Die Zahl mythischer Wesen auf Bali ist Legion und die Unterschiede zwischen ihnen sind nicht allzu groß. Sie existieren, in der Luft, im Wasser und in der Erde; manchmal wählen sie auch unter den Menschen selbst einen als ihr Gefäß. Vor jeder Hütte auf dieser Insel wacht ein steinernes Ungeheuer über das Wohlergehen der Bewohner. Zumindest wollen die Balinesen glauben, dass es das tut.

Doch sie sind sich nie ganz sicher, ob gerade ein Gott oder ein Dämon ihre Heimstatt bewacht und so verhüllen sie den Unterleib der Figur mit einem schwarz-weißen Sarong. Bringen sie ihre Opfergaben dar, tun sie es in der Hoffnung, der heilige Angebetete möge ihnen verzeihen, falls sie gerade statt seiner einem unerkannten Teufel gehuldigt haben. In den Städten haben sie für den Unglauben der meisten Europäer nur ihr ewiges Lächeln, hinter dem sie ihre Gedanken verbergen.

Doch wer den Mut hat, zu denen hinauszufahren, die noch auf dem Land wohnen und sich zu ihnen unter die Palmen ans allabendliche Feuer zu setzen, wird auch einen anderen Gesichtsausdruck kennenlernen - wenn die Wolken sich vor den Mond schieben, alle Geräusche im nahen Dschungel verstummen und von irgendwoher ein kalter, beißender Wind das Feuer zu heller Glut anfacht, als blase ein Dämon seinen lohenden Atem in die Nacht. Dann rücken sie ganz eng zusammen, wie sie es schon seit Urzeiten getan haben, und erzählen sich die Legenden ihrer Vorfahren. Doch sie tun es leise und mit gesenktem Blick, denn sie sind sich nie sicher, ob der, mit dem sie gerade reden, nicht das Gefäß eines dämonischen Gottes oder göttlichen Dämonen ist. Und wehe dem, der ihn erweckt…

Hartwig Renner war nie auf Bali gewesen und glaubte nicht an Götter, die ihm wohlgesonnen sein sollten, oder an Dämonen, die ihn eines qualvollen Todes sterben lassen konnten. Er glaubte nicht, dass er überhaupt an etwas glaubte, außer an den unumgänglichen Erfolg steter harter Arbeit und daran, dass es idiotisch sei, sich am Freitagnachmittag aus dem Pott in Dortmund über die stauverstopfte A1 nach Schwerin zu quälen.

Die meisten Lichter waren bereits abgeschaltet, der lange Flur des Control Data Instituts versank im Dämmerlicht der Notbeleuchtung und jede Unregelmäßigkeit, jeder Vorsprung des Mauerwerks manifestierten sich als Muster dunkler Schatten auf dem hellen Steinfußboden. Nichts zeugte mehr von der emsigen Geschäftigkeit, mit der am Tage hier Studenten, Dozenten und Institutsmitarbeiter durch die Gänge eilten.

Hartwig liebte diese Atmosphäre. In Gedanken versunken, fingerte er schon eine geraume Zeit in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel, mit dem er das Dozentenzimmer hinter sich abschließen konnte. Um sich nicht in die für den Freitagnachmittag typische Blechlawine von Dortmund nach Bremen einreihen zu müssen, hatte er sich noch an diesem Nachmittag die Klausuren seiner Klasse vorgenommen. Akribisch hatte er jeden Fehler im Programmcode mit einem roten Filzstift angestrichen, gelungene Lösungen mit Blau kommentiert, schließlich die einzelnen Noten zusammengerechnet und das Resultat hatte ihn seine schmalen Lippen zu einem flüchtigen Lächeln verziehen lassen. Seine Studenten hatten wieder einmal ein Klausurergebnis erzielt, das die Messlatte für die Arbeit der anderen Dozenten hier noch höher schrauben würde. Natürlich auch seine Reputation bei der Institutsleitung und damit war ihm der nächste, gut bezahlte Kurs so gut wie sicher.

Kurz dachte er daran, wie hart er für dieses Ergebnis gearbeitet hatte; daran, dass ihm vier Stunden Schlaf pro Nacht irgendwann die Beine wegziehen würden und dass der Tag kommen würde, an dem er bitter würde dafür bezahlen müssen. Doch das gehörte zum Geschäft, wenn man vorankommen wollte, und er redete sich ein, dass er bereit war, diesen Preis zu bezahlen.

„Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich umzubringen. Deine ist nicht einmal besonders originell.“

Obwohl er leise gesprochen hatte, hallte der tiefe Bass Detlev Arsens durch den stillen Flur im Erdgeschoss des Control Data Instituts. Etwas Materielles, Dunkles schwang in ihm mit, das ihn zu mehr machte als bloßem Schall.

