Auf den Spuren der Vergangenheit

Die junge Frau spürte nicht, dass ihr Blut und Samen an den Beinen herabliefen, als sie fluchtartig die schreckliche Scheune verließ. Ohne Fußlappen, ohne Untergewand rannte sie davon, als sei das gesamte Heer der Franken hinter ihr her. Sie nahm nicht wahr, dass erst ein leichtes Dämmerlicht den herannahenden Morgen ankündigte und auch der leise Ruf ihres Namens entging ihr.
Rollo starrte der davonlaufenden Frau nachdenklich hinterher. Da waren die Pläne seines Bruders wohl böse ins Auge gegangen, oder was sollte er von der flüchtenden Sklavin sonst halten? Schon vor seiner Fahrt nach Haithabu hatte ihn der Jarl kurz beiseite genommen und ihn um seine Meinung, Rúna betreffend, gefragt. Der Ältere wollte sich tatsächlich endlich eine Zweitfrau zulegen. Zeit wurde es wirklich, hatte Rollo ihm versichert. Björn war schon fünf Jahre alt und Lathgertha, die Gefährtin des Jarl hatte in dieser ganzen Zeit nicht einmal erneut empfangen.
Dass ein Anführer, ein Jarl wie Ragnar Loðbrók, mit einem einzigen Sohn äußerst verletzlich war, sah Rollo sofort. Wäre er der Jarl, er hätte schon ein Dutzend männlicher Nachkommen gezeugt. Man musste die Erbfolge sichern, koste es, was es wolle. Und der Preis für einen gefüllten Frauenbauch war ja nicht nur die Pflicht, die Söhne dann zu versorgen, sondern brachte auch eine Menge Spaß ein. Dennoch hatte Rollo so seine Zweifel, ob Ragnar bei seiner Wahl nicht einen schweren Fehler machte. Irgendwie schien auch der Steuermann Thorstein ein Auge auf die junge Frau geworfen zu haben. Und im Gegensatz zu ihm oder Ragnar, war dieser ein Mann mit einem viel zu großen Gewissen.
Thorstein war seiner Snót schrecklich treu gewesen und auch nach ihrem Tod hatte Rollo bei keinem ihrer ausschweifenden Feste gesehen, dass der Mann eine Sklavin auf seinen Schoß gewinkt hätte. Im Gegenteil! An Hörmeiteidr war er, ganz offensichtlich angeekelt von dem allgemeinen Treiben, recht schnell gegangen.
Ohne dem Jarl Rúna direkt auszureden, hatte Rollo ihm seine Beobachtungen doch zu bedenken gegeben. Und Ragnar hatte die Stirn gerunzelt und tatsächlich eine Weile überlegt. Dann hatte er ein überlegenes Grinsen aufgesetzt. "Wenn sie aber freiwillig zu mir käme", hatte er erwidert, "weil ich es ihr einfach besser besorgen kann und sie bei mir mehr zu erwarten hätte, dann könnte Thorstein doch nicht mir die Schuld geben, oder?"
Der Witz war gut gewesen, das dachte Rollo auch heute noch. Doch so, wie die Kleine nun davonlief, konnte Ragnar nicht so gut gewesen sein, wie er es sich erhofft hatte. Ja, ja, der Met konnte einem manchmal schon ganz schön die Sinne verwirren. Und nun, da Ragnar so offensichtlich bei Rúna versagt hatte, waren die Karten wieder ganz neu gemischt.

Rollo setzte sich in Bewegung. Er wollte sehen, was Runa nun tat. Sie hatte den Weg zum Meer eingeschlagen und soweit er das erkennen konnte, war sie am Strand nach Westen abgebogen. Ob sie sich bei der Völva ausheulen würde? Wenn das so wäre, und Rollo musste bei dem erfreulichen Gedanken schamlos grinsen, konnte es nicht lange dauern, bis auch Thorstein von der Sache Wind bekam. Diesen Ausbruch durfte er sich nicht entgehen lassen!

