Böses Erwachen

Alex Goodwin

Ein heftiger Schmerz durchströmt meinen Kopf. Mein Körper fühlt sich eiskalt an. Woher kommt nur diese Kälte? Ein regelmäßiges Piepsen dringt langsam zu mir durch. Ich kenne dieses Geräusch... Langsam komme ich zu mir. Scheinbar liege ich auf einem metallischen Tisch, da die Kälte von dem glatten Untergrund kommt. Vorsichtig hebe ich meinen höllisch schmerzenden Kopf und versuche etwas in dem Nebel zu erkennen, durch den ich zu sehen scheine. Ich glaube, die unscharfen Umrisse einer Person vor mir zu erkennen.

"Doktor, der Patient wacht auf", höre ich eine junge, unsichere Frauenstimme sagen. Schlagartig wird mir klar, dass der metallische Untergrund ein OP-Tisch ist. Das Piepsen wird deutlich schneller. Ein EKG!, stelle ich fest. Mein Blick schärft sich. Eine weitere Person nähert sich mir. Er trägt einen blassblauen Anzug, wie ihn Ärzte im OP-Raum tragen. Instinktiv versuche ich vor dem Mann zurückzuweichen, doch mein Körper gehorcht mir nicht und gibt nur ein schwaches Zucken von sich.

"Wie kann das sein? Haben Sie die Dosierung der Betäubung richtig vorgenommen?!", fragt der Arzt verärgert an eine Person gerichtet, die sich hinter mir befinden muss. Eine sonore Bass-Stimme ertönt: "Selbstverständlich! Die Dosis hätte ausreichen müssen, um einen Elefanten für mehrere Stunden außer Gefecht zu setzen...". Mein Blick wandert zu meiner Hand, die direkt neben meinem Kopf liegt. In meinem Handrücken erkenne ich eine Kanüle, an welcher ein dünner Schlauch befestigt ist, dem ich nun mit meinen Augen folge. Da! Ein Knick in der Zuleitung des Narkosemittels!, erkenne ich und merke, wie mein Verstand langsam wieder anfängt, zu arbeiten.

Wer auch immer diese Leute sind, ich kann mich nicht daran erinnern, operiert werden zu müssen oder wie ich hier her gekommen bin. Das letzte woran ich mich erinnere... Mist! Ich kann mich an gar nichts erinnern!, schießt mir durch den Kopf und das Piepsen des EKGs legt noch einen gewaltigen Zahn zu. "Warten Sie! Das haben wir gleich. Und dann können Sie mit der Obduktion fortfahren". Was zur...?!, denke ich und beschließe in Sekundenbruchteilen, dass ich hier weg muss. Der Anästhesist scheint den Knick nun auch bemerkt zu haben und greift schon nach dem Schlauch, um ihn zu richten. Blitzschnell greife ich nach seiner Hand und rolle mich vom Tisch. Ein dumpfer metallischer Knall bestätigt mir, dass er wie beabsichtigt mit dem Gesicht auf den OP-Tisch aufgeprallt ist.

Rasch richte ich mich auf, ziehe den Schlauch von der Kanüle in meiner Hand ab. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Besser gesagt, sehe ich gerade alles in Zeitlupe. Die Krankenschwester, die mit kreideweißem Gesicht bis zur Wand hinter sich zurückgewichen ist. Der Anästhesist, der vom Aufprall bewusstlos zu Boden geht und der Arzt, der zum Hörer neben der Tür greift, um wahrscheinlich das Sicherheitspersonal zu rufen. Ich sehe mich im Raum nach Gegenständen um, die ich für meine Flucht gebrauchen kann.

Der Telefonhörer erreicht gerade den Kopf des Arztes, der mich nun panisch ansieht. Ich kann spüren, wie die Zeit wieder anfängt, in den normalen Fluss überzugehen. "Sofort ein Sicherheitsteam in Sektion 4...", ruft der Arzt hektisch ins Telefon, als ihn ein Skalpell ins Auge trifft. Mit ausgestreckter Hand und rasendem Puls stehe ich da und sehe zu, wie er zusammenbricht. War... War ich das?, stammle ich Gedanken. Bevor ich mich sammeln und verarbeiten kann, dass ich gerade einen Menschen schneller getötet habe, als ich denken konnte, höre ich schon einen schrillen Alarm, der mir sagt, dass es höchste Zeit ist, hier zu verschwinden.

