Aus dem Projekt: "Frühlingsgefühle" (1/1)

Nadia ist 25 und hat ihr Studium abgeschlossen. Nun will sie ihr Referendariat absolvieren.

Als wäre es nicht schon stressig genug, mit einer Klasse gestörter Schüler klar zu kommen, muss auch der charmante und geheimnisvolle Finn dazwischen funken.

Bald muss sie erkennen, dass man nicht alle Narben sehen kann.

Und sie muss feststellen, dass ihr Vorsatz, nichts mit Männern zu haben, solange sie keine Lehrerin ist, völlig in die Hose geht. Und sie drauf und dran ist, sich Hals über Kopf zu verlieben.

Wäre da nicht ein Gefühl, dass sie davon abhält.  (<- Das ist der Klappentext dazu)

|| Geplant war eigentlich mal eine vierteilige Reihe dazu, aber irgendwie habe ich es nie weiter geschreiben... Die anderen Bände sollten dann "Sommerliebe", "Herbststreit" und "Winterversöhnung" heißen, also quasi eine "Jahreszeiten"-Reihe.
Vielleicht wird das irgenwann mal wieder passieren... Who knows :3 ||

01: Das erste oder das, in dem ich den Mädchen die Schminke abnehme


Mit meinem Schlüssel in der Hand, der geschulterten Tasche und meiner Mappe unterm Arm stehe ich jetzt vor dem Lehrerzimmer und weiß nicht ob ich glauben kann, was passiert ist. Hätte ich jetzt eine Hand frei, würde ich meine imaginären Falten glatt streichen, aber es geht nicht. Ich kann es nicht glauben: Ich bin drauf und dran mein Referendariat anzufangen! Mein Traum geht in Erfüllung! Nachdem ich auf meine Uhr geschaut habe und feststelle, dass ich mal so langsam in den Raum sollte, will ich grade den Schlüssel ins Schloss stecken, als die Tür schon aufgeht und mich nach hinten stolpern lässt.

Dabei fällt meine Mappe auf den Boden und die Zettel, die ich mit Frau Kübler letzte Woche für den Unterricht vorbereitet habe, fallen raus. Ich knie mich also hin und sammle die verstreuten Arbeitsblätter ein, als mich eine Stimme hochfahren lässt, die mir einen angenehmen Schauer über den Rücken jagt.

"Tut mir leid, Frau...", setzt er an und ich kann ihm nur in die Augen schauen. Sie sind grün, so grün wie ich es noch nie gesehen habe. Erst als er die Stirn runzelt erwache ich aus meiner Starre und stehe auf.

"Frau Steinkamp. Aber sie können mich Nadia nennen." Ich reiche ihm meine Hand, die er sogleich ergreift und schüttelt. Bei der Berührung kribbelt meine Hand, weswegen ich die Stirn runzelte und mich frage, was mit mir los ist. So was passiert mir sonst nie.

"Heer Sören. Aber sie können mich Finn nennen", ahmt er meinen Spruch nach. Ich muss grinsen.

"Komm, ich helfe dir." Als wir beide uns bücken und die letzten Blätter aufheben wollen, packen wir beide das gleiche Blatt und wir lassen es gleichzeitig los. Er steht auf und weicht einen Schritt zurück. Dabei hat er einen nachdenklichen Blick. Wieder muss ich grinsen, denke mir aber nichts dabei.

Als alle Blätter wieder in der Mappe sind, stehen wir uns wieder gegenüber. Einen Moment schweigen wir, dann hebt er die Hand und winkt, während er sich umdreht um zu gehen.

"Wir sehen uns!", verabschiedet er sich, und ich sehe ihm noch hinterher. Nicht mal auf eine Antwort hat er gewartet. Komisch dieser Typ.

Ich gehe also in das Lehrerzimmer und spreche mit Frau Kübler über meinen Unterrichtsbesuch.

◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇◇

Als wir die Klasse betreten, fühlt es sich an, als würde ich einen Schlag in die Magengrube bekommen.

Die Klasse ist überhaupt nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Sie ist laut, überhaupt nicht das, was man von dieser Schule erwartet. Die Schüler sitzen auf den Tischen, die Jungs grölen, die Mädchen schminken sich oder machen sich an Jungs ran und manche stehen vor dem Tisch eines Mädchens, dass so unscheinbar wirkt, wie ich es früher war. Sie scheint sie zu ignorieren, aber anscheinend bringt das nichts. Denn die Beleidigungen werden ihr trotzdem an den Kopf geworfen.

Frau Kübler ruft durch die Klasse, dass jeder der nicht auf seinem Platz sitzt gleich eine sechs bekommt. Was soll das bringen? Das ist denen doch egal, so wie sie sich verhalten. Bei den Mädchen zeigt sich gar keine Reaktion und die Jungs lachen nur.

