Da wären wir kleines

Ella

"So, das war dann jetzt der letzte Karton" sagte ich und reichte ihn an den Mann neben mir. Er gehörte zu dem Unternehmen das mein Dad vor zwanzig Jahren gegründet hatte. Der arme Kerl hatte den Auftrag bekommen mir bei meinem Umzug in ein neues Leben behilflich zu sein. "Besonders viel nehmen Sie ja nicht mit" sagte er etwas verwirrt zu mir, während er meine Besitztümer musterte. Ich schaute auf die wenigen Kartons die sich etwas verloren in dem Transporter stapelten, tja wirklich viele waren es nicht. Mein Leben passte in ganze fünf Kartons, hinzu kamen noch ein weißes Regal und eine kleine weiße Kommode mit floralen Muster im Landhausstil. Nach dem Tod meiner Mum, vor einigen Wochen hatte ich das meiste verkauft und wollte nun ganz neu anfangen. Ich wollte mich nicht an der Vergangenheit festhalten, außerdem wusste ich nicht wie viel Platz mir in meinem neuen zu Hause zur Verfügung stehen würde. "Ja, das stimmt wohl" sagte ich und lächelte ihn an, er sah nett aus mit seiner rundlichen Figur und der kleinen Brille auf der Nase, die verdächtig weit nach vorn rutschte, weshalb er sie in regelmäßigen Abständen mit dem Zeigefinger an den richtigen Platz zurück schob. Er war vermutlich Ende vierzig, aber bei meinen Talent immer daneben zu liegen, ist er wahrscheinlich eher zwischen vierzig und sechzig. "Also dann los, wir haben eine lange Fahrt vor uns" teilte er mir mit und riss mich damit aus meinen Gedanken. Ich warf einen letzten Blick auf das Haus wo ich meine Kindheit verbracht hatte. Dieses kleine weiße Haus in dem ich alles erlebt hatte und wo ich mich immer zu Hause gefühlt hatte, nun würde es jemandes neues Heim sein und nichts wird mehr an mich und meine Mum erinnern. Ich kletterte in den Transporter und rutschte auf den Beifahrersitz. "Also dann los" sagte ich mit einem seufzen und versuchte mir mit dieser Aussage selbst Mut zu machen.
Die Fahrt verlief ruhig und Karl, so hieß er nämlich, erzählte über seine Arbeit bei meinem Dad. Er scheint seine rechte Hand in der Firma zu sein und das seit mehr als siebzehn Jahren. Karl war verheiratet und hat zwei Kinder die zwölf und vierzehn Jahre alt sind. Seine Tochter Nicole wollte später Tierärztin werden, ich schmunzelte als er das sagte, wollten nicht alle Mädchen in dem Alter Tierärztin oder Friseurin werden? Jonathan sein Sohn, war sein Sorgenkind, hatte wenig Interesse an der Schule und hielt es für durchaus denkbar sein Leben als Sohn zu verbringen. Ich habe keine Geschwister und meine Mum war ebenfalls ein Einzelkind, somit hab ich nicht viele lebende Verwandte und meine Eltern trennten sich als ich zwei Jahre alt war, das ist jetzt achtzehn Jahre her. Nach dem Tod meine Mum fand mein Dad, es wäre eine gute Idee das ich zu ihm ziehe um dort zur Uni zugehen und da wir uns kaum kannten, könnten wir uns bei der Gelegenheit besser kennenlernen. Was ich davon hielt wusste ich ehrlich gesagt noch nicht, aber da es eine der besten Universitäten im Land war, hatte ich zugestimmt vorerst bei ihm zu wohnen. Etwas eigenes könnte ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht leisten und WG tauglich bin ich auch nicht gerade. Ich hasse Unordnung, Parties und vor allem Beziehungsprobleme anderer. Genau mit diesen Themen würde ich in einer WG in Kontakt kommen, auch wenn WG Wohngemeinschaft bedeutet, was für mich nach einer gewissen Distanz klingt, ist es doch eher so das Leute in einer WG wohnten, weil sie allein nicht zurecht kamen oder eine neue beste Freundin suchten. Im Moment suchte ich weder eine neue Freundin noch hatte ich Interesse daran anderen hinterher zu räumen. Das Angebot meines Dads kam mir also sehr gelegen. Viel wusste ich nicht über ihn, außer das er wohl nochmal geheiratet hat und geschäftlich oft reist, also würde ich ihn wohl kaum zu Gesicht bekommen, auch das kam mir sehr gelegen, ich konnte mir eine Vater- Tochter Beziehung zwischen uns nur schwer vorstellen, also wäre mir ein abwesender Vater doch sehr recht. Karl hatte inzwischen das Radio eingeschaltet und schwang rhythmisch seinen Kopf zu den Oldies, die wahrscheinlich weit vor meiner Zeit als hip galten. Ich sah aus dem Fenster und betrachtete wie schnell alles an mir vorbei zog und mein bisheriges Leben immer weiter zu verschwinden schien.
