Ankunft im Sommerlager

Doch Nashoba benötigte mehr als nur eine helfende Hand. Er wandte sich wieder seinen mentalen Kräften zu und suchte Kontakt zu Onatah[7] , der alten, geschätzten Heilerin seines Stammes.
Ihre Präsenz war weitaus schwerer auszumachen, da sie selbst unter den Wolfsmagiern eine Ausnahme darstellte. In ihr verbanden sich die Kräfte der Wolfsmagie mit der der Dämonenkrieger und der Schwertmeister. Sie war ein Kind zweier Magier mit verschiedenen Kräften und lebte schon seit Jahrhunderten als mächtige Medizinfrau und enge Beraterin des Minágis bei den Inokté.
Nashoba wusste, dass das Alter für Onatah eine Belastung bei der Lösung der Aufgabe sein würde, die er ihr stellen musste. Aber er zweifelte nicht, dass auch sie seinem Ruf nachkommen würde.  Und natürlich irrte er sich nicht. Zielstrebig fuhr er nun fort, seinen Plan umzusetzen.
Während Tahatan und Onatah sich auf verschiedenen Wegen zu dem gewünschten Treffpunkt aufmachten, hüllte sich Nashoba in seine eigene schützende Aura und hob die Heilerin aus dem gestrandeten Boot. Schnellen Fußes erklomm er die Steilküste und machte sich mit seiner Last, die für ihn ein Leichtes war, auf den Weg ins Landesinnere. Hier gab es ein Jagdlager, das er mit seinen Gefährten während der Sommermonate oft aufgesucht hatte.
Nun, im letzten Sonnenlicht des Herbstes war es zwar verlassen, jedoch mit all dem ausgerüstet, was sie für die nächsten Tage und vielleicht Wochen zum Überleben benötigen würden.  Onatah würde all ihre notwendigen Heilkräuter und Medizinbündel bei sich tragen und zusammen mit Tahatan wäre es sicher ein leichtes, die Sicherung der Grenzen voranzutreiben und gleichzeitig für Sicherheit und Nahrung im Camp zu sorgen.
Nashoba lief zügig, bis er die erste Quelle auf seinem Weg erreichte. Hier machte er Halt und bettete die Heilerin in das von der Sonne erwärmte Moos. Er schöpfte Wasser und rieb es vorsichtig auf Wangen und Stirn der erschöpften Frau. Im Stillen bewunderte er die Ebenmäßigkeit und Schönheit der hellen Gesichtszüge.
Versunken berührte er das blonde, glatte und volle Haar, das der Heilerin bis zu den Hüften reichte. Nach einiger Zeit zeigte die erfrischende Wirkung des Wassers Erfolg und die junge Frau öffnete die Augen. Tiefblaue Seen schauten Nashoba an, ein Blick, in dem er sich leicht verlieren könnte. Dessen wurde er sich bald bewusst.
Er hielt ihr vorsichtig den frisch gefüllten Wasserschlauch an die Lippen und betrachtete sie, während sie langsam Schluck für Schluck trank. Sie schien ohne Angst zu sein. Doch sie sprach nicht, sondern fiel schnell wieder in einen tiefen Schlaf. Offenbar träumte sie, denn er hörte sie unverständliche Laute und einzelne Worte murmeln. Nachdem er sich selbst ebenfalls erfrischt hatte, nahm Nashoba seine Last wieder auf und folgte dem Weg zum Sommerlager.

Stunde um Stunde lief er durch die herbstbunten Laubwälder. Die Landschaft wandelte sich zunehmend von üppigem, feuchtem Küstenwald hin zur eher trockenen Taiga des Innlandes. Nashoba genoss die Sonne auf seinem Nacken.
Während seines Laufs blieb ihm viel Zeit, Gesicht und Wesen der Frau in seinen Armen zu studieren. Er erinnerte sich an den tiefblauen Blick und roch den Duft ihres langen Haares, das ihn an bleiche Späne eines hellen Holzes  erinnerte.  Noch war es dem Minági nicht bewusst, aber die Schönheit der Heilerin begann eine sanfte Anziehung auf ihn auszuüben.

