Ankunft in Straumfjorður

Von der folgenden Nacht blieb Rúna nicht das Geringste in Erinnerung. Thorstein hatte dafür gesorgt, dass sie warm zugedeckt war und in regelmäßigen Abständen Wasser eingeflößt bekam. Mehr konnte keiner auf dem Boot für sie tun; mehr hätten sie auch nicht für ihre eigenen Leute tun können. Ein Kriegsschiff wie die Ragnarsúð war eben kein Handelsschiff, das Platz für allerlei zusätzliche hilfreiche und unnütze Utensilien bot. Auf der Súð gab es nur Männer, Waffen, Vorräte und Beute. Der Platz war begrenzt und wenn sie nicht ohne Schätze nach Hause zurückkehren wollten, mussten sie auf jedes unnütze Bredsetting(1)  verzichten.

Dennoch hätte sich Torstein gewünscht, mehr gegen das Fieber tun zu können. Wenn sie schon in Straumfjorður wären, hätte eine der heilkundigen Frauen bestimmt Rat gewusst. Doch was dachte er da? In Straumfjorður würde Ragnar die Kleine mitnehmen und sie würde im Haushalt des Jarl verschwinden, bis sie - alt und faltig - in einigen Jahren von ihm die Freiheit bekam. So machte es Ragnar doch immer! Wenn sie unansehnlich wurden, ließ er sie gehen. Nicht, dass es der Jarl nötig gehabt hätte, sich schöne Sklavinnen für sein Bett zu suchen. Oh, nein! Seine Lathgertha war mindestens ebenso schön, wie Snót es gewesen war. Dennoch umgab sich sein Anführer nur mit schönen Frauen und das fiebernde Mädchen passte gut in dieses Bild. Torstein fluchte leise. Ihm konnte es egal sein, selbst wenn der Jarl sich ein Dutzend junge Sklavinnen hielt. Er hätte ja auch eine für seinen Hof auswählen können. Gelegenheit dazu hatte es im letzten Dorf auch für ihn gegeben.

Der Steuermann nutzte die letzte Nacht, um sich noch ein Trinkhorn voll Bier zu genehmigen, dann sah er still zu, wie die große, rotgoldene Sonne im Osten aufging. Der letzte Tag auf See war angebrochen. Thorstein war sich nicht sicher, ob er sich freuen sollte, wieder nach Hause zu kommen, oder enttäuscht, dass die Fahrt zu Ende ging. Sobald er auf den Moorseehof zurückgekehrt war, stand er erneut alleine da. Mit stillem Grauen dachte er an jenes Stück Land, dass er von Ragnar bekommen hatte, nachdem er sich bei einem Raubzug zu den nordischen Inseln bewährt hatte.

Damals war er mit nur wenigen Männern zum Schutz der Ragnarsúð am Strand zurückgeblieben, während alle anderen zur Plünderung einer schon vom Meer aus sichtbaren Siedlung aufgebrochen waren. An jenem Tag aber waren sie zu unüberlegt und siegessicher vorgegangen. Die vermeintliche Siedlung war ein aufgegebenes Dorf, dessen Bewohner inzwischen zum Schutz vor Plünderern und vor den Wetterunbilden tiefer ins Landesinnere gezogen waren. Doch die Bauern hatten Erfahrungen gesammelt und von einem alten Turm aus beobachteten Wachen im Sommer das Meer. Diese hatten die Bewohner gewarnt und deren Plan war so gewitzt gewesen, dass sie sich nicht den Räubern stellten, sondern dort zuschlugen, wo es die Plünderer am meisten verletzten würde - bei ihrem Schiff.