Ich renne an der Leiche vorbei zur Tür und lasse den Raum mitsamt der verängstigten, zusammengekauerten Krankenschwester und dem Bewusstlosen neben dem OP-Tisch hinter mir. Nicht jedoch, ohne vorher meine Kleidung anzuziehen und mein Smartphone aus dem Vorbereitungsraum mitzunehmen. Ein rascher Blick auf das Display verrät mir, dass der Akku den Geist aufgegeben hat. Hilfe rufen fällt also erst einmal flach, denke ich ernüchtert und erblicke in der Kiste mit meinen persönlichen Gegenständen eine goldene Digital-Armbanduhr, die mir einen Countdown anzeigt, in dem Moment, in der ich sie anlege. In knapp 4 Minuten passiert also irgendetwas... Egal! Ich muss jetzt los!, beschließe ich und öffne vorsichtig die Tür.

Vor mir liegt ein langer Flur, der - für ein Krankenhaus doch ziemlich ungewöhnlich - recht dunkel und verlassen ist. Instinktiv greife ich nach dem Feuerlöscher an der Wand und entsichere diesen für den Fall der Fälle. Mit einer gewissen Vorsicht gehe ich den Flur entlang und orientiere mich an den Notausgang-Schildern, die von der Decke hängen. Ein markerschütternder, schmerzerfüllter Schrei dringt aus einer Tür vor mir und zwingt mich anzuhalten. Die Stimme der Person ist zwar durch das Brüllen verzerrt, aber eindeutig weiblicher Natur und kommt mir bekannt vor.

Mit dem Feuerlöscher im Anschlag öffne ich leise die Tür und erstarre bei dem Anblick, der sich mir bietet: Meine Freundin, die mit geöffnetem Brustkorb auf einem OP-Tisch liegt und scheinbar inmitten der OP aufgewacht ist. Sie ist umringt von zwei Ärzten, die versuchen, sie zu beschwichtigen. In der Hand des einen Arztes kann ich deutlich eine gefüllte Spritze erkennen. Ohne groß nachzudenken stürme ich in den Raum und schlage den Mann mit dem Feuerlöscher nieder und bedrohe den anderen Arzt: "Sie werden jetzt sofort ihren Oberkörper schließen und sie gehen lassen! Wenn Sie ihr auch nur noch ein Haar krümmen, sind Sie der Nächste, der zu Boden geht!".

Mit angsterfülltem Blick starrt mich der Zurückgewichene an, nickt hastig und macht sich an die Arbeit. In der Zwischenzeit nehme ich die Hand meiner Freundin und drücke sie. "Hey! Ich bin jetzt da! Alles wird gut!", sage ich und muss fast würgen bei dem Blick auf ihre halb freigelegten Organe. In ihrem Blick liegt blanke Panik und Schmerz, doch auch ein gewisser Trost und neue Hoffnung erreichen ihre Augen. Während ich ihre Hand halte, bemerke ich erneut die auffällige goldene Digital-Armbanduhr an meinem Handgelenk. Der Countdown läuft herunter und sagt mir, dass in etwa zwei Minuten irgendetwas geschehen wird. Wenige Sekunden später ist der Oberkörper geschlossen und der Arzt greift zu Nadel und Faden. "Dafür haben wir jetzt keine Zeit! Tackern Sie den Schnitt!", befehle ich und der Arzt wechselt zum entsprechenden Gerät.

Argwöhnisch beobachte ich jede einzelne Bewegung des Mediziners. Als er kurz darauf verrichteter Dinge den Epidermal-Tacker sinken lässt, brüllt hinter mir jemand: "Hände hoch! Lassen Sie den Feuerlöscher fallen und ergeben Sie sich!". Ich wirble herum und sehe zwei bis an die Zähne bewaffnete Soldaten, die ihre Sturmgewehre auf meinen Kopf richten. Eine Schrecksekunde lang erstarre ich und weiß nicht, was ich tun soll.