Aus verschiedenen Richtungen trafen sie im späten Nachmittagslicht des Herbsttages im Jagdlager ein. Die Sonne brach sich in den gelben Blättern der Birken, die die Gebirgshänge Ipiocas locker bedeckten. Hier und da schimmerten Pilze durch das bunte Laub. Der Herbst war golden und wie geschaffen für einen Aufenthalt in der Abgeschiedenheit der bergigen Wildnis.
Als Nashoba auf die Lichtung trat, kam ihm Tahatan bereits entgegen. Er hatte ein Tipi aufgeschlagen und ein Feuer entzündet. Weißer Rauch kräuselte sich über den Zeltstangen. Zwei Pferde grasten am Rand der Wiese und ein Travois[8] wartete neben dem Zelt.
Die beiden Inoktékrieger traten aufeinander zu und begrüßten sich. Wie Nashoba gehörte auch Tahatan zu den größten und stärksten Männern seines Stammes. Er mochte kaum eine halbe Handbreite kleiner sein als der Minági und während sein Gesicht einen wachen Verstand offenbarte, verriet ein Blick auf seinen Körper, dass er ebenso wie sein Freund und Anführer über unerschöpfliche Kräfte verfügen konnte.
Tahatan nahm Nashoba die Last aus den Armen. Der Minági streckte sich nach dem langen Lauf, bis seine Schultern in den Gelenken knackten. Dann warf er einen weiteren langen Blick auf die fremde Frau, die nun von seinem Freund gehalten wurde. Ein schmales Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Einen solchen Fund habe ich an unserer Küste noch nie gemacht“, begann er. „Wer hätte gedacht, dass eines Tages an unseren Ufern ein Boot von Dakoros stranden würde?“
Der von ihm Angesprochene nickte. „Eine seltsame Sache …“ Er zögerte. „Und ein ziemliches Risiko für eine Frau, sich  allein auf das Meer hinaus zu wagen. Ob sie die Strömungen nicht kannte?“
Nachdenklich betrachtete er das Wesen in seinen Armen. „Ich bin dir wirklich dankbar, dass du so schnell gekommen bist, Tahatan.“
Nashoba folgte dem jüngeren Inokté, der sich inzwischen dem Tipi zugewandt hatte.
„Es wäre schwierig geworden, sie hier aufzunehmen, wenn ihr, du und Onatah, mir nicht dabei helfen würdet.“
Tahatan nickte. „Schon gut! Es schützt schließlich uns alle, wenn du ein fremdes Wesen wie sie nicht sofort ins Dorf bringst.“
Der Wolfskrieger runzelte nachdenklich die Stirn. „Ich kann nicht verstehen, wie sie an unsere Küste gelangen konnte.“ Er machte eine zögernde Pause. „Selbst wenn man noch so ungewöhnliche Strömungen und Windverhältnisse voraussetzt, hätte sie niemals so weit nach Norden gelangen dürfen.“
Nashoba nickte. „Es sei denn, sie wollte es so … Doch lass sie uns erst einmal hinein bringen. Dann können wir immer noch reden.“
Tahatan trug die junge Frau ins Tipi und bettete sie auf die reichlichen Felle und Decken, die er dort bereits ausgebreitet hatte. Nashoba griff sich einen Wasserschlauch und nahm einen ausgiebigen Schluck. Dann wandte er sich an seinen Freund, der ihn erwartungsvoll anblickte und berichtete, was ihm seit dem frühem Morgen begegnet war.
Tahatan runzelte die Stirn und dachte über das Gehörte nach. Auch wenn Nashoba nicht alles ausgesprochen hatte, was er dachte oder vermutete, so war es Tahatan ebenfalls klar, dass sein Freund Probleme voraussah und er sich für diesen abgelegenen Ort entschieden hatte, um den Stamm zu schützen.
„Nun, es war bestimmt vernünftig, sie hierher zu bringen. Wenn sie wieder zu Kräften kommt, wird ihre Aura hier leichter zu verbergen sein. Das würde uns gerade noch fehlen, dass die Chromnianer sie entdecken und uns angreifen, um sie in die Hände zu bekommen. Es hat mich schon immer erstaunt, dass sich die Heiler noch nie die Mühe gemacht haben herauszufinden, wie sie ihre Aura vernünftig verbergen können.“
Nashoba lächelte und nickte zustimmend. „Ja wirklich! Das ist mir auch ziemlich unverständlich. Aber vielleicht sind ihre Kräfte von unseren ja so verschieden, dass sie es gar nicht können? Das Sommerlager können wir jedenfalls noch einige Wochen benutzen, bevor der Wintereinbruch kommt. Bis dahin werden wir eine Lösung gefunden haben. Vielleicht wird sie auch schnell weiterziehen. In ihrem Boot waren Dinge, die nach einer Wanderung oder einer Flucht aussahen. Wertvolle Dinge.“  
Er sah Tahatan auffordernd an. „Und auch deshalb habe ich dich um Hilfe gebeten. Es sind einige hundert Setzlinge in dem Boot und wasserdichte Truhen. Das alles sollten wir bergen und die Pflanzen sollten wir am besten zu Utina  bringen. Sie wird uns nicht bedrängen, etwas über deren Herkunft zu erfahren, wenn wir nicht darüber sprechen wollen. Und sie hat die meiste Erfahrung mit exotischen Pflanzen in ihren Gewächshäusern und wird wissen, welcher Pflege die Setzlinge bedürfen.“