Der Krieger folgte Rúna neugierig ans Meer. Bald schon sah er, dass er sich durchaus Zeit lassen konnte. Die Kleine war irgendwie niedlich. Da stand sie nun, bis zu den Oberschenkeln im eisigen Wasser und wusch sich wie irre zwischen den Beinen. Als ob das noch irgendetwas ändern würde! Einen Moment lang stellte sich Rollo vor, wie der Bauch der Sklavin von Ragnar dick werden würde. Bei Odin, das würde Thorstein bis auf die Knochen demütigen!
Doch dann nahm der Krieger genauer wahr, was er vor sich sah. Diese kleine, schmale Frau war wirklich sagenhaft schön! Ihr Haar und ihr Gesicht hatte er ja schon von Nahem gesehen und die dunkelblauen Augen waren eine interessante Seltenheit, die auch ihm aufgefallen war. Ihr Körper aber, und da müsste man ihn schon Loki nennen, wenn er dem widersprach, war eine Augenweide! Bei den Göttern war diese kleine Frau schön!
Mit einem Mal sah er eine andere Frau vor sich, die in seiner Erinnerung Rúna ganz ähnlich war. Ihr Name war Æthelburg gewesen und er hatte sie am Hof König Egberts kennengelernt, als er als ganz junger Seefahrer im Gefolge von Göttrik nach Wessex gezogen war. Egbert stand bei dem damaligen Dänenkönig hoch im Kurs als schlauer Stratege und risikofreudiger Eroberer.
Er, Rollo, hatte zwar nicht verstanden, was es mit dem Feind zu besprechen gab, doch auch er war von der Pracht des Königshofes und der offensichtlichen Macht Egberts beeindruckt gewesen.
Mehr noch hatte es ihm aber ein Mädchen angetan, dass bei jedem Mahl schräg gegenüber von ihm an der Tafel saß und ihn schüchtern betrachtete. Blond war sie gewesen, klein, zierlich und sie hatte die schönsten Augen, die man sich vorstellen konnte - ein Blau wie an einem heiteren Frühlingstag. Innerhalb weniger Tage hatte sie Rollo um ihren Finger gewickelt. Heimlich trafen sie sich im Garten der Burg oder in den engen Gassen des nahegelegenen Dorfes.
Æthelburg zeigte ihm schon bald ihre Zuneigung offen und da auch er das Mädchen begehrte, beschloss er, es zu wagen und sie um ihre Hand zu bitten. Dabei verlor er keinen Gedanken daran, wie sich eine Dame wie sie im kalten, rauen Norden zurechtfinden sollte, wie sie auf seine Gefährten im Ort wirken musste. Das war doch alles zweitrangig, wenn sie sich liebten. Und auch die junge Frau schien das ähnlich zu sehen.
Doch es kam ganz anders. Bei seiner Frage nach ihrem Vater verriet ihm Æthelburg, dass sie ein Mündel König Egberts war. Ihre Eltern waren bei einer Sturmflut ums Leben gekommen und der Fürst vertrat bei ihr die Vaterstelle.
Rollo war das egal. Damals glaubte er nicht, dass sich ihnen irgendetwas in den Weg stellen konnte. Die Nordmänner waren reich, sie hatten Macht, dank ihrer unbesiegbaren Schwerter. Warum sollte ein Mann wie er nicht auch das Recht haben, ein königliches Mündel zu freien? Später wusste er, dass es wohl besser gewesen wäre, zuerst mit Göttrik über sein Vorhaben zu sprechen. Sicher hätte ihm der alte und weise König davon abgeraten und einen anderen Weg gefunden, Æthelburg mitzunehmen.
Doch als er an jenem unvergessenen Abend Egbert seinen Wunsch vortrug, kam alles ganz anders, als er es sich erhofft hatte. Noch sah er das schüchterne Erröten Æthelburgs vor sich, so voller großer Erwartungen. Auch sie hatte nicht mit der Reaktion ihres Ziehvaters gerechnet. Dieser aber hatte ihn erst einmal nur stumm und ungläubig angestarrt, viel zu lange für Rollos Geschmack. Dann war er in ein schallendes Gelächter ausgebrochen. Dröhnend hatte der König gelacht, konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Dabei brach es aus ihm heraus und wieder nahm der ganze Hof an seinen Worten teil: "Meine Æthelburg willst du haben? Du, ein kleiner Milchbart von einem Nordmannen?" Noch einmal lachte er schallend. "Lern du erst einmal ein Schwert zu halten und einen Kampf zu führen. Nicht in hundert Jahren wirst du eine Edelfrau von meinem Land wegführen."
Ernster nun und ein wenig zornig rief er seine Wachen. "Bringt ihn raus! so viel Übermut braucht eine Abkühlung!"
Doch es war gar nicht nötig, ihn aus dem Saal zu entfernen. Rollo hatte sich schon abgewendet und war davongerannt. Seit dieser Demütigung, die noch immer in ihm brannte und bei jeder Frau neu aufflackerte, in deren Schoß er sich versenkte, hatte er Egberts Ratschläge beherzigt. Er war ein Schwertkämpfer geworden, ein wilder Krieger. Und wann immer sie sich den Küsten von Wessex näherten, schliff er die Klinge seines Schwertes besonders gründlich.
Ja, er hatte ein paar Jahre später noch einmal nach Æthelburg gesucht. Sie einfach zu entführen erschien ihm eine gute Lösung. Doch sie war längst nicht mehr am Hof Egberts. Nachdem er für sie keinen passenden Ritter hatte finden können, da ihr der Ruf einer Nordmanndirne anhing, war Egbert die Idee gekommen sie in ein Kloster zu geben. Sie war nach Minster in Thanet geschickt worden. Doch nach Kent konnte Rollo ihr in jenem Jahr nicht folgen.
Als sich später die Gelegenheit ergab, fand er von seiner schönen Æthelburg nur noch ein Grab vor. Die Nonne, die ihn zu dem Plätzchen brachte, an dem sie ruhte, las ihm auch die Inschrift vor. Es war das einzige Mal, dass er für ein Christenweib so etwas wie Dankbarkeit empfand. Ein Fieber sei es gewesen, erzählte ihm die Alte. Viele Frauen wären der Hitze erlegen, unter ihnen auch seine Æthelburg. Es interessierte ihn nicht, dass Egbert nach ihrem Tod dem Kloster eine reichliche Stiftung angedeihen lassen hatte. Er, Rollo, schwur nur Rache.

