Sie haben Eera auf einen Thron gesetzt. Eine drückende Stille liegt über dem Raum und der sonst so liebliche Duft der getrockneten Feuerrosen und Sommerlilien brennt ihr heute in der Nase. Am liebsten würde Eera aus dem Saal rennen, die großen Marmortreppen hinunter und bis zu den Unterkünften der Diener, wo sie der gewohnte Geruch nach Urin und Moder umgäbe wie eine schützende Mauer. Doch sie bleibt sitzen, reglos wie eine Statur. Nur ihre Finger fahren die Löwenköpfe an den Armlehnen nach, deren Mäuler der Menge im Saal entgegenbrüllen. Sie betrachtet den Mann, der vor ihr niederkniet. Die mit Schweißperlen bedeckte Glatze, den Bauch und die bunten Kleider. Er beugt den Kopf noch tiefer und säuselt mit hoher Stimme ein viel zu langes Dankgebet. Sie wendet sich von ihm ab, starrt stattdessen des Mosaik des Arotos an. Zum ersten Mal meint sie, Grausamkeit in den steinernen Zügen des Gottes zu erkennen.

Abwesend lässt sie den Blick schweifen. Über die Marmorwände und die Säulen, über die Wandteppiche, die in den prächtigsten Farben strahlen. Über die Feuerschalen, die von der Decke hängen und die Hitze nur noch unerträglicher machen. Über die Menschen, die nacheinander vortreten und ihren Dank aussprechen. Vorne die wohlhabenden Händler und einige Mitglieder des alten Adels, dahinter die Gutsherren, die Freien, die Handwerker und das einfache Volk. Etwas abseits stehen die Saren in ihren leuchtend gelben Roben. Die von den Flammen entstellten Gesichter hinter Seidentüchern versteckt, die Blicke leer, als wären sie aus Stein gemeißelt. Man nennt sie die Verbrannten, Aschekinder, gestorben für ihren Gott, innerlich verbrannt, bis in ihnen nichts als kalte Asche blieb.

Sie erschaudert, als sie an die Geschichten über Arotos' Kinder denkt. Geschichten über die Feuerproben und die Rituale, in denen kleine Jungen ihr inneres Licht und alles, was sie sind, Arotos opfern. Und Geschichten über schöne Mädchen, die als seine Gemahlinnen in sein Reich eingehen.

Der nächste Mann tritt vor und verneigt sich. In seinen Haaren stecken Pfauenfedern, sie wippen, wenn er sich bewegt. Auf seiner Brust prangt das Zeichen der Räte. „Du bist eines der Waschmädchen, nicht wahr?“, fragt er. Eera ist das Sprechen verboten, doch auf die Frage eines Adeligen nicht zu antworten, macht ihr mehr Angst als die Verbrannten. Also nickt sie zögerlich.

„Du solltest dich geschmeichelt fühlen, für Arotos auserwählt zu sein. Nicht vielen Mädchen wird diese Ehre zuteil.“ Er lächelt. „Es heißt, Arotos mag seine Frauen lachend.“ Der Mann verneigt sich ein zweiten Mal und fährt förmlich fort: „Der Dank des Volkes gebührt jenen, die mit Stolz ihre Aufgaben erfüllen. Besonders starken Mädchen wie dir. Mögen die Götter dich lieben, wie du sie liebst.“ Er dreht sich um, die Pfauenfedern schwingen bei jedem seiner Schritte.

Als nächstes treten zwei Frauen vor den Thron. Es sind Mutter und Tochter. Sie tragen feine Stoffe und juwelenbesetzte Halsbänder. Eera krallt die Finger so fest um die Löwenköpfe, dass die Zähne ihr die Haut aufreißen, als sie sie erkennt.


Arotos fordert jedes Jahr das schönste Mädchen, heißt es. Eera hat sie Jahr um Jahr auf diesem Thron gesehen und immer sagte ihre Mutter: „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Sie nehmen nur das schönste Mädchen.“ In diesem Jahr war Eeras Angst größer als in den Vorjahren, denn in wenigen Wochen war ihr 16. Geburtstag. Die Worte ihrer Mutter beruhigten sie. Die Jungen, die in den Tempeln arbeiteten, machten sich stets über ihre wirres Haar lustig, das Staub und Dreck anzog. Über ihre riesigen Augen, die aussahen, als wollten sie aus ihren Höhlen fallen und die breite Statur, die sie vom Vater geerbt hatte. Eera schämte sich für ihr Aussehen. Doch an den heißesten Tagen des Sommers war sie dankbar dafür. Denn zu dieser Zeit wurde ein Mädchen aus ihrer Familie gezerrt, um Arotos Gemahlin zu werden.