Das alles hatte Ragnar aus einem der Angreifer herausgeprügelt, nachdem er, Thorstein, es zusammen mit den wenigen anderen nur knapp geschafft hatte, die Súð zu verteidigen. Sie hatten schließlich das Schilf in Brand gesteckt, um Ragnar und seine Männer auf das Dilemma aufmerksam zu machen und sie zurückzurufen. Und der Jarl war zuverlässig genug gewesen, sie nicht im Stich zu lassen. Als Lohn für den Erhalt seines wertvollen Schiffes hatte er dem Freund einen nahe bei Straumfjorður gelegenen Hof übereignet, der zu seinem Land gehört hatte und von dessen Gesinde bewirtschaftet wurde. Die Männer und Frauen waren ebenso an ihn übergegangen wie das gesamte Vieh - ein halbes Dutzend bunter Rinder, eine kleine Herde Schafe und zwei geduldige, rostfarbene Pferde, die auf die Namen Skinfaxi und Hrimfaxi(2)  hörten.

Snót hatte die beiden geliebt. Wann immer es ihre Zeit zuließ, war sie mit Hrimfaxi über den Strand galoppiert. Es kam Thorstein vor, als läge diese Zeit schon Jahrhunderte lang zurück, auch wenn seither erst zwei Jahre vergangen waren. Der Hof lief mehr schlecht als recht. Doch er wusste, dass er selber daran schuld war. Viel zu oft überließ er dem alten Teitr die Leitung des Tagwerks und fuhr lieber mit Ragnar zur See. Er ertrug es einfach nicht, dort zu sein, wo er einstmals glücklich und jetzt nur noch einsam war.

Am schlimmsten aber waren die Winter. Dann, wenn sie in ihren Häusern und Hütten festsaßen, der Sund zugefroren war und es nicht zu tun gab, außer  das Vieh zu füttern und die Waffen und Werkzeuge zu reparieren.
Mit Snót zusammen hatten ihm selbst die langen Wintermonate gefallen. Tagsüber konnten sie gemeinsam am Feuer sitzen und bei ihrer Arbeit sangen sie Lieder, die von den alten Sagas und deren Helden berichteten. Abend krochen sie zeitig in die Betten und kuschelten sich unter den Fellen und Decken eng zusammen, um der Kälte zu entgehen und einander zu spüren. Snót sein Begehren zu zeigen und sie in diesen langen Nächten zu besteigen, war für Torstein ein unvergleichlicher Genuss gewesen. Und sie hatte ihm mit großer Hingabe zurückgegeben, was er ihr schenken konnte.

Dann aber hatten sie herausgefunden, dass sie sein Kind trug. So glücklich diese Zeit der Erwartung begann, so schrecklich war ihr Ende. Sie schloss damit, dass die Leichname seiner Frau und seines neugeborenen Sohnes am Strand brannten und die Wellen der schnell einsetzenden Flut auch noch den letzten Aschehauch davontrugen. Nichts war mehr übrig geblieben von dem, was er von Herzen geliebt hatte.

Thorstein nahm einen neuen Schluck aus dem Horn und betrachtete die schlafende Sklavin nachdenklich. Was machte es schon, wenn Ragnar sie nun auch noch bekam? Selbst wenn er sie gefunden hätte, seine Snót konnte nicht durch eine dahergelaufene Fremde ersetzt werden.

Mühsam kam der Steuermann auf die Beine und schloss sich jenen an, die inzwischen damit begonnen hatten, das Schiff in einen vorzeigbaren Zustand zu bringen. Dazu gehörte es vor allem, die Schilde außen am Rumpf aufzuhängen, um Herkunft und Stand zu zeigen und Ragnars Flagge zu hissen.
Thorstein machte sich nicht die Mühe, wie viele andere ein wertvolles Fell oder einen Mantel umzulegen, um einen besseren Eindruck zu machen. Ja, er hielt es nicht einmal für nötig, sich Gesicht und Hände zu waschen. Es gab niemanden, der ihn am Hafen erwarten würde. Nach dem Fest der Ankunft, bei dem er wie immer mit in Ragnars Halle zum Feiern käme, würde er sich - auch wie immer - still davonschleichen und sich nach der Tageswanderung ins Landesinnere erst einmal so richtig betrinken. War dann der schlimmste Schmerz betäubt, konnte er sich daran machen, mit Teitr das Nötigste für den kommenden Winter zu planen.