Und jetzt stand er hier, an der Grenze zwischen Meer und Land und erinnerte sich beim Anblick Rúnas an das, was er vielleicht hätte haben können. Wenn Æthelburg so dort stünde … Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, ließ sich Rollo ein wenig oberhalb des Strandes auf einem Felsen nieder. Während er in Erinnerungen geschwelgt hatte, war Ragnars Sklavin ans Ufer zurückgekehrt. Ihr Gang war gebeugt, wie bei einer Hundertjährigen und er sah, dass sie zitterte. Vor ihrem kleinen Bündel fiel sie auf die Knie und blieb lange Zeit regungslos. Dann aber schien sie einen Entschluss gefasst zu haben.
Sie stand auf - Wollte sie sich denn nicht erst einmal ankleiden? - und schritt, ja rannte auf die erste steile Klippe zu, die den Strand von Straumfjorður begrenzte. Nackt, wie sie aus dem Mutterleib gekommen war, kletterte sie an den steilen Felsen nach oben.
Rollos Blick folgte ihr und er stand sprachlos auf. Das konnte sie doch nicht tun! Schon wollte er ihr nachlaufen, als ihm klar wurde, dass er gewiss nicht der Mann war, der sie aufhalten oder gar von ihrem Vorhaben abbringen konnte. Folgte er ihr auf ihrem halsbrecherischen Pfad, würde sie sich nur noch mehr beeilen. Er konnte von hier unten rein gar nichts tun, außer vielleicht zu Frigg oder sonstwem beten, dass sie es sich doch noch anders überlegte.
Stumm verfolgte er, wie die kleine Gestalt die Spitze des Felsens erreichte. Die See war still, kaum ein Wind wehte und er wusste, der Blick in die Tiefe, dorthin, wo sich die Wellen an den Steinen brachen, musste ihr klarmachen, dass dies ein Weg ohne Rückkehr würde. Wenn sie an den Säugling und Thorstein dabei dachte, musste sie doch umkehren!
Rollo aber irrte sich gewaltig. Nicht einen Moment lang blieb die schmale Frau stehen, als sie ihren Blick nach unten richtete. Es war auch gar kein Sprung, mit dem sie über die Kante ging, sondern nur ein kurzer, entschlossener Schritt.
Ihr Körper drehte sich im Fall, das lange Haar wehte kurz im Wind, kein Schrei ertönte. Nur das Klatschen, als ihr Körper auf der steinharten Wasseroberfläche aufkam, versicherte Rollo, dass sein Blick ihm keinen Streich gespielt hatte. Rúna war wirklich gesprungen.



Zum Schluss für euch noch einen Link zum heutigen Minster-In-Thanet. Das sieht sehr beschaulich aus, oder?
http://www.minster-in-thanet.org.uk/abbey.shtml
So richtig schlecht hat es Egbert mit seinem Mündel sicher nicht gemeint, als er sie dorthin geschickt hat. (Das Mündel und ihre Beziehung zu Rollo sind wieder mal reine Fiktion.)
Egbert selber ist natürlich historisch und als König von Wessex nicht einmal sooo bekannt . Viel mehr wird er als erster König Gesamtenglands gesehen.  
Sein Sohn Æthelwulf muss ich mehrfach heftig mit den Wikingern herumschlagen.  815 besiegt er dabei den Dänenhäuptling Rorik.

Kommentare

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    Es bleibt spannend! Großes Lob, ich mag deinen Schreibstil. Stellenweise wirkt die Erzählperspektive allerdings zu distanziert (da komme ich dann aus dem Lesefluss raus) und ich persönlich mag die Links zu den Hintergründen zu Beginn bzw gen Ende der Kapitel nicht besonders, aber das ist vermutlich dem Format hier auf der Plattform geschuldet. Im E-Book würde das anders aussehen, oder? Bin gespannt, wie es weitergeht. LG!

  • Author Portrait

    Du meine Güte! Jetzt bin ich ja echt gespannt, wie bzw ob du Rúna wieder auftauchen/retten lassen wirst... Froh bin ich, mehr über Rollos Hintergrund zu wissen. Das erklärt doch einiges...

beta
Feenstaub

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