Bis dass der Tod uns scheidet

Schweißgebadet lehnte ich mit dem Rücken an der verschlossenen Tür meines Schlafzimmers. Holly kauerte mit schneeweißer Haut und bebendem Körper nicht unweit von mir.
Es dauerte keine zehn Sekunden, bis ich Pattons donnernde Schritte, die den Boden unter mir zum Vibrieren brachten, auf der anderen Seite hören konnte.
„Komm raus oder ich zwinge dich dazu“, brüllte er wie eine wild gewordene, blutrünstige Bestie und hämmerte gegen die Tür.
Ich blieb stumm.
„Letzte Chance, Kleiner.“ Holly öffnete den Mund, um mir etwas zu sagen, doch ich legte einen Zeigefinger auf meine Lippen, um ihr zu symbolisieren, dass sie still sein und nicht mit mir sprechen sollte.
„Also, schön. Du hast es ja nicht anders gewollt“, tobte er.
Dann wurden mehrere Schüsse abgegeben. Das Holz hinter mir knirschte, bevor es zerberstete. Splitter flogen wie gefährliche Geschosse durch die Luft.  
Hollys spitze Schreie klingelten mir in den Ohren.
Ich legte einen Arm um ihre Taille und schleppte sie einen halben Meter von der Tür weg. Schützend umklammerte ich sie, damit sie nicht verletzt wurde.
Pattons Schießerei ging weiter.
An meinem Handrücken konnte ich Hollys stürmischen Herzschlag fühlen, der mir förmlich entgegen sprang.
„Hab keine Angst, Holly. Es wird alles gut“, flüsterte ich.
„Du brauchst dir…“
Urplötzlich hörten die Schüsse auf. Ich hob meinen Kopf und ließ Holly los. Wie gebannt sah ich zu den jämmerlichen Überresten der Tür herüber. Inmitten der Trümmer stand Patton. Sein Gesicht war vollkommen regungslos, als er die Waffe, die er in der Hand hielt, auf mich richtete. Nun war es soweit.
Ich fürchtete mich nicht vor dem Tod; nicht vor den Schmerzen, die mich erwarteten, wenn die Kugeln meine Haut und Organe durchschlagen würden. Stattdessen fürchtete ich mich vor Hollys Reaktion, wenn sie mich sterben sah.
„Mach´s gut, Kleiner.“ Ohne es zu wollen, schloss ich meine Augen. Vielleicht hatte ich doch mehr Angst, als ich mir selbst zugestehen wollte. Ich…
Patton gab fünf Schüsse ab. Ungeduldig wartete ich auf den flammenden Schmerz, doch er kam nicht. Irgendetwas stimmte nicht.
Ich öffnete die Augen und erlebte den Schock meines Lebens. Holly kniete vor mir und befand sich genau in der Schusslinie. Auf ihrem Pullover breitete sich allmählich ein dunkler, roter Fleck aus.
„NEEEEEEIIIIIIINNNNN!!!“ Fassungslos starrte ich meine Freundin an.
„NEEEEEEIIIIIIINNNNN!!!“
Das konnte nur ein Albtraum sein.
Ein grauenhafter Albtraum, der sich vor meinen Augen abspielte und mir die Realität vorgaukeln wollte. Genau, das war nicht echt. Gleich würde ich aufwachen.
Krampfhaft versuchte ich mich an diesem Gedanken festzuhalten, aber das fiel mir immer schwerer. Besonders, als metallener Blutgeruch mir in die Nase kroch und Holly leicht hin und her schwankte.
„Oh, nein. Was habe ich nur getan?“, fragte Patton mit einem breiten Grinsen. Sein schadenfroher Unterton war mir nicht entgangen. Sofort fing mein Blut an zu kochen. Der Zorn, der Hass und die Trauer überwältigten mich und zogen mich in einen tiefen Sumpf.
Mit aller Macht versuchte ich meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen, als Holly auf einmal zur Seite kippte und reglos auf dem Parkett liegen blieb.
„Es tut mir aufrichtig leid, Kleiner.“ Patton prustete los. Das war genug.
Hektisch sprang ich auf und lief auf ihn zu. Die Waffe in seiner Hand beachtete ich gar nicht. Sie war mir egal. Alles war mir egal.
Bevor er mich aufhalten konnte, griff ich ihn an und brachte ihn zu Fall. Dabei verlor er seine Waffe, die über den Boden schlitterte. Intuitiv schnappte ich mir einen handgroßen Holzsplitter, der neben meinem rechten Bein lag und stach zu. Wiederholt versenkte ich die lange Spitze in seiner Brust.
Patton wollte mich wegschieben, doch das ließ ich nicht zu. Meine Kräfte, die ich eben noch für verloren gehalten hatte, waren wieder da.
Schließlich brauchte ich sie, um Patton höllische Schmerzen zuzufügen. Er hatte Holly getötet. Er hatte mir die Liebe meines Lebens genommen.
Ein letztes Mal holte ich aus und rammte ihm das Holz in die Halsschlagader. Patton riss seine Augen so weit auf, dass sie bald heraus fielen. Der Ausdruck in seinem Gesicht war unbeschreiblich.
Ich zog den Splitter aus seinem Hals, was seinen Tod endgültig besiegelte. Das Blut sprudelte wie bei einer Quelle aus seiner Wunde heraus.
Patton krümmte sich. Sein qualvolles Röcheln und das Blut, das er spuckte, verrieten mir, dass er nur noch wenige Minuten zu leben hatte.
Als ich aufstand, verfolgte er mich mit seinen eisblauen Augen. Ich kehrte ihm den Rücken zu und ging zu Holly zurück.
Geräuschlos ließ ich mich neben sie auf die Knie fallen. Liebevoll nahm ich sie in meine Arme. Mit einer Hand strich ich ihr ein paar Haarsträhnen aus dem bleichen Gesicht.
Plötzlich fing Holly an zu zucken. Vor Schreck hätte ich sie beinahe losgelassen.
„James?“ Ihre azurblauen Augen fixierten mich.
„Ich bin hier, Holly“, sagte ich, wobei ich meine Erleichterung nicht verbergen konnte. Sie war nicht tot. Holly lebte.
„Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist.“ Ein Lächeln legte sich auf ihre farblosen Lippen.
„Dafür nehme ich sogar fünf Kugeln in Kauf“, schloss sie an. Rinnsale aus Blut liefen aus ihren Mundwinkeln. Mein Herz setzte aus.
„Ich bringe dich ins Krankenhaus, Holly. Dann geht es dir bald wieder gut.“ Meine Freundin schüttelte entschieden den Kopf.
„Ich will lieber hier bleiben. Bei dir.“
Ich wusste, was sie mir mit diesen Worten sagen wollte. Es war bereits zu spät, um sie ins Krankenhaus zu bringen. Patton hatte sie zu schwer verletzt.
Vorhin, als sie sich wieder bewegt hatte, hatte ich tatsächlich an ein Wunder geglaubt, aber jetzt stürzte ich in einen finsteren Abgrund, der mich ohne Gnade verschlang. Die ersten Tränen drohten auszubrechen.
„Warum, Holly? Warum hast du das getan?“, krächzte ich mit trockener Kehle. Ich befand mich am Rande der Verzweiflung, während sie glückselig lächelte.
„Es war mal an der Zeit dich zu retten, James“, meinte sie wie selbstverständlich.
Dann fing sie fürchterlich an zu husten und Blut zu spucken. Ihr schmächtiger Körper zitterte wie verrückt. Am Liebsten hätte ich ihr die Schmerzen abgenommen. Am Liebsten hätte ich mein Leben für ihres gegeben.
„James?“ Ihre Stimme war nicht mehr, als ein Flüstern.
„Ja?“
„Ich bin so müde.“ Ich atmete tief ein, damit ich nicht weinte.
„Ich weiß, Holly. Ich weiß.“ Zärtlich küsste ich sie auf die Stirn. „Ich liebe dich.“ Keine Antwort. Keine Reaktion.
„Holly?“ Sanft rüttelte ich an ihrem Arm.
„Holly?“ Leblos lag sie in meinen Armen. Ihre geschlossenen Augen und die noch warme Haut führten zu der Illusion, dass sie einfach nur schlief.
„Nein. Nein. NEIN.“ Unbeholfen legte ich Holly auf den Boden und versuchte sie wiederzubeleben. Ihr Blut klebte an meinem ganzen Körper.
„Du wirst nicht sterben. Du wirst nicht sterben. Du wirst nicht sterben.“ Meine Hände lagen auf ihrem Herz, das nicht mehr schlug. Ihr Herz, mit dem sie mich geliebt hatte.

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