Hartwigs Nackenhaare stellten sich auf. Fast wäre er vor Schreck in den Knien eingeknickt, der Türschlüssel rutschte ihm aus der Hand und schlug mit einem übernatürlich lauten Klirren auf die Steinfliesen. Eine Hand schweißnass um die Türklinke gekrampft, suchte er mit den Augen den halbdunklen Gang nach dem Besitzer der Stimme ab.

Detlev Arsen lehnte einige Meter entfernt auf seinen Stock gestützt so in einer Nische, dass er mit der Wand zu verschmelzen schien, schüttelte wie ein Bär den Kopf langsam von links nach rechts hin und her und setzte grollend fort: „Erst suchst du zwei Minuten in deiner Hosentasche nach dem Schlüssel, obwohl der da nicht so schwer zu finden sein dürfte und dann bekommst du ihn nicht in das Schloss, weil deine Hände so zittern. Beim kleinsten Geräusch zuckst du zusammen, und wenn dich jemand auch nur schief anschaust, fährst du aus der Haut. Was glaubst du eigentlich, wofür das die Symptome sind? Wann hast du das letzte Mal richtig ausgeschlafen?“

Hartwig richtete sich aus seiner geduckten Haltung wieder auf, wischte unauffällig die Hände an seiner Hose ab und mühte sich, das Zittern in ihm aus seiner Stimme herauszuhalten: „Ich wusste schon immer, dass du mit deiner Guildo-Horn-Frisur als Kinderschreck gut zu gebrauchen ist. Aber ich bin kein Kind mehr!“

„Warum hast du dich dann erschrocken?“

Detlev stieß sich von der Wand ab und humpelte, seinen Kirschbaumstock als Stütze benutzend, auf Hartwig zu. Zehn Jahre zuvor hatte er bei einem Autounfall mit einem Geisterfahrer ein Bein verloren, und obwohl die Orthopädie seit dieser Zeit rasende Fortschritte gemacht hatte, beharrte er stur darauf, seine hölzerne Beinprothese zu behalten. Er war ein fünfzigjähriger Kahlkopf mit stechendem Blick, den auch seine Hornbrille nicht milderte, dem nur noch an beiden Seiten des für seinen kleinen Körper viel zu groß scheinenden Kopfes ein paar Haare sprossen, die noch nie mit einer Schere in Berührung gekommen waren.

Er hatte Psychologie studiert, unterrichtete Kybernetik, lebte Esoterik und machte niemandem gegenüber einen Hehl daraus, dass er stockschwul war. Vor zwei Wochen hatte Hartwig sich bei einem Bier von Detlev erklären lassen müssen, dass in jedem Menschen noch immer die Instinkte der Vorfahren wach sind und der Urmensch wie ein teuflischer Dämon nur darauf lauert, hervorbrechen zu können.

Hartwig hatte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn getippt und sich gefragt, ob er der Institutsleitung nicht einen Tipp geben sollte, um zu verhindern, dass Detlev seinen Studenten statt der wissenschaftlich begründeten Chaostheorie irgendwelchen übersinnlichen Mist beibrachte. Er fragte sich, wie jemand Logik lehren konnte und zu gleicher Zeit an Übernatürliches glauben. Doch die Studenten mochten Detlev Arsen, obwohl sie ihn wegen seines hinkenden Ganges und dem Stock aus Kirschbaumholz, den er nie aus der Hand legte, hinter seinem Rücken „Kapitän Ahab“ nannten.

Hartwig trat einen Schritt zur Seite. Er hatte sich gefangen und antwortete betont langsam und deutlich: „Nur weil wir ab und zu unter Kollegen ein Bier zusammen trinken, in unserem Ausweis in der Rubrik Wohnort ‚Schwerin‘ steht und wir damit hier die Quotenossis sind, ist das noch lange kein Grund, sich um die Vaterstelle bei mir zu bewerben. Kinder macht man anders, aber das kannst du ja nicht wissen.“

Er machte noch einen Schritt zur Seite. Er wollte an Detlev vorbei zu seinem Wagen, doch der hielt ihn am Arm fest, richtete seine hinter den dicken Brillengläsern unnatürlich groß wirkenden Augen auf Hartwig und sagte ungerührt, als hätte er dessen Frechheit nicht bemerkt: „Du bist überarbeitet. Nimm dir mehr Zeit für dich und mach eine Pause. Ich kann dich nächste Woche gerne vertreten. Ich meine es nur gut mit dir.“