Nach fünf Stunden Fahrt konnte ich die Stadt in der ich nun leben würde aus der Ferne erkennen. Wow sie ist riesig ich werde mich hier nie zurecht finden, zum Glück hat mein Handy ein Navigationssystem. Karl verließ an der nächsten Ausfahrt die Autobahn und steuerte das Auto gezielt durch die Stadt. Ich war völlig fasziniert von den hohen Häusern, den riesigen Bürokomplexen und den vielen Menschen die hektisch durch die Straßen liefen. Willkommen im Großstadtchaos. „Da wären wir kleines" stellte Karl mit einem breiten Grinsen im Gesicht fest. „Oh!" antwortete ich knapp und sah mich weiter in der Gegend um. Wir fuhren durch eine große Toreinfahrt und die fahrt zum Haus schien endlos, wie groß dieses Grundstück wohl war? Etwas entfernt erkannte ich nun doch noch ein Haus umso näher wir kamen umso größer wurde es. Oh, es war gar kein Haus, sondern eine riesige Villa und hier sollte mein Dad wohnen, Karl musste sich verfahren haben. Ich weiß zwar das mein Dad eine gut gehende Firma besaß und es mir deshalb in meiner Kindheit an nichts fehlte, aber das hier hatte ich nicht erwartet. Eine dreistöckige Villa im viktorianischem Stil und einem Park der unglaublich war „Karl, bist du dir sicher dass wir hier richtig sind?" fragte ich ihn sichtlich irritiert. Karl nickte und sagte „Ja, ziemlich sicher sogar". Plötzlich überkam mich das Gefühl ich hätte etwas anderes anziehen sollen und Make-up hätte sicher auch nicht geschadet. Mit meiner Jeans und meinen ausgetretenen Turnschuhen fühlte ich mich nun doch etwas fehl am Platz „Ich lade mal deine Sachen aus, du kannst ja schon ins Haus gehen" holte mich Karl wieder einmal aus meinen Gedanken. Ich stieg aus, schnappte mir einen Karton und ging auf etwas wackeligen Beinen zum Haus und bemühte mich nicht die Treppe hinauf zu stolpern. Irgendwie war mir leicht übel bei der Vorstellung nun hier zu leben. Diese Dimensionen von Wohlstand passten nicht zu mir, ich mochte es lieber klein und übersichtlich.
Okay, Augen zu und durch! Die Möglichkeiten einer Alternative zu dem hier, sind doch erheblich eingeschränkt. Also, bleibt mir nichts anderes übrig als mich damit zu arrangieren. Gerade als ich den Mut aufbrachte den Finger auf die Klingel zu drücken, öffnete sich die Tür und eine Frau stand lächelnd vor mir. „Hallo, Sie müssen Ella sein kommen Sie doch bitte herein". Ich schaute sie mit großen Augen an, sie war echt hübsch. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Knoten gebunden und trug ein schlichtes Kostüm das aus Rock und Blazer bestand, dazu hatte sie eine hellblaue Bluse gewählt. Sie wird wohl die Frau meines Dad's sein, er hatte sie nie mitgebracht, wenn er mich besuchte, daher hatte ich keinen Schimmer wie sie aussah. „Hi!" sagte ich etwas verlegen, denn ich wusste nicht recht was ich hätte sonst sagen sollte. Ich war schon immer etwas schüchtern, was mich aber eher weniger störte, da ich für gewöhnlich niemanden wirklich auffiel. Ich hatte lange blonde Haare die ich meist zu einem Pferdeschwanz zusammen band, Make up trug ich selten da meine Fähigkeiten mein Gesicht kunstvoll zu dekorieren sich auf ein Minimum beschränken. Meine Kleidung war, um es nett auszudrücken eher dezent und unauffällig. Zusammenfassend könnte man sagen, das ich nicht zu den Mädchen gehöre die ständig nach einer Verabredung gefragt wurden. In der zwölften Klasse hatte ich eine Verabredung, ich war so aufgeregt das ich ihn den ganzen Abend wie blöd kicherte, seit dem versuche ich dieses Erlebnis zu verdrängen und ich kann mir gut vorstellen das Mark, so hieß mein Verabredung damals, es auch aus seinem Gedächtnis gestrichen hatte.
