Audition 1.2

Es war schon spät als wir die Probe beendeten. Wir räumten unsere Instrumente auf und machten Scherze. Nachdem Tom und James gingen stellte auch meine beste Freundin fest das es für sie Zeit wurde zu gehen. Ich begleitete sie noch vor die Garage. Cassy umarmte mich zum Abschied und gab mir einen Kuss auf die Wange.

„Seit schön brav ihr beiden. Wir sehen uns morgen,“ flüsterte sie mir ins Ohr, bevor sie winkend die Einfahrt entlangging.

„Bis morgen, Cassy. Sei du mal schön brav,“ lachte ich als Cassy sich nochmal umdrehte und mir lachend eine Kusshand zuwarf bevor sie in der Dunkelheit verschwand. Fröstelnd ging ich wieder in die Garage und setzte mich mit meiner Westerngitarre in einen der Sitzsäcke und begann gedankenverloren an den Seiten zu Zupfen.

Ich wollte noch nicht nachhause gehen. Ich wusste das meine Mutter von ihrer Schicht in der Bar noch nicht zuhause war. Sie würde wie schon so oft Überstunden machen und erst in den Morgenstunden nachhause kommen. Die kleine heruntergekommene Wohnung in der wir wohnten war also leer.

„Wer soll brav sein?“ ertönte eine Stimme direkt hinter mir. Erschrocken fuhr ich herum.

„Wir,“ räusperte ich mich während ich meine Finger über das glatte polierte Holz geiten ließ.

Chris zog erstaunt eine Augenbraue hoch. „Wusste gar nicht das du heute vorhattest hier zu schlafen.“

„Wer hat was von schlafen gesagt?“ antwortete ich augenzwinkernd.

Seine Augen weiteten sich gespielt schockiert.

„Amelia, Amelia,“ missbilligend schnalzte er mit der Zunge. „Was soll nur aus dir werden Mädchen?“

Nachdenklich fuhr ich mit den Fingern die Form der Gitarre nach.

„Ich möchte noch nicht nachhause, Chris,“ murmelte ich.

Ein seufzen ertönte und der Sitz sack gegenüber von mir senkte sich. Ich hob meinen Kopf.

„Wenn ich nachhause gehe wartet nur ein leeres Haus auf mich,“ erklärte ich flüsternd. „Ich möchte jetzt aber nicht alleine sein.“  

„Du weißt aber, dass du irgendwann nachhause gehen musst,“ gab mir Chris zu bedenken.

„Wer würde mich zuhause schon vermissen?“ lachte ich bitter.

„Deine Mum liebt dich, Amy. Warum glaubst du schuftet sie wie eine verrückte?“ Chris beugte sich zu mir. „Sie möchte das es dir mal bessergeht als ihr, dass du eine Zukunft hast.“

„Sie versteht mich einfach nicht,“ wiedersprach ich ihm mit tränenerstickter Stimme. „Als ich ihr von der Show erzählte und sagte das wir uns angemeldet haben, hat sie getobt. Sie schrie herum, dass Musik kein Essen auf den Tisch bringt und wir auf der Straße enden werden.“

Chris seufzte und lehnte sich in seinem Sitzsack zurück.

„Ich hätte wahrscheinlich genauso reagiert.“

„Du glaubst also nicht an uns,“ stellte ich nüchtern fest. „Auf das haben wir doch die letzten Jahre hingearbeitet. Willst du jetzt das Handtuch werfen?“

„Das habe ich nie gesagt. Du musst das Ganze aber mal aus der Sicht unserer Eltern sehen,“ wiedersprach er mir. „Sie wollen doch nur das Beste für uns.“

„Sie verstehen aber nicht, dass ihr Bestes nicht immer das Beste ist für uns,“ entgegnete ich ihm. „Ein Leben als Kellnerin in irgendeinem Pub hier in der Kleinstadt ist nicht dass, was ich mir für mein Leben erträume.“

„Glaubst du mein Traum ist es, das Geschäft meines Vaters zu übernehmen?“ erwiderte er schüttelte nachdenklich den Kopf als wollte er das Bild loswerden. „Jeden Tag von nervigen Kunden umzingelt die von Stunde zu Stunde mit dämlicheren Fragen kommen. Nein, so stelle ich mir meine Zukunft wirklich nicht vor.“

Ich dachte kurz über seine Worte nach. Was wollte ich tun? Wie stellte ich mir meine Zukunft vor? Wollte ich für den Rest meines Lebens Gäste in einer Bar bedienen? Immer freundlich sein obwohl ich innerlich kochte und plante wie ich es wie ein Unfall aussehen lassen könnte? Ich schüttelte den Kopf. Nein, so wollte ich nicht leben.

„Ich möchte… Geschichten erzählen. Geschichten von Liebe, Hass, Traurigkeit, Schmerz oder Glück. All diese Sachen die unser Leben ausmachen. Ich will die Menschen damit berühren, zum Lachen bringen, zum Weinen oder einfach nur Glücklich machen,“ stellte ich nachdenklich fest. „Es macht keinen Sinn sein Leben lang dem Standard zu folgen nur um nicht als naiv oder als hirnloser Träumer zu gelten. Auch wenn ein Traum als unerreichbar gilt sollten wir das machen was uns glücklich macht.“

Wortlos betrachte mich Chris.

„Du hast recht,“ stellte er nach einigen Minuten der Still fest. „Aber seinen Träumen hinterher zu jagen macht das Leben auch nicht besser.“

„Du bist ein unverbesserlicher Realist,“ murrte ich ärgerlich und begann wieder an den Seiten der Gitarre zu zupfen.

„Und du eine unverbesserliche Träumerin,“ lachte er. „Aber deswegen sind wir so ein gutes Team.“

„Weil ich dich aus der Realität hole sobald du in der echten Welt feststeckst und du mich wieder zurück in die Realität holst, wenn ich in anderen Welten verloren gehe,“ stellte ich lachend fest.

„Genau,“ bejahte er meine Theorie. „Wie wäre es mit Pizza?“

„Was würde ich nur ohne dich tun?“ seufzte ich theatralisch.

„Verhungern,“ gab er schulterzuckend zur Antwort.

„Da könntest du nicht mal so falsch liegen,“ lachte ich.

Chris nahm seufzend sein IPhone und wählte die Nummer unseres bevorzugten Lieferdienstes. Während er uns zwei Pizzas bestellte ließ ich ihn alleine und stellte mich an das Keyboard. Ich ließ meine Finger über die Tasten schweben.

Langsam senkten sich meine Finger auf die Tasten und die ersten Töne erklangen.

„‘Heart beats fast, colors and promises. How to be brave? How can i love when i’m afraid to fall?‘“ sang ich leise vor mir her und stoppte abrupt. Das Lied fühlte sich falsch an.

„Warum hast du aufgehört?“ fragte Chris leise.

„Ich… es passte nicht,“ versuchte ich zu erklären.

„Dann spiel etwas das passt,“ forderte er mich auf und setzte sich neben mir auf einen der Hocker.

Ich horchte in mich.

Meine Finger senkten sich auf die Tasten. Ein weicher Ton erklang. Es fühlte sich richtig an. Meine Finger wanderten weiter.

„‘Your fingertips across my skin. The palm trees swaying in the wind. Images. You sang me spanish lullabies. The sweetest sadness in your eyes, clever trick,‘“ begann ich sanft zu singen. „‘Well, I’d never want to see you unhappy. I tought you’d want the same for me.‘“

Die sanften Klänge erfüllten den Raum. Wie automatisch wanderten meine Hände über die Tasten. Die Welt um mir verschwamm vor meinen Augen.

„Goodbye, my almost lover, Goodbye, my hopeless dream. I'm trying not to think about you. Can't you just let me be? So long, my luckless romance. My back is turned on you. Shoul've known you'd bring me heartache, almost lovers always do,‘“ endete ich und lies die letzten Töne ausklingen.

Ein leises Klatschen ertönte neben mir als das Echo der letzten Töne im Raum verhalte.

Irritiert drehte ich mich zu meinem Ein-Mann Publikum.

„Sehr gefühlvoll,“ lobte Chris. „Wie bist du auf dieses Lied gekommen?“

Nachdenklich sah ich auf die Tasten des Keyboards vor mir.

„Ich weiß es nicht.“

„Hm,“ kam es von Chris.

Ich wandte mich zu ihm. Chris starrte nachdenklich an die Wand vor ihm.

„Was?“

„Na etwas muss dich doch auf dieses Lied gebracht haben,“ meinte Chris und räusperte sich. „Es ist kein sehr bekanntes Lied.“

Ich öffnete meinen Mund um ihm zu erwidern, doch in diesem Moment ertönte ein Klopfen von draußen.

„Unsere Pizza ist da,“ rief ich erfreut und sprang auf.

Chris seufzte und erhob sich dann ebenfalls. Mit einem Blick in sein Gesicht wusste ich das dieses Gespräch noch lange nicht vorbei war. Ich musste mir also eine Erklärung überlegen.

Aber zuerst gab es Pizza.

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