Hartwig starrte auf die dunklen Haare auf dem Handrücken von Detlev, als könne er allein durch seinen Blick dessen Umklammerung lösen. Es half jedoch nicht und so riss er sich mit einem Ruck los und knurrte: „Daher weht der Wind also. Hast du da nicht die Personalpronomen verwechselt? Oder glaubst du wirklich, dass ich dir das abnehme? Du willst mich vertreten? Sag doch gleich, dass du meine Klasse und den nächsten Kurs haben willst!“

Etwas blitzte in Detlevs Augen auf, er straffte sich, trat ganz dicht an Hartwig heran und erwiderte scharf: „Nur, weil du lauter als die Wölfe heulst, mit denen du jagst, wirst du noch lange nicht einer von ihnen. Uns waren einmal andere Dinge wichtig als Karriere und Geld. Hast du das schon vergessen? Was ist mit deinen Schülern? Sind sie für dich nur Treppenstufen, auf denen du vorankommst?“

Hartwig verkniff seine Lippen und starrte dem Krüppel ins Gesicht, als könnte er ihn allein mit seinem wütenden Blick zum Verstummen bringen und tatsächlich winkte Detlev nach einem Moment des Schweigens ab und trat wieder einen Schritt zurück. „Ich will dir keine Moralpredigt halten, Hartwig. Vielleicht solltest du ab und an einmal zurückschauen, wer du einmal warst und was dir einmal wichtig war im Leben. Du treibst Raubbau mit deinem Körper und bist nicht mehr du selbst. Du kannst nicht jede Nacht das Material für den nächsten Tag vorbereiten und dann noch zehn Stunden unterrichten. Du bringst dich um damit. Und alles nur, um dir selbst zu beweisen, dass du so gut bist wie die, die hier Informatik studiert haben? Wozu? Wem außer dir ist das wichtig? Bleib wenigstens das Wochenende hier in Dortmund und fahr nicht nach Hause.“

Hartwig bekam die Lippen kaum auseinander vor Wut. „Hast du in den Sternen gesehen, dass mich in Schwerin ein Unglück erwartet, oder fehlt dir jemand zum Kuscheln?“

Detlev zuckte zusammen, als hätte Hartwig ihm unversehens ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und mit einer Stimme, die durch den dunklen Flur hallte, als käme sie aus einer Gruft, antwortete er: „Wenn ich wissen wollte, was dir passieren wird, würde ich nicht in den Himmel schauen, sondern in der Hölle nachfragen. Aber das muss ich nicht, ein Blick in deine Augen genügt mir. In dir schreit etwas so laut um Hilfe, dass jeder es hören kann!“

Er stützte sich mit beiden Händen auf seinen Stock, musterte Hartwig von Kopf bis Fuß und hätte Hartwig Augen besessen, die so etwas erkennen konnten, so hätte er das Mitleid im Blick Detlevs bemerkt. Er zischte: „Ich brauche keine Belehrungen von Käpt’n Ahab!“

„Dass gerade du das sagst? Ich weiß, dass mich die Studenten hinter meinem Rücken so nennen. Es trifft mich nicht, denn es bezieht sich nur auf Äußerlichkeiten. Ich frage mich aber, wer von uns beiden ihm wohl mehr ähnelt.“

Er hielt Hartwig einen Zettel mit seiner Telefonnummer hin. „Ich bin das Wochenende zu Hause in Schwerin. Wenn du jemanden zum Reden brauchst, ruf mich an. Bevor es zu spät ist.“

Hartwig schlug den ausgestreckten Arm zu Seite, drängte sich an Detlev vorbei und ging, immer schneller werdend, den Flur hinunter. Detlev blickte ihm hinterher, dann rief er: „Hartwig, bitte …“

Er hielt den Arm mit dem Zettel vor sich, hoffend, Hartwig würde sich eines Besseren besinnen und warten. Schließlich, Hartwig hatte die Tür des Ganges hinter sich zugeknallt, besann er sich und humpelte, so schnell es ihm möglich war, den Gang entlang. Gerade öffnete er die Tür zum Institutsparkplatz, da rauschte Hartwig in seinem alten Ford Scorpio an ihm vorbei.

Lange blickte Detlev dem Wagen hinterher und murmelte schließlich: „Jeder von uns hat seine weißen Wal. Hoffentlich wirst du die Begegnung mit deinem überleben.“

Das Echo seiner Stimme hallte durch den leeren Flur und kehrte, immer leiser werdend, als „… leben, … leben, … leben“ wieder.

*

Hartwig warf keinen Blick zurück zu dem in der Tür stehenden Detlev. Er warf nie einen Blick zurück. Konzentriert lenkte er den Wagen durch Dortmunds Straßen, bis er die A1 erreicht hatte, und trat dann das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Der alte Scorpio quälte sich mit Mühe auf seine Spitzengeschwindigkeit von einhundertachtzig Kilometern pro Stunde und Hartwig versank in Gedanken.