Hin und wieder würde er nach Straumfjorður zurückkehren, um sich darum zu kümmern, dass auch die Ragnarsúð winterfest gemacht wurde. Dabei musste er zunächst dafür sorgen, dass das Bootshaus  intakt war. Dann wurde der Mast der Súð als erstes an Land gebracht. Aufbauten und Ruderbänke folgten, bis dann nur noch der mit Meerwasser vollgesogene, von kleinen Muscheln überzogene Rumpf aus dem Hafenbecken gezogen werden musste. Thorstein grinste leicht, als er daran dachte, dass er dann zumindest noch für die Instandsetzung dieses Rumpfes in Straumfjorður bleiben konnte. Alles, was ihm vom Moorseehof fern hielt, erschien ihm in diesem Herbst gut. Die Angst vor der Einsamkeit des Winters war dieses Mal noch größer als im vergangenen Jahr.

Straumfjorður kam in Sicht und die Ruderer legten sich laut singend in die Riemen. Den Männern stand die Freude über die Ankunft ins Gesicht geschrieben. Auch Ragnar gehörte zu jenen, die nun den hölzernen Anlegern entgegenfieberten.
"Ich werde die kranke Frau zur Völva(3)  bringen", erklärte sich Thorstein freiwillig bereit. "Begrüße du nur deine Familie."
Ragnar, der nur halb hingehört hatte, nickte zustimmend. Ihm war alles recht, was ihn nicht von seiner Familie abhielt. Und dass Thorstein bereit war, sich um das kranke Mädchen zu kümmern, mochte schon ein erstes gutes Zeichen sein. Wenn die Götter es so wollten, würde er seinem Steuermann vielleicht bald besser gehen.
"Sie heißt Rúna", ließ er den Freund noch wissen, dann sprang er an den anderen Gefangenen vorbei nach vorn und nahm jene Position am Bug ein, die nur ihm, Ragnar Loðbrók, dem Jarl von Straumfjorður, zustand.
Und die Begrüßung fiel aus, wie sie es erwartet hatten. Ungeduldig und jubelnd lief das Volk um Ufer zusammen. Die Familien des Jarls und der wichtigsten Männer auf der Ragnarsúð standen mit strahlenden Gesichtern auf dem Anleger, der dem Schiff des Anführers vorbehalten war.
Thorstein folgte dem Schauspiel still. Vielleicht, irgendwann, würde auch ihn hier eine Familie erwarten? Doch darüber wollte der Krieger heute nicht nachdenken. Nachdem man die Beute und die anderen Gefangenen vom Boot gebracht hatte und Ruhe am Ufer eingekehrt war, schob er seine kräftigen Arme unter den schwachen Körper der immer noch fiebernden Frau und hob sie ebenfalls von Bord.


(1) Bredsetting - altes nordisches Maß, Setting war ein Kornmaß. Die regionalen Unterschiede waren groß. Das Maß reichte von 2,7 bis 8,1 l. Es gab auch kleinere Einheiten, das Bredsetting = 3/4 Setting.

(2)   Beides sind Namen aus einer Sage, wie Tag und Nacht entstehen, entlehnt:
" Jeden Morgen fährt Dagr ("Tag") mit seinem Wagen, dem das Ross Skinfaxi ("Leuchtmähne") vorgespannt ist, über den Himmel. Die Mähne des Pferdes strahlt so sehr, dass alle Luft und Erde erleuchtet werden. Am Abend fährt Dagrs Mutter, die schwarze Riesentochter Nott ("Nacht"), vor. Sie fährt die ganze Nacht so wild mit dem Ross Hrimfaxi ("Reifmähne"), dass ihm der Schaum vorm Maul steht, welcher dann als Tau auf die Erde tropft."
Quelle: http://www.ribevikingecenter.dk/de/wissen/hof-die-tiere.aspx

(3) Völva ist der altnordische Begriff für eine Seherin, Wahrsagerin, Hexe, Zauberin, Prophetin oder Schamanin

Kommentare

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    Eine Geschichte so, wie ich das von dir gewohnt bin. Angenehmer Schreibstil, gut recherchiert, (Wie immer Klasse die Erklärungen) und Charaktere, die man gerne durch die Geschichte begleitet.

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    Und nochmals: ich freue mich auf die Fortsetzung! :-)

beta
Feenstaub

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