- Bittere Erkenntnis -


Erinnerung ist das, was bleibt
Sie kommt und geht von Zeit zu Zeit
Sie zeigt mir auf, was einstmals war
Für heute, morgen, immerdar
Sie zeigt den Weg, den ich verloren
Und alles, was ich einst geschworen

Wir waren Kinder, als wir uns fanden
Uns erstmals gegenüberstanden
Das ist nun schon Äonen her
Doch frisch, als ob’s erst gestern wär
Und schließe ich die Augenlider
Erleb ich alles hautnah wieder

Die Ohren spitz, die Zähne lang
Kaum seh ich dich, da wird mir bang
Die Haut ist fahl und leichenblass
In deinen Augen lodert Hass
Deine Krallen sind voll Blut
Nichts das da bremste deine Wut

Kein Mann, kein Wunder hält dich auf
Drum nimmt das Schicksal seinen Lauf
Erfahrene Kämpfer, meine Brüder
Metzelst skrupellos du nieder
Der Boden um mich färbt sich rot
Dreißig Männer, alle tot

Ich stehe starr, ich stehe still
Weil ich es nicht begreifen will
Ist dieses Wesen fürchterlich
Nicht noch ein Knabe – so wie ich?
Jetzt kommst du langsam auf mich zu
Und mein Blut gefriert im Nu

Die Haare weiß, halblang und wirr
Dein Blick ist leer und kalt und irr
Du fletschst die Zähne, schreist und brüllst
Dass du auch mich nun töten willst
Ein Sprung, ein Stich, ich weich zurück
Da trifft der deine meinen Blick

Als ich in deine Augen sehe
Gibt es da nichts, was ich verstehe
Kein Funken Mitleid, Freude, Liebe
Nur Mordlust, Blutgier, dunkle Triebe
Kein bisschen Gnade spricht aus dir
Nichts als ein rohes, wildes Tier

Ich falle rückwärts, bin entsetzt
Als du die Flammen auf mich hetzt
Du forderst mich zum Todeskampf
In einer Arena aus Feuer und Dampf
Ein Streit, den einer nur gewinnt
In dem das Blut in Strömen rinnt

Ich bin bereit, da höre ich
Eine Stimme, so flehentlich
Sie bittet mich, dich zu erretten
Vor Flammenzorn und eisigen Ketten
Die dein Herz in Klauen halten
Und in deiner Seele walten

Vor Hunger, unstillbarer Gier
Die dich führte nun zu mir
Vor was genau, das sagt sie nicht
Ich leg in Falten mein Gesicht
Die Bitte, die ist so verwegen
Steht allem, was ich seh, entgegen

Doch dann, für einen Wimpernschlag
Ich einen Blick tief in dich wag
Im nächsten schon muss ich entscheiden
Will ich leben oder leiden?
Die Stimme im Kopf, die hör nur ich
Und schwör hier und jetzt: Ich rette dich!

Bin wild entschlossen, dich zu besiegen
Dir keinesfalls zu unterliegen
Dich mir zu meinem Freund zu machen
Und dir zu schenken herzliches Lachen
Gemeinsam mit dir den Weg zu gehen
Die Prüfungen des Lebens bestehen

Ein Schild umhüllt mich, es kracht und zischt
Als deine Flammen begegnen meiner Gischt
Feuer und Wasser, die zwei Elemente
Bekämpfen einander durch Kinderhände
Die zudem scharfe Waffen führen
Wie sie sonst starken Männern gebühren

Der Kampf scheint endlos, dauert an
Tage, Nächte, irgendwann
Bringt die Ohnmacht uns den Schluss
Ohne einen Todeskuss
Kraftlos sinken wir hernieder
Schließen unsre müden Lider

Der erste Kampf blieb unentschieden
Und fortan lebten wir in „Frieden“
Den wir hart erarbeitet
Den wir erkämpft und oft erstreitet
Du und ich, auf unsre Weise
Oftmals laut, nur manchmal leise

Bis wir dann in jener Nacht
Den verbotenen Bund gemacht
Der uns nun zeitlebens bindet
Bis des Herzens Funke schwindet
Der uns aneinanderkettet
Uns aus Einsamkeit errettet

Ein Pakt so stark wie unbedacht
Gibt er doch uns beiden Macht
Über des andren Leben und Tod
Entsprungen einst in großer Not
Ist er nun ein Teil von mir
Unzertrennbar verwoben mit dir

