Wieder einmal zog es meinen Blick zu dem Balkon nach oben. Wie jeden Tag, wenn ich von der Schule nach Hause kam, konnte ich nicht verhindern, dass ich das Verlangen hatte, zu sehen, ob er da war.

Ich fragte mich, warum das so war.

Denn was war denn so besonders an diesem Typen? Er sah nicht besonders aus, er war den ganzen Tag zuhause, hockte an einem kleinen Tisch auf seinem Balkon, umgeben von diesem blauen Unkraut, das überall auf diesem wuchs, und hämmerte auf seinen Laptop ein.

Es widerte mich an, dass er immer eine Zigarette im Mundwinkel zu klemmen hatte, aber gleichzeitig minderte das meine Faszination für ihn nicht.

Ich kannte auch nur seinen Vornamen: Lorenz.

Wer hieß denn heute noch Lorenz? Er konnte doch nur ein Freak sein.

Ich ertappte mich, dass ich wieder mehrere Minuten einfach nur dagestanden und geguckt habe.

»Langsam glaube ich, dass du irgendetwas von mir willst, wenn du jeden Tag hier stehst und glotzt«, hörte ich eine murrende Stimme hinter mir und ich erschrak zutiefst. Mit rasendem Herzen wandte ich mich um und stand dem jungen Mann gegenüber, den ich sonst immer nur an seinem Tischchen sitzen sah.

»Äh...«, machte ich nur und Lorenz zog die Brauen hoch.

»Na der Hellste scheinst du nicht zu sein. Also? Da du ja offenbar irgendwas hast, was dich an mir stört...«

Ich stand vor ihm wie das Kaninchen vor der Schlange und merkte selber, dass mein Mund offen stand.

Vielleicht lag es daran, dass ich immer nur von unten zu ihm hochstarrte, aber er sah so aus der Nähe besser aus als ich gedacht hatte. Sein Haar, das ich immer mit einem Straßenköterblond bezeichnet hätte, wirkte aus der Nähe eher golden und seine braunen Augen erinnerten mich an Schokolade. Er war nicht rasiert und seine legere Kleidung umschmeichelte seinen Körper, der athletischer war als ich vermutet hätte.

Ich riss mich von seinen sehnigen Händen los, die eine Einkaufstüte umfassten, und blinzelte.

»Äh... also...«

Ich merkte, wie mir eine unbekannte Hitze ins Gesicht schoß, als er den Kopf ein wenig zur Seite neigte und lächelte.

»Du bist nicht der gesprächige Typ, oder?«, lachte er und ich verfluchte mich, denn ich hatte garantiert rote Wangen.

»Das sagst du mir... du redest doch nie mit jemandem und hängst immer nur auf deinem Balkon rum...«, motzte ich und hörte selbst, wie schnippisch ich klang.

Gott, als wäre ich ein kleines, dummes Mädchen!

Er lachte wieder.

»Ich bin Schriftsteller, falls das deine ungeschickte Art war, mich zu fragen, was ich den ganzen Tag mache. Und das kann ich am besten auf dem Balkon, inmitten meiner Blumen.«

Ich sah zu dem Balkon über uns hoch und zog eine Schnute.

»Blumen nennst du das? Das ist Unkraut«, murrte ich und wieder hörte ich ihn lachen.

Ich merkte, dass es mir gefiel, wenn er das tat.

»Das ist kein Unkraut. Diese Blumen nennen sich Blaue Mauritius und sie gedeihen am besten auf dem Balkon.«

Ich sah wieder in sein Gesicht und merkte, dass sich meine Mundwinkel nach oben zogen.

»Ent-entschuldige...«, murmelte ich und er setzte seinen Weg ins Haus fort, nicht ohne mir beim Vorbeigehen mit der Hand auf die Schulter zu tappen.

Mit einer kribbelnden Gänsehaut, die meinen ganzen Körper erschaudern ließ, blieb ich an Ort und Stelle stehen, als ich erneut seine Stimme hörte.

»Hey, Stalker... hast du Lust auf einen Kakao? Dann kannst du dir meine Blumen, die du Unkraut nennst, mal aus der Nähe ansehen.«

 

Ich lächelte, als ich ihm folgte.

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