut in meinen Ohren pochen. »Mein Vater«, erwiderte ich schließlich.
»Dein Vater? Ich dachte, der alte Gardrawath ist irre und in einem Turm gefangen. Was soll er schon für dich tun können?«
»Er sprach den ersten Bann über mich. Den, der mich untrennbar mit Layras Schicksal verbindet«, sagte ich und musterte John eisern, die Augen zu schmalen Schlitzen verzogen. »Vielleicht gibt er noch etwas, das ich noch nicht versucht habe.«
»Du willst doch nicht..«
»Doch, ich will.« Ich musste. Andernfalls war die Schlacht verloren, ehe sie begann. »Du musst mir versprechen, Kira im Auge zu behalten, solange ich weg bin. Ich brauche dich jetzt als Verbündeten. Leg mir keine Steine in den Weg.«
John sah mich an und ich wusste sofort, dass er mich verstanden hatte, denn er nickte und klopfte mir auf die Schulter. »Ich gehe ihr nach und werde mich in der Nähe ihres Zuhauses aufhalten, bis du mich abrufst. Ehrenwort. Sei vorsichtig. Ich halte das für eine äußerst dumme Idee.«
Wortlos nickte ich ihm zu, riss ein Schattenportal auf und war darin verschwunden, ehe sich John verabschieden konnte. Ich wusste, dass ich ihm Kiras Leben anvertrauen konnte, denn mit dem Eintritt in mein Fürstentum hatte er mir gestattet, in seine Seele zu blicken. Und auf deren Grund hatte ich bislang nie etwas anderes als Reinheit gesehen.
Als ich auf der anderen Seite des Portals nach außen trat, bildete sich um mich herum ein Raum mit roten Wänden, schwarzem Teppichboden und schwerer, hölzerner Bestuhlung. Meine Aura pulsierte. Ich drehte mich um und mein Blick erfasste eine Tür aus Holz; groß, schwer und massiv. Es war die Bar, in die ich Kira gefolgt war. Die Bar, in der sich das Portal verbarg, hinter dem die schwarze Höllenwelt wartete, in der ich einst geboren worden war. Doch ich glaubte nicht wirklich daran, dass Kira dieses kleine Geheimnis kannte.
»Es ist geschlossen!«, rief eine Stimme hinter mir.
Ich drehte mich um und blickte ins Gesicht eines blonden Vampirs, der gerade aus einer Tür hinter der Theke gekommen war. Sein Blick musterte mich lange, während er in der rechten Hand ein Putztuch hielt, mit dem er offenbar in der Küche zu Gange gewesen war. Die Bar war längst geschlossen und ich wusste, es gab keine vernünftige Erklärung, weshalb ich hier war.
»Kein Problem. Ich störe auch nicht lange«, sagte ich und ging zur Tür hinüber.
Als ich die Türklinke berührte, spürte ich einen Bannzauber auf, der über die gesamte Türfläche verwoben war. Mit gerunzelter Stirn schloss ich die Augen und konzentrierte mich. Jeder Bannspruch war wie ein Teppich voller Knoten. Es kostete Kraft, jeden Einzelnen zu lösen, doch der Grundstein dieses Zaubers war marode und ich wusste, ich würde ihn in wenigen Augenblicken brechen können. Also löste ich einen Knoten nach dem anderen, fuhr mit der linken Hand über die Türfläche und schlug die Augen auf, als der letzte Knoten brach.
Der Vampir fluchte, als die Klinke unter meinen Händen nachgab. »Verdammt, nicht, es ist gefährlich! Wer, zum Teufel nochmal, sind Sie?«
»Ich komme zurecht«, antwortete ich und drehte mich um. »Richten Sie Kira liebe Grüße aus. Und wenn ich nicht zurückkomme, sorgen Sie dafür, dass sie die Stadt verlässt. Sagen Sie ihr, ich habe alles versucht, um mein Wort zu halten.« Dann ging ich hindurch und ließ, kaum dass die Tür hinter mir ins Schloss gefallen war, jeden Knoten, den ich eingerissen hatte, neu entstehen.
Sofort flammte meine Aura auf wie ein Sturm.
