Animalrider (31)

10. Kapitel                                         

Als der Kojote wieder verschwunden war, spürte Marc auf einmal eine tiefe Leere in sich. Er vermisste das Tier, dass doch tatsächlich mit ihm gesprochen hatte. Er glaubte es immer noch kaum, dass dies wirklich passiert war. Hatte er sich das nicht nur eingebildet? Nein, es war irgendwie so real gewesen! Frank, sein Mentor hatte ihm mal gesagt, dass das Sprechen mit Tieren zu den Fähigkeiten eines Animal Riders gehöre. Doch bisher hatte Marc noch nie mit Tieren gesprochen.

Auf einmal musste er an Nathalie denken und ein seltsames, warmes Gefühl zog in sein Herz ein. Warum dachte er jetzt gerade an sie? Was hätte sie wohl zu seinen Erlebnissen gesagt? „Wenn sie wüsste, dass ich hier in Amerika bin, irgendwo in den Badlands, fern vom Rest der Welt, auf der Suche nach meiner Vision... würde sie mich wohl für verrückt halten?“ Irgendwie glaubte er, dass sie noch die einzige gewesen wäre, die das alles verstanden hätte. Er dachte an seine Freunde und Kameraden, an seine Familie und... plötzlich wurde ihm klar, dass er niemandem all das was er hier erlebte, hätte anvertrauen können, ausser... ja ausser eben Nathalie…

Er schaute hinauf in den Himmel, über den einige Wolken zogen und auf einmal sah er ganz deutlich das Gesicht Nathalies vor sich. Es war ein so schönes, ausdruckvolles Gesicht. Plötzlich überkam ihn grosse Trauer und Wut, Wut auf sich selbst. „Ich Narr!“ sprach er vor sich hin und ein schluchzender Seufzer entrang sich seiner Brust. „Ich habe alles kaputt gemacht!“ dachte er bei sich. „Ich habe mich an mein altes Leben geklammert, obwohl Nathalie mir ein ganz neues Leben hätte geben können. Ich aber habe sie abgewiesen. Warum nur habe ich das getan? Warum wies ich den einzigen Mensch ab, der mich bis tief in meine Seele hinein verstanden hätte? Was wissen meine Freunde, ja auch meine Familie schon von mir? Ich habe ihnen nie mein wahres Wesen gezeigt. Ich war nicht echt, aus Furcht zuviel von mir preisgeben zu können. Auch bei Nathalie habe ich das schlussendlich getan Und... nun ist es zu spät!“ Diesmal schluchzte er laut auf und ihm war, als würde sich auf einmal seine ganzes Inneres nach aussen kehren. Hier in dieser einsamen Wildnis, nur allein mit der Natur und dem Grossen Geist, konnte er nichts mehr verstecken. Er war nackt, nackt und jegliche Ablenkung fehlte.

Er sah seine Schuld vor sich, all die Fehler, die er in seinem Leben schon begangen hatte. All die Dinge die er getan hatte, dabei das Wichtigste ausser Acht lassend. Er warf sich zu Boden und das erst Mal in seinem Leben weinte er, weinte er wie ein kleines Kind. Er schrie seinen Schmerz hinaus, schlug mit den Fäusten auf den kühlen Boden- die kühle Erde unter sich, die geduldig und ohne Klagen seine Schläge absorbierte. Er sehnte sich nach dieser Ruhe, dem Frieden dieser stillen Erde. Er wälzte sich hin und her, netzte sie mit seinen Tränen, die in Ströhmen flossen; ganz in seinem Elend gefangen und doch wissend, dass dieses Tränen ihn befreien konnten. Die Steine auf seiner Seele und seinem Herzen lösten sich immer mehr auf und wurden vom Strohm seiner Trauer hinfortgeschwemmt. Es wurde ihm zunehmends etwas leichter zumute, jetzt da er all sein Leid all seine Trauer und Wut dem Grossen Geheimnis, das alles durchdrang darbrachte.

Noch eine Weile wälzte er sich hin und her, doch dann kehrte auf einmal Ruhe in ihn ein. Er drehte sich auf den Rücken und blieb einfach so liegen, den Himmel und die Wolken betrachtend, die bereits die rosa Färbung der Abendsonne annahmen.

„Was ist meine Sonne?“ fragte er in die Stille hinein. „Was ist meine Sonne?“ Und dann auf einmal glaubte er der Antwort näher zu sein, als bisher zuvor. „Nathalie hat etwas mit dieser Sonne zu tun. Aber... nicht nur sie allein. Da ist noch mehr... Ich muss diese Sonne finden. Ich muss sie finden...!“

Diese Worte wiederhallten in seinem Kopf, immer und immer wieder. Schliesslich übermannte ihn eine seltsame Müdigkeit und... er schlief ein.

