Vor mir ragt eine meterhohe Mauer in die Luft. Glatt und steinhart. Meine Finger wollen keinen Halt finden, rutschen immer wieder ab. Das Fleisch ist von den vielen Versuchen aufgerissen, blutig und wund.

Auf der anderen Seite erwartet mich ein gähnender Abgrund.

Außer meinem Notizbuch habe ich nichts bei mir. Doch irgendwie spendet mir gerade dieses Buch ein wenig Trost. Ein Geschenk von meinem Freund, in Leder gebunden. Abgenutzt von all den Jahren, wo ich es mit mir herumführe.

Kilometerweit erstreckt sich die Mauer in beide Richtungen. Ich habe das Gefühl im Kreis zu gehen, als ich sie umrunden will. Irgendwo muss es doch einen Durchgang geben. Ich fühle mich gefangen, wie in einem Labyrinth, dem ich einfach nicht entkommen kann. Ich versuche verzweifelt eine Lösung zu finden, doch je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bekomme ich Kopfschmerzen.

Doch was erwartet mich überhaupt auf der anderen Seite? Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, ich muss dort hin, egal wie. Als würde mein Leben davon abhängen. Doch je verzweifelter ich es versuche, desto höher scheint die Mauer zu werden.

Ich weiß nicht, wie viele Tage ich nun in dieser Einöde festsitze. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Meine Kehle ist trocken, das Schlucken fällt mir immer schwerer. Ich raufe mir die Haare, Schmerzen pochen dumpf in meinem Schädel. „Das darf doch nicht wahr sein!“, schreie ich die Mauer an. Trete mit dem Fuß dagegen, was mich der Schmerz direkt bereuen lässt.

„Sabrina, warum regst du dich so auf?“ erklingt eine Stimme. Ich drehe mich erschrocken um und sehe meiner Mutter neben mir.

„Siehst du denn nicht diese Mauer?“, frage ich. Doch dann merke ich erst, wie seltsam das alles ist. Was macht meine Mutter auf einmal hier? Aber als ich sie mir genauer ansehe, verschwimmen ihre Konturen. Irgendwie scheint sie durchsichtig zu sein, wie ein Geist.

„Oh Gott, sind wir etwa tot? Ist das der Himmel?“, frage ich erschrocken.

„Nein mein Schatz.“, sie lächelt mich an.

„Aber wo dann? Wie bin ich hier her gekommen?“

Sie scheint etwas zu wissen, ich sehe es ihrem Gesichtsausdruck an, doch warum verrät sie es mir dann nicht?

„Wir sind an einem Ort, der nur für dich bestimmt ist. Sieh es als eine Art Prüfung“, antwortet sie mir ruhig.

„Was für eine Prüfung?“ Tränen der Wut steigen mir in die Augen.

„Du hast sie dir selbst auferlegt. Aber du kannst es schaffen, mein Kind. Das weiß ich! Aber manches braucht einfach etwas Zeit.“

Meine Mutter fängt an zu verblassen, immer mehr, bis sie plötzlich verschwunden ist. All das macht mir Angst. Ich rufe nach meiner Mutter, aber sie ist weg. Ich will nicht alleine sein.

Wieder laufe ich auf und ab, ruhelos. Schlage mit den Händen dagegen. Als ich das Gefühl habe zu verzweifeln, steht plötzlich meine Freundin Lisa neben mir.

„Hey meine Liebe, na wie geht’s dir?“ Sie scheint genauso ein Geist zu sein wie meine Mutter gerade eben.

„Was machst du hier?“, frage ich.

„Die Frage könnte ich eher dir stellen. Warum stehst du hier so doof rum und kommst nicht rüber?“, entgegnet meine Freundin freundlich.

„Wegen dieser Mauer natürlich. Ich habe schon alles probiert, aber ich schaffe es nicht.“ Zum Beweis schlage ich mit der Hand gegen das Monstrum neben mir.