Mit dem Durchschreiten des Tors spürte ich, wie die Kälte mich packte und an mir riss und zerrte. Es fühlte sich haargenau wie damals an, als die schwarzen Wassermassen über mir eingebrochen waren. Meine Seele erschauerte beim Gedanken an den Augenblick, in dem mein Vater mich in die Fluten geworfen hatte, die das Blut aus meinem Körper gesogen hatten, wie Parasiten den Lebenswillen ihrer Opfer.
Und als ich die Augen aufschlug, waren es eben jene schwarzen Wellen, die den Strand weit, weit unter mir umspülten. Ich sah ihnen nach, wenn sie sich vor und zurückbewegten, und wusste nicht, ob ich jemals im Stande sein würde, meine inneren Dämonen zu bezwingen. In diesen dunklen Wellen hatte ich mein Herz versagen hören. In diesem Sog aus Kraft und Wasser war mein Leben aus mir heraus geblutet und ich hatte mir geschworen, nicht an diesen Ort zurückzukehren, bis mein Ende nahte. Ich hatte mir selbst versprochen, dass ich erst am Tage meines Todes hier herkommen würde, um erneut in den tosenden Wellen meinem Untergang entgegen zu blicken. Doch plötzlich schien sich einfach alles gewandelt zu haben.
Ich wollte den Blick heben, um ihn der glutroten Sonne entgegen zu richten, die den Sand in Blut verwandelte, doch ich konnte nicht. An diesem Ort hatte mich die Wirklichkeit wieder und wieder eingeholt und jeden meiner Träume nachhaltig zerstört. Selbst wenn es der Ort meiner Geburt, meiner Begegnung mit der großen Liebe meines Lebens und vieler glücklicher Begebenheiten war, überwiege doch immer noch die Tatsache, dass ich hier ermordet worden war.
Ich drehte mich langsam um. Schatten fiel auf mein Gesicht, als ich den Blick zu den pechschwarzen Mauern des Schlosses erhob, das mein Vater vor unzähligen Jahren mit bloßen Händen erbaut hatte. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, während die Erinnerungen mit mir wie mit einer Schachfigur spielten.
Als aztekisch hätte man die Baukunst hier bezeichnen können, und doch war sie völlig anders. Hohe Räume, offene Fenster, Glas gab es hier nicht. Der raue Wüstenwind, der über das Land peitschte, trieb den Sand bis in die letzten Fugen des alten Gemäuers. Ich spürte, wie mich die Erinnerung packte. An den Klang, wenn ein neuer Sturm über dem Meer aufzog, den Strand aufwühlte und schwarze Sandkörner über die steinernen Wände und Böden streichen ließ.
Dieser Ort weckte böse Erinnerungen und lange vergangene Monster unter dem Bett, die ich beinahe vergessen hatte. Er brachte das Dunkelste in mir zum Vorschein. Den Mann, der diesem Ort mit letzter Kraft entkommen war, und seither jede Nacht an ihn zurückdachte, ohne je Erlösung zu finden. Auch wenn mein Körper nicht hier verweilen musste, mein Kopf war hier gefangen. In Erinnerungen und Träumen.
Wieder und wieder jagten mich die Schatten dieses Ortes in der Gegenwart heim.
Über dem gewaltig aufragenden Turm kreisten zwei Falken. Ihre Leiber warfen Schatten auf den Turm, die sich kaum vom Schwarz der Steine absetzten. Der Sand hatte alle Kanten der Festung über Jahrhunderte hinweg abgeschliffen. Der Stein wirkte abgewetzt.
Ich drehte mich um, wandte meinen Blick und all meine Aufmerksamkeit den schwarzen Wellen zu, während sich meine Finger um das schmiedeeiserne Geländer legten, das rechts und links in zwei kunstvolle Rabenköpfe mündete. Als ich gegangen war, war es noch nicht dort gewesen.
Meine Finger schlossen sich so fest um das Eisen, das sich meine Knöchel weiß färbten und die Haut darüber zum Zerreißen angespannt war. Jeder Zentimeter dieses Bauwerks, jeder Riss im Gestein, jede Unebenheit im Boden und jeder Fehler im verarbeiteten Stahl war mir bestens vertraut. Ich spürte jede Erschütterung im Mauerwerk tief in meinen Eingeweiden.
Mein Band zu diesem Ort war stark wie immer.
