Auftauendes Herz

Auftauendes Herz


1.Kapitel  Wir ziehen um




Marta saß mit ihren Eltern am Frühstückstisch und biss gerade genussvoll in ihr Brötchen als ihre Mutter mit dem Finger auf die Zeitung schnippte und ausrief: ”Martin, das ist aber mal ein interessantes Angebot!” Martin, Martas Vater, trank einen Schluck Kaffee und sah seine Frau erwartungsvoll an. Aber Marta hörte nicht mehr zu. Ihre Eltern wollten umziehen und ein Haus kaufen. Langsam wurde es aber Marta langweilig, sie wäre nur froh gewesen, wenn es denn endlich soweit wäre, sie hatte nämlich nur ein ganz kleines Zimmer. Nach den Sommerferien kam Marta zur Schule und brauchte Platz für einen schönen Schreibtisch und ihre Schulsachen.


Am Nachmittag fuhr Marta mit ihren Eltern zur Hausbesichtigung.

“Es ist auch nicht zu weit von der Schule entfernt und ich bin schnell auf der Autobahn, es ist sogar etwas günstiger als jetzt.“ meinte Martas Vater. “Marta, achte mal auf die Hausnummern, es ist die Nummer 5.“

Marta schaute konzentriert auf die Häuser. “Hier, Papi, das hellgrüne Haus!” “Gut gemacht!” Herr Gatner bog in die Einfahrt ein. Kaum hatten die drei Gatners das Auto verlassen, da ging auch schon die Haustür auf. Ein Mann trat auf die Treppe. “Guten Tag, mein Name ist Klaus Gilbert, wir hatten heute morgen telefoniert.”

“Ja, wir sind die Familie Gatner. Mein Name ist Martin, das ist meine Frau Patrizia und das ist unsere Tochter Marta.” stellte Herr Gatner vor. “Kommen Sie bitte, ich zeige Ihnen alles.” Herr Gilbert trat zur Seite und ließ die Familie eintreten. Häuser anschauen machte Marta immer großen Spaß. Wenn man irgendwo eingeladen war durfte man ja nicht so einfach in

alle Zimmer schauen, aber bei einer Hausbesichtigung musste man das ja sogar.




Während die Eltern die Küche und das Badezimmer inspizierten, hüpfte Marta die Treppe hinauf, sie wollte natürlich “ihr” Zimmer suchen. Sie öffnete eine Tür, aha, noch ein kleines Bad mit Dusche und WC, die nächste Tür, nein, zu klein, das konnte Papi als Arbeitszimmer nehmen, und die nächste Tür………… Ja, das wars. Marta war begeistert. Ein schönes großes Zimmer mit zwei Fenstern und dahinter eine Treppenstufe tiefer ein kleines Räumchen mit einem kleinen Fenster, gerade groß genug für ein Bett und einen Kleiderschrank und vielleicht das eine oder andere Puppenbett, Marta hatte nämlich 5 Puppenkinder, Enzi, Frieda, Brietta, Manuel und Anabelle, die mussten ja auch irgendwo schlafen.

“Mami, Papi!” Marta stürzte die Treppe hinunter. “Ich habe mein Zimmer gefunden! Kommt

schnell, ihr müsst es anschauen!“


Marta packte ihre Mutter am Arm und zerrte sie in Richtung Treppe. “Langsam , langsam,” lächelte Frau Gatner,“ ich komm ja schon.” Marta schoss wieder die Treppe hinauf und die Erwachsenen kamen etwas weniger schnell hinter her.

“Na,“ Frau Gatner riss erstaunt die Augen auf, “da hast du dir aber wirklich ein schönes Zimmer ausgesucht. Lass uns die anderen Räume noch anschauen.”

Auf der anderen Seite der Diele war auch noch ein gut geschnittenes Zimmer, wenn auch nicht so groß wie Martas Zimmer, aber als Elternschlafzimmer ausreichend. Dann gab es sogar noch eine kleine Abstellkammer und ein Gästezimmer.

“Jetzt zeige ich Ihnen noch den Garten. Er ist nicht ganz so groß, aber er reicht auf jeden Fall für die Kleine.”

Durch die Terrassentür im Wohnzimmer traten sie in den Garten hinaus .Marta sperrte erstaunt die Augen auf, da war eine Schaukel, das heißt, das Gestell einer Schaukel, aber leider ohne Schaukel. Die konnte man ja kaufen und Opa konnte das Gestell schön anmalen. Marta überlegte, Opi kaufte die Schaukel, Opa musste malen.

Auch Patrizia Gatner gefiel der kleine Garten, jetzt konnte sie endlich versuchen, Küchenkräuter zu pflanzen und Salat.

“Kommen Sie mal,“ rief Herr Gilbert, “ich zeigen Ihnen noch die Einliegerwohnung und stelle Sie meinem Vater vor.” Herr Gilbert zögerte, “er ist ein bisschen schwierig, aber er wird Sie nicht stören, er lebt ganz zurückgezogen.” Um das Haus herum war der Eingang zu der Einliegerwohnung. Herr Gilbert schloss die Haustür auf und rief : ”Papa, ich bringe dir die Familie Gatner. Hier entlang, da ist das Wohnzimmer,” wandte sich Herr Gilbert an die Gatners.

Im Wohnzimmer in einem großen Sessel saß ein älterer Herr mit schlohweißem Haar. Eigentlich sah er ganz nett aus, aber er machte kein freundliches Gesicht.

“Papa, das ist die Familie Gatner. Martin und Patrizia Gatner und ihre Tochter Marta.

Mein Vater, Kurt Gilbert.” Der alte Herr Gilbert stand auf und reichte Martin und Patrizia die Hand, Marta streifte er nur mit einem kurzem Blick und ignorierte ihre ausgestreckte Hand. Frau Gatner schaute den jungen Herrn Gilbert etwas irritiert an, aber der senkte nur verlegen den Blick. “Äh, die Wohnung hat drei Zimmer, Küche und Bad. Bitte, schauen Sie sich um.”

Marta ging wieder in den Garten zurück. Ihr gefiel dieses Haus von allen Häusern, die sie bis jetzt angeschaut hatten, am besten. Hoffentlich klappte es!


Am Abend, als Mami Marta ins Bett brachte, hatten sie eine lange Unterredung. “Nun,” fragte Mami, “wie hat dir das Haus gefallen?” ”Supertoll!” Marta setzte sich im Bett hoch, “hast du gesehen, da ist auch eine Schaukel.” “Ja, hab ich gesehen. Der Preis für das Haus ist auch relativ niedrig, weil der alte Herr Gilbert ein lebenslanges Wohnrecht in seiner Einliegerwohnung behalten will. Das wollen die meisten Leute nicht. Aber Papa und mir würde das nichts ausmachen, zumal das Haus prima in Schuss ist und man nicht viel renovieren müsste.” “Was bedeutet denn Wohnrecht?” fragte Marta. “Das heißt, er kann, solange er lebt, in seiner Wohnung bleiben.” “Aha”. Das konnte Marta verstehen. “Also, Papi und ich wollen das Haus kaufen.” Mami stand vom Bettrand auf und gab Marta einen Kuss. “Und ich bekomme das schönste Zimmer im Haus!”- “Mami?” Frau Gatner war schon fast zur Tür hinaus, als Marta sie zurückrief. “Was denn?” “Warum hat der alte Herr Gilbert mir nicht die Hand gegeben? Er hat mich auch gar nicht richtig angeguckt. Ich war doch auch ganz brav.” fragend schaute sie ihre Mutter an. “Hm”, Frau Gatner war das auch aufgefallen und sie hatte auch die Verlegenheit des jungen Herrn Gilbert bemerkt. Sie hatte das auch etwas seltsam gefunden. “Ich weiß es nicht, mein Engelchen, auf jeden Fall hast du nichts falsch gemacht. Vielleicht hatte er einfach nur einen schlechten Tag. So, schlaf schön und träume von deinem neuen Zimmer. Gute Nacht!”


