Balkongespräche in Tolo

Die Straße nach Tolo war geprägt durch enge Serpentinenstraßen, die sich an den Bergen entlang wanden. Rechts von uns hatten wir eine steile Felswand und links von uns einen tiefen Abgrund. Und an jeder der ziemlich engen Kurven ging uns ganz schön die Bammel. Zumal wir an einigen der Abhänge noch Autospiegel und -Türen liegen sahen. Die Straße erweckte nicht gerade unser Vertrauen, aber der Busfahrer manövrierte uns sicher und gelassen durch die engsten Stellen, was ihm bei unserer Ankunft einen Applaus und erleichtertes Aufatmen einbrachte.
In Tolo, einer wunderschönen Stadt direkt am Meer, bezogen wir das beste Hotel der ganzen Reise. Mit geräumigen Zimmern, Halbpension und einer Dachterrasse mit direktem Blick auf das Meer.
Und das Meer war in Tolo unsere erste Anlaufstelle. Das Wasser war angenehm warm und wir blieben dort bis es im Hotel Abendessen gab. Meine gute Laune konnte mir nicht mal die riesige Schramme vermiesen, die ich mir beim Flachköpper am Strand zugezogen hatte.
Obwohl wir danach pappsatt waren, suchten wir die Straßen der Stadt, die den kaputten Charme von Delphi mit der Ordnung von Olympia verband nach einem Ort ab, an dem wir unsere schon am ersten Tag erweckte Sucht nach griechischem Süßgebäck stillen konnten.
Und wir fanden den Ort, und wie wir das taten! Eine Bäckerei, in der gefühlt nur Zuckergranaten auslagen, und die von einer älteren, dicklichen, freundlich lächelnden Frau geführt wurde. Für die drei Tage unseres Aufenthaltes wurden wir Stammkunden hier.
Die Ladenbesitzerin blieb uns wegen der fetttriefenden, in Honig getunkten Köstlichkeiten, die sie verkaufte, als Mütterchen Herzinfarkt in Erinnerung. Mit einem Augenzwinkern versteht sich.
Danach erkundeten wir noch etwas die Straßen und fanden allerhand skurriles.  Zum Beispiel einen alten VW-Bus, der schon so lange am Straßenrand stand, dass die platten Reifen mit Efeu-Ranken am Asphalt festgewachsen waren.
Den Abend ließen wir mit einem griechischen Alfa-Bier (das nicht wirklich anders schmeckt als deutsches Bier) am Strand ausklingen und beobachteten anschließend die nächtliche Bucht von der Hotelterasse aus.
Der nächste Tag führte uns nach Nafplio zum Epidauros-Theater und zur Palamidi-Festung.
Das Theater wirkte in Natura noch gigantischer als auf Fotos oder Postkarten, und es besaß eine unglaubliche Akustik. Einen Redner, der in der Mitte des Amphitheaters stand, konnte man selbst auf den obersten Rängen noch glasklar hören. Das machte sich eine Gruppe von Sängern zunutze, die spontan ein kleines Konzert gaben. Während die Aufseher versuchten die Gesangseinlage mit ihren Pfeifen zu unterbinden und stark gestikulierend mit dem Großteil der Gruppe redeten, ließ einer der Sänger sich nicht aus der Ruhe bringen und sang fröhlich sein Lied zu Ende. In der Tempelanlage, in der Nähe des Theaters, trafen wir auf ein Esoterik-Seminar, das sich auf den Säulen sitzend in Meditation vertieft hatte, was einen recht exotischen Anblick bot.
Die Palamidi-Festung, welche wir am Nachmittag erreichten, ist ein gigantisches Bollwerk, das auf einem Berg über Nafplio thront, und von dem man einen wunderbaren Ausblick auf das Mittelmeer und die Stadt hat. Die 999 Stufen die am Berghang nach oben führen, haben zwar allen von uns strömenden Schweiß und schlottrige Knie abgerungen, aber für die Aussicht und den starken, kühlenden Wind am höchsten Punkt der Festung hatte es sich definitiv gelohnt.

Wieder im Hotel in Tolo angekommen zerstreute sich unsere Gruppe nach dem Abendessen und ich fand mich plötzlich mit einer Zigarette in der Hand auf dem Balkon zweier Mädchen aus meinem Jahrgang wieder. Für mich sollte es der letzte Glimmstängel des Abends bleiben, die beiden rauchten allerdings wie zwei Fabrikschornsteine. Im Laufe des Abends ergab sich eine ziemlich interessante Unterhaltung über besorgniserregende Verhaltensweisen, die wir als Kinder hatten, (aus heutiger Sicht waren wir wohl ziemliche Psychos), über Zukunftspläne (oder in meinem Fall: keine Pläne) und komische Beziehungskisten (von denen ich sowieso keinen Plan hatte). So saßen wir bis spät in die Nacht da, bevor ich mich ins Bett schleppte und beinahe sofort einschlief. Die Beine immer noch zittrig von insgesamt 1998 Stufen.
Der nächste Tag brachte den Abschied von Tolo, was uns alle etwas melancholisch stimmte, da die Stadt am Meer uns ans Herz gewachsen war. Jetzt ging es in Richtung Athen, auf die letzte Etappe der Reise.

Kommentare

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    Wird es zu Athen auch noch ein Kapitel geben? Ich hoffe es, jedes hat sich wunderbar gelesen und hat mich in Urlaubsstimmung versetzt. :D

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