Hier, inmitten all der Schwärze und dämonischen Bräuche war ich vor mehr als tausend Jahren als sterbliches Wesen von einer dämonischen Mutter geboren worden. Als Geschöpf, das träumte, aß und schlief, wie andere Kinder auch. Als Kreatur, die sterben und getötet werden konnte.
Ich erinnerte mich an die Tage, an denen Mutter mit mir am Strand gewesen war, während mein Vater wie ein besessener Stein über Stein geschichtet hatte, um das Schloss zu erweitern. Stillstand bedeutete ihn Untergang und mein Vater hatte niemals untergehen wollen.
Knirschend verbog sich das Eisen unter meinen Händen, bis die Konturen meiner Finger darauf sichtbar wurden und ich mein Bewusstsein beruhigen musste, um das Geländer nicht durchzubrechen. Und dann spürte ich sie plötzlich. Ihre Gegenwart schwebte wie ein Tuch über mir, hüllte mich ein und nahm für einen Augenblick den Schrecken von mir fort. Eine Hand tauchte aus den Schatten, berührte meine Schulter. Meine Lider senkten sich. Eine vertraute Erinnerung wurde in meinem Geiste wach. Ganz sanft neigte ich den Kopf und rieb mit der Wange über die Hand, die mich berührte.
Ich ließ zu, dass eine zweite Hand meine Finger nahm und mich sanft herumdrehte. So wie damals, als ich noch ein Kind gewesen war, und frei.
Ich schlug die Lider hoch und blickte in das weiche Gesicht einer Frau, die die besten Jahre ihres Lebens schon lange hinter sich hatte. Falten, einige vom Lächeln, andere einfach Spuren der verlorenen Zeit, zierten ihr Gesicht und zogen sich zusammen, als ihre Mundwinkel in die Höhe zuckten. Dichtes grauweißes Haar, das in einem sehr dicken, geflochtenen Zopf endete, fiel zerzaust über ihre Schulter auf die Brust und ein Blick in ihre Augen weckte so viel mehr Schmerz in mir, als ich ertragen konnte.
»Ich wusste immer, irgendwann würdest du zurückkommen«, zerriss eine raue, weibliche Stimme die Stille dieser Welt. »Ich habe auf dich gewartet, als deine Brüder gestorben sind. Ich dachte, du würdest kommen und ihre Seele auch in deinem Namen freisprechen.«
»Mutter«, wisperte ich und erlaubte mir in einem Augenblick der Schwäche, ihre Hand zu umklammern. Sehnsuchtsvoll. Traurig.
»Wo bist du gewesen, Junge, als mein Herz entzweigebrochen ist? Wo warst du, als dein Vater den Verstand verloren hat und mich und sich mitsamt dem Schloss verbannte? Wo warst du, als ich deine Hilfe brauchte?«
»Wo ich war? Wo warst du, als ich gestorben und wiedergeboren wurde?«, fragte ich sanft, hob meine Hand und schob ihre von mir fort. »Ich war mein halbes Leben lang auf der Flucht. Vor alledem hier. Vor Vater, vor dir, vor diesem Fluch und allem, was ich hier zurückgelassen habe. Ich habe oft daran gedacht, dich zu holen. Aber du warst verloren für mich, nachdem du hunderte von Jahren die Augen verschlossen hast vor der Bestie, die du liebtest. Ohne Vater wärst du nie mit mir gekommen.«
In meiner Seele bauschte sich ein Sturm auf, wild und gnadenlos wie das Meer. Eine Flut spülte Erinnerungen an all das Leid mit sich, das mir hier widerfahren war. Und ein Teil von mir fühlte sich, als müsste er noch einmal zu Grunde gehen.