Zur gleichen Zeit hatte Klaus Gilbert eine Unterredung mit seinem Vater.

“Also, Papa, der Herr Gatner hat gerade angerufen, sie wollen das Haus haben.”

“Hm,”der alte Herr Gilbert schnaufte ein wenig, “ja, aber …. das Kind…”Papa, bitte, es haben sich in achtzehn Monaten nur fünf Interessenten gemeldet, wir haben zweimal den Preis gesenkt. Ich sage zu!” Kurt Gilbert starrte an seinem Sohn vorbei. “Dann tue es!” knurrte er und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, so als wolle er etwas wegwischen.




2. Kapitel Der Dachbodenfund


Geschafft! Marta hatte soeben das letzte Buch in ihr neues Bücherregal eingeräumt und schaute sich ganz stolz in ihren Zimmer um. Sie hatte sich die Farben selber aussuchen dürfen und gelb und türkis gewählt für die Wände und die kleine Schlafkoje war himmelblau mit Sternen an der Decke. Auch die Puppenkinder hatten ihren Platz gefunden.

Mami räumte im Esszimmer das gute Geschirr ein und Papi baute in seinem Arbeitszimmer den Computer auf.

Marta schlenderte ins Esszimmer. “Wann kommt denn endlich Opi?” “Zum hundertsten Mal, um 3 Uhr.” seufzte Mami etwas ungeduldig. “Bist du fertig?” “Ja, ich gehe noch ein bisschen in den Garten.” Marta trat durch die offene Terrassentür und schnappte sich ihren Roller. Rund ums Haus gab es einen prima Plattenweg, da konnte man sausen. Als Marta am Wohnzimmerfenster der Einliegerwohnung vorbei kam, sah sie aus den Augenwinkeln heraus, dass sich die Gardinen bewegten. Marta beschloss, noch mal eine Runde zu drehen.

Da! Jetzt hatte sie den alten Herrn Gilbert auch gesehen, so schnell konnte er seinen Kopf nicht zurückziehen. Merkwürdig. Marta drehte noch eine Runde, aber das Sausen mit dem Roller machte ihr so viel Spaß, dass sie den alten Man vergaß.


“Marta, Marta, Opi ist da!” “Ich komme.” schwungvoll fuhr sie auf der Terrasse vor. “Hallo, Opi! Fahren wir jetzt ins Kinderland die Schaukel kaufen? ”Aber natürlich mein Schatz.” Opi schaute Marta mit einem etwas verklärten Blick an, sie war seine Prinzessin. Nach sieben Enkelsöhnen hatte seine jüngste Tochter Patrizia ihm eine Enkeltochter geschenkt, wobei man noch erwähnen muss, dass der Jüngste seiner Enkel schon siebzehn war, als Marta geboren wurde.

Patrizia schmunzelte, ja, der Opi und Marta, das war ein Gespann.”Nachher gibt es Marmorkuchen.” rief sie den beiden nach.

Im Spielwarengeschäft mussten natürlich sämtliche Schaukeln ausgiebig getestet werden und Opi stand geduldig daneben. Schließlich konnte sich Marta für eine entscheiden.

- Zurück aus dem Kinderland wurde mit Hilfe von Papi die Schaukel aufgehängt. Der Opa, also der Großvater väterlicherseits, hatte die Schaukel technisch wieder sicher gemacht und schön gelb angemalt. Marta war selig, fast war alles zuviel, das schöne Zimmer, der Garten, die Schaukel.


Man saß auf der Terrasse und ließ sich den Kuchen schmecken. Da klingelt es. Martin Gatner ging zur Tür und kam mit Klaus Gilbert zurück. “Guten Tag.” grüßte er. “Ich müsste mal noch auf den Dachboden, da habe ich einen alten Koffer vergessen. Ich bin nämlich im Theaterverein und da sind die Kostüme drin.” “Dann wollen wir mal hoch gehen.” sagte Martin. Dachboden! Das war das Stichwort für Marta, den kannte sie nämlich noch nicht.

Sie sprang auf. “Ich komme mit!” “Das habe ich auch nicht anders erwartet.” grinste Martin.

Außer ein paar Sachen von den Gatners war der Dachboden leer. Marta war etwas enttäuscht. Aber Herr Gilbert fand auch seinen Koffer nicht. Marta ging bis ganz Ende des Bodens und stieß unvermutet auf eine große Truhe aus glänzendem Holz. “Ui, die ist aber groß und schön.” entfuhr es ihr. Marta wollte natürlich wissen, was darin war und öffnete den Deckel - und war sprachlos. Die ganze Truhe war voller Spielsachen und Kinderbücher. Hauptsächlich waren es Ankleidepuppen und Möbel und Stofftiere. “Wow”. Wenn sie das ihrer Freundin Ruth erzählte, die würde das gar nicht glauben.

“Papi, komm mal schnell her, schnell.” Martas Stimme klang ganz schrill vor lauter Aufregung. “Was ist, hast du den Koffer gefunden?” “Nein, was anderes, komm doch schnell her!” Papi und Herr Gilbert kamen in den hinteren Teil des Dachbodens. “Hier.”

Marta hielt in jeder Hand eine Puppe. Als Herr Gilbert die Truhe und die Puppe sah, blieb er abrupt stehen und trat einen Schritt zurück, so als hätte er Angst vor der alten Truhe. “Äh, also…, nun, äh…”stotterte er herum, “ ich muss gehen, der Koffer ist vielleicht doch bei mir im Keller. Auf Wiedersehen” Mit langen Schritten ging er auf die Tür zur Treppe zu. “Was ist mit den Spielsachen?” rief Marta ihm hinterher. Ohne sich noch einmal umzudrehen winkte Herr Gilbert mit der Hand und sagte laut: ”Kannst du behalten.”

“Super.” jubelte Marta. “Wie gut, dass ich mit raufgegangen bin!” stellte sie tief befriedigt fest. Das war fast so, als hätte sie einen Schatz entdeckt.

Martin war immer noch etwas geplättet über diesen schnellen Abgang des jungen Herrn Gilbert. Er war bisher doch ganz vernünftig gewesen .Scheinbar hatte er doch etwas von dem kauzigen Wesen seines Vaters geerbt.

Marta rannte den Arm voller Puppen die Treppe runter. “Mami, Opi, seht mal ….”

Ihre Stimme verklang. Martin schüttelte noch einmal den Kopf und folgte seiner Tochter.