Käpt’n Ahab war ein verschrobener Waldschrat, der einhundert Jahre zu spät geboren worden war. Seine Ansichten passten nicht mehr in eine Zeit, in der es nur noch um Effizienz ging. Wie kam er überhaupt dazu, ihm, Hartwig, das Wochenende zu vermiesen? Er hatte alles im Griff und selbst wenn nicht, gab es für ihn keinen Grund, einem Konkurrenten zu erzählen, dass der mit seiner Vermutung nicht so weit daneben lag.

Zumal er ihm nicht vergessen hatte, dass Detlev es gewesen war, der ihn vor vier Wochen überredet hatte, einen Seelenklempner zu besuchen. Deswegen war Hartwig immer noch sauer. Nachdem er die Praxis verlassen hatte, war er um 200 D-Mark ärmer und eine unnütze Erfahrung reicher gewesen. Die Packung Tabletten, die der Arzt ihm gegeben hatte, hatte er in den Müll wandern lassen, denn sie zu nehmen, hätte bedeutet, zuzugeben, dass der Seelenklempner und Detlev Recht hatten. Die beiden hatten nicht die mindeste Ahnung, wie das Leben auf der Überholspur aussah, auf der Hartwig dahinraste; mit zu wenig Schlaf und dem verzweifelten Versuch, alles unter Kontrolle zu halten und nichts, aber auch gar nichts außer Acht zu lassen. Was es bedeutete, sich kopfüber auf jede Herausforderung zu stürzen und ein Leben wie im Cockpit eines Kampfjets zu führen. Crack war gegen diese Adrenalinschübe ein sanftes Beruhigungsmittel.

Hoppla! Reflexartig trat Hartwig Kupplung und Bremse gleichzeitig voll durch, um nicht auf einen plötzlich ausscherenden LKW aufzufahren. Es war reine Routine und jeder Fluch, den der Idiot vor ihm im Fahrerhaus des Trucks sowieso nicht hören könnte, wäre nur Kraftverschwendung gewesen. Kraft, von der Hartwig jedes Erg für Wichtigeres brauchte.

Er ließ den Wagen fast bis zur hinteren Stoßstange des LKW aufschließen und gab Gas, als er wieder freie Fahrt hatte. Eine Minute später hatte er den Vorfall, von dem manch anderer als Moment, der ihn fast das Leben gekostet hatte, zu Hause geprahlt hätte, schon wieder vergessen. Ihn quälte keine „rezidierende, exogene Depression“, wie ihm der Quacksalber hatte weismachen wollen, sondern sein Terminkalender und die Tatsache, dass im Institut noch nicht jeder begriffen hatte, dass er der beste Dozent war, der dort unterrichtete. Genau das würde er ändern, er musste dazu nur noch ein bisschen mehr Gas geben.

Wie immer fuhr er die vierhundert Kilometer in einem Rutsch durch. Erholungspausen kosteten nur Zeit und er fand, dass er noch genug schlafen konnte, wenn der Tod an seine Tür klopfte. Doch bis dahin hatte er noch verdammt viel vor in seinem Leben und auch die Sprüche eines Käpt’n Ahab würden daran nichts ändern.

Hinter Bremen wurde es ruhiger und der Verkehr in Richtung Hamburg war nicht mehr der Rede wert. Wer viel in der Nacht auf Deutschlands einsamen Autobahnen unterwegs ist, weiß, wozu das führen kann. Der Geisterfahrer kommt dann nicht immer nur von vorn. Wenn die Scheinwerfer einen Tunnel aus Licht in die Schwärze der Nacht bohren, aus dem Radio sanftes Gedudel klingt und Kopf und Körper im Einklang mit den Motorvibrationen wie in Trance dahinschweben, nimmt die Einsamkeit hinter dem Lenkrad fast körperliche Formen an. Der Geist sitzt dann nicht in dem entgegenkommenden Auto, sondern auf dem Nebensitz.

Bei Bandenitz setzte Hartwig den Blinker und bog von der A24 ab. Das Licht der Straßenlaternen huschte über den Platz rechts neben ihm. Doch es beleuchtete statt der stummen menschlichen Gestalt, der Hartwig in der letzten halben Stunde sein Leid geklagt hatte von den Problemen des Dozentenlebens, neidischen Kollegen und Ärzten, die Gesunde krank reden, nur einen Müllhaufen aus angebrochenen Kekspackungen und Coladosen.

Es war kurz vor eins, als Hartwig seine Wohnungstür aufschloss. Er duschte schnell, warf noch einen Blick in seinen Terminkalender für den Samstag und ließ sich dann in die Laken fallen. Der Rest der Freitagnacht bestand für ihn aus schlaflosem Herumwälzen in einem Bett, das schon vor vier Wochen hätte einmal wieder frisch bezogen werden müssen und mit Nerven, die wilde Sau in einem Gehirn spielten, das nicht mehr abschalten konnte.

