Aus dem Projekt: "Crazy Love - Worlds Collide" (2/3)

Ein nerviges Piepsen ließ mich aus dem Schlaf hochschrecken. Genervt und noch müde, schlug ich blind auf meinen Wecker. Nach dem fünften Mal hatte ich es dann endlich geschafft, doch durch die Anstrengung war ich nun wach.

Schwerfällig wälzte ich mich im Bett herum und setzte mich hin. Es war Montag, der erste Schultag an der neuen Schule. Naja, so neu war sie auch nicht. Mein bester und nebenbei bemerkt schwuler Freund Killian ging dahin und von daher war ich da schon oft. Manche kennen mich auch schon. Trotzdem hatte ich keine Lust, für die restlichen die neue zu sein. Denn das würde ich. Und dieses Gefühl ist scheiße.

Nicht, dass ich es selbst schon erlebt hatte, zu Glück nicht, aber man las viel darüber und meine ehemalig beste Freundin hatte so eine Erfahrung auch schon gemacht und mir damals berichtet, dass es am Anfang echt scheiße ist. Vor allem, wenn dich alle anstarren und hinter deinem Rücken schon tuscheln und angeblich Dinge über dich wissen, von denen du nicht mal ansatzweise gehört hast.

Trotzdem musste ich dahin. Ich wollte, wie meine Mutter es vor ein paar Jahren gemacht hatte, Modedesign studieren. Sie war aber nicht meine leibliche Mutter, sondern meine Adoptivmutter. Ich sah sie nicht als Adoptivmutter an, sondern liebte sie wie eine richtige Mutter. Und ganz ehrlich: Das was das Beste was mir hätte passieren können. Vivianne, meine Adoptivmutter, obwohl ich sie so nicht sah, konnte keine Kinder bekommen. Deswegen mussten sie überhaupt ein Kind adoptieren. Ich kannte die beiden schon länger, da ich sie immer im Kaffee traf, in dem ich mittags abhing. Bis vor kurzen waren die beiden auch immer da, aber jetzt hatten sie keine Zeit mehr. Dadurch, dass sie keine Zeit für ein Baby hatten aber ein Kind wollten, hatten sie mich adoptiert. Ich war zu dem Zeitpunkt gerade mal 12 Jahre alt. Jetzt, fünf Jahre später, War ich froh, dass ich die beiden als Eltern hatte. Das was ich über meine leiblichen Eltern erfahren hatte, waren Dinge, die ich hasste und nicht verstehen konnte, wieso man so was machte. Wie Drogen nehmen. Oder Rauchen. Es schadet einem mehr, als dass es einem etwas bringt. Warum also wollen alle sich selbst Schaden zufügen?

Kopfschüttelnd stand ich auf. Ich wollte mich morgens nicht mit so etwas beschäftigen. Nicht wenn es dabei in irgendeiner Weise um meine leiblichen Eltern ging.

Also schlurfte ich ins Bad und begann mit meiner Morgenroutine.

Ich fing an, mich zu duschen und meine Haare zu entwirren. Danach wickelte ich mir ein Handtuch um meinen Körper und ging wieder in mein Zimmer, um mir ein Outfit herauszusuchen. Diesmal wurde es eine schwarze Röhrenjeans mit goldenem Reißverschluss, ein weinrotes T-Shirt und eine schwarze Lederjacke. Und natürlich Unterwäsche, nicht dass ihr noch auf falsche Gedanken kommt.

Als ich mich fertig angezogen hatte, ging ich nochmal ins Bad um mich zu schminken, wenn auch dezent, und mir einen lockeren Zopf zu binden. Danach lief ich gemütlich in die Küche, schnappte mir einen Apfel und nahm meine Schultasche aus dem Wohnzimmer mit in den Flur, wo ich meine schwarzen Chucks anzog. Danach ging ich aus dem Haus und wartete auf meinen Vater, der aus der anderen Hälfte kam. Ja, genau, dadurch, dass meine Eltern eine eigene Firma besaßen, hatten sie auch viel Geld und deswegen konnten wir auch ein Doppelhaus kaufen.

Als er dann fünf Minuten später kam, sah er gehetzt aus.

"Los, wir müssen uns beeilen. Ich muss sofort ins Büro, ein Meeting mit einer der bekanntesten Kosmetiklinien ganz Europas steht an."