Unten auf der Terrasse sah Patrizia ihren Mann fragend an .”Was war das denn, der ist ja wie von der Tarantel gestochen die Haustür hinaus.” “Um ehrlich zu sein, ich weiß es auch nicht.” Martin schüttelte ratlos den Kopf. Derweil schleppte Marta einen großen Wäschekorb an. “Was willst du mit dem Korb?” fragte Mami. “Ich will die Puppen und die Kleider runter holen, die Truhe ist viel zu schwer. Kommst du mit, Mami?” “Ja, ich bin ja doch neugierig.” Mami und Marta holten die Sachen nach unten und beschlossen, die Puppenkleider zu waschen, da sie ziemlich muffig rochen. Sie veranstalteten eine große Planscherei auf der Terrasse und hängten die kleinen Kleider dann an der Wäschespinne auf.

Dabei bemerkte Marta, dass der alte Herr Gilbert sie wieder vom Küchenfenster aus beobachtet. “Du, Mami, er guckt wieder, ”flüsterte Marta ihrer Mutter zu. “Wer?” “Na, der Gilbert!” “”Ach so, ja vielleicht hat er Langeweile und guckt nur einfach so. Zum Zeitvertreib.” “Meinst du?” Aber so ganz war Marta davon nicht überzeugt.




3. Kapitel Das Gartenfest und der alte Herr Gilbert regt sich auf


Marta saß mit ihrer Mutter am Esszimmertisch und malte eine Einladungskarte für ihre Freundin Ruth und deren Eltern zu der großen Gartenparty am Wochenende. Es war das erste Mal, dass die Gatners in ihrem neuen Haus Gäste empfingen. Fast die ganze Familie kam und einige Freunde.

“Schau mal, Mami, wie findest du die Karte?” “Oh ja, sehr hübsch. Du musst nur noch unterschreiben.” “Ach ja.” Die Karten für die Großeltern waren schon fertig, morgen musste alles zur Post. “Laden wir den alten Herrn Gilbert auch ein?” Marta schaute ihre Mutter fragend an .Daran gedacht hatte Frau Gatner schon, aber sie hatte den Gedanken wieder verworfen. Seit sie eingezogen waren, hatte sie erst einmal mit ihm ein paar höfliche Worte gewechselt und diese Begegnung am Gartentor war rein zufällig gewesen. “Nein, ich glaube nicht, dass er darauf Wert legt. Er bleibt lieber für sich. Aber Onkel Robert bringt Ballou mit.” “Juhu, Ballou kommt.” Ballou war ein Bernhardiner und gehörte der Familie von Frau Gatners Schwester Angelika. Er war eigentlich ganz lieb, nur wenn es dunkel wurde und er alleine zu Hause war, fing er fürchterlich an zu jaulen. Also musste er, wenn die ganze Familie eingeladen war, oder keiner daheim bleiben konnte, immer mitkommen. Naja, bei einem Gartenfest war das auch nicht weiter schlimm.

Marta räumte ihre Malsachen weg und beschloss, in den Garten zu gehen. Zuerst schaukelte sie eine Weile und dann drehte sie ein paar Runden auf ihrem Roller. Da passierte etwas vollkommen Unerwartetes. Genau vor dem Wohnzimmerfenster der Einliegerwohnung lag ein dicker Stein. Marta hatte ihn nicht gesehen und fuhr ziemlich schnell über den Stein hinweg. Das Rad des Rollers schlug um und Marta landete ziemlich unsanft auf den Knien.

“Au, au, es blutet, Mami, Mami!” Marta fing an zu weinen. Da hörte sie plötzlich eine sanfte Stimme. “Hast du dir wehgetan, Kleines?” Marta blickte hoch, und vergaß vor lauter Erstaunen zu weinen. Vor ihr stand nämlich der alte Herr Gilbert. Marta brachte kein Wort heraus. “Warte, bleib einfach sitzen, ich hole ein Pflaster.” Im Handumdrehen war Herr Gilbert wieder zurück. Mit einem feuchten Tuch säuberte er das Knie, strich eine Salbe auf die Wunde und klebte dann , was noch erstaunlicher war, ein buntes Kinderpflaster drauf.

“Kannst du aufstehen?” “Marta hatte ihre Sprache immer noch nicht wieder gefunden.

“Dann geh zu deiner Mama.” Herr Gilbert drehte sich um und ging in seine Wohnung zurück.

Marta hob ihren Roller auf und humpelte zur Terrasse. Ihre Mutter saß immer noch am Esszimmertisch und war mit den Einladungskarten beschäftigt. Als Marta eintrat, schaute sie auf. “Marta, Schätzchen, hast du geweint? Ist was passiert?” Marta musste ein paar Mal schlucken und dann sprudelte sie die ganze Geschichte heraus. Auch die Mutter war sehr erstaunt. “Na so was, der kann ja richtig nett sein. Sogar Kinderpflaster hat er. Sehr merkwürdig!” Mami nahm Marta auf den Schoß und gab ihr einen Kuss.

Am Abend hörte auch Martin staunend die Geschichte. “Ich geh nachher mal rüber und bedanke mich. Marta, vielleicht malst du Herrn Gilbert eines von deinen schönen Bildern?”

“Auja.” Sie verschwand schnell in ihrem Zimmer. Wie gut, dass sie heute Mittag schon die schöne Blumenwiese begonnen hatte, die brauchte sie jetzt nur fertig zu malen.

Später, als Marta schon im Bett war, ging ihr Vater mit dem Bild und einer Flasche Wein hinüber zu Herrn Gilbert. Vielleicht würde er jetzt ja ein bisschen auftauen. Martin klingelte. Es blieb still. Martin klingelte nochmals. Nichts. Martin legte das Bild auf die Fußmatte und stellte die Flasche Wein darauf.

“Und?” Patrizia schaute ihren Mann erwartungsvoll an. “Nichts und. Er hat nicht aufgemacht. Dabei ist er mit Sicherheit da. Er ist einfach ein komischer Kauz. Mir solls egal sein. Wenn er nicht will, will er nicht.” Als Zeichen , dass die Sache für ihn erledigt war, schaltete er den Fernseher ein. Patrizia hingegen dachte noch lange darüber nach, eine Erklärung für dieses Verhalten musste es doch geben.

Als sie am nächsten Morgen den Müll zur großen Mülltonne brachte, fand sie Martas Blumenwiesenbild darin. Patrizia seufzte. Was hatte der alte Mann bloß?


Am Tag des Gartenfestes war strahlendes Wetter. Marta hatte den Auftrag bekommen, die Haustür zu öffnen und die Gäste einzulassen. Zum Glück war ihre Freundin Ruth mit ihren Eltern schon ziemlich früh gekommen und leistete ihr Gesellschaft. Endlich kamen auch Tante Angelika und Onkel Robert mit Ballou. Die beiden Mädchen wurden von ihrem Türsteherjob erlöst und gingen mit Ballou in den Garten.