Wie jeden Morgen, so riss sich Hartwig auch am Samstag beim ersten Klingelton des Weckers mit aller Gewalt aus dem Bett. Er ignorierte das Hämmern in den Schläfen genauso wie die Schmerzen in seinem Körper, sprang noch einmal unter die Dusche und schrieb bereits wenige Minuten später bei seinem ersten Pott Kaffee und der zweiten Zigarette an seiner Vertragsabrechnung für die Institutsleitung.

Damit fertig, bereitete er den Unterricht für den Montag vor. Es standen nur die Auswertung der Klausur mit seiner Klasse und dann noch vier Stunden Hardware auf dem Lehrplan; Ersteres würde ein Vergnügen werden, Letzteres hatte er bereits unterrichtet und konnte deshalb die Vorbereitung auf ein Minimum reduzieren.

Vier Stunden, drei Pötte Kaffee und fünf Zigaretten später war er auch damit fertig. Es war kurz vor zwei Uhr am Nachmittag und sein Magen knurrte. Er warf noch einen Blick in seinen Terminkalender. Penibel überprüfte er, ob alles erledigt war und was noch anstand. Am Sonntagabend wollte Jessi ihren Dreißigsten in Wismar bei einem Essen mit ihm feiern, und wie er sie kannte, würde es nicht beim Essen bleiben. Das bedeutete, dass er Sonntagnacht direkt von Rostock nach Dortmund düsen musste. Bis dahin blieben ihm einunddreißig Stunden freie Zeit.

Er klappte seinen Terminkalender zu, zündete sich die nächste Zigarette an und überlegte. Das Bett musste frisch bezogen werden, der Staubsauger lechzte wahrscheinlich auch nach Benutzung, er würde einkaufen müssen und dann könnte er auch einmal wieder ein Buch lesen. Oder er könnte sich einfach nur ins Bett legen, an nichts denken, und bis morgen durchschlafen. An nichts denken…

Er blickte auf den Ascherest auf dem Tisch. Er war von der Zigarette abgefallen, gerade eben. Als wäre sie ein Fremdkörper, blickte er voller Erstaunen auf seine Hand. Sie zitterte. Das hatte sie noch nie getan. Fünfunddreißig Jahre lang hatte sie perfekt funktioniert. Hastig drückte er die Zigarette im Aschenbecher aus, sprang auf und lief ins Schlafzimmer. Dort packte er seinen Reisekoffer und schmiss auch noch ein paar Klamotten in einen Rucksack. Im Vorbeigehen griff er, ohne hinzusehen, nach irgendeiner Schwarte in seinem riesigen Bücherregal und warf sie den Sachen hinterher.

Flüchtig schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er seit einem Jahr außer Fachbüchern kein einziges neues Buch mehr gekauft hatte, doch sofort vertrieb er ihn wieder. Er brauchte dringend Erholung und die dreißig Stunden, die er dafür hatte, würde er sich nicht nehmen lassen. Auch nicht von Gedanken, die er nicht denken wollte. Als flüchte er vor etwas, knallte er die Haustür hinter sich zu, warf die Taschen in den Wagen und machte sich auf den Weg ans Meer. Kein Seelenklempner, kein Krüppel mit Kirschbaumstock, sondern ein Samstagabend an der Ostsee. Siebzig Kilometer bis zur Küste. Einsamkeit, Natur und Meer und irgendein Buch bei Kerzenschein würden ihm den Kopf frei blasen.

*

Börgerende-Rethwisch liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Rostock und Wismar. In dem kleinen Ort an der Ostseeküste gibt es nur wenige Häuser, eine Verbindungsstraße, die am Deich entlang läuft, und einen Campingplatz. Er parkte seinen Wagen auf einem öffentlichen Parkplatz und drehte fünf Minuten später den Bartschlüssel in der Tür der alten Fischerkate, die er von seinem Großvater geerbt hatte. Der Rost hatte in seiner monatelangen Abwesenheit die Chance genutzt, sich in das Eisen des Schlosses zu fressen und er musste kräftig drücken, bis die Tür mit einem lauten Quietschen nachgab.

Der Geruch von Moder, Fäulnis und Fisch schlug ihm entgegen und ein großes Spinnennetz mit einem schwarzen Punkt in der Mitte im Türrahmen versperrte ihm den Weg. Staub rieselte aus der niedrigen Decke auf seinen Anorak und erinnerte ihn daran, die Renovierung der Hütte nicht mehr allzu lange hinauszuschieben.

