"Bringen wir's hinter uns!" (A)

Thomas' Sicht:

"Gut gemacht, Leute!Aber die letzte Szene passt noch nicht ganz. James, Lucy, geht auf eure Plätze!" Ich war gerade im Theater, mit meinen Schülern, um das Stück zu proben. Doch meine Gedanken schweiften immer wieder zu Grace. Ich machte mir immer noch gewaltige Sorgen um sie. Im Fünf-Minuten-Takt sah ich auf mein Handy, ob sie vielleicht in Schwierigkeiten steckt. "Mr. Sangster? Ähm... Thomas?" Ich blickte auf. "Ja?" Vor mir stand Mandy, die eine der Hauptrollen spielte. "Ich...Ich wollte fragen, ob wir die Stelle noch einmal spielen könnten. Ich habe das Gefühl, sie nicht überzeugend zu spielen." Ich nickte nur, hinten ertönte Gelächter. "Ist unsere kleine Mandy etwa nicht gut genug? Ich kann gerne deine Rolle übernehmen, dann blamierst du dich wenigstens nicht!" Jane. Nicht schon wieder. "Ich spiele wenigstens nicht den Diener!", motzte sie zurück. Die beiden standen sich gegenüber. Wenn Blicke töten könnten, wären beide längst gestorben. Ich hatte wirklich keine Lust, Streitschlichter zu spielen, nicht heute. Aber ich musste, sonst würden sie sich gegenseitig in Stücke reißen. "Mädchen, beruhigt euch! Ihr seid beide gut und wenn ihr nicht sofort aufhört, euch zu streiten, fliegt ihr beide mit einem Arschtritt hinaus!" Meine Stimme wurde bei jedem Wort etwas lauter. "Ihr seid erwachsen, verdammt nochmal, nicht im Kindergarten! Also reißt euch gefälligst zusammen!" Plötzlich klingelte mein Handy. Ich wendete  mich ab. Mein Herz begann zu rasen, als ich Grace' Namen las. Mit zitternder Hand hob ich ab. "Tommy." Oh mein Gott, ich musste mich beruhigen. Thomas, ihr geht es gut, beruhig dich! "Grace. Was gibt's?" Ich versuchte so normal wie möglich zu klingen, doch ich war mir sicher, dass sie den nervösen Unterton gehört hatte. "Ich war auf dem Weg zu dir, als mir einfiel, dass du Probe hast. Kann ich kommen oder störe ich?" Ich lächelte und nickte, bis mir klar wurde, dass sie dies nicht sehen konnte. "Klar kannst du kommen!" "Okay, bis dann." "Wer war es denn, Thomas?", fragte Jane mit ihrer Ich-bin-unwiderstehlich-Stimme. Ich hasste sie einfach. "Wirst du gleich seh'n", murmelte ich.

"Tommy!", rief Grace und umarmte mich fest. Ich spürte einen Stich, sagte jedoch nichts. "Wie geht es dir?" Ich nickte bloß, meine Stimme würde meinen Schmerz verraten. "Warst du beim Arzt?", fragte sie. "Meine Rippen sind angeknackst." Wie ich es vermutet hatte. "Ich werde dich mal vorstellen!", lenkte ich ab und grinste.
"Leute, hört mal her! Das ist Grace und sie ist unsere 'Beta-Zuschauerin'! Sie wird sich das Stück ansehen und es bewerten, also gebt euch Mühe!" Sofort fingen alle an zu tuscheln. "Sie soll uns bewerten?", fragte jemand ungläubig. Es war Jane. Grace Miene verhärtete sich. "Problem damit?", fragte Grace mit zuckersüßer Stimme. Verdammt. "Ja. Du siehst nicht aus als könntest du irgendetwas bewerten. Geschweige denn uns." Man konnte die Spannung fast fühlen, die sich breitmachte. "Jane, lass sie in Ruhe", ermahnte ich sie und versuchte ruhig zu bleiben. Ich würde Grace auf jeden Fall verteidigen, besonders nach der Prügelei, sei es auch eine kleine Amateurschauspielerin, die sie beleidigt. Jane schenkte ihr noch einen hasserfüllten Blick und ging dann zur Bühne. Ich seufzte "So, lasst uns anfangen!"

Grace war begeistert von dem Stück. Anfangs jedenfalls. Mitten im Stück wurde einem Schauspieler übel und er ging nach Hause. Also musste ich einspringen. Und das genau in Jane's Szene. Ich war mir sicher, dass man es mir ansah, dass ich nicht wollte. Selbst Grace drückte mitfühlend meine Hand, als ich hochging. "Bringen wir's hinter uns!", knurrte ich. "Bringt mir das Paket!" , rief ich mit meiner besten Königsimitationsstimme. "Vorher wollte ich ihnen etwas mitteilen!" Was? Das war nicht ihr Text.  Ich wollte es ihr gerade sagen, als sie mich ohne Vorwarnung küsste. Im Hintergrund hörte ich schnelle Schritte und die Tür knallte zu.

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