Entschlossen gehe ich auf die Mädchen zu und nehme ihnen die Schminke ab. Empört sehen sie mich an und greifen nach ihren Etuis.

"Es heißt Unterricht und nicht Schminkstunde!", sage ich freundlich, aber bestimmt. Dann gehe ich nach vorne, lege sie in den Schrank. Dann sehe ich die Schüler an und sage ruhig: "Und jetzt: Alle auf ihre Plätze. Sonst können die Mädels sich nicht mehr schminken und die Jungs müssen der ungeschminkten Wahrheit ins Gesicht sehen." Einige seufzen zwar aber sie setzen sich. Frau Kübler sieht mich erstaunt an.

"Danke!", flüstert sie. Dann sieht sie die Klasse an und räuspert sich.

"Also, wie ihr seht, haben wir seit heute eine Referendarin bei uns. Sie wird uns im Deutschunterricht begleiten und einige von euch im Philosophiekurs.

Wie ihr schon bemerkt habt, hat sie ihr Referendariat schon früher angefangen. Warum das so ist, erklärt sie euch vielleicht selber, wenn sie sich vorstellt.", leitet sie den Unterricht ein.

Mit einem Seitenblick auf mich macht sie mir deutlich, dass ich jetzt nach vorne soll.

Als ich in der Mitte stehe, sehen mich die Schüler desinteressiert und gelangweilt an. Mir wird nicht klar, wie man so eine Einstellung gegenüber der Schule haben kann. Jedenfalls nicht mehr. Früher habe ich das auch so gesehen, aber heute weiß ich, dass das ein ganz großer Fehler war.

"Da die meisten eh keine Lust haben, denke ich mal, dass ich die langweiligen Fakten weglasse. Dass ich auf der Berliner Uni studiert habe ist egal. Es ist egal, dass ich Single und noch nicht mal 30 Jahre alt bin. Viel lustiger und viel passender, damit ihr euch ein Bild von mir machen könnt, ist, dass ich euch mal ein paar peinliche Storys aus meiner Schul- oder Studiumszeit erzähle", fange ich an.

Dabei habe ich ein freundliches Lächeln aufgesetzt, das sich gegen Ende in ein Grinsen verwandelt.

Einige grinsen erwartungsvoll. Siehst du, klopft mir meine innere Göttin auf die Schulter, so macht man das.

"Als ich in der achten Klasse war, War ich in einen Jungen namens Luke verliebt. Leider hat er diese Liebe nie erwidert. Stattdessen hat er alles, und zwar alles-"

Ich betone das letzte Wort, um es zu verdeutlichen. Heute fällt es mir leicht darüber zu reden, darüber zu scherzen und zu lachen, aber früher hätte man mich damit auf die Palme bringen können.

"getan, um mich bloß zu stellen. Naja, wie man es als Jugendliche macht, nahm ich es persönlich und war sehr traurig." Ich lachte kurz auf.

Ha, ich war nicht nur traurig gewesen. Ich war enttäuscht, dass es das getan hatte. Ich meine, ich hab ihm mein ganzes Herz ausgeschüttet, von all meinen Problemen geredet und er posaunte es in der Schule rum.

"Aber irgendwann war ich nur noch wütend und versuchte zu verdrängen, was passiert war." Ich wartete ab. Wahrscheinlich sie gleich mit 'Opfer!' oder so ankommen. Aber nichts dergleichen passierte. Nur verhaltenes Gelächter.

Ich erzählte meine Geschichte weiter.

"Ich fing an mich mit Kampfsport abzulenken. Dort traf ich dann Elias. Und viel zu schnell verlor ich ein zweites Mal mein Herz. Diesmal an ihn. Und viel zu schnell verlor ich es auch wieder. Und dann lernte ich, dass es Liebeskummer gab und man ihn nicht verdrängen sollte. Ich hab nur versucht, ihn so lange wie möglich zu unterdrücken. Aber das kann man nicht. Man zerbricht daran. Und dann habe ich mich ins Studium gestürzt. Wollte ihn vergessen. Ich habe Tag und Nacht gebüffelt. Texte wie verrückt bearbeitet. Bin nie feiern gegangen. Und heute bin ich hier. Und ehrlich: Ich bereue es nicht. Es War die beste Entscheidung meines Lebens. Wenn auch aus falschen Gründen." Diesmal lachte die ganze Klasse. Die Atmosphäre schien aufgelockert, das Eis gebrochen. Jetzt wussten sie, dass ich eine ganz normale Jugend hatte. Ich weiß, dass Schüler immer eine Meinung von uns haben, die nicht sehr positiv ist. Als wüssten wir nicht, wie es ist, zu lieben. Und verletzt zu werden.

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