Aufbruch in die alte Heimat

»Du siehst jetzt schon das fünfte Mal auf das Handy ...«

Henry und Garrett saßen in der geschlossenen Abflughalle des Southampton International Airport. Mit ihnen warteten noch dutzende andere Passagiere und durch einige spielende Kinder herrschte ein lebhafter Trubel. Der Flug nach Waterford in Irland ging in einer Stunde und der junge Mann machte den Eindruck eines nervösen Eichhörnchens. Er knibbelte an seinen Fingernägeln herum und tippte ständig das Display seines Telefons an.

»Ich weiß ... meinst du, er ist da gut aufgehoben?«

»Garrett ... es ist eine Haustierpension in Gatwick, du kennst die Besitzer bereits seit der Kindheit. Traust du denen nicht zu, dass sie sich vier Wochen um Nikodemus kümmern können?« Henry lächelte milde, ließ sich auf einem der unbequemen Drahtgeflechtstühle, die Flughäfen so unbehaglich machten, etwas nach unten gleiten und streckte die langen Beine aus.

»Ja. Ich weiß. Und eigentlich schon. Ich bin wahrscheinlich nur nervös ...« Garrett spielte mit den Fingern seines Freundes, denn er hatte das Gefühl, dass er explodieren würde, wenn er still saß. Obwohl er bereits neunundzwanzig war, war er noch nie zuvor in seinem Leben geflogen. Es war bislang niemals nötig gewesen und er mochte es lieber, mit dem Zug zu reisen. Er wusste, wie infantil seine Hibbeligkeit ihn wirken lassen musste, doch wenn er mit Henry zusammen war, kümmerte ihn das nicht. Der war schließlich, auch wenn er nicht so aussah, stets der Ältere von ihnen und würde es auch immer bleiben. Garrett hatte nie aufgehört, sich ihm gegenüber wie ein Teenager zu fühlen und das gefiel ihm. Erwachsen und ernsthaft war er in seinem Job als Fotograf genug, zuhause brauchte er das nicht.

»Fliegen ist sicher, Garrett. Und wenn was passiert, rette ich dich. Das weißt du doch«, murmelte der Vampir träge, aber mit einem Lächeln. Draußen hatte es zu regnen begonnen, was immer eine lähmende Wirkung auf Henry hatte.

»Ich hoffe, das Wetter in Irland ist besser. Wir haben Mai ... zwanzig Grad ... und Regen. Und das nennen wir Sommer!«

Der Vampir lachte. »Ja ... wenn es nicht schneit, dann regnet es und wenn es nicht regnet, dann ist es kalt. England, hooray!«

»England ist toll«, kicherte der junge Mann. Henry nickte nur und richtete sich ächzend wieder auf, als wollte er verhindern, dass er einschlief.

»Weißt du, das Alter hat schon was«, grinste er, »man stöhnt viel mehr ... zwar nicht unbedingt wegen Sex, aber beim Aufstehen.«

Garrett zog die Augenbraue hoch. »Davon hast du ja wohl genug«, murmelte er leise, damit die anderen Passagiere es nicht hörten, »Und du steckst in einem jüngeren Körper als ich.«

»Das wage ich jetzt mal zu bezweifeln, mein Liebling. Also das Letztere«, Henry lachte und rieb sich über das Gesicht.

Der Aufruf ihres Fluges brachte die beiden auf die Beine, bevor sie sich weiterkabbeln konnten. Garrett nahm die Tickets aus der Jackentasche, während Henry die zwei Rucksäcke trug, die sie als Handgepäck mit in den Flieger nehmen wollten. Alles andere waren sie zum Glück bereits losgeworden.

Während die Taschen über das Band und durch den Sicherheitscheck liefen, begutachtete Henry die Bodyscanner argwöhnisch.

»Was ist? Meinst du, die verraten, was du bist?«, flüsterte Garrett, der den Blick seines Freundes bemerkt hatte.

»Das letzte Mal, als ich geflogen bin, gab es diese Dinge noch nicht. Dieser ganze Terrorismusscheiß der letzten Jahrzehnte hat das Fliegen echt nervig gemacht. Allerdings ist mein Körper genau wie deiner. Also wird schon alles glatt gehen. Ich bin ja keine Bombe oder so«, der Vampir lachte leise und rieb sich den Nacken. Es regnete noch immer und er wünschte sich in die Maschine, um die Flugzeit vielleicht einfach mit einem kleinen Nickerchen herumzukriegen.

Garrett ging als erster durch den Scanner und musste sich ein leichtes Abtasten seiner Jacke gefallen lassen. Henry, der nach ihm folgte, erschrak, als das Gerät anschlug und durchsuchte eilig seine Taschen. Sein Freund wartete jenseits der Schleuse und der Vampir hasste die bohrenden Blicke des Sicherheitspersonals.

»Hast du deine Uhr abgenommen?«, fragte der junge Mann und Henry seufzte, zog den Jackenärmel hoch, legte den Zeitmesser in eine der Schalen und ging erneut durch den Scanner, der dieses Mal nicht reagierte.

Ein grimmig aussehender Sicherheitsmann tastete den Vampir dennoch gründlicher ab, als es hätte nötig sein müssen. Offenbar hatte der Unsterbliche etwas an sich, was dem Herren nicht geheuer vorkam und er wollte auf Nummer Sicher gehen. Henry jedoch fühlte sich belästigt, als die Hände des Mannes ein zweites Mal die Gesäßtaschen seiner Jeans abtasteten.

»Sind Sie es nicht bald mal müde, meinen Hintern zu befühlen? Mein Lebensgefährte steht da drüben ...«, knurrte der Vampir dunkel. Der Sicherheitsbeamte lief rot an und sah ihm böse entgegen.

