Die Menschenmassen schoben und drängten sich durch die schmalen Gassen. Sie alle wollten Besorgungen machen, bummeln, jemanden treffen, einfach nur von A nach B gelangen.

So auch die junge Frau, die sich das blonde Haar zurückstrich, um in ihrer Handtasche nach der Fahrkarte für die U-Bahn zu suchen. Sie hatte es eilig, hatte noch eine Verabredung und achtete kaum auf die sie umringenden Menschen. Gestresst blieb sie stehen, als sie das Täschchen mit der Fahrkarte nicht finden konnte. Während ihre Hand in den Untiefen weiblicher Utensilien herumgrub, ließ sie ihren Blick über die Menschen gleiten, ohne sie wirklich wahrzunehmen.

Sie bemerkte nicht die Frau, die mit ihrem Kind diskutierte, weil es trotz Minustemperaturen ein Eis haben wollte. Sie bemerkte nicht den alten Mann, der Kleingeld in seiner Hand zählte. Sie bemerkte nicht den Jungen, der einer älteren Dame gerade das Portemonnaie aus der Jackentasche klaute. Alles, worauf sie achtete, war das, was ihre Finger in der Handtasche fühlten.

Gerade als sie das kleine Etui zu fassen bekam, jagte jedoch ein eiskalter Schauer über ihren Rücken und sie zuckte zusammen. Erstmals wandte sie den Blick um sich bewusst und durchsuchte die unzähligen Menschen nach dem einen, der sie zu beobachten schien. Denn genau das war das Gefühl, das sie hatte.

Jemand beobachtete sie, hatte sie genau im Blick und studierte jede ihrer Bewegungen.

Eiseskälte kroch weiter über ihren Rücken und sie spürte, wie ihre Hände zu zittern begannen. Eine tiefe, aufwühlende und unangenehme Aufregung brachte ihr Herz zum Schlagen und sie schulterte ihre Tasche, das Etui mit der Fahrkarte in der Hand.

Ein weiteres Mal ging der Blick um sich und diesmal hatte sie das Gefühl, in der Menge eine Gestalt zu erkennen, dunkel, vermummt, nicht zu erkennen, ob männlich oder weiblich.

Diese Gestalt fixierte sie doch, oder?

Krampfhaft die Beunruhigung runterschluckend, setzte sie ihren Weg fort. Vielleicht war es auch einfach nur Einbildung und die Person blickte nur zufällig in ihre Richtung – und war gekleidet wie ein Killer oder ein unheimlicher Stalker.

Verstohlen warf sie während des Weges Blicke nach hinten, um zu sehen, ob diese Person ihr folgte. Und tatsächlich, wann immer sie zurückblickte, entdeckte sie die Gestalt irgendwo in der Menge. Mal zwischen anderen Shoppingverrückten, mal in einer Gruppe älterer Menschen, mal auf der Terrasse eines Cafés.

Die junge Frau blieb stehen und wartete, ob die Person an ihr vorüberziehen würde, glaubte noch immer, einem Trugbild auf den Leim gegangen zu sein, Opfer ihrer eigenen überspannten Nerven geworden zu sein. Doch die Person überholte sie niemals. Blieb immer fern, war immer hinter ihr, wenn sie sich umwandte.

Ihre Beunruhigung schlug in Angst um und sie verwarf ihren Plan, in die U-Bahn zu steigen. Stattdessen schlug sie Haken wie ein Hase, bog in kleine Seitengassen ein, die wieder in große, belebte Straßen mündeten, verbarg sich einige Minuten an uneinsichtigen Stellen, bevor sie weiterlief. Immer in der Hoffnung, die Gestalt abgehängt zu haben.

Und immer wieder, um zu bemerken, dass sie noch immer da war. Ihr auf den Fersen, verborgen in der Menge und doch immer in ihrem Sichtfeld.

Fest entschlossen, sie zu jagen und sie irgendwann zu stellen.

Die junge Frau atmete schwer, sie war erschöpft, ihre Füße schmerzten und sie wusste nicht mehr, wohin sie noch gehen sollte, um der Gestalt zu entkommen. War es ein verrückter Stalker, den sie zuvor niemals bemerkt hatte? Ein perverser Triebtäter, der sie als Opfer auserkoren hatte? Warum verfolgte dieser Mensch sie? Was hatte er vor mit ihr?

Warum bemerkte keiner der sie umgebenden Menschen, dass sie auf der Flucht war? Warum bemerkte niemand die dunkel gekleidete Gestalt hinter ihr?

»Bitte, ich brauche Hilfe. Jemand verfolgt mich«, wandte sie sich hilfesuchend an einen Mann, doch der machte eine abwehrende Handbewegung und ließ sie einfach stehen.

Die Angst machte der Panik Platz, als sie die Gestalt erneut in der Menge erblickte, sie offen fixierend, das Gesicht dunkel und dennoch so bedrohlich wie eine Dämonenfratze.

Hektisch warf sich die junge Frau herum und ergriff wieder die Flucht. Sie zog mit zittrigen Fingern ihr Handy aus der Tasche, in der vagen und absurden Hoffnung, dass es etwas daran ändern würde, dass ein Unbekannter sie verfolgte. Dass es sie retten würde, die Nummer ihres Lebensgefährten zu wählen, dass der Klang seiner Stimme die Zauberformel war, um heil zu ihm zurückzukommen.

»Hallo Schatz. Wo bleibst du denn, ich dachte, wir wollten uns treffen?«, begrüßte er sie, als er den Anruf annahm.

»Mario, jemand verfolgt mich. Bitte... hilf mir...«, presste die junge Frau heraus und setzte an, über die Straße zu laufen. Die Fußgängerampel würde jede Sekunde wieder rot sein. Ein weiterer panischer Blick zeigte ihr an, dass die Gestalt in der Menge hinter ihr untergetaucht war. Doch sie konnte sie sehen. Sie war noch immer da. Auch die breite und verkehrsreiche Straße würde den Unbekannten nicht aufhalten.

»Du wirst... wo bist du?«, hörte sie ihren Freund durch das Telefon rufen, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte.

Eine starke und doch sanfte, aber eiskalte Hand. Wie erstarrt wandte sich die junge Frau um und blickte in ein Gesicht, das keines war. Es war schwarz, nur schwarz. Ohne jegliche Merkmale, die ein Gesicht zu einem Gesicht machten. Es gab keine Augen, keine Nase und keinen Mund, auch wenn sie die Worte deutlich vernahm, die gesprochen wurden:

»Komm Liebes. Es ist Zeit für dich, zu gehen.«

Vor ihr stand die Gestalt, der sie davonzulaufen versucht hatte. Sie öffnete den Mund, um zu schreien, denn sie wusste nicht, wie die Person auf einmal so schnell bei ihr aufgetaucht war. Mitten auf der Straße. Einfach so.

»Lassen Sie mich in Ruhe«, schrie sie, wandte sich um und wollte davonlaufen.

In ihrer Panik bemerkte sie nicht, dass die Ampel bereits umgesprungen war und der Verkehr um sie herum wieder eingesetzt hatte.

Und sie bemerkte nicht den Bus. Bis es zu spät war.



Die dunkle Gestalt griff nach der Hand der jungen Frau, die völlig perplex und verwirrt neben ihr stand. Ungläubig blickte diese auf das Chaos, das auf der Straße ausgebrochen war, als der Bus die junge Frau frontal gerammt hatte. Deren Blut sich nun auf dem Asphalt ausbreitete. Die bis vor wenigen Sekunden sie selbst gewesen war.

»Nun komm, meine Liebe. Wir sind hier fertig.«

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