Die Frau trat zur Seite und ich betrat das Haus, im gleichem Moment blieb ich wie erstarrt stehen und sah mich geschockt um, Wow es war unglaublich, ich stand in einer Eingangshalle die eher einem Ballsaal entsprach. Von hier aus gingen mehrere Flure ab und nach oben führte eine schwere Holztreppe. Alles wirkte Edel und verdammt teuer, dennoch geschmackvoll und warm. „Geht es Ihnen gut, Sie wirken etwas blass um die Nase" sagte die Frau und sah mich besorgt an. Sie schien nett und herzlich zu sein, ich glaub ich werde sie mögen. Auf die böse Stiefmutter aus einem Kindermärchen hatte ich nämlich wenig Lust und konnte gut darauf verzichten. „Oh, Ähm... ja, mir geht es gut" stotterte ich sie an. „Glauben sie mir, als ich das Haus das erste mal betrat war mir ebenfalls schlecht. Ich bin Mary das Mädchen für alles" stellte sie sich vor und lachte. „Ich bin Ella" sagte ich und vergaß die Tatsache das sie meinen Namen bereits kannte, Mary lachte immer noch und sagte schließlich „Davon bin ich ausgegangen, als ich den Umzugskarton sah und da mir nicht bekannt ist das Heute noch jemand einzieht, müssen Sie wohl Ella sein. Kommen Sie ich zeig Ihnen ihr Zimmer". Ja, ich würde sie wirklich mögen, sie erinnert mich an meine Mum, auch wenn sie optisch eher dem Gegenteil entsprach. Ich folgte ihr die Treppe hinauf und versuchte nicht die Orientierung zu verlieren in diesem Labyrinth von Fluren und unzähligen Türen. Nach einer gefühlten Stunde blieb Mary vor einer massiven Eichenholztür stehen die mit verschnörkelten Mustern verziert war. „So da wären wir" sagte sie und öffnete die schwere Tür. Ich ging davon aus das ich wohl ein kleines Zimmer haben würde, aber das hier war einfach toll und mir bleib tatsächlich der Mund offen stehen. Es war mit warmen Tönen gestrichen, besaß einen Flachbildfernseher eine Couch und ein paar weitere Möbel sowie bodentiefe Fenster. Alles war farblich auf einander abgestimmt, hier hatte der Innendesigner ganze Arbeit geleistet. Aber ich konnte nirgends ein Bett entdecken, ich werde wohl auf der Couch schlafen müssen, aber das wäre völlig okay. Ich bin zufrieden überhaupt eine Bleibe zu haben. Doch im nächsten Moment öffnete Mary eine weitere Tür, die mir noch nicht aufgefallen war. Dahinter befand sich ein Schlafzimmer, in zarten rosa Tönen mit einem traumhaften weißen Himmelbett. Wow! Mary zeigte mir dann noch den Rest meiner Räume, ich hatte sogar ein eigenes Bad und einen begehbaren Kleiderschrank in den zweimal soviel Sachen passten wie derzeit in meinem Koffern steckten. Mary ließ mich allein in meinem neuen Reich zurück und verabschiedete sich damit das sie sagte, wenn ich etwas bräuchte würde ich sie unten finden. Ich sah mich noch einmal um, es war unglaublich. Ich ließ mich auf das Bett fallen und seufzte „Oh je, wo bin ich hier bloß gelandet, fehlt nur noch der Prinz auf dem weißen Pferd". Karl brachte später meine restlichen Sachen, viel war es ja nicht, ich stellte die Bilder meiner Mum auf den Nachttisch, hängte die wenige Kleidung in den Schrank und räumte meine Hygieneartikel in das riesige Badezimmer, das über eine Badewanne und eine Dusche verfügte.
Anschließend ging ich nach unten um mich umzusