Auf dem Dach

Die Party war in vollem Gange und Ari hasste jede Sekunde, die sie bereits auf ihr verbracht hatte.

Obwohl der Abend bereits fortgeschritten war, war es für eine Nacht im September noch immer hochsommerlich warm. Und schwül.

Der Klimawandel hat auch seine angenehmen Seiten. Auch wenn ich gerade lieber einen Rollkragenpulli, als dieses schulterfreie Kleid, tragen würde...

Ari und die meisten ihrer Kommilitoninnen, vor allem jene, die in knappen, hauchzarten Sommerkleidchen für reiche, alte Männer hübsch anzusehen waren, sind von ihrer Dekanin, Prof. Dr. Roxana Casius, praktisch gezwungen worden, auf der jährlichen Wohltätigkeitsveranstaltung der Hochschule aufzutauchen. Das Motiv war natürlich von vornherein klar: die Mädels sollten mit den reichen Gönnern flirten, um die Spenden anzukurbeln. Und bisher sah alles danach aus, dass der Plan der Dekanin aufging. In einer gläsernen Urne im Zentrum des geschmückten Gartens, befanden sich bereits zahlreiche Schecks.

Der Großteil der Gäste war inzwischen einigermaßen betrunken und viele der Mädels ebenfalls. Unter anderem Ari. Anfangs fühlte sie sich noch geschmeichelt, wenn die Herren ihr Komplimente über ihr Kleid, ihre Frisur oder ihr gesamtes Erscheinungsbild machten und ihr Cocktails und Sekt ausgaben. Doch mit zunehmendem Alkoholkonsum, registrierte sie genervt, immer häufiger fremde Hände auf ihrem Rücken, die sich immer mehr ihrem Gesäß näherten, und bisweilen sogar ordentlich zupackten. Sie hatte sich dann immer höflich aus den Gesprächen gewunden, indem sie angeblich von ihrer Dekanin oder einer anderen bekannten Person herbei gewinkt wurde.

Nach einem besonders penetranten Herrn, der sie über eine Stunde an sich gebunden und schamlos befummelt hatte, ist der jungen Studentin jedoch der Kragen geplatzt. Aus Versehen schüttete sie dem alten Sack ihr volles Sektglas über seinen dicken Wanst. Sofort entschuldigte sie sich tausendfach und rannte davon, um trockene Tücher zu holen. Das war nun eine viertel Stunde her und die junge Frau stand inzwischen auf dem Dach des Wohnheims, gleich neben der großen Wiese, auf der die Party stattfand, und sah auf die Szene herab.

Ob er immer noch auf sie wartete? Ari kicherte, hoffte aber, dass der Alte sich ihren Namen nicht gemerkt hatte, um sich am Ende bei Prof. Casius über sie zu beschweren.

„Was ist so lustig?"

Halb zu Tode erschrocken, fuhr das Mädchen zusammen und konnte einen kurzen Schrei nicht unterdrücken. Ari hatte angenommen, sie wäre allein auf dem Dach, doch als sie durch die Tür getreten war, hatte sie sich auch nicht aufmerksam umgesehen, sondern ist direkt auf die brusthohe Mauer am Rand getreten. Nun stand ein paar Meter neben ihr ein hochgewachsener Mann, Anfang Zwanzig, also ungefähr so alt wie sie selbst. Vermutlich auch ein Student, der in diesem Wohnheim sein Zimmer hatte.

Er musterte sie langsam von oben bis unten.

„Solltest du nicht besser zurück, und dich auf billigen Champagner und Cocktails einladen lassen, um deinen Studienplatz zu sichern?", forderte er sie unfreundlich auf. Sein missbilligender Blick sprach Bände. Nach seiner Ansicht, war sie wohl kaum besser als eine Nutte. Und es machte die Situation nicht besser, dass sie sich genauso fühlte.

„Nein!", antwortete sie brüsk. Sie griff in ihre unpraktisch kleine Handtasche, die sie über der Schulter trug und förderte ein schmales Tabakpäckchen zutage. „Scheiß drauf!"