“Sieh mal Ruth”, Marta deutete auf die Einliegerwohnung,”da wohnt der Gilbert. Bestimmt guckt er wieder.” Ruth schaute angestrengt hinüber, sie hätte den alten Mann zu gerne mal gesehen, aber sie konnte nichts erkennen. “Sollen wir mal klingeln und uns dann verstecken?” schlug sie vor. “Nee, bringt nichts, er macht doch nicht auf. Lass uns lieber mit Ballou Ball spielen, bis es Essen gibt.” Zuerst schien der behäbige Ballou keine rechte Lust zu haben, aber dann drehte er so richtig auf. Gerade als sie an Herrn Gilberts Haustür vorbei rannten, trat dieser mit seinem vollen Mülleimer zur Tür hinaus und prallte mit Ballou zusammen. Der Mülleimer flog ihm im hohen Bogen aus der Hand und der Inhalt ergoss sich auf den Plattenweg. Marta und Ruth waren vor Schreck wie erstarrt, Ballou war mehr erstaunt als erschreckt, vielleicht noch ein Spielkamerad? Einen Augenblick lang war Stille, dann begann Herr Gilbert zu brüllen: ”Ihr schrecklichen Gören, könnt ihr nicht aufpassen? Und nehmt dieses gräuliche Vieh weg…” weiter kam er nicht. Zum Glück hatte Martas Vater das Gebrüll gehört. “Was geht hier vor?” fragte er. Anstatt zu erklären, was passiert war, fing Herr Gilbert wieder an zu schreien. “Ich dulde keinen Hund hier. Schaffen Sie dieses Vieh fort!” Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand in seiner Wohnung.

“Marta, Ruth, was ist los?” fragte Herr Gatner. “Wir haben Fangen gespielt und dann ist Ballou mit dem Gilbert zusammengestoßen und der Mülleimer ist durch die Luft gesaust.” erklärte Marta. “Eigentlich ganz lustig.” warf Ruth ein. “Na, na, “ Martin runzelte die Stirn.”Geht jetzt auf die Terrasse, es gibt gleich Essen. Ich kehre noch diese Schweinerei auf.” Diesen alten Mann konnte man einfach nicht verstehen.


Während des Essens wurde Marta von ihren erwachsenen Vettern aufgezogen. “So so , kleine Kusine,” meinte der zweiundzwanzigjährige Sebastian, “bald kommst du in die Schule, da beginnt der Ernst des Lebens.” Marta schaute ihn verständnislos an. “Was ist der Ernst des Lebens?” “Ganz einfach,” mischte sich Sebastians Bruder Benedikt ein, “unser Lehrer hat sich damals, eigens bei einem Schreiner, einen richtig guten Prügelstock machen lassen.” “Quatsch!” Marta lachte. “ Und bei uns in der Schule gab es einen Raum im Keller, wo die frechen Kinder eingesperrt wurden.” setzte Sebastian noch eins drauf. Marta kicherte, sie kannte ihre Vettern und wusste genau, dass sie nur Spaß machten, aber Ruth schaute etwas besorgt drein. “Musst du nicht glauben, Ruth, ist nur Spaß!” Marta klopfte Ruth beruhigend auf die Schulter.

Am anderen Ende des Tisches erzählte Martin seiner Frau und seinem Bruder Markus von Herrn Gilberts Ausraster. “So ein seltsamer Mensch ist mir noch nicht untergekommen.” sagte Patrizia. “Wenn ihr euch da nicht mal ein Ei ins Nest gelegt habt.” meinte Markus tiefsinnig. „Naja,“ Martin runzelte die Stirn, „er ist ja ganz für sich und will offenbar einfach nur alleine sein. Man wird sehen.“




4. Kapitel Marta wird ein Schulkind


Nun war es endlich soweit, morgen war der langersehnte erste Schultag. Marta war schon sehr aufgeregt. Bestimmt schon ein dutzendmal hatte sie ihren Schulranzen aus und wieder eingeräumt. Nur die Schultüte, die hatte Mami, denn da kamen ja Süßigkeiten und Geschenke hinein. Die Schultüte hatte Mami im Kindergarten zusammen mit den anderen Müttern selbst gebastelt und war mächtig stolz darauf. Sie war pink und neongrün mit Pferden, die eine richtige Mähne hatten, genau passend zum Ranzen, Marta hatte nämlich einen Pferderanzen.

Am Abend, als Marta schon im Bett lag, legte Mami Martas neues Kleid heraus.

“Wir müssen jetzt abends immer alles fertigmachen, was du am nächsten Morgen für die Schule brauchst,” erklärte sie Marta, “ du packst deinen Ranzen und ich lege die Kleider parat. Wir dürfen auch nicht trödeln, zum Unterricht darf man nicht zu spät kommen.”

Papi kam herein.” Heute sage ich dir zum letzten Mal als Kindergartenkind gute Nacht, morgen bist du schon ein Schulkind!” Marta drückte Papi fest an sich. “Ich freue mich so!”


Marta hatte gedacht, sie könne nicht einschlafen, aber nun war es schon morgen. Sie hörte ihre Mutter rufen:” Marta-Maus aufstehen!” Sonst drehte sie sich manchmal noch einmal um, aber heute nicht! Wie der Blitz schoss sie die Treppe hinunter ins Esszimmer. Dort saßen ihre Eltern schon am Tisch. “Was möchtest du denn essen?” fragte Mami. “Haferflocken.” Aber viel konnte sie nicht essen, dazu war sie zu aufgeregt.

Schließlich war es soweit. Sie stiegen alle zusammen ins Auto und fuhren zur Kirche, wo für die Schulkinder ein Einschulungsgottesdienst abgehalten wurde. Auch die beiden Großelternpaare waren gekommen. Jedes Kind wurde namentlich von dem Geistlichen aufgerufen und gesegnet. Nach dem Gottesdienst ging man dann gemeinsam zur Schule, die sich nur wenige Gehminuten entfernt von der Kirche befand. In der Schulturnhalle fand die Begrüßung statt. Die Rektorin Frau Krause hielt eine kurze Rede und stellte die Lehrer vor.

“So, liebe Kinder, euer Lehrer ruft euch nun mit Namen auf und ihr könnt dann nach vorne zu ihm kommen. Der Herr Gergen fängt an.” Herr Gergen war Martas Lehrer. Zuerst klappte alles ganz prima, aber dann sagte Herr Gergen : “ Melinda Bedersdorf.” Ein kleines, schwarzhaariges Mädchen stand auf und kurz bevor es den Lehrer erreicht hatte, platzte die Schultüte auf und ein Regen von Süßigkeiten ergoss sich auf den Boden der Turnhalle. Alle Kinder lachten und ein ganz besonders kecker Junge schoss nach vorne und schnappte sich eine Tafel Schokolade. Unter Protest musste er sie natürlich wieder zurückgeben. Marian Köhler, Ruths Mutter, die neben Patrizia stand, flüsterte ihr zu :”Wie kann man die Schultüte derart voll stopfen und dann so viel Süßkram, kein Wunder, dass sie geplatzt ist.” Patrizia kicherte. Dann wurden auch Ruth und Marta aufgerufen. “Ich habe Marta nur ganz wenig rein gesteckt, die anderen Sachen, die sie geschenkt bekommen hat, kann sie heute Mittag auspacken.”

Die Kinder und ihre Eltern gingen nun mit dem Lehrer zusammen in den Klassenraum.

Marta und Ruth saßen natürlich nebeneinander. Während eine Schulstunde abgehalten wurde, bot man den Eltern derweil Kaffee und Kuchen an.

Martin und Patrizia warteten auf dem Schulhof auf Marta. Sie winkte schon von weitem.

“Na, Süße, wie wars?” “Ganz toll! Und der Herr Gergen heißt Peter, genau wie Opa!”


