Ankunft und Zeremonie

Viele Köpfe blickten auf mich herab. Ich konnte sie nicht erkennen und sie schienen etwas zu mir zu sagen, das ich nicht verstehen konnte, als sich meine Augen für kurze Zeit öffneten.
Als ich die Augen wieder öffnete war ich allein. Versuchend mich aufzusetzen durchfuhr ein stechender Schmerz meine Schulter und ich sackte wieder aufs Bett zurück. Ich hatte meine Schulter ganz vergessen. Nun fiel mir auf, dass ich im Zug in meinem Abteil lag.
Zu meiner Verwunderung, waren mein Gilet und mein Hemd aufgeknöpft. Gerade, als ich mit der rechten Hand meine verletzte Schulter abtastete und feststellte, dass die Wunde zwar verheilt, aber der Schmerz noch präsent war, kam Mia, gefolgt von Sari und dem Lokführer, ins Abteil.
Der Lokführer war ein mittelgroßer Mann, ich schätzte ihn auf einen Meter siebzig und er war um die 50 Jahre alt. So genau wusste das keiner. Sein braunes Haar war mit weiß durchwachsen, genauso wie sein großer, flauschiger Vollbart. Breite Schultern, die wie seine Arme voller Muskeln waren. Sein Oberkörper wurde verziert durch einen dicken Bauch. Sein kariertes Flanellhemd und eine graue Arbeitshose ließen ihn wie einen netten, alten Mann wirken, der immer wieder gern hilft. Sein Name war Claus. Keiner wusste so genau, was er war, aber jeder mochte den alten Mann.
Hinter den dreien waren viele Schüler im anliegenden Abteil versammelt und wollten einen Blick erhaschen, um etwas erzählen zu können. Claus schloss die Tür hinter sich und ließ das Rollo herunter, sodass keiner reinsehen konnte.
Versuchend mich nochmal aufzurichten, sagte ich voller Anstrengung: »Ich wollte …«
»Sie, Sir… wolltest gar nichts. Wenn Sie so weitermachen, muss ich Sie fixieren.«, unterbrach mich Mia. Ihr Blick war voller Sorge um mich, was mich lächeln ließ.
»Lass ihn sich doch aufsetzen. Dank ihm leben wir alle noch.«
»Nein Sari, er muss sich ausruhen. Wir wissen nicht, warum er bewusstlos wurde. Vielleicht ist er ja krank oder so.«, sagte Mia und zuckte mit den Schultern.
»Woher soll ich das denn wissen.«, seufzte Sari und griff sich mit der rechten Hand ins Gesicht.
Claus kam währenddessen mit schweren Schritten auf mich zu, sodass er auf Augenhöhe mit mir war und kniete sich hin. Ich wandte mich ihm so gut es ging zu und blickte ihm in seine braunen Augen. »Es tut mir leid. Es war meine Schuld, dass uns der Drache bemerkt hat.«, sagte er mit seiner freundlichen, tiefen Stimme und packte mich mit seiner Linken an meiner gesunden Schulter. »Es ist halb so wild. Mir geht es gut. Nur die zwei da drüben übertreiben mal wieder.«, lächelte ich ihn an.
»HAHAHA …. Dachte ich mir schon, dass du das sagst. Wir sollten in zehn Minuten da sein. Ihr drei solltet euch fertigmachen.«, lachte Claus und ging wieder an die Arbeit. Als sich die Tür wieder schloss sagte ich, während ich mich aufrichtete, ernst: »Was haben sie gesehen?«
»Nur den Kampf, Sir!«, antworteten beide synchron.
»Ok. Gut, das soll auch so bleiben! Wir haben nicht mehr viel Zeit, also bereitet alles Nötige vor und schaut, dass die Schüler sich richtig verhalten.«, sagte ich angestrengt und knöpfte meine Oberbekleidungen zu. Ich hörte die Verbindungstür auf und zu gehen, als ich gerade bei der Hälfte der Hemdknöpfe war. Der Blick aus dem Fenster verriet mir, dass die Sonne bereits aufging. Ein atemberaubender Augenblick, denn der Himmel war in eine Mischung aus rot, orange und gelb getaucht.
Am Horizont konnte man die Türme der Schule im Licht der Sonnenstrahlen erkennen. Leider hatten wir keine Dusche im Zug, daher musste ich voller Blut in die Schule, was es nicht besser machte.