»Ich liebe ihn noch immer«, entgegnete sie zärtlich. Ihre weisen Augen erzählen mir, dass es stimmte. Dass sie nach all den Jahren noch immer etwas für das Ungeheuer empfand, das ihre Söhne getötet hatte und sie in dieser bizarren Welt festhielt. »So wie dich.«
»Ich bin nicht hier, um alte Wunden aufzureißen«, fuhr ich fort und atmete mit einem Stoß auch all meine angestaute Wut aus. Mit ihr zu reden war reine Zeitverschwendung. Sie war untrennbar mit diesem Ort, mit der Vergangenheit und Gardrawath selbst verbunden. »Und es tut gut, zu sehen, dass du lebst. Ich bin hier, weil ich Vater sprechen muss. Ich bin der letzte Sohn, der noch übrig ist, und dieses Weglaufen leidgeworden.«
»Du bist hier, weil sich das Portal öffnen wird und du der Letzte bist, der Layra bleibt.« Meine Mutter setzte ein Lächeln auf, das nur oberflächlich ihre Trauer überdeckte. Tief in ihrer Seele herrschte eine Leere vor, die nur eine Mutter verstehen konnte, die all ihre Söhne hatte sterben sehen. »Lass uns einander keine Vorwürfe machen. Nicht heute. Du willst deinen Vater sprechen?«
»Wo ist er?«
»Er ist dort, wo du ihn zurückgelassen hast. Weder er noch ich haben die Kraft besessen, den Zauber zu zerstören, mit dem du ihn in diesen Turm geschlossen hast. Ich bringe dich zu ihm, wenn du es wünschst, aber dein Vater ist alt geworden, seit deine Brüder tot sind und du für ihn verloren bist.«
Ich schmunzelte. Mit den Jahren hatte ich vergessen, dass ich stärker geworden war, während mein Vater abgebaut hatte. Layras Blut, das an der Klinge klebte, mit der er mich durchstoßen hatte, hatte meinen Leib robust und starkgemacht, meine Seele nahezu unsterblich, während er unaufhaltsam vor sich hingestorben war. Mit meiner wachsenden Macht waren auch meine Zaubersprüche und Flüche stetig stärker geworden und der Fluch, den ich meinem Vater auferlegt hatte, war schon damals so viel stärker als er selbst gewesen. Was bedeutete, dass mein Vater die letzten sechshundert Jahre eingesperrt in einem Turmverlies verbracht hatte.
»Varek«, fuhr Mutter sanft fort. »Ich weiß, du bist zornig und du hast jedes Recht dazu, deinen Vater und mich bis ans Ende deines Lebens zu hassen. Aber dein Vater ist ein alter Mann geworden. Sechshundert Jahre ohne Sonnenlicht, ohne Ausgang und in Finsternis gefangen, haben seinen Körper und seinen Geist zermartert.«
»Er hat bekommen, was er verdiente.«
»Und doch bitte ich dich, gib ihn mir zurück. Er ist keine Gefahr mehr für dich.«
»Solange er lebt«, gab ich zurück, »wird er immer eine Gefahr für mich sein.«
Sie seufzte, hob die Hand und wies auf das gewaltige Tor. Es aufzustemmen schien ohne Hilfe vollkommen unmöglich. Dahinter erwarteten uns viele hundert Stufen hinauf in den Turm. Zeit, die ich nicht hatte.
Rasch schuf ich mit meinen Gedanken ein Portal, berührte die Schulter der ergrauten Frau und führte sie hindurch. Auf der anderen Seite wartete Finsternis. Ein kreisrunder Raum aus schwarzen Steinen, zur Hälfte mit Gitterstäben versehen, die oben und unten in den Stein eingelassen waren. Meine Mutter war schon damals schwach gewesen. Die Kraft aus ihrem Blut war bei der Geburt an meine Brüder und mich verloren gegangen und ich wusste, sie war schon damals nicht mehr fähig dazu gewesen, sich zu teleportieren.
Doch hinauf in den Turm führten mehr als vierhundert Stufen. Vierhundert Stufen, die mehr als genug Zeit boten, mich um das Leben des Mannes anzuflehen, der mir meines genommen hatte und auch, um mich zu bitten, endlich Teil dessen zu werden, das mir vorbestimmt war. Ein Teil von mir liebte meine Mutter noch immer. Doch der andere, stärkere Teil, wollte keinesfalls riskieren, von ihren Worten erweicht zu werden.
Mein Blick wanderte durch das Zimmer. Eine Erinnerung durchzuckte meinen Geist. Ich sah das Gitter und mich selbst dahinter sitzen, weinend, schreiend, ein Kind, das nicht begreifen konnte, was mit ihm geschah. Hastig blinzelte ich den Erinnerungsfetzen fort, löste mich von meiner Mutter und trat einen Schritt näher an das Verlies heran. Aus dem Inneren war kein Laut zu hören. Doch meine feinen Instinkte nahmen hinten, am anderen Ende des Zimmers, an der am weitesten entfernten Wand, das schwache Schlagen eines Herzens wahr.