Am Nachmittag gab es für die Großeltern Kaffee und Kuchen und Marta wurde mit Ranzen und Schultüte im Garten photographiert. Dieses Mal bemerkte auch Patrizia, dass Herr Gilbert an seinem Wohnzimmerfenster stand und sie beobachtete. Seit dem Eklat am Gartenfest war er nicht mehr in Erscheinung getreten.



5. Kapitel Der Schulausflug


Die Wochen vergingen und Marta hatte sich schon gut in der Schule eingelebt und ging jeden Tag gerne wieder hin.

Heute war ein ganz besonderer Tag, die Klasse machte einen Schulausflug. Auf dem Plan stand der Besuch des Tierheims im Nachbarort und anschließend ein Picknick. In der Woche zuvor sollten die Kinder für die Tiere Futter-oder Geldspenden sammeln, die sie dann dem Tierheim schenken würden. Auch Marta hatte eifrig gesammelt, sie hatte 12 Dosen Hundefutter, 8 Dosen Katzenfutter und 23,60 Euro. Mami brachte Marta zur Schule und man lud alles in den Kombiwagen des Hausmeisters, der die Sachen dann zum Tierheim bringen würde.

Marta und auch einige der anderen Kinder waren noch nie in einem Tierheim gewesen und die Hunde und Katzen in den Käfigen taten ihnen ganz schön leid.

Die Tierheimleiterin führte die Klasse von Box zu Box und erzählte immer ein paar Worte zu dem jeweiligen Tier. Wie lange es schon da war, wo es herkam und vieles mehr. Marta taten die Hunde zwar sehr leid, aber sie mochte eigentlich lieber Katzen. Aber dann geschah es- Catalina trat in ihr Leben und Martas Herz entbrannte fast augenblicklich. In der nächsten Box saßen drei niedliche schwarz-braune Welpen. Zwei davon spielten munter mit ein paar bunten Bällen, aber das dritte Hündchen, schwarz mit einem braunen Latz und braunen Pfötchen, saß in einer Ecke und sah nur zu. “Das sind Luis, Miguel und Catalina, sie kommen aus Spanien und sind 5 Monate alt.” “Warum spielt das eine Hündchen nicht mit ?” fragte Marta die Heimleiterin . “Tja, “ antwortete die Heimleiterin, “ das ist Catalina, sie wurde in Spanien von einem Auto angefahren, seitdem hinkt sie. “ Marta kniete sich am Gitter hin und rief leise:” Catalina, Catalina!” Das Hündchen spitzte die Ohren und Marta lockte weiter, bis Catalina ans Gitter kam. Ja, sie hinkte. Aber sie war absolut süß und hatte ganz weiches Fell. Marta war wie verzaubert. Die anderen gingen weiter, ohne dass sie es bemerkte. Herr Gergen drehte sich um und rief: ”Marta, komm bitte, wir gehen zu den Katzen.” Notgedrungen musste Marta gehen, aber ihre Gedanken drehten sich die ganze Zeit um Catalina. Ach, wie wäre es schön gewesen, so ein Hündchen zu haben! Aber ihre Eltern wollten keinen Hund, weil man dann so “angebunden” sei. So ganz hatte Marta das nicht verstanden, aber Mami hatte ihr erklärt, dass, wenn man zum Beispiel in den Urlaub fahren wollte, immer jemanden haben müsste, der den Hund versorgte. Und Marta hatte ganz genau gehört wie Herr Gilbert gebrüllt hatte, er dulde keine Hunde. Erst als sie nachher auf einem großen Spielplatz das Picknick machten, waren Martas Gedanken etwas abgelenkt.


Beim Abendbrot erzählte Marta ihren Eltern von ihrem ersten Schulausflug und natürlich von Catalina. “Papi, die Heimleiterin hat gesagt, dass man an Samstagen immer mit den Hunden spazieren gehen könne. Können wir das mal machen?” “Ja,” nickte Papi, der es sehr vernünftig fand, dass Marta gar nicht erst gefragt hatte, ob sie den Hund haben dürfe, ”das können wir auf jeden Fall machen.” “Gleich am nächsten Samstag?” “Ja, du kleine Nervensäge.” seufzte Papi.

Gesagt, getan. Am Samstagnachmittag fuhr die Familie Gatner ins Tierheim. “Hoffentlich hat noch kein anderer Catalina zum Spaziergang abgeholt.”bibberte Marta. Aber darum hätte sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, keiner wollte einen hinkenden Hund ausführen.

Die Heimleiterin war deshalb auch sehr erstaunt, als die Gatners nach Catalina fragten.

“Sie kann aber nicht so weit laufen.” sagte sie vorsorglich. “Ich kann sie auch ein Stück tragen, wenn sie müde wird.” schlug Marta vor. Die Heimleiterin nahm eine Leine vom Haken, “dann kommen Sie mal.”

Catalina kam sofort ans Gitter, als Marta sie rief und ließ sich am Kopf kraulen. Die Heimleiterin sperrte die Tür der Box auf und leinte Catalina an. “So, kleines Fräulein, viel Spaß.” “Die ist aber wirklich niedlich !” rief Patrizia aus als sie den Welpen sah. Martin warf seiner Frau einen schiefen Blick zu. Hoffentlich ließ sie sich zu nichts hinreißen.

Gegenüber des Tierheimes war eine Wiese, und dorthin gingen Marta und ihre Eltern mit Catalina .Trotz des Hinkens war sie sehr munter und schien den Spaziergang sehr zu genießen. Nach etwa einer Stunde brachten sie Catalina wieder zurück.

“Wie ist das mit dem Beinchen?” fragte Frau Gatner die Heimleiterin.”Kann man da gar nichts machen?” “Doch schon,” erwiderte die Heimleiterin, “man könnte operieren, aber leider hat das Tierheim dafür kein Geld.” “Aha.” Die Familie Gatner verabschiedete sich.

Von nun an besuchten sie Catalina fast jeden Samstag und manchmal konnte Marta einen der Großväter dazu bewegen, auch mal während der Woche mit ihr zu Catalina zu fahren.

Die Heimleiterin hatte recht gehabt, keiner wollte einen Hund, der hinkte. Martin hatte auch ein schönes Photo von Catalina gemacht, dass nun in einem Rahmen auf Martas Nachttischen stand.

Im Augenblick war Marta mit dieser Lösung einverstanden, aber ihre Mutter befürchtete, dass dieser Zustand nicht ewig anhalten würde. Und was wäre, wenn doch jemand käme, der sie trotz des Hinkens haben wollte? Patrizia schob diese Gedanken beiseite. Wenn es soweit war, musste man eben eine Lösung finden. Aber wie sollte die aussehen?




6. Kapitel Herr Gilbert ist ein Held!


So vergingen die Wochen und bald stand schon der Herbst vor der Tür.