Erstaunt ob ihrer Antwortet, zog der Kerl die Augenbrauen fast bis zum Haaransatz, und begann leicht zu grinsen, während er sie beobachtete, wie sich das Mädchen eine Zigarette drehte.

Den dünnen Filter noch zwischen den Lippen, rollte Ari ihre Kippe und sah ihn forsch an. Das schiefe Grinsen stand ihm ausgezeichnet, gestand sie sich schmunzelnd ein.

„Auch eine?", fragte sie gut gelaunt.

„Gern", antwortete er und Ari reichte ihm die fertige Selbstgedrehte und begann eine Zweite.

Der junge Mann wartete, bis sie fertig war und bot ihr anschließend Feuer an. Nachdem beide Zigaretten entflammt waren, streckte Ari ihm ihre Hand entgegen.

„Ich bin Ari und ich habe gerade über meine Flucht von der Party gelacht", feixte die Studentin.

„Thomas, aber nenn' mich Tom", erwiderte er freundlich und ergriff mit fragendem Blick ihre Hand.

Ari inhalierte einen Zug, bevor sie ihm, von ihrer Flucht erzählte und anschließend lachten beide darüber.

„Du bist echt eine ungewöhnliche Erscheinung", meinte Tom nach einer Weile.

„Was meinst du?" Ari legte ihren Kopf leicht auf die Seite und sah ihn aufmerksam an. Er trug ein schwarzes Band-Shirt, die sie nicht kannte und eine knielange schwarze Hose. Seine dunklen Haare verschmolzen mit der Nacht. Doch trotzdem konnte er seine außergewöhnlich muskulöse Gestalt nicht verbergen. Und wieso sollte er das auch wollen. Wirklich ein gut aussehender Bursche!

„Naja, verzeih mir die Wortwahl, aber in diesem Fummel siehst du aus wie eine relativ teure Prostituierte. Das Kleid ist echt furchtbar und diese Schuhe..." er machte eine Pause, als würde er nach Worten, für eine diplomatische Beschreibung der Selben suchen, gab es dann aber scheinbar auf. „Wie konntest du mit denen auf dem Rasen überhaupt laufen?"

Sein Ton verriet deutlich, dass er, im Gegensatz zu den alten Geldsäcken, von ihrem Outfit nicht sehr angetan war.

„Hm. Na, immerhin relativ teuer. Und das sind, nebenbei bemerkt, Stehschuhe", scherzte sie. Sie nahm ihm seine Ansicht nicht übel. Wenn sie es sich hätte aussuchen können, wäre sie auch nicht in weißen, acht zentimeterhohen Highheels und einen engen weißen Satinkleid, dass ihr zwar bis zu den Knien reichte, jedoch ziemlich hoch geschlitzt war, erschienen. Doch es gab einen Dresscode und das Motto lautete „Engel in Weiß" – passend für die medizinischen Fakultäten. Und dieses war das einzige Outfit, das nicht nur passte, sondern auch das sie besaß. Ein einmalig getragenes Relikt, von der Hochzeit irgendeiner Bekannten ihrer Mutter. Außerdem hatte sie nicht extra einkaufen gehen wollen.

„Aber hier stehst du, drehst selbst, statt komplett weiße Zigaretten mit Zigarettenspitze zu rauchen, nimmst nicht sehr damenhafte Ausdrücke in den Mund und freust dich schelmisch, dass du einem dieser fetten Geldgeber ein Schnippchen geschlagen hast."

„Tja", machte Ari, zupfte ihr Kleid zurecht, stemmte die Hände in die Hüfte, die Zigarette im Mundwinkel und sah ziemlich zufrieden mit sich aus. „Und du? Versteckst du dich auch auf dem Dach?"

„Nee", erwiderte er und deutete mit dem Kopf hinter sich. Ari beugte sich etwas zur Seite, um um ihn herumzuspähen und entdeckte ein Teleskop. Interessiert näherte sie sich und sah nun auch eine Kamera, die am Okular befestigt war.

„Perfekte Nacht", erklärte Tom, der ihr gefolgt war. „Durch die tiefe Dunkelheit bei Neumond, sieht man die Sterne viel besser. Außerdem sieht man in dieser Jahreszeit die Milchstraße in unseren Breiten besonders gut."