Mein Vater lebte. Der Mann, der für das große Unrecht meines Lebens verantwortlich war, lebte und befand sich nur wenige Meter entfernt von mir. Eine Woge aus Zorn umspülte den Teil meiner Seele, der noch immer intakt war. Seinetwegen hatte ich Kadra verloren und meine Familie. Meine Brüder waren seinetwegen tot und nur durch seine Hand war auch mein Schicksal besiegelt.
Ich hielt den Atem an, machte einen zweiten, einen dritten und vierten Schritt, bis ich das Gitter erreicht hatte. Dann ließ ich mich in die Hocke sinken. Meine Knie knirschten geräuschvoll. Ich schlang die Finger der rechten Hand um einen der massiven Eisenstäbe und atmete tief durch.
Dann fragte ich langsam: »Weißt du, wer ich bin?«
In der letzten Ecke des Raums knirschten Knochen, als sich ein Kopf sehr langsam in meine Richtung drehte. »Wenn du mein Sohn bist, kommst du vergebens. Ich habe dir nichts zu sagen.«
Wie ein Blitz trafen mich seine Worte in mein nicht mehr schlagendes Herz. Ich musste mich festhalten, andernfalls hätte ich wohl den Grund unter den Füßen verloren. Meine Aura pulsierte, stockte und färbte sich dunkel. Sechshundert lange Jahre hatte ich diesen Ort gemieden wie die Pest und mir vorgestellt, wie mein Vater unaufhaltsam seinem Ende entgegen lebte. Ich konnte nicht zählen, wie oft ich mir gewünscht hatte, dass er an diesem Ort sterben würde und ich noch immer leben durfte, um seinen Traum zu zerstören. Und nun, nach all den Jahren des Hasses und der Wut gab es nichts, was er mir zu sagen hatte. Nicht einmal, dass er es bereute.
»Sechshundert Jahre«, murmelte ich. »Du hast mich sechshundert Jahre lang nicht gesehen. Und doch gibt es nichts, was du mir heute zu sagen hast? Du hast mein Leben zerstört. Du hast mich erstochen und ins Meer geworfen. Und heute gebe ich dir die einmalige Gelegenheit, deine Hände von meinem Blut zu befreien. Ich will weder deine Reue, noch deinen Segen. Aber ich bin der Letzte, der dein Blut in sich trägt. Stirbst du, bleibe nur ich übrig und ich werde diese Blutslinie nicht fortführen.«
Der Mann in der Zelle seufzte tief. »Was willst du von mir? Bist du nach all den Jahren nur gekommen, um eine längst überfällige Unterhaltung zu führen?«
»Ich will wissen, wie ich den Fluch brechen kann, mit dem du mich verdammt hast.«
»Du weißt, wie du ihn brechen kannst.«
»Ja, aber falls dir noch ein anderer Weg einfällt, bin ich bereit, dich Mutter zu Liebe gehenzulassen.«
Knirschend und knackend erwachte Gardrawaths Leib zu neuem Leben. Über die Distanz hinweg konnte ich spüren, wie sehr ihn der Gedanke an Freiheit reizte. Er richtete sich auf. Ich sah, wie sich ein Schemen in der Finsternis bewegte. Dann kam er langsam, Schritt für Schritt näher, zögerte und ließ sich vor dem Gitter auf die Knie nieder.
Durch die daumendicken Eisenstäbe hindurch sah ich zum allerersten Mal seit einer Ewigkeit sein Gesicht. Seine Augen waren unterschiedlich, so wie meine. Doch in seinem Blick herrschte seelenlose Kälte vor. Ich sah in die Augen eines Mannes, der seine Seele an den Teufel verkauft hatte.
Seine Haut war eingefallen und faltig. Sein Haar war lang, schlohweiß und zottelig. Er trug einen Bart, der ausgefranst und ungepflegt aussah und lange, dunkel verfärbte Fingernägel. Der stolze, starke Mann von einst war ein verwirrter, zotteliger Alter geworden, dem nichts geblieben war, außer seinem Leben.