An einem schönen Samstagnachmittag hatte Marta ihre Freundin Ruth zum Spielen eingeladen. Während sie auf sie wartete, hatte sie die Idee, dass sie Indianer spielen könnten. Dazu wollte sie ihr Indianerzelt aufbauen. Gesagt getan. Bald stand das Zelt und Marta holte sich noch eine Decke aus dem Haus. Als sie wieder in den Garten kam, bemerkte sie, dass der alte Herr Gilbert auf seiner Bank saß und Zeitung las. Marta breitete die Decke aus und ließ sich gemütlich im Zelt nieder. Neulich hatte sie mit Papi einen Western angeschaut mit vielen Indianern und Soldaten. Die Indianer hatten ein Lagerfeuer in ihren Zelten gehabt. Das war die Idee! Ruth würde das bestimmt auch gut gefallen. Also suchte Marta im Garten ein paar Stöckchen zusammen. Jetzt brauchte sie noch Papier und Streichhölzer. Marta ging in die Küche und holte die Streichhölzer, zum Glück war Mami oben, sie hätte mit Sicherheit gefragt, wozu die Streichhölzer denn wären, einen kurzen Augenblick lang wurde Marta unsicher, aber dann war das komische Gefühl auch schon wieder weg. Im Keller holte sich noch eine alte Zeitung und dann konnte es losgehen. Im Zelt angekommen , zerknüllte sie zuerst die Zeitungsblätter, dann kamen die Stöckchen dran. Marta hielt ein Streichholz an das Papier und schon brannte das Feuer.


Herr Gilbert saß auf seiner Bank und las Zeitung. Als er sah, dass Marta in den Garten kam, wollte er eigentlich in seine Wohnung zurück gehen, aber dann blieb er doch sitzen, die frische Luft tat ihm gut. Er konnte es sich nicht verkneifen, ab und an zu Marta hinüberzuschauen. Mit einem Seufzer wandte er sich wieder seiner Lektüre zu.

Etwas später blickte er wieder hinüber, das Kind war nicht zu sehen, wahrscheinlich war sie in dem Zelt.

Aber was war das? Rauch! Herr Gilbert stand auf, um besser sehen zu können. Was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Eine Seite des Zeltes brannte!

Kurt Gilbert stieß den Gartentisch zur Seite und rannte in den Garten der Gatners. Mit einem Ruck riss er das Zelt zur Seite und schleuderte es mitten auf den Rasen. Marta hockte schreckensstarr auf der Wolldecke und konnte sich nicht rühren. Herr Gilbert trat den Rest des Lagerfeuers aus. Da sprang Marta auf und begann hysterisch zu schreien.

Patrizia Gatner kam gerade die Treppe hinunter, sie hatte oben die Betten gemacht, als sie Martas Schreie hörte. So hatte das Kind noch nie geschrieen! Patrizia rannte in den Garten. “Marta, Marta, was ist geschehen?” Doch Marta schrie immer weiter. Ein Stück von Marta entfernt hockte Herr Gilbert auf dem Rasen und war ganz grau im Gesicht. Patrizia wusste sich nicht anders zu helfen und gab Marta eine Ohrfeige. Da hörte sie auf zu schreien, schaute sie an und begann zu weinen. Patrizia schloss ihre Tochter in die Arme und wiegte sie beruhigend hin und her. Nun sah sie auch das qualmende Zelt. Um Gotteswillen! Endlich konnte Marta wieder sprechen und ihrer Mutter erzählen, was passiert war. Patrizia wurden die Knie weich. Sie schaute zu Herrn Gilbert hinüber. “Herr Gilbert, geht es Ihnen nicht gut?” “Mir ist schwindelig, ich glaube mir wird schlecht.” Er war immer noch ganz grau im Gesicht und auf seiner Stirn standen dicke Schweißtropfen. “Marta, lauf ins Haus und bring mir das Telefon.” Patrizia trat zu Herrn Gilbert und sagte:” Legen Sie sich einfach auf den Rasen und versuchen Sie gleichmäßig zu atmen. Durch die Nase ein und durch den Mund aus.” Herr Gilbert legte sich hin und Patrizia hielt seine Beine hoch. Da kam Marta auch schon mit dem Telefon. Patrizia wählte den Notruf. “Hallo, ja hier ist Gatner, schicken Sie bitte einen Krankenwagen in den Rotdornweg 5, ein älterer Herr über siebzig hat einen Kreislaufkollaps. Danke. - Marta, stelle dich bitte in die Haustür, wenn du den Krankenwagen hörst, dann winke dem Fahrer zu.” Marta kniete sich neben Herrn Gilbert auf den Rasen, er hatte die Augen geschlossen und atmete mühsam. “Mami, er hat mich gerettet!” “Ich weiß.” sagte Patrizia und fing an zu weinen. Marta stand auf und rannte zur Haustür und einige Minuten später konnte man schon das Geheul des Krankenwagens hören.


Als der Krankenwagen mit Herrn Gilbert abgefahren war, musste Patrizia sich erst mal im Wohnzimmer aufs Sofa setzen. “Marta, sei so lieb und bringe mir ein Glas Wasser und dann setz dich zu mir.” bat sie. Marta brachte ihr das Gewünschte und setzte sich hin. “Du weißt doch ganz genau, mein liebes Kind, dass es dir verboten ist, mit Feuer zu spielen.” sagte Patrizia in sehr ernstem Ton zu ihrer Tochter. Marta senkte schuldbewusst den Kopf. “Stell dir vor, Herr Gilbert wäre nicht da gewesen. Wenn wir dir etwas verbieten hat das schon seinen Sinn. Selbst Erwachsene müssen mit Feuer sehr sehr aufpassen. Siehst du das ein?”

“Ja, Mami.” Marta war sehr kleinlaut. “Ich mache es nicht mehr. Ganz bestimmt!” Patrizia nahm Marta ganz fest in die Arme. Nicht auszudenken, wenn ihr etwas passiert wäre.

“Ach du lieber Himmel!” Patrizia sprang vom Sofa auf. “Ich muss ja Klaus Gilbert anrufen. Wo ist denn das Telefon?” “Das liegt noch im Garten.” Marta lief schon los um es zu holen.

Zum Glück war der junge Herr Gilbert zu Hause und konnte sofort in die Klinik fahren.


Auch Martin war sehr erschrocken, als er von der Arbeit kam und hörte, was passiert war.

“Dass ich auch ausgerechnet heute arbeiten musste, dann wäre das bestimmt nicht geschehen.” “Das kann man nicht wissen.” entgegnete seine Frau, “Hauptsache, es ist gut ausgegangen.

Gerade war die Familie mit dem Abendbrot fertig, als es klingelte. Martin ging zur Tür und kam mit Klaus Gilbert ins Wohnzimmer. “Guten Abend Frau Gatner, hallo Marta. Ich wollte mich bedanken, weil Sie sich so gut um meinen Vater gekümmert haben.” “Na,” Frau Gatner schnaubte durch die Nase, “ da hätten wir aber mehr zu danken. Hat ihr Vater nichts erzählt?” “Doch, doch. “ Er räusperte sich. “Ich glaube, es ist nun an der Zeit, dass ich ihnen einige Dinge erkläre.“ Klaus Gilbert holte tief Luft und setzte sich erst mal hin. Dann begann er zu sprechen.“ Ich hatte auch eine kleine Tochter, sie war so alt wie Marta jetzt als sie bei einem Autounfall ums Leben kam. Sie hieß Angelina. Meine Frau und mein Vater waren mit ihr auf dem Spielplatz als auf der anderen Straßenseite ein Eismann hielt. Sie wollten gerade heim gehen und mein Vater hielt sie an der Hand, aber Angelina sah nur den Eismann, riss sich los und lief über die Straße. Sie war sofort tot.” Im Wohnzimmer war es ganz still. Marta schmiegte sich ganz eng an ihre Mutter. Wie schrecklich. Herr Gilbert griff in sein Jackett und nahm ein paar Photos hervor. “Hier, das ist sie.” Er reichte Frau Gatner ein Photo. Patrizia schaute auf das Bild und wurde noch ein bißchen bleicher als sie es bei Herrn Gilberts Schilderung schon geworden war. Das süße Mädchen hätte eine Schwester von Marta sein können. Die gleichen langen, dunkelblonden strähnigen Haare, der große Schmollmund und die kecken Augen. Nun rollten die Tränen aus Patrizias Augen und Martas Mund stand offen. “Mami,” flüsterte sie erschüttert, “ Angelina sieht aus wie ich!” Als Martin einen Blick auf das Bild geworfen hatte, atmete er einmal tief aus, dann stand er auf und holte vier Gläser und eine Flasche Mineralwasser. “Ich glaube, ein Glas Wasser können wir nun vertragen .Jetzt wird mir einiges klar.