Ari legte den Kopf in den Nacken und strich sich eine widerspenstige, kupferne Strähne aus der Stirn. Über ihren Köpfen breitete sich das helle Sternenband aus. Wunderschön. Unten, bei der Party, waren die Sterne durch die vielen Fackeln und Lampions kaum zu erkennen gewesen, doch auf dem Dach war der Anblick atemberaubend.

Von Westen nahten allerdings schon die angesagten Regenwolken heran. Es hatte eine Gewitterwarnung in den Medien gegeben und alle hatten schon um das Fest gebangt. Da aber auch am frühen Abend, als alle Vorbereitungen endlich abgeschlossen waren, sich noch kein Wölkchen am Himmel gezeigt hatte, wollte die Hochschulleitung die Benefizveranstaltung nicht absagen. Obwohl das Mädchen, diesem gut aussehenden Sternbeobachter einen klaren Himmel gönnte, wünschte sie sich das Gewitter sehnlichst herbei, um endlich verschwinden zu können.

„Fast perfekt!", murmelte Ari.

„Ja", seufzte der Sternebeobachter. „Ich bin ehrlich gesagt schon begeistert, dass der Himmel solange klar geblieben ist. Und die Kamera ist bald fertig." Thomas zog ein Smartphone aus seiner Tasche und betrachtete nickend den Bildschirm. „Ich hab eine App, mit der ich die Belichtungsreihen steuere und fern auslösen kann. Schon der kleinste Wackler, wie das manuelle Auslösen, zerstört stundenlange Arbeit", dozierte er.

„Cooles Hobby", war alles, was Ari beisteuern konnte. Die einzige Kamera, die sie besaß, befand sich an ihrem Handy. Doch sie war schon immer von Deepsky-Fotos fasziniert gewesen. Nur eben nicht genug, um sich über nötiges Equipment Gedanken zu machen. Außerdem litt sie an chronischem Geldmangel.

„Stört denn beim Aufnehmen nicht das Licht von unten?" Sie zog an ihrer Zigarette und das helle Aufleuchten der Glut viel auf. „Oder das von den Zigaretten?"

„Rauchen stört nicht. Und das Licht von unten... naja, eigentlich auch nicht, da ich mit dem Reflektor ja ziemlich weit zoome. Und die Kamera macht nach jedem Bild ein automatisch Dunkelbild. Gegen fehlerhafte Pixel und so."

„Wow. Echt abgefahren. Was hast du schon alles so photographiert?Hast du schon fertige Bilder?"

„Klar, ich hab ein paar Nebel und Sternhaufen und unseren Mond.", antwortete er enthusiastisch und ehrlich erfreut. „Ich würde dir die ja Bilder zeigen, aber musst du nicht zurück?"

„Aaach... ich muss mich, ehrlich gesagt, nicht weiter von irgendwelchen alten, besoffenen Typen begrapschen lassen." Sie setzte ihr süßestes Lächeln auf. „Komm schon, rette mich!"

Tom lachte und schnippte die aufgerauchte Kippe über die Mauer. „Na dann los."

„Yay!", jauchzte sie und gemeinsam verließen sie das Dach.

Sie traten durch die große Flügeltür und sofort sprang das Licht an, als sie den Bewegungsmelder passierten. Ari kniff die Augen zusammen und blinzelte gegen die plötzliche und ungewohnte Helligkeit. Ihre Schuhe klackten laut auf den grauen Fließen und bescherten ihr ein unwohles Gefühl. Es war ihr unangenehm. Zum Glück wohnte Tom nur eine Etage tiefer und sie nahmen die Treppe. Bevor Ari die Stufen betrat, zog sie die Heels aus und trug sie in der Hand. Tom grinste und schüttelte leicht den Kopf, enthielt sich aber jeden Kommentars. Auf dem richtigen Flur angekommen, befanden rechts und links jeweils fünf Türen. Ari schätzte die Länge des Flures auf höchstens 15 Meter, und fragte sich, wie winzig dann erst die Zimmer wären, während sie bis zur letzten Tür auf der linken Seite zu schritten. Ihre Vermutung von einem etwa 15 Quadratmeter messendem Raum, inklusive Nasszelle, traf zu. In der hinteren Ecke stand ein schmales Einzelbett, eingekeilt vom Schreibtisch, und einem Bücherregal am Fußende. Das Mädchen beglückwünschte sich innerlich zu der Entscheidung, weiter bei ihrer Mutter zu wohnen. In einem deutlich größeren Zimmer, mit Doppelbett und eigenem Bad. Ansonsten herrschte in dem kleinen Raum das Chaos. Überall lagen Klamotten, Pfandflaschen und Bücher rum, der Schreibtisch war voller Kleinkram, leerer Teller, Becher und einer großen Kaffeetasse.