Obwohl es erst wenige Tage waren, schien ihr eine Ewigkeit vergangen zu sein, seit ihre Mutter sie fragte: „Hast du noch immer Sorge?“ Eera war gerade dabei die Gewänder der Saren zu waschen. Die Hände ihrer Mutter waren kühl, als sie sie an Eeras Wangen legte und ihr Gesicht zu sich drehte. „Denkst du, ich wäre so ruhig, wenn ich mir Sorgen um dich machen würde?“ Die braunen Augen ruhten warm und still auf ihr, wie jedes Jahr, wenn Eera erneut die Angst beschlich. „Denk nur an Vera oder die schöne Tochter des Salzkönigs, sie hat rotes Haar. Arotos liebt Flammenhaar, das weiß jeder. Wieso sollten sie ein Mädchen wie dich wählen?“ Ihre Mutter strich ihr durch die schwarzen Locken, bevor sie ihr einen Kuss auf die Stirn drückte.

Eera wandte sich wieder ihrer Arbeit zu, doch wollten die Sorgen sie nicht gehen lassen. Selbst wenn sie selbst nicht in Gefahr war, so würde ein anderes Mädchen bald auf dem goldenen Thron sitzen. Eera hatte die Tochter des Salzkönigs erst einmal gesehen, bei den letzten Sommerfesten. Doch so wenig sie auch über sie wusste, sie wünschte dem Mädchen sicher nicht den Tod, und noch weniger wünschte sie ihn Vera. Viele dachten schlecht von ihr, weil sie einem reichen Mann den Kopf verdreht und ihn seiner Frau gestohlen hatte, doch sie hatte ein gutes Herz. Wie oft hatte sie das Geld ihres Geliebten mit den Menschen in der Schlammgasse geteilt. Vera war die Letzte, die sie auf dem goldenen Thron in Arotos Tempel sehen wollte.


Doch nicht Vera sitzt auf dem goldenen Thron. Und vor ihr knien das Mädchen mit dem Flammenhaar und dessen Mutter. Eera schluckt ihren Zorn hinunter. Sie hat gesehen, was mit den Mädchen geschieht, die sich widersetzen. Sie will zumindest einen gnädigen Tod.

Als auch Handwerker und Knechte ihren Dank ausgesprochen haben, stimmen die Saren ihren düsteren Gesang an. Eeras Eltern treten vor, knien nieder und senken den Kopf. Es ist seltsam, die eigenen Eltern so vor sich zu sehen. Eera zwingt sich, den Blick nicht abzuwenden. Die Saren haben ihr gesagt, sie dürfe nicht wegsehen. Aus Angst vor den glühenden Kohlen spielt Eera das Spiel der Götter weiter.

Die Worte ihrer Eltern sind leer, die Stimme ihrer Mutter tonlos und die ihres Vaters voll unterdrückten Zorns. Einen Moment lang fürchtet Eera, ihr Vater könne sich weigern, die vorgegebenen Verse zu sprechen. Doch mit dem selben Gleichmut, mit dem er auch die Steine für die Tempel bearbeitet, spricht er die Worte. Als die Eltern sich erheben und wieder in der Menschenmenge verschwinden, ist Eera erleichtert. Eine misslungene Opfergabe bedeutete schon mehr als einmal das Ende einer ganzen Familie, und Eera ist froh, zumindest ihre Eltern in Sicherheit zu wissen.

Der Gesang der Saren wird lauter. Eera versteht die Worte nicht, doch wenn ihre Stimmen von den Wänden des Sonnensaals zu hunderten widerhallen, klingt es, als sängen die Götter selbst. Eera muss schlucken, als zwei der Verbrannten durch die Menge auf sie zukommen und ihr die Hände reichen. Von einem seltsamen Gefühl der Endgültigkeit erfasst, ergreift Eera sie ohne zu zögern und lässt sich widerstandslos auf die Knie sinken, den Blick zum Thron gerichtet. Eera weiß, dass alle hinter ihr den Blick senken, Reiche wie Arme, Mutige wie Ängstliche. Den Blick zu heben, bedeutet den Tod, wenn ein Gott den Raum betritt. Doch Eera ist bereits tot, und so sieht sie dem Mann in die Augen, der hinter dem Thron hervortritt und sich darauf niederlässt. Sie sieht das Lächeln auf seinen Lippen, als die Klinge ihre Haut durchtrennt wie Papier.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media