»Es gibt keinen Weg, keine geheime Hintertür. Nur die offensichtlichen Auswege. Töte sie oder töte dich und du bist im letzten Augenblick deines Lebens von diesem Bann befreit.«
»Und sterbe selbst.«
Ein kleines, schiefes Grinsen huschte über das Gesicht meines Vaters. »Das ist der Preis, den du für deine Freiheit zahlen musst. War es nicht das, was du wolltest? Gemeinsam mit deiner Menschenfrau alt werden und sterben?«
Meine Hände umschlossen die Gitter fester. »Sie ist tot.«
»Sie war schon tot, als du sie ausgewählt und deiner Bestimmung vorgezogen hast.«
»Wenn du mit ihrem Tod zu tun hattest, dann schwöre ich dir-«
Meine Beherrschung bröckelte. Die Dämonen in meinem Inneren jaulten auf wie hungrige Wölfe, die nach seinem Leben lechzten. Jetzt, hier, diesen ewig währenden Streit zwischen uns ein für alle Male beenden.
Meine Seele kochte. »Sag mir, dass du sie nicht hast töten lassen.«
»Du bist geflohen, als es brenzlich wurde. Du bist weggelaufen, mein Sohn, wie der Feigling, der du immer warst. Anstatt der Frau nachzujagen, die du um jeden Preis beschützen wolltest, bist du davongelaufen, um dein kleines Leben zu retten. Dachtest du, ich würde es nicht wagen, jemanden nach ihr zu schicken? Hast du geglaubt, sie wäre sicher, wenn sie nur weit genug fort ist?«
Ich konnte nicht atmen. In meiner Lunge brannte Feuer. Zorn versengte meinen Verstand. Ich hatte es geahnt. Immer. All die Jahre über. Aber nun Gewissheit zu bekommen, dass Kadra tot war, weil sie fortgelaufen war und ich ihr noch sofort nachgeeilt war, um sie zu finden, brannte wie Säure in meinen Venen.
Eine weitere Wahrheit, für die ich nie Vergebung erfahren durfte.
»Es ist wahr.« Gardrawath schmunzelte. In seinen Augen blitzte der Wahn wie ein Sternenregen auf. Es waren meine Augen. Die selben, ungleichen, wilden Seelenspiegel, die auch mein Gesicht zeichneten. »Dein kleines Mädchen ist weggelaufen und ich habe deinen Bruder nach ihr geschickt. Er war der letzte, loyale Diener dieser Familie. Er spürte sie auf, und als du nicht wiederkamst, schickte er sie ins ewige Dunkel. Danach ging er zum Portal, um sein Glück zu versuchen, und verbrannte lichterloh.«
Wie meine anderen Brüder auch. Und doch schien es diesmal gerecht zu sein. Ein kleiner Trost. Doch meine Seele weinte.
»Sag mir, wie ich den Bann brechen kann«, flüsterte ich. »Ich bin der letzte Sohn, der dir bleibt.«
»Und du wirst der sein, der mein Andenken weiterführt, ob du willst oder nicht. Du hast gar keine Wahl. Und der Tod ist für dein naives Kämpferherz nie eine Option gewesen.«
Ich sah, wie sein Blick von meinem Gesicht zu einem Punkt hinter mir glitt, und wollte mich abwenden, doch es war zu spät.
Hinter mir erklang ein schleifendes Geräusch. Mit der Wucht eines Hammerschlages traf der gehärtete Stahl eines Schwertes mein Herz und drang knirschend durch meinen Leib hindurch. Ein Schmerz, den ich fast vergessen hatte, fuhr durch mich hindurch und lähmte mit solcher Kraft all meine Glieder, dass ich mich nicht halten konnte. Meine Knie gaben nach und ich stürzte vornüber gegen das Gitter. Ein Knurren entwich meiner Kehle. Hitze schoss durch die Wunde in mein Innerstes und verätzte meinen Körper wie Feuer.
»Es tut mir so leid, mein Sohn«, erklang die Stimme meiner Mutter hinter mir. »Aber ich bin all der Streitigkeiten müde geworden und im Angesicht des Todes ist es einfacher, den letzten Sohn zu opfern, als den Mann, den man seit Jahrtausenden liebt.« Sie war hinter mich getreten, neigte sich vor und berührte mit ihren Lippen flüchtig meine Stirn. »Bitte verzeih mir.«
Dann umfing Finsternis meine Welt, während der Schmerz eins wurde mit dem ohrenbetäubenden Rauschen der Wellen.

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beta
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