Er warf seinen Rucksack auf den Tisch, riss mit Mühe die Fenster auf, deren Rahmen sich verzogen hatten, und warf einen Blick hinaus. Am Himmel zogen bleigraue Wolken dahin, die Bäuche bis zum Bersten gefüllt mit Wasser, Vorboten des Herbststurms, für den der Wetterdienst eine Warnung für die ganze Ostseeküste herausgegeben hatte. Etwas in Hartwig lachte. Er war hier aufgewachsen, mit Wind und Wetter, jeder Sturm war wie ein Bruder für ihn.

Er ließ alles stehen und liegen und lief zum Wasser. Die Herbsturlauber waren vor dem herannahenden Sturm geflohen und so gehörte ihm der Strand allein. Niemand kannte ihn hier, keiner sah ihn und plötzlich fiel alles ab von ihm. Der Wind stemmte sich ihm entgegen, aber er lachte ihn aus. Er trabte durch den Sand, sog mit tiefen Atemzügen die salzige Meeresluft ein und tobte mit ausgebreiteten Armen die Dünen hinauf und hinunter. Wie ein übermütiges Kind rannte er in die Wellen, dass das Wasser nach allen Seiten spritzte, und schrie das Leben hinaus in die Böen. Der Endorphinschwall in seinem Blut trieb ihm Tränen in die Augen, sie liefen ihm über das Gesicht und mischten sich mit dem salzigen Wasser der Ostsee.

Eine Stunde danach hängte er, müde vom Lauf gegen den immer mehr zunehmenden Wind und das Gesicht nass von Schweiß, Tränen und der Brandungsgischt, seinen Anorak an einen Haken im Flur der Hütte, erschöpft, aber bis zum Bersten gefüllt mit Glückshormonen. Eine aus der Not geborene kalte Dusche und zwei Heringe mit Schwarzbrot später ließ er sich in einen mottenzerfressenen Sessel fallen, zündete eine große Kerze an und fischte in seinem Rucksack nach dem Buch, dass er aus Schwerin mitgebracht hatte. Er hatte endlich einmal wieder Lust, zu lesen und war neugierig darauf, was ihn der Zufall hatte wählen lassen.

Seine Hand fasste etwas Hartes, er zog es heraus, warf einen Blick auf den Einband - und erstarrte. Mit einem Schlag verschwand das überwältigende Glücksgefühl, das ihn bis eben noch überschwemmt hätte, als wäre es nie da gewesen und Hartwig hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Er blickte mit verkniffenen Augen ins Halbdunkel, obwohl er wusste, dass niemand außer ihm hier war. Schließlich schüttelte er den Kopf über sich selbst und die Zufälle, die es gibt.

Er schaute wieder auf das Buch in seiner Hand. Es war sehr alt, er hatte es, genau wie diese Hütte, von seinem Großvater geerbt und für einen Moment glaubte Hartwig wieder das meckernde Lachen des Alten zu hören, vor dem er sich als Kind gefürchtet hatte.

Die Goldbuchstaben auf dem Einband waren verblichen, doch Hartwig brauchte sie nicht. Er kannte jede Zeile darin auswendig, denn als Kind hatte er es förmlich verschlungen. Und er hatte immer den weißen Wal geliebt und den verrückten Käpt’n Ahab gehasst. Etwas, ganz tief in seiner Seele, hatte immer den gequälten Moby Dick verstehen können.

Wie immer, wenn er das Buch in die Hand genommen hatte, schlug er zuerst den rückseitigen Buchdeckel auf. Sein Großvater hatte in jedes Buch, das er gelesen hatte, etwas hineingekritzelt und hier hatte er geschrieben: „Der Mensch muss atmen, essen, trinken, schlafen und lieben. Nichts sonst. Alles andere ist Pipifax. In einem Schrank voller Geld fehlt uns die Luft zum Atmen, Gold füllt keinen Magen, gestillte Rache labt die dürstende Seele nicht und nur der Schlaf ist der Ort, an dem wir unseren dunklen Bruder als Freund umarmen.“

Der Alte war ein Fischer gewesen, kein Philosoph und er war gestorben, hier in diesem Haus, drei Wochen nach seiner Frau. Er hatte sich hingelegt und war nie wieder aufgestanden. Einfach so.

Das Gebälk über Hartwig ächzte unter dem Druck des zunehmenden Windes draußen, ein Dachsparren knackte - fast hörte es sich an, als böge er sich unter der Last langsamer, schwerer Schritte, und er blickte nach oben. Doch das Licht der Kerze neben ihm verlor sich irgendwo über ihm und er zuckte nach einigen Sekunden die Schultern. Die Fischerhütte war alt und baufällig und es wäre kein Wunder, wenn einer der nächsten Stürme sie ziemlich arg rupfen würde. In den uralten Balken feierten die Holzwürmer Partys und die Leitungsdrähte des Blitzableiters hielt nur noch der Rost zusammen. Jahr für Jahr war ins Land gezogen und er hatte die Renovierung weiter und weiter hinausgeschoben. Er hatte keine Zeit dafür gehabt und etwas wie ein Schuldgefühl kroch ihm den Nacken hoch.