Einige Minuten später wurden wir auch schon langsamer und wir fuhren in den Bahnhof ein, der zwar ca. fünf Minuten entfernt lag, aber sich trotzdem noch am Grund er Schule befand.
Der Bahnhof war kein richtiger Bahnhof, sondern eher eine eingleisige Haltestelle, die an der rechten Seite durch ein Verdeck vor Regen geschützt war.
Ich atmete auf, als wir zum Stillstand kamen. Keiner war verletzt oder tot. Damit war es trotz allem ein guter Tag.
Ich blieb noch einen Moment sitzen, ließ meinen Blick aus dem Fenster schweifen und beobachtete die anderen beim Aussteigen.
»Wenn das Jahr schon so anfängt, kann es nur spannend werden, oder nicht Kyrael?«, seufzte ich. Schwarze Fäden schwirrten durch meine Finger, die ich in die Mitte des Raumes winkte, während mein Blick aus dem Fenster gerichtet war.
Ein Schüler schien sich aus dem Nichts zu materialisieren. Meine Magie legte sich um ihn. Schwarze Blitze zuckten über den sichtbar werdenden Körper des Schülers. Es schien an mehreren Stellen gleichzeig anzufangen.
Meine Aufmerksamkeit bekam er erst, als er vollständig sichtbar geworden war.
»Guten Morgen Prinzessin. Ich soll dich zu deiner Rede, die du halten sollst, abholen.«, schmunzelte er
Von oben bis unten betrachtend zeigte ich ihm den Mittelfinger.
Kyrael hatte schneeweiße Haut, die von schwarzen Linien durchzogen wurde. Sein schmaler Kopf war bedeckt mit langen weißen Haaren und er hatte komplett schwarze Augen. Er besaß kein Augenweiß. Sein Gesicht war schmal mit hohen Wangenknochen und einem spitzen Kinn.
Ein paar der schwarzen Linien verliefen von seinem Oberkörper nach oben über den Hals in sein Gesicht. Er war zwar größer als ich, aber er war auch sehr dünn. Trotzdem konnte dich dieser Mann mit einer Hand locker drei Meter werfen.
Er trug die Schuluniform mit blauem Gilet, aber sie stand ihm nicht gut. Überall, wo man hinsah, entdeckte man Messer, Wurfmesser und an der Hüfte trug er zwei Schlangendolche.
Kyrael war ein Dahag, eine seltene Rasse, die in der Lage ist sich unsichtbar zu machen. Das machte ihn zum geborenen Auftragskiller.
Ich stand gerade auf, um ihn zu umarmen, als er angewidert mit seiner sehr frostigen Stimme sagte: »Bleib bloß weg von mir! Du bist voller Blut und sonst hab ich es auch noch an meiner Kleidung.« Wir lachten beide laut auf.
Kyrael war einer meiner engsten Freunde. Er war ein Jahr länger hier als ich und er hat mir geholfen, als ich neu hier war.
Im ganzen Zug hörte man im Hintergrund eine Glocke.
»Es ist an der Zeit, zu gehen.«, sagte ich mit ruhiger Stimme und ging an ihm vorbei zur Tür. Mit einem kräftigen Ruck ging sie auch schon auf.

Ich sprang die drei Stufen zum Bahnsteig nach unten. Vor mir eröffnete sich links ein buntes Farbenspiel, Bäume mit verschiedenen Farben, rechts eine große saftige Wiese und in der Mitte davon befand sich ein zwei Meter breiter Weg aus roten Pflastersteinen.
Das Geräusch seiner Schritte ließ mich erkennen, dass er mir gefolgt war. Wir folgten dem Weg 5 Minuten lang bis zu einer Abzweigung. Würden wir den Weg weiterverfolgen, würden wir zum toten Sumpf und hinter die Schule zu den Trainingsgeländen gelangen.
Stattdessen schlugen wir den Weg ein, der in einer scharfen Linkskurve in den Wald führte. Je näher wir dem Ende des Weges kamen, desto lauter wurde es.
»Scheiße siehst du aus, Rotkäppchen, aber mach dir nichts raus.«, gab Kyrael spöttisch von sich.
»Ach, was du nicht sagst. Was sollen übrigens die dummen Namen, die du mir immer gibst?«, leicht genervt von ihm wurden meine Schritte schneller. Er klopfte mir auf die rechte Schulter, als er mich eingeholt hatte.
Der Wald links neben uns wurde immer lichter und gab den Blick auf die Schule und den davorliegenden riesigen Hof frei. Die Schule war in vier große Gebäude unterteilt. Mia und Sari warteten bereits am Ende des Weges auf uns.