Ihr Vater konnte Martas Anblick kaum ertragen, deshalb hat er sie einfach ignoriert.” “Ja, ganz genau,” bestätigte Herr Gilbert, “ und nun schauen sie sich auch dieses Bild an.” Er reichte den Gatners noch ein Photo. Angelina , die einem Bernhardiner die Arme um den Hals legte. “Das war unser Hund. Mein Vater ist nie darüber hinweggekommen, auch meine Frau nicht. Wir sind seit 2 Jahren geschieden, der Unfall ist jetzt 4 Jahre her. Früher habe ich hier mit meiner Familie gewohnt.” “Tja,” Martin schüttelte den Kopf, “das passt ja wie die Faust aufs Auge. Daher auch der Ausraster am Gartenfest.”

Herr Gilbert steckte die Photos wieder ein. “Marta, mein Vater hat gesagt, er würde sich sehr freuen, wenn du ihn morgen in der Klinik besuchen könntest.” “Aber nur wenn Mami und Papi auch mitgehen.” Aber natürlich. Was hat ihr Vater denn nun?” “Es war nur ein Schwächeanfall. Und eine leichte Verbrennung an der linken Hand. Er wird wahrscheinlich am Montag wieder entlassen. Ich gehe jetzt, es war ein aufregender Tag.” Herr Gilbert stand auf. “Gute Nacht”. Martin brachte ihn zur Tür. Herr Gilbert wandte sich um. „Vielleicht hat dieses Ereignis heute meinem Vater irgendwie geholfen. Ich habe mit dem Psychologen in der Klinik gesprochen. Er meinte, dadurch, dass er Marta gerettet hat, kommt er besser mit den Schuldgefühlen zurecht. Immer wieder hat mein Vater gesagt, hätte ich Angelina doch fester an der Hand gehabt.“ Martin nickte. Er klopfte Herrn Gilbert auf die Schulter. „Nochmals vielen Dank!“



Patrizia und Marta blieben im Wohnzimmer sitzen. “Mami?” “Ja?” “Darf ich heute in deinem Bett schlafen?” “Aber ja, mein Liebling. Das war heute ganz schön viel für dich.”


Am nächsten Tag besuchte die Familie Gatner Kurt Gilbert in der Klinik. Er freute sich sehr und war etwas verlegen, als Marta ihm die Hand gab. “Wollen wir von nun an Freunde sein?” Marta blickte ihn strahlend an. „Aber ja!“ Herr Gilbert schaute die Familie scheu an. „Können Sie mir verzeihen? Ich weiß auch nicht, was mit mir los war. Seit Angelinas Tod war ich innerlich wie erstarrt. Und dann kamen Sie und ich sah Marta. Ich konnte sie einfach nicht anschauen.“ Patrizia legte dem alten Mann begütigend die Hand auf die Schulter. „Ich kann das sehr gut verstehen. Wir freuen uns schon darauf, wenn Sie nach Hause kommen und wir uns endlich richtig kennen lernen können.“ Martin grinste breit. „Und ich könnte ein paar Tipps für den Garten gebrauchen bevor der Winter kommt.“ Herr Gilbert lächelte. Zum ersten Mal seit vielen Monaten war ihm leichter ums Herz.













7. Kapitel Das Tierheimfest



Nachdem Herr Gilbert aus dem Krankenhaus entlassen worden war, freundete er sich endlich mit den Gatners an. Manchmal schaute er Marta bei den Hausaufgaben zu, er half Martin ein wenig im Garten und passte sogar hin und wieder abends auf Marta auf, wenn ihre Eltern mal ausgehen wollten. Bei diesen Gelegenheiten erzählter er auch Marta manchmal Geschichten von Angelina und ihrem Hund. Marta dachte dann immer sehnsüchtig an Catalina. Sie hatte Herrn Gilbert von ihr erzählt und er hatte sie schon ein paar Mal zum Tierheim begleitet.


So auch an einen etwas trübem Herbsttag im November. Marta rannte gleich auf den Eingang zu und blieb stehen. „Sieh mal, Gilbert, das Schild.“ Marta hatte das Herr kurzerhand weggelassen und Herr Gilbert fand das witzig. Sie deutete auf ein großes Plakat. Der alte Herr blieb stehen und las aufmerksam den Text. „Versuch mal, ob du es schon selber kannst.“ schlug er Marta vor. Marta las angestrengt. „Am 7. Dezember findet hier ein Weihnachtsmarkt zu Gunsten der Tiere statt. Wer will, kann Kuchenspenden und Gegenstände für die Tombola stiften, auch Gebasteltes. Es beginnt um 15 Uhr.“ „Sehr gut!“ lobte Herr Gilbert. „Können wir da alle hingehen?“ Marta schaute ihn fragend an. „Mal sehen, ich denke schon, deine Eltern kommen bestimmt auch mit. Und wir können was basteln, wenn du Lust hast. Ich habe mit Angelina immer Männchen aus Pfeifenreinigern gemacht, das kann ich dir beibringen.“ „Super. Aber nun komm, Catalina wartet.“ Und schon war sie in Richtung Hundegehege verschwunden. Herr Gilbert ging etwas langsamer hinterher.

Heute fiel es Marta besonders schwer, sich von Catalina zu trennen und Herr Gilbert musste sie mehrmals ermahnen, bevor sie endlich Catalina wieder in ihre Box brachte. Sinnend schaute der alte Mann auf das Kind und den kleinen Hund herab. Was wäre, wenn doch mal jemand käme, der einen hinkenden Hund haben wollte?


Bis zum Tierheimfest waren es noch 2 Wochen und in dieser Zeit hatte Marta gemeinsam mit Herrn Gilbert ein paar Dutzend bunte Pfeifenreinigermännchen gemacht, auch Ruth hatte geholfen, sie wollte mir ihren Eltern auch zum Tierheimfest kommen. Martin stiftete sogar für die Tombola einen seiner geliebten Bierkrüge und Patrizia und Marian, Ruths Mutter, hatten Kuchen gebacken. Herr Gilbert hatte einen Bekannten, der eine Metzgerei besaß und dem hatte er hundert Wienerwürstchen abgeschwatzt. Die Tierheimleiterin war begeistert.