„Gemütlich!", kommentierte Ari und grinste, als Thomas verlegen den Blick senkte.

„Ich konnte ja nicht ahnen, dass äh... ich noch Damenbesuch haben würde."

„Wenn deine Kommilitonen durch ihre Türspione geguckt hätten, würden sie sicher was anderes denken", feixte Ari und warf sich theatralisch ihren langen, kompliziert geflochtenen Zopf über die Schulter.

„Auch wenn es nur relativ teuer ist, könnte ich mir dich trotzdem nicht leisten", ging er lachend darauf ein.

„Tja, Geldsorgen sind bei uns Studenten wohl ein generelles Problem."

„Ach, du bist Studentin?", fragte Tom verwundert.

„Ja! Du hast doch nicht wirklich gedacht, ich wär...?" Geschockt sah sie ihn nun doch etwas gekränkt an.

„Nein! Nein, ich dachte du wärst vielleicht eine Hostess oder so... Äh, also Medizinstudentin, was?", stammelte er und versuchte vom Thema abzulenken.

„Naja, ja. Aber nicht für Humanmedizin", sagte sie und fragte sich, ob es nicht eigentlich sogar ein Kompliment war, für eine relative teure Bordsteinschwalbe gehalten worden zu sein. Immerhin sind die, die es nicht für Drogen oder ähnliches tun, gemeinhin ziemlich hübsch.

„Also wirst du Tierarzt?", unterbrach er ihre Grübelei und nach einigen Sekunden nickte Ari ertappt, als ihr auffiel, dass er sie das bereits das zweite Mal gefragt hatte. Während sie ihn gedankenverloren angestarrt hatte.

„Also", versuchte nun der Rotschopf sich aus der peinlichen Lage zu retten. „Deine Sternenphotos."

„Ah stimmt. Es gab einen Grund, wieso wie hergekommen sind."

Er stellte sich vor ein schmales Bücherregal, dass hauptsächlich mit Ringordnern, Heftern und Mappen gefüllt und beugte sich zum untersten Fach. Aris Blick blieb an seinem Hintern hängen, während er eine Mappe hervorzog. Als er sich wieder aufrichtete, hatte sich das Mädchen bereits wieder in der Gewalt, lächelte unschuldig und trat rasch neben den attraktiven Studenten.

„Was studierst du eigentlich? Physik?", fragte sie.

„Nee, aber gut geschlussfolgert", antwortete er anerkennend. „Astrophysik wär schon geil, aber gibt's hier leider nur nicht. Ich mach Geschichte und Journalismus. Hat also auch ein bisschen was mit photographieren zu tun." Er zwinkerte ihr zu und lächelte sie einen Moment länger an, als für eine unschuldige Unterhaltung üblich wäre. Ari spürte sofort wie ihre Wangen Feuer fingen, doch das Lächeln, das sich hartnäckig auf ihren Lippen hielt, konnte sie auch nicht unterdrücken.

Er brach den Blickkontakt zuerst und Ari war dankbar darüber. Sie konnte in diesem Aufzug unmöglich über diesen unverschämt heißen Kerl herfallen, vor allem da sie wusste, wie wenig sie ihm darin gefiel. Oh Mann...ist das nur der Alkohol? Ich muss ganz dringend ins Bett. Oder unter die Dusche. Ich hoffe, die Batterien sind noch voll genug...



Kommentare

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    Wie ich jetzt erst bemerkt habe, dass du auch hier zu finden bist :) Wundervoll!

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