Als könnte die alte Kate es hören, sagte er plötzlich laut: „Entschuldigung. Ich kümmre mich nächstes Jahr um dich.“

Im nächsten Moment schüttelte er den Kopf über sich selbst. Wie konnte er zu altem, wurmstichigen Holz sprechen? Es war von irgendwo ganz tief in ihm gekommen. Hartwig blickte auf das Buch auf seinen Knien, doch er sah es nicht wirklich. Die Studenten in Dortmund nannten Detlev „Kapitän Ahab“. Warum eigentlich? Und warum hatte Kapitän Ahab, nein Detlev, gesagt, dass er, Hartwig, ihm viel mehr ähneln würde? Welches Monster mochte in dem Mann gewohnt haben, dass es ihn zwingen konnte, sein Leben und das der Besatzung der Jagd nach einem Pottwal zu opfern?

Hartwig stellte sich vor, wie Ahab wohl gewesen wäre, wenn er den Wal nicht hätte jagen müssen, wenn er stärker gewesen wäre als das, was in ihm gewütet hatte. Oder war Ahab wie er gewesen? Jemand, der nicht mehr von seinem Lebensweg abspringen konnte, weil er jede Alternative versperrt sah. Jemand, den seine eigenen Geister vorantrieben und der nur stumm schreien konnte, weil der Stolz es ihm verbot, Schwäche zuzugeben?

Die hölzernen Läden vor den undichten Fenstern klapperten in ihren Verriegelungen gegen die Wand. So ähnlich musste es geklungen haben, wenn Kapitän Ahab mit seinem Holzbein über die Decksplanken der Pequod gehinkt war. „Klack, klack, …, klack, klack …

Hartwig war unendlich müde, seine Gedanken gerieten auf Abwege und das Hier und Jetzt vermischte sich mit dem, was ihn aus den Zeilen seines Großvaters ansprang. „Eine Depression ist keine schlechte Laune, sondern bei Ihnen eine Hormonstörung, die sie kein Glück fühlen lässt. Je mehr sie gegen die Wände des Tunnels in ihrem Kopf anrennen, umso näher werden sie zusammenrücken“, hatte der Arzt gesagt und dabei warnend einen manikürten Zeigefinger gehoben. Er zeigte auf Detlev Arsen. Der stand auf der Brücke eines alten, hölzernen Walfängers, die Strahlen einer blutroten Sonne spiegelten sich auf seinem Kahlkopf, er stützte sich auf seinen Knotenstock aus Kirschbaumholz und musterte Hartwig mit stechendem Blick. „Gib es endlich zu und dann geh zur Seite!“, rief er, drohte mit erhobener Faust und hinkte dann auf seinem Holzbein davon. „Klack, klack, …, klack, klack …“ An der Reling blieb er stehen, drehte sich um, hob den Arm und schrie: „Feuer!“

Der Kanonendonner ließ die Holzplanken unter Hartwig erbeben, Mündungsfeuer stach mit Dolchen aus Licht nach seinen Augen und zu Tode erschrocken krümmte er sich zusammen. Das grelle Leuchten einer elektrischen Entladung peitschte ihn zurück in die Wirklichkeit. Eine Sekunde später krachte Donner, dann fuhr wieder ein mörderischer Blitz irgendwo in die Erde. Der Herbststurm tobte mit der Gewalt eines zornigen Gottes über die Küste und Hartwigs Hütte bebte unter der Urgewalt, mit der er das Wasser der Ostsee gegen den Strand schmetterte. Jeder Aufprall pflanzte sich als Vibration bis in die wurmstichigen Dachsparren fort; Staub und altes Schilf rieselten aus dem Gebälk und die hölzernen Fensterläden schlugen bei jeder Böe einen kakophonischen Takt an die Hauswand.

Die Kerze auf dem Sideboard neben ihm schuf eine winzige Insel aus schummriger Helligkeit, doch jeder Luftzug ließ die Flamme flackern und erweckte dunkle Schatten an den Wänden zum Leben; die Finsternis der Mitternacht drückte gegen die undichten Butzenscheiben der Wohnstube und sickerte hinein wie ein böser Geist.