Am Tag vor dem Fest hatte Herr Gilbert mit seinem netten Bekannten die Würstchen abgegeben. Und bei der Gelegenheit hatte die Heimleiterin ein Gespräch mit ihm.

„Ich glaube, ich habe eine schlechte Nachricht für Sie.“ fing sie an. „Aha,“ Herr Gilbert hob seine Augenbrauen,“ und die wäre?“ „Ja, also, wir haben ja nie genug Geld, das ist ja nichts Neues, und deshalb müssen wir uns von ein paar Tieren trennen, besonders von den Dauergästen, wie zum Beispiel Catalina.“ „Was heißt das trennen,“ unterbrach sie Herr Gilbert beunruhigt, „ doch nicht etwa…?“ „Nein, nein, um Himmelwillen, was denken Sie denn! Nein, aber das Tierheim in Kaiserslautern nimmt uns ein paar Hunde ab und nach Trier gehen 25 Katzen. Wir warten jetzt noch das Fest ab und dann vor Weihnachten werden die Tiere abgeholt. Ich wollte es Ihnen nur sagen…“ Die Heimleiterin senkte verlegen den Blick.

„Hm, gut. Danke!“ knurrte Herr Gilbert. „Bis morgen.“ „Ja, bis morgen, und nochmals vielen Dank für die Würstchen!“


Als Herr Gilbert wieder daheim war, stellte er sich vor Angelinas Bild und dachte nach.

Und plötzlich war ihm, als spräche sie zu ihm. „Aber Opa, was gibt es da zu überlegen, also wirklich!“ Und da wusste er, was er zu tun hatte. Er stellte ihr Bild wieder auf die Kommode und zündete eine Kerze davor an, wie so oft in der Adventszeit. Herr Gilbert lächelte vor sich hin, ja, genauso würde er es machen!


Das Fest wurde ein großer Erfolg, viele Leute waren gekommen und es wurden sogar ein paar Tiere vermittelt. Herr Gilbert hatte einen großen Teil seiner Pfeifenmännchen erstanden und Marta hatte, oh Wunder, Martins Bierkrug bei der Tombola gewonnen. Ein prima Weihnachtsgeschenk!

Herr Gilbert und Martas Eltern hatten beim Würstchenessen lange miteinander geflüstert und sahen danach ganz zufrieden aus. Bevor alle nach Hause gingen, hatte Herr Gilbert noch eine Unterredung mit der Heimleiterin.




8. Kapitel Marta ist glücklich


Komischerweise hatte in den Wochen nach dem Tierheimfest keiner Zeit, mit Marta Catalina zu besuchen, sogar Opa Peter und Opi auch nicht, merkwürdig. Herr Gilbert meinte, er hätte Schmerzen im Knie, dabei hatte Marta gesehen, wie er auf einen Stuhl gestiegen war und eine Schachtel vom Wohnzimmerschrank hinunter geholt hatte.

Zum Glück war aber in der Vorweihnachtszeit viel zu tun, in der Schule wurde ein Krippenspiel eingeübt in dem sie die Maria spielte. Außerdem musste ja noch für jedes Familienmitglied ein Geschenk gebastelt werden.

So verging die Vorweihnachtszeit recht schnell.

Am Nachmittag des 24. Dezembers ging die ganze Familie in die Kirche zum Krippenspiel und anschließend kamen beide Großelternpaare zur Bescherung zu Marta. Zum ersten Mal konnte Marta nun selber die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel vorlesen und war sehr stolz.

Anschließend wurden die Geschenke ausgepackt und es gab leckeres Essen.

„Mami,“ Marta schaute ihre Mutter an, „der Gilbert hat doch gesagt, er kommt später noch zu uns, wenn er bei seinem Sohn war, gell?“ Aber ja, er hats versprochen. Du musst ihm ja auch noch unser Geschenk geben.“

Martin stand am Fenster und spähte hinaus, das tat er eigentlich schon die ganze Zeit, dachte Marta. „Warum schaust du immer aus dem Fenster?“ fragte Marta ihren Vater. „Och, nur so, der Himmel ist heute Abend so schön.“ murmelte Martin wie ertappt „Äh, Schätzchen, sei doch so lieb und schau mal oben nach, ob ich das Fenster im Gästezimmer zugemacht hab. Danke.“

Marta lief die Treppe hinauf und Martin spurtete schnell zur Haustür, er hatte nämlich die ganze Zeit aufgepasst, wann Herr Gilbert von seinem Sohn heim gebracht wurde, er hatte nämlich eine ganz große Überraschung für Marta. Leise öffnete er die Haustür und Herr Gilbert huschte herein. Er strahlte über das ganze Gesicht. In den Händen hielt er vorsichtig einen ziemlich großen Karton.

Marta kam die Treppe hinunter. „Hallo, wars schön bei deinem Sohn?“ „Ja, danke, sehr.“ meinte Herr Gilbert. „Aber komm doch ins Wohnzimmer und öffne dein Geschenk.“

„Ui, das ist aber groß!“ Marta staunte. Sie kniete sich vor die Kiste hin und erschrak. „He, die bewegt sich ja….“ fragend schaute Marta zu ihren Eltern hin. Patrizia lächelte und die beiden Omas hatten plötzlich Taschentücher in der Hand. Patrizias Lächeln wurde noch breiter.

„Tatsächlich, du hast Recht. Mach doch mal schnell auf.“ Marta öffnete den Deckel, keine Sekunde zu spät, den Catalina hatte längst Marta erkannt und brach in ein lautes Bellen aus. Mit einem Satz sprang sie an Marta hoch und umkreiste außer sich vor Freude das Kind.

Marta selbst war starr vor Staunen. Ganz blass war sie geworden. „Aber, aber…“stammelte sie, „Catalina, wieso ist sie hier?...Und, das gibt’s ja nicht, sie hinkt ja gar nicht mehr…“ Marta brach ab und schaute Herrn Gilbert an. „Ja, mein liebes Kind, das ist mein Weihnachtsgeschenk für dich. Ich habe Catalina aus dem Tierheim geholt und sie in der Tierklinik operieren lassen. Deshalb konnten wir sie auch eine Zeitlang nicht besuchen.“

Marta hielt Catalina in ihren Armen. Sie war stumm vor Glück. Dann setze sie das Hündchen auf den Boden und flog in Herrn Gilberts Arme. Sprechen konnte sie nicht, aber sie drückte ihn, so fest sie konnte. Aus der Richtung der beiden Omas kam ein verdächtiges Schnaufen und Opa Peter schaute sich ganz intensiv die Fernsehzeitung an.

Und dann war der Teufel los. Marta rannte wie ein Aufziehmännchen von einem zum anderen und konnte sich kaum noch beruhigen. Bis Catalina dann die große Gebäckschale umstieß.

„Halt, halt,“ kommandierte Martin, „jetzt beruhigen wir uns mal alle wieder und singen noch ein paar Weihnachtslieder.“

Marta hielt Catalina auf ihrem Schoß und alle sangen „Stille Nacht.“


Spät am Abend, als Herr Gilbert wieder in seiner Wohnung war, stand er lange vor Angelinas Bild.

Und dies war der erste heilige Abend seit ihrem Tod, an dem Herr Gilbert wieder froh war. Sein erstarrtes Herz war endlich wieder aufgetaut.




E n d e


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