Plötzlich höre ich ein leises Alarmsignal, das von der goldenen Armbanduhr zu kommen scheint und die Zeit verlangsamt sich fast bis zum Stillstand. Der rechte Soldat öffnet seinen Mund und formt die Lippen zu einem langgezogenen "Feuer"-Befehl, während sich sein zitternder Zeigefinger zum Abzug bewegt. Ein in die Länge gezogener, extrem lauter Knall und das leuchtende Mündungsfeuer bestätigen mir, dass ich gleich sterben werde, wenn ich mich jetzt nicht sofort in Bewegung setze. Aus einem Reflex heraus werfe ich den Feuerlöscher in die Flugbahn der sich vergleichsweise schnell nähernden Kugel aus dem Lauf des Sturmgewehrs.

Mit einem weiteren Knall explodiert der Feuerlöscher und verteilt unmittelbar vor den beiden Soldaten weißes Pulver in der gesamten Umgebung. Aus den Augenwinkeln sehe ich den Arzt mit dem Tacker in der Hand auf mich zustürzen. Geschickt ergreife ich seinen Arm und führe einen Hebelwurf aus. Während der Körper des Mannes auf die Soldaten zufliegt, gehe ich hinter dem OP-Tisch in Deckung und ziehe meine Freundin vorsichtig zu mir auf den Boden. Weitere Kugeln fliegen quer durch den Raum und schlagen in den Tisch vor mir und die Wände um uns herum ein. Vorsichtig blicke ich an dem Tisch vorbei und sehe, dass der geworfene Arzt die beiden Soldaten getroffen und umgeworfen hat.

Die Zeit beginnt wieder schneller zu vergehen und ich nutze die Gunst der Stunde, um zu den am Boden Liegenden zu sprinten. Ein rascher Blick verrät mir, dass der linke Soldat K.O. gegangen ist, während der rechte unter dem - sich aufrappelnden - Arzt begraben ist. In Windeseile greife ich mir ein Gewehr und ziele auf den Soldaten. "Schön ruhig! Es sind schon genug Leute gestorben heute!", sage ich betont entschlossen. Meinem wachen Blick entgeht nicht, wie der Mann seine Hand langsam zu seinem Pistolenholster gleiten lässt und so bin ich gezwungen, ihm mit dem Gewehrkolben einen brutalen Hieb gegen den Kopf zu verpassen.

Bewusstlos sackt er zusammen und der Arzt fällt erneut hin. Wütend packe ich diesen an seinem Kittel und stelle ihn auf die Beine. "Sie sagen mir jetzt sofort, was hier los ist und wie wir hier rauskommen!", herrsche ich ihn an. Stotternd beginnt er zu sprechen: "S-Sie sind in einem F-Forschungskomplex der US-Army. Sie sollten lebend obduziert werden, da Sie Anomalien aufweisen, die wir untersuchen müssen. B-bitte! Lassen Sie mich gehen!". - "Anomalien?! Was soll das heißen?", frage ich ihn gereizt. Ein wenig fassungslos blickt er mich an und fragt: "Sie wissen nicht, was ich meine? Scheinbar können Sie sich nicht daran erinnern, was passiert ist. Das liegt womöglich an dem Narkosemittel, das Sie eigentlich ins künstliche Koma hätte versetzen müssen... Jedenfalls haben Sie laut unserem Bericht offensichtlich die Fähigkeit, bewusst die Zeit zu manipulieren. Hören Sie: Ich arbeite hier nur. Ich habe Frau und Kinder! Lassen Sie mich jetzt gehen? Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß!".