Hastig stieg ich also in das Auto und noch bevor ich mich angeschnallt hatte, fuhr er schon los. Anscheinend war das Meeting wichtiger, als ich angenommen hatte, denn er fuhr so schnell er konnte zu meiner neuen Schule. Einmal hatte er sogar eine rote Ampel überfahren. Nach einer Höllenfahrt, stieg ich an der Schule aus, gab meinem Vater einen Kuss auf die Wange und warf die Tür zu.

Ich drehte mich um und begutachtete meine neue Schule. Wie immer, wenn ich Kill besuchte, war der Schulhof von Cliquen und Gruppen wie gesprenkelt. Vorne an der Tür die Sportler und meist zugleich Bad Boys. Dann, bei den Fahrrädern, die richtig krassen Nerds. Meist besprachen sie Schulaufgaben oder bastelten6schon wieder an den unnötigsten Erfindungen rum. Überall, in Gruppen von drei bis vier Leuten verteilt, konnte man die Normalos sehen. Sie bequatschten meist nur langweiliges Zeug. Und dann gab es in der Nähe der Sportler und der Bad Boys die Schulschlampen. Man erkannte sie an ihren viel zu freizügigen Outfits, den quietschigen Stimmen und dem übertrieben Anmachen.

Zugegeben, das war sehr klischeehaft, aber so waren amerikanische Schulen halt. In Deutschland zum Beispiel fand man solche krassen Gruppierungen nicht.

Langsam scannte ich den Hof nach Killian ab. Ganz vorne fand ich ihn. Schwer seufzend machte ich mich auf den Weg und überquerte den Schulhof. Dabei registrierte ich, wie mich alle anstarrten. Die Bitches hochnäsig, die Nerds hoffnungsvoll, die Normalos mit einem neutralen Blick. Und dann die Bad Boys. Die kannten mich mittlerweile, wussten, dass ich nicht so war, wie es aussah. Da Kill mit ihnen befreundet war, waren sie oft auch privat mit dabei, hatten gesehen wie ich wirklich sein konnte. Bei dem Gedanken daran musste ich schmunzeln. Tristan hatte sich mal an mich rangemacht. Naja, er hatte es versucht. Und danach nur wieder. Und er hatte gelernt, dass auch Mädchen Ben harten Schlag drauf haben können.

Aber ich ignorierte die Blicke. Mittlerweile hatte ich das gelernt. Es brachte eh nichts.

Bei Killian angekommen, grinste ich. Wie immer war sein Hemd verrutscht. Das konnte nur eines bedeuten. Sein Morgen fing wohl sehr vielversprechend an.

"Endlich was festes?", grinste ich, ehe ich sein Hemd richtete. Wie jedes Mal schüttelte er lachend den Kopf und sagte, dass Beziehungen nichts für ihn wären. Und wie immer antwortete ich darauf, dass er nicht ewig so weiter machen könne. Und wie immer grinste er nur als Antwort.

"Komm, ich zeig dir das Sekretariat. Du bist ja neu hier", zwinkerte er. Natürlich wusste ich wo das Sekretariat war, aber das war typisch Killian. Spielerisch boxte ich ihm auf die Schulter. Er tat so, als täte es ihm weh, dabei wusste ich dass es nicht so war.

Während des restlichen Weges schwiegen wir. Ich betrachtete ihn von der Seite. Er hatte sich überhaupt nicht verändert. Nur seine Haare trug er anders. Verwundert blieb ich stehen. Normalerweise veränderte er an seinen Haaren nie etwas. Auch wenn ich zugeben musste, dass ihm die neue Frisur stand. Nach einigen Metern bemerkte er, dass ich nicht mehr neben ihm war. Also war er in Gedanken, was auch nur sehr selten passierte.

"Killian? Alles in Ordnung?" Ich sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Er runzelte erstaunt die Stirn, ehe sich plötzlich ein gehetzter Ausdruck auf seinem Gesicht breit machte. Er packte mich grob am Arm und zog mich im Eiltempo um die nächste Ecke. Dadurch, dass ich nicht mit diesem Manöver gerechnet hatte, stolperte ich nur mit und wäre um ein Haar hingefallen, wäre ich nicht im selben Moment in ihn hinein gelaufen. Er hielt mich, während ich mein Gleichgewicht wieder erlangte und mich hinstellte.