Mia hob die Hand, aber das Zeichen war nicht für uns gedacht, denn binnen 2 Sekunden danach hörten wir den Lärm lauten Stampfens.
Meinen Hinterkopf kratzend lächelte ich die beiden an: »Die Vorbereitungen sind abgeschlossen nehme ich an?« Als ich die zwei links passierte, legte ich meine gesunde Hand auf Mias Schulter und drückte sie leicht.
Mein Blick fiel zu meinen Füßen, die den Weg zum Hof folgten. Wo noch vor zwei Minuten reger Wortaustausch stattgefunden hatte, war jetzt Stille eingekehrt.
Ich blieb am Ansatz einer Steintreppe nach unten stehen. Es war nicht mein erstes Mal, dass ich hier stand, doch konnte ich meine Aufregung nicht im Zaum halten. Tief einatmend schloss ich meine Augen, fing zum Grinsen an und machte den ersten Schritt.
Die erste Stufe erreichend öffnete ich meine Augen wieder. Sie leuchteten in einem stechenden Rot auf.
Am Ende der Treppe, direkt vor mir, befand sich der riesige Schulhof. Der Rand des Abhangs um den Hof war mit drei Meter hohen Steinsäulen im Abstand zu je fünf Meter bestückt, die ein kleines Dach trugen.
Ich erreichte schließlich den Hof. Mein Blick hob sich nach oben. Links und rechts von mir befanden sich alle neuen und alten Schüler, einen drei Meter Gang formend auf Klappsesseln sitzend.
Am Ende des Ganges befand sich ein großes Podest mit einem Pult in der Mitte. An dem Pult stand der Direktor der Schule, ein Mann mittleren Alters mit blonden Haaren, einem ernsten wettergegerbten Gesicht, in einem grauen Rollkragenpulli und alten Jeans.
Er war dabei, die übliche Begrüßungsrede zu halten. »… nun kommen wir auch schon zum Ende der Einschulungszeremonie.«, schloss er, als er mich bemerkte wie ich durch den Gang auf das Podest zuging, »Wie ich sehe genau zum richtigen Zeitpunkt. An die Schüler, die neu hier sind, lasst mich euch den Schulsprecher und Kopf der 12er Elite vorstellen: Samael.« Seine Hand zeige auf mich, als er meinen Namen aussprach.
Die Menge drehte sich zu mir. Wildes Getuschel entbrannte, als sie mich sahen. Als ich schließlich das Pult erreichte, stand ich alleine hier oben. Der Direktor hatte mir Platz gemacht und Mia, Kyrael und Sari positionierten sich seitlich hinter mir.
Ein ernstes Gesicht machend, legte ich etwas meiner Macht in meine Stimme und begann zu sprechen: »Wie ich nach eurem Getuschel annehmen kann, habt ihr bemerkt, dass ich von oben bis unten voller Blut bin. Um das Ganze daher zu beschleunigen, werde ich es kurz machen. Jahrgang 2 bis 4 kann in ihre Unterkünfte gehen. An alle Neuen, ihr wisst ja jetzt, wer ich bin, daher beginnen wir. Ihr werdet nach eurer Stärke in Klassen 1-3 aufgeteilt, wobei Klasse 1 die Stärksten sind. Gibt es irgendwelche Fragen?« Prüfend suchte ich den Hof nach einem fragenden Schüler ab. Ein junges Ding hob die Hand und sprang dabei eifrig auf und ab.
Sie hatte lila gewellte Haare, die ihr bis zu ihrem Hintern reichten und bei jedem Sprung mithüpften, gelbe Augen, eine leicht violette Haut, spitze Ohren, leicht definierte Wangen, ein spitzes Kinn sowie eine kleine Nase und volle Lippen. Alles in allem ein sehr hübsches Mädchen, doch benahm sie sich gerade sehr kindisch.
Ich nickte ihr auffordernd zu.
»Wie ist dein Name?«
»Silphion, Sir. Wie wird herausgefunden, wer in welcher Klasse ist?«, schoss sie ohne zu zögern heraus.
»Ganz einfach, ihr werdet hier und jetzt darum kämpfen. Ihr dürft nicht töten und den Hof nicht verlassen. Also fangt an. Ihr habt 30 Minuten Zeit, um zu zeigen, was ihr draufhabt!«, ich drehte mich um und ging das Podest hinunter und raus aus dem Hof Richtung Schule.

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