Es war eine Besonderheit der Inokté, dass sie gelegentlich Dinge aus den benachbarten Provinzen in ihr naturnahes, einfaches Leben integrierten. So hatten sie Treibhäuser und die Veredlung von Saatgut bereits vor einigen Jahrzehnten für sich akzeptiert und hatten diese Art von sanftem Fortschritt nicht bereut. Insgesamt aber lebten die Stämme noch immer wie vor vielen Hunderten von Jahren und wiesen alle Neuerungen, die ihr wildes, ungebändigtes Land schädigen konnten, nachdrücklich von sich.

Tahatan und Nashoba entzündeten vor dem Zelt ein kleines Feuer, an dem sie sich niederließen. Für eine Weile sprach keiner von beiden. Jeder ging seinen Gedanken nach und versuchte einen Blick in die Zukunft zu erhaschen.
„Wir werden die Grenzen intensiver sichern müssen“, sagte Tahatan schließlich in die Stille hinein.
Nashoba stimmte seinem Freund sofort zu. „Ja. Daran habe ich auch schon gedacht. Es ist in letzter Zeit viel zu ruhig. Als ob sie etwas Größeres planten … Heute Morgen dachte ich daran, mit Archon  zu sprechen …“
Tahatan hob erstaunt die Augenbrauen. „Diese ungewöhnliche Friedlichkeit stört dich also auch …“
Er strich sich über einen seiner rabenschwarzen Zöpfe. "Es ist viel zu ruhig an den Pässen für diese Jahreszeit.  Ich werde mit den Wächtern Kontakt aufnehmen. Chaska[9] ist im Moment mit seinem Rudel am Pass der jammernden Winde. Wir werden ihm noch ein paar Männer schicken und seine Position auch im Hinterland durch mehr Waldgänger verstärken. Dann sollte uns nichts entgehen. Ich werde gleich morgen zu ihm aufbrechen, sobald wir das Boot geborgen haben.“
Die Krieger ließen sich am Feuer nieder und während die Heilerin im Tipi ihrer Genesung entgegen schlief, planten die beiden Männer detailliert ihre Aktionen für die kommenden Tage.


[7] Onatah: Iroquois –Tochter der Erde
[8] Travois: typisches indianisches Transportmittel ohne Rad – näheres in den „Anhängen und Quellen“
[9] Chaska: Sioux – Der älteste Sohn

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media