"Sie schulden mir immer noch einen Ausweg aus dieser beschissenen Lage", erinnere ich ihn an meine Forderungen. - "Hier, nehmen Sie die und folgen Sie dem Korridor bis zum Ende. Von dort aus...", sagt er und hält mir eine Sicherheitskarte hin, als plötzlich eine Explosion uns beide zu Boden reißt. Eine Splittergranate ist in dem Raum hochgegangen und nun liege ich hier, zerfetzt von den Schrapnellen. Ein lautes Fiepen verrät mir, dass mein Trommelfell geplatzt ist. Benommen bekomme ich gerade noch mit, wie sich meine Freundin über mich beugt und mit Tränen in den Augen meinen Namen schreit. "Alex! ALEX!!! Bleib bei mir!", brüllt sie mich an, doch die Worte hören sich an, als kämen sie aus weiter Ferne.

Dunkelheit umhüllt mich und ich schließe ein letztes Mal die Augen. Das ist es also: Mein Ende..., ist das Letzte, was mir durch den Kopf geht, bevor ich sterbe. Ich mache mich gefasst, ein helles Licht am Ende des Tunnels oder etwas Ähnliches zu sehen, doch stattdessen habe ich schlagartig die größten Kopfschmerzen, die ich je gespürt habe. Eine gefühlte Ewigkeit, liege ich einfach nur da und versuche, die Schmerzen zu ertragen. Um mich von den Qualen abzulenken, konzentriere ich mich auf andere Dinge, die ich fühle.

Mein Körper fühlt sich eiskalt an. Woher kommt nur diese Kälte? Ein regelmäßiges Piepsen dringt langsam zu mir durch. Ich kenne dieses Geräusch... Moment mal!, denke ich und öffne die Augen. "Doktor, der Patient wacht auf!", höre ich eine verunsicherte Frauenstimme sagen, die mir mehr als bekannt vorkommt. Schlagartig richte ich mich auf und erkenne, dass ich mich wieder in dem OP-Saal befinde, in dem ich eine Viertelstunde zuvor aufgewacht bin.

Der entsetzte Arzt weicht vom OP-Tisch zurück und geht rückwärts zum Telefon neben der Tür. "Sofort ein Sicherheitsteam in Sektion 4...", stottert er in den Hörer. Fassungslos starre ich den Arzt an, den ich noch vor wenigen Minuten mit einem Skalpell getötet habe und sehe mich in dem Raum um. Die Stimme meiner Freundin hallt wie in einem Echo in meinem Kopf nach: "Alex! Du bekommst eine zweite Chance! Nutze sie! Lass mich dieses Mal zurück... Ich liebe Dich!".

Das ist es also: Clara hat die Zeit zurückgedreht, als ich gestorben bin, denke ich, während die Zeit bleibt wieder stehen bleibt. Also los!, beschließe ich und greife dieses Mal nicht zum Skalpell.

Kommentare

  • Author Portrait

    ACHTUNG, SPOILER. Auch bei diesem Kapitel fiebert man wieder total mit. Ich gebe zu, dass ich zunächst sehr viele, scheinbar unlogische Handlungsstränge notiert habe - allerdings konnte ich das Meiste im Laufe des Lesens wieder streichen. Vier Dinge blieben leider: Anfangs wird von einem Knick in der Narkoseleitung geschrieben, dann soll eine eingenommene Flüssigkeit der Narkose entgegen wirken. Auch wurde nicht beschrieben, dass die Freundin zumindest eine lokale Betäubung erhalten hat. In dem Sinne hätte sie sich wohl erneut die Seele aus dem Leib schreien müssen. Dazu ist sein Trommelfell geplatzt - durchaus logisch - allerdings war seine Freundin doch auch in unmittelbarer Nähe der Bombe, wieso wurde sie dann verschont? Und wie konnte er ihre Rufe und Schreie hören? Trotz der Ungereimtheiten hat es mir sehr viel Spaß gemacht das Kapitel zu lesen! Und wie bereits oft erwähnt, Actionszenen hast du wirklich drauf und dein Schreiben ist sehr lebendig und anschaulich. :)

  • Author Portrait

    Wow! Ich sehe langsam, wie die Stränge der Zeit und der Geschehnisse laufen... ;-)

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Feenstaub

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