Mit zitternden Händen schlang Hartwig sich eine Decke um die Schultern und verharrte zusammengekrümmt in seiner Insel aus versiegendem Licht, unfähig sich zu rühren und der kalte Schleim der Furcht kroch ihm den Rücken hinauf. Er dachte an seine Fieberphantasie. Was hatte Kapitän Ahab ihm zugerufen? Warum hatte er zur Seite gehen sollen? War etwas hinter ihm? War etwas hinter ihm her?

Die Kerze flackerte heftig und ihr Licht verlor den Kampf gegen die dräuenden Schatten an den Wänden der Kate. Ein schwarzes Schiff brach daraus hervor und der Sturm jagte es über die Wogen der tobenden See genau auf Hartwigs Sessel zu. Einsam stand Detlev an seinem Bug, die Spitze der Harpune in seiner Hand war genau auf Hartwigs Kopf gerichtet, Wahnsinn leuchtete aus seinen Augen, er schrie, doch der Sturm riss ihm die Worte vom Mund.

Wie eine gigantische Faust traf in diesem Moment eine Orkanbö die Hütte, und erschütterte sie bis in ihr Fundament. Ihre Urgewalt ließ die Wände von Hartwigs Zuflucht erbeben und etwas ganz tief in ihm wusste mit absoluter Gewissheit, was gleich geschehen würde: Ein Blitz, der in das Reetdach fuhr, es in Sekundenschnelle in Brand setzte, eine Sturmfaust, die die Hütte zertrümmerte und ihn unter ihren lichterloh brennenden Überresten begrub.

Er hätte noch fliehen können. Er hätte noch fliehen müssen. Doch Hartwig schloss die Augen und wurde ganz ruhig. Er wollte nicht mehr. Er würde nach Hause gehen in das gleiche Dunkel, aus dem er auch in diese Welt gekommen war, endlich entronnen dem Malstrom der niemals endenden, von Tag zu Tag wirrer gewordenen Gedanken in seinem Kopf. Eiseskälte breitete sich in ihm aus, alle Kraft verließ ihn und sein Kopf sank auf die Brust. Was auch immer jetzt aus dem Auge des Orkans auf ihn zuraste, konnte ihn haben. Er wünschte sich nur, dass es schnell gehen möge.

„Man muss haben sterben wollen, um zu wissen, wie schön das Leben ist …“

Plötzlich, scheinbar aus dem Nichts tauchte dieser Gedanke in Hartwigs Kopf auf und er weckte etwas ganz tief unter den Schichten seines Ich. Jeden Anprall der Sturmböen an die Wände seiner Hütte wiederholte es mit einem kraftvollen Schlag von Hartwigs Herz; aus jedem Blitz, der einschlug, sog es Kraft und es fegte Hartwigs Angst hinweg, als sei sie ein Nichts. Zornig war es und mit gefletschten Zähnen riss es Hartwig aus seiner Selbstaufgabe. Viele Jahrtausende alt, bäumte es sich auf gegen die tobenden Naturgewalten vor der Hütte und zusammen mit ihm stiegen in Hartwig Erinnerungen auf, die so alt waren wie die Menschheit selbst. Nicht weit entfernt schlug ein Blitz in den Boden und so machtvoll wie der darauffolgende Donnerschlag hallte ein Befehl in Hartwigs Kopf.

Achtlos ließ er die Decke von seinen Schultern gleiten, erhob sich mit der Geschmeidigkeit eines Tigers aus dem Sessel und schlich zum Fenster. Unbeeindruckt ob der Kraft des Sturms drückten seine Hände spielend leicht die Fensterläden auf und geduckt und sprungbereit schaute er hinaus in das Chaos der Elemente. Die wirbelnde Schwärze flößte ihm keine Angst ein, denn er war in ihr geboren worden. Was auch immer dort lauerte, er war ihm begegnet, immer wieder, seit tausenden Jahren - und er hatte es besiegt. Zusammen mit IHM.

Draußen wurde es urplötzlich still, als hielte der Sturm den Atem an, orgiastische Lustschauer peitschten durch Hartwigs Nervenbahnen, tief wie niemals zuvor in seinem Leben atmete er ein, und seine Brust schien vor Kraft zu bersten. Dann stieg ES empor, unwiderstehlich, mächtig; mühelos rissen seine behaarten Pranken die Mauern in Hartwig nieder, die er selbst errichtet hatte, sein Leben lang und mit dem ihm kam DAS Wissen.

Er zögerte keine Sekunde, jagte zur Haustür, riss sie auf und sprang mit einem Schrei in den Rachen der Finsternis.

Zwanzig Schritte schaffte er noch, dann raste gleißend hell ein Blitz vom Himmel und traf mit einem schmetternden Krachen die Hütte. Sekunden später brachen lodernde Flammen aus dem Dach, eine Orkanbö packte die Hütte und riss sie nieder wie ein Kartenhaus.

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