„Weil du es falsch angehst. Du machst es dir selbst zu schwer, weil du immer alles perfekt machen willst.“, antwortet Lisa.

„Aber warum? Was soll ich mir nicht so schwer machen?“

„Das musst du schon selbst herausfinden. Aber es gibt ja wohl einen guten Grund, warum ausgerechnet ich hier neben dir stehe.“, zwinkert sie mir zu. „Ich warte dort auf dich. Du hast alles bei dir, was du brauchst. Du musst nur anfangen.“ Und somit schreitet sie einfach durch die Wand hindurch, als wäre diese aus Luft. Aber vielleicht ist es auch Lisa, die nicht wirklich existiert.

„Nein, bleib hier! Lass mich nicht allein!“, rufe ich ihr noch hinterher und strecke meine Hand nach ihr aus, doch ich greife einfach durch sie hindurch. Schon ist sie weg und ich bin wieder alleine an diesem trostlosen Ort.

Tränen brechen ihren Weg nach außen. Schluchzer schütteln mich. Was ist, wenn ich hier niemals mehr rauskomme? Am liebsten würde ich meinen Kopf gegen die Wand schlagen, aber was würde mir das bringen?

Eine Frage beschäftigt mich besonders. Warum war ausgerechnet Lisa hier? Irgendwie scheint das der Schlüssel zu sein, doch ich komme einfach nicht darauf.  

Lisa und ich verbindet am Meisten das Schreiben. Wie oft sehe ich zu ihr auf, weil sie Hürden meistert, bei denen ich klaglos scheitere. So haben wir uns auch kennen gelernt und helfen uns seit dem gegenseitig.

Aber wie kann diese Mauer damit zusammen hängen?  

Ich setze mich mit dem Rücken an die Wand und schlage resigniert die Hände über dem Kopf zusammen. Dann bemerke ich wieder das Notizbuch neben mir. Vorsichtig streichle ich über den Einband, der mir so vertraut ist. In den Innentaschen stecken Postkarten, Fotos, Zeitungsausschnitte, die ich irgendwann einmal aufgelesen habe.

Ich blättere durch die Seiten, zum Teil vollgeschrieben mit meiner Handschrift.

Der Bleistift steckt neben in der Schlaufe. Ich ziehe ihn heraus, schlage eine freie Seite auf und denke darüber nach, was ich schreiben soll. Doch dann kommen mir die Worte von Lisa in den Sinn „Fang einfach an.“ Das, was mir immer am schwierigsten fällt. Seit Jahren. Ich überlege immer nur. Doch was habe ich bisher zustande gebracht? Wenn ich ehrlich zu mir bin: nichts!

Vorsichtig setze ich den Stift oben an, doch sofort kommen wieder die altbekannten Zweifel in mir hoch. Ich sehe die Mauer an, wie sie zwischen mir und meinen Ziel steht. Und beginne zu schreiben, einfach aufs Geradewohl. Wort für Wort. Satz für Satz und fülle damit die Seiten, bis es immer mehr werden. Ich schreibe über meine Verzweiflung, über meine vergeblichen Versuche. Über all das, was mich aufzuhalten scheint.

Und plötzlich merke ich, wie die Steine hinter mir zu bröckeln anfangen. Wie sie an Substanz verlieren und durchsichtiger werden. Irgendwann lösen sich immer mehr Gesteinsbrocken, ich muss zur Seite treten, um nicht davon erschlagen zu werden. Bis die Mauer endgültig in sich zusammen fällt.

Und da ist sie, die andere Seite. So voller Licht, voller Liebe und Glückseligkeit. Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus und ich trete hindurch. Ich habe sie eingerissen - Die Mauer, die immer nur in meinem Kopf existiert hat.

Kommentare

  • Author Portrait

    Tränen. Einfach nur Tränen. <3

  • Author Portrait

    Ein ganz starker Text, grosses Kompliment! Ich war lange gespannt, wofür diese Mauer steht. Du hast diese Spannung in meinen Augen sehr gut aufgebaut und gehalten!

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Feenstaub

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