Dann ließ er mich los und wütend baute ich mich vor ihm auf.

Er hatte sich gewaltig verändert in der letzten Zeit. Das erkannte ich aber erst jetzt. Eben war er völlig normal. Und woran das lag, wollte ich unbedingt wissen. Auch, warum er mich so abrupt weg gezogen hatte.

"Killian Simons! Was sollte das gerade eben?! Ich hätte mich fast gemault!"

Abwartend starrte ich ihn an. Doch stattdessen ging er einfach weiter und ignorierte mich.

"Killian verdammt! Was ist los mit dir?", schrie ich schon fast. Es fuchste mich, dass er nicht mit mir redete.

"Nicht jetzt. Nicht hier. Nachher, sechzehn Uhr. Am See im Park", flüsterte er mir zu und blieb dann stehen.

"Wir sind da", meinte er nach kurzem Schweigen. Die Situation zwischen uns War gerade mehr als merkwürdig.

"Ehm, ja, ich werde dann mal in meinen Unterricht gehen. Wir sehen uns später!" Damit verschwand er. Verdutzt sah ich ihm nach. Noch nicht einmal auf eine Antwort wartete er. Er hatte sich wirklich geändert. Und irgendwas war im Busch. Aber ich wusste noch nicht was.

"Mach dir keine Mühe. Er ist nicht hete.", hörte ich plötzlich eine Mädchenstimme neben mir. Erschrocken wirbelte ich herum und stand einem Engel gegenüber. Also nicht wortwörtlich, aber sie hatte blonde, schon fast goldene Haare, wunderschöne silbern schimmernde Augen und ein strahlendes Lächeln.

"Mädel! Gosh, erschreck mich nicht so!", quietschte ich. Sie lächelte unschuldig und ich konnte nicht anders, als ebenfalls zu lächeln.

"Samantha. Aber alle nennen mich Sam", stellte sie sich mir vor.

"Berrylou. Aber alle nennen mich nur Berry.", ahmte ich sie nach. Sie grinste.

"Wo hast du?" Neugierig hob sie eine Augenbraue und sah mich erwartungsvoll an.

"Ich wollte grad ins Sekretariat, weil ich neu bin und so" Entschuldigend sah ich sie an.

"Achso, kein Ding, ich warte gleich hier."

Erleichtert ging ich ins Seki* und wäre am liebsten wieder raus gerannt. Dort saß niemand anderes als Steve. Steve Kollabs. Früher hatte er mich immer mitleidig angeschaut, weil er wusste, dass ich Waise war. Das hatte mich immer noch mehr runtergezogen, als es meine Situation eh schon tat.

Obwohl ich am liebsten wegrennen würde, zwang ich mich, zu ihm zu gehen. Er sah nicht mal von dem Computer hoch, als er mir meine Bücher, den Stundenplan und den Schulplaner reichte. Als ich auf den Stundenplan sah, bemerkte ich, dass er mir die falschen Sachen gegeben hatte. Auch in den Büchern stand nicht mein Name, sondern der einer gewissen Kelly Montgomery.

"Mr. Kollabs? Dies sind nicht meine Sachen!" Als er meine Stimme hörte, schoss sein Kopf ruckartig hoch und er starrte mich verwundert an.

"Berrylou?", fragte er überrascht.

Ich hatte das Gefühl, ihn zu schlagen. Er wusste, wie ich diesen Namen hasste. Es erinnerte mich an meine Mutter. Wie sie mich zum ersten mal geschlagen hatte. Wie sie zum ersten Mal mir zeigte, was es heißt, von ihr gehasst zu werden. Diese Erinnerung war in mir verankert, weil es das erste Mal war, dass ich meine Mutter so erlebte. Nur leider nicht das letzte Mal.

"Nennen sie mich nicht noch einmal 'Berrylou'!" Wütend funkelte ich ihn an.

Ergeben hob er die Hände.

"Ist schon gut, Berryl... Berry! Würdest du mir die Sachen reichen? Also die falschen?"

Wiederstrebend ging ich auf ihn zu und reichte ihm die Papiere und Bücher.

Mit einem kleinem lächeln, was ich nicht erwiderte, nahm er die Sachen an und reichte mir die richtigen.

Ich murmelte ein "Danke!" und stürmte aus dem Raum.



*Seki = Sekretariat

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