»Ich mache nur meinen Job, Sir. Und wenn der Scanner anschlägt, könnte eine Uhr auch nur eine Finte gewesen sein.«

»Und weil ich vorhabe, irgendwelchen Mist im Flugzeug anzustellen, ziehe ich absichtlich die Aufmerksamkeit der Security auf mich ... welche Logik«, murmelte der Unsterbliche eher zu sich selbst. Der Mann funkelte ihn an, als hätte Henry ihn persönlich beleidigt, doch winkte ihn schließlich durch. Garrett reichte dem Vampir seinen Rucksack, sie nahmen ihre Sachen aus den Schalen und betraten durch die Gangway den Flieger.

»Du musst die Leute auch immer provozieren«, sprach der junge Mann leise, als sie ihr Gepäck in einer der oberen Ablagen verstauten und ihre Sitze in Beschlag nahmen. Garrett, der noch nie geflogen war, setzte sich ans Fenster und sah neugierig auf den Platz hinaus.

»Der hat meinen Arsch befummelt. Solltest du nicht total angefressen deswegen sein?« Henry schmollte, was seinen Freund zum Lachen brachte.

»Sollte ich? Weil ein anderer Mann dich vielleicht geil findet und die Chance genutzt hat? Hätte ich genauso gemacht«, gluckste Garrett und drückte dem knurrenden Vampir einen Kuss auf die Wange. »Außerdem hab ich keine Lust, nach Irland zu schwimmen.«

»Als ob diese Blaumänner etwas ausrichten könnten gegen mich ... Oder als ob ich eine Waffe bräuchte ...«

»Shht. Sei artig, Schatz.«

»Das bin ich immer. So sehr, dass ich nichts mehr angestellt habe, seit ich Allister ... neutralisiert habe ...«

Garrett zog die Augenbraue hoch. »Sagst du das so, damit keiner versteht, was du meinst, falls uns einer zuhört?« Der junge Mann gluckste.

»Wenn das niemand versteht, dann sind wir von Idioten umzingelt. Aber mir auch egal. Hauptsache du verstehst, was ich meine.« Henry schmunzelte und wandte seinem Liebsten den Blick zu.

»Natürlich. Ich war dabei, vergessen? Ich hab noch in London manchmal davon geträumt, weil das so ... schlimm gewesen ist.«

»Nein, das habe ich nicht vergessen und ich bedauere, dass du das mitansehen musstest.«

Garrett lehnte sich in den verhältnismäßig bequemen Sitz zurück und rutschte etwas runter, so weit es die Beinfreiheit zuließ. Er legte den Kopf auf Henrys Schulter und blickte aus dem Fenster. »Ich hoffe nur, dass ich das nie wieder erleben muss. Es ist so schon schwer genug, zu akzeptieren, wie leicht ein Körper zu zerstören ist. Wo man doch immer denkt, man wäre so stark.«

Henry griff nach Garretts Hand. »Hollywood hat da ganze Arbeit geleistet. Das, was in manchen Filmen und Serien geschieht, würde einen normalen Menschen umbringen. Aber sei’s drum. Ich passe auf dich auf. Und du auf mich. Was wollen wir mehr?«

Der junge Mann grinste. »Im Moment? Einen schönen Urlaub und hoffentlich besseres Wetter als in England.«

Der Vampir lachte mit geschlossenen Augen. »Das Klima in Irland ist milder. Es wird definitiv besser sein als hier. Zumindest wärmer, denn Regen gibt es an der Küste immer mal.«

»Also liegt dein Heimatdorf genau am Meer?«

»Früher mal. Ich war seit dem Weggang von meiner Mutter nicht mehr dort. In Irland ja, aber nie wieder in Dunmoor. Ich hab es nur mal auf Google Maps gesehen. Es ist offenbar groß genug geworden, um auf einer Landkarte zu erscheinen und Touristen zu beherbergen.«

Garrett wandte den Kopf. »Bist du aufgeregt?«

»Ich weiß ehrlich gesagt nicht. Ich glaube nicht, dass noch irgendetwas von früher übrig geblieben ist. Es sind immerhin über siebenhundert Jahre vergangen. Es würde mich nicht überraschen, wenn selbst die alte Kirche inzwischen durch eine neue ersetzt worden ist.«

»Na, dafür fahren wir ja da hin. Ich möchte so viel sehen wie möglich. Ich kann gar nicht glauben, dass meine Eltern mit mir immer nur in England Urlaub gemacht haben ...«

Henry brummte leise. »Die Insel hat schöne Flecken. Warum da woanders hin fahren? Ich kann das verstehen.«

»Trotzdem ... wir leben seit vier Jahren zusammen und ich war noch nie in deiner Heimat. Also ...«

»... holen wir das jetzt nach. Hat ja lange genug gedauert. Rede nicht so viel, Garrett. Sonst könnte man denken, du bist nervös.« Der Vampir lachte und der junge Mann errötete.

Der Flieger hatte sich während ihrer leise geführten Unterhaltung zunehmend gefüllt und als die Stewardessen die Passagiere aufforderten, sich für den Start anzuschnallen, kehrte wieder etwas Leben in den lethargischen Unsterblichen, der wegen des Regens dösig geworden war. Garretts Hände zitterten so stark, dass Henry seinen Gurt schließen musste.

»Keine Angst. Egal, wie tief wir fallen, ich fange dich immer auf. Okay? Außerdem wird uns nichts passieren. Fliegen ist sicher. Mach die Augen zu und wenn du sie wieder aufmachst, sind wir in Irland.«

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