Und dann...hatte er einen seltsamen Traum: Er befand sich in einem tiefen Canyon der Badlands. Die zackigen Felswände erhoben sich links und recht von ihm. Und dann auf einmal sah er sie! Eine grosse Antilope mit einem hellbraunen Fell und einem weissen Bauch der von einen schwarzen Streifen umrahmt wurde. Ihre Hörner waren lang und spitz. Die samtenen, tiefgründigen Augen blickten ihn unverwandt an. Irgendwie glaubte er zu ihr hin gehen zu müssen. „Wer bist du?“ fragte er. „Ich bin das Tier deines richtigen Handelns,“ war die etwas rätselhafte Antwort. „Was...ist damit gemeint?“ „Ich bin es die dir helfen will deine Sonne zu finden.“ „Was ist meine Sonne denn genau?“ Das ist eben die grosse Frage. Einen Teil der Antwort hast du schon gefunden.“ „Ja...es hängt mit Nathalie zusammen, aber ich weiss nicht genau was es ist.“ „Oh doch, eigentlich weisst du es schon.“ „Nein! Das tu ich nicht. Sonst wäre ich wohl nicht hier, oder?“ „Deine Seele weiss es, doch du musst deine Seele auch hören. Versuche dich mal ganz von aller irdischen Schwere zu lösen und in dich hinein zu horchen. Was... hörst du dann?“ Marc versuchte zu tun, was die Antilope ihm sagte. Schliesslich meinte er: „Es ist irgendwie, als würden Nathalie und ich uns schon viel länger kennen, als nur dieses Leben. Da ist so eine Verbundenheit zwischen uns gewesen, als wir uns das erste Mal trafen...“ „Doch du hast die Gefühle, die dich damals bewegten nicht ernst genommen,“ gab die Antilope schlicht zur Antwort. „Nein...wohl nicht,“ gab Marc zerknirscht zurück. „Du hast sie nie mehr angerufen, nicht wahr?“ „Nein,“ erwidertet der junge Mann mit nun erstickter Stimme. „Warum aber, hast du das nicht getan?“ „Ich kann es auch nicht richtig beschreiben.“ „Könnte es vielleicht sein, dass du eine ganz bestimmte Angst hattest?“ Marc versuchte ganz auf seine Seele zu lauschen und dann erwiderte er. „Ja...ich glaube, dass da eine Angst ist. Ich...kann auch nicht genau sagen welche.“ „Was sagte denn deine Seele dazu?“ „Sie sagt mir... dass ich wohl Angst vor dem wirklichen Einlassen auf einen Menschen habe.“ „So ist es. Du hattest Furcht davor zuviel von dir preiszugeben und dadurch verletzt zu werden.“ „Ja, das mag stimmen.“ „Es stimmt. Du suchst deine Sonne?“ „Ja, das sagte ich ja.“ „Kannst du dir noch immer nicht vorstellen, was diese Sonne sein könnte?“ Marc dachte angestrengt nach. Die Antilope hakte nach. „Was wäre nun, da du deine Seele befragst, das richtige Verhalten gegenüber Nathalie gewesen?“ „Ich hätte sie anrufen sollen und... ihr vielleicht erklären, was mich bewegt, was... ich wirklich für sie empfinde. Doch...das konnte ich nicht. Ich hätte es nicht ertragen können, wenn sie mich abgewiesen hätte.“ „Du hattest also Angst von ihr abgewiesen zu werden?“ „Ja, das sagte ich gerade!“ „Aber wäre es nicht doch besser gewesen, das Risiko einzugehen?“ „Nun ja...vermutlich schon.“ „Du siehst das richtig Marc. Es wäre das richtige Handeln gewesen. Du solltest wirklich lernen richtiger zu handeln, denn du hast alle Antworten in dir. Du hättest Nathalie deine Liebe zeigen sollen. Es kann immer sein, dass man abgelehnt wird, was in eurem Falle aber wohl nicht passiert wäre.“ Du meinst, sie hätte meine Gefühle erwidert?“ „Ja, das hätte sie wohl. Doch nun... hast du eine Chance leider vertan. Es wird nun viel länger dauern, bis du sie erneut erobern kannst. Und das nur... weil du nicht richtig gehandelt hast. Nun gilt es in Zukunft besser zu handeln. Nur wenn du das richtige Handeln lernst, kannst du auch deine Sonne finden.“ „Aber was ist nun diese Sonne?“ „Willst du in Zukunft lernen besser zu handeln?“ „Ja. Das will ich, jedenfalls bemühe ich mich.“ „Dann wirst du deine Sonne bald finden. Ich werde dich jetzt wieder verlassen. Denk über meine Worte nach und... besuche mich Morgen noch einmal während du meditierst, dann werde ich dir Einblick in deine Vergangenheit erlauben, in eine...viel fernere Vergangenheit, als jene die du kennst. So leb denn wohl und erwache wieder! Es wird in der Nacht kalt draussen...“

 

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