Was wir getan, das ahnten wir nicht
Zu oft vernebelte Zorn die Sicht
Zu oft waren wir in Ketten geschlagen
Und immer hörte ich dich sagen
„Wenn’s dir nicht passt: Hau ab! Verschwinde!“
Doch stets da sah ich dieses Kinde

Das du tief in dir verschlossen
Das so viel Hass statt Liebe genossen
Das du stets zu Boden ringst
Und es fast zu Tode bringst
Dieses Kind, dein wahres Ich
So anders, so ganz unbeschreiblich

Das Leben mit dir war hart und steinig
Nur selten waren wir uns einig
Doch mein Schwur ließ mich nicht gehen
Durch alle Feuer an deiner Seite stehen
Und schlugst du dich mal nicht mit mir
Fiel alles um uns zum Opfer dir

Wohin wir auch kamen, es endete immer
In Schmerz und Leid und klagendem Gewimmer
In wütenden Schreien, Folter und Schlägen
Man wollte uns hängen, erwürgen, zersägen
Doch stets gelang es uns, zu entfliehen
Und weiter unserer Pfade zu ziehen

Wir wandelten auf steinigen Wegen
Und dunkle Fragen begannen, sich zu regen
Ich hörte, was die Menschen sagten
Ich wusste, was sie stumm beklagten
Sie riefen laut und dachten leise
Doch stets war es die gleiche Weise

„Ein Wesen wie das darf es nicht geben
Das ist widernatürlich und wider das Leben
Das sieht ein jeder, der es erblickt
Vertuscht es es auch noch so geschickt
Hässlich, Hundsfott, Missgeburt!
Prügelt‘s tot, auf dass es spurt

Ein Wesen, das den Tod nur bringt
Das Seel um Seel herniederringt
Zerstörung stiftet, wo es geht
Und wahllos gegen andere steht
Das sich ergötzt an Feuerswut
Und badet in unschuldigem Blut

Solch Wesen, das sei totgeweiht
Für heute und für alle Zeit!
Solch Wesen muss man schlagen, stechen
Im Leib ihm jeden Knochen brechen!
Solch Wesen sei die schlimmste Pein
Zugedacht bis ins Gebein!“

Wie oft schon musste ich dich retten
Vor Peitschen, Galgen oder Ketten?
Wie oft schon habe ich versucht
Zu ergründen, was dich verflucht?
Wie oft schon stand ich gegen dich
Weil du dich wehrtest gegen mich?

Gegen Hilfe, Trost und Fragen
Nichts davon konntest du ertragen
Nichts, was anders, als du es gekannt
Und oft reichte ich dir vergebens die Hand
So fragte ich mich in mancher Nacht
Wozu wir unsern Schwur gemacht

Die Zeit verging, schritt schnell voran
Als junger Mann erkannte ich dann
Die Stimme damals war nicht deine
Nein, heute weiß ich, es war meine
Warum, wieso? Das weiß ich nicht
Doch nimmt sie stets mich in die Pflicht

Noch immer auch nach all der Zeit
Dich zu erlösen aus deinem Leid
Das niemandem ist offenbar
Und auch du selber nimmst kaum war
Dass der Kampf dein Leben frisst
Gegen alles, was du bist

Gegen das, wie du geschaffen
Mit allen Mitteln, allen Waffen
Doch dieser Krieg auf Lebenszeit
Hält keinen Sieg für dich bereit
Man gewinnt nicht gegen Dämonen
Die so tief im Innern wohnen

Man besiegt nicht, was man ist
Nicht vor Schluss der Lebensfrist
Und in mancher dunklen Nacht
Hab ich darüber nachgedacht
Dich erretten aus der Not
Kann wohl wirklich nur der Tod

Deinem Leben bereiten ein Ende
Sollen dereinst meine Hände
Denn nur dazu dient unser Bund
Tut schmerzhaft sich mir die Wahrheit kund
Doch das werd ich wohl niemals tun
Denn mit Klarheit weiß ich nun

Kommt einst der Tag, an dem du gehst
Ich weiß nicht, ob du das verstehst
So werde ich fallen im selben Moment
Noch ehe dein Blut die Erde verbrennt
Denn töte ich dich
So töte ich mich!

© Noia, 14.03.2015


----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Kommentare

  • Author Portrait

    Klasse Gedichte! Ich bin gespannt, was man von dir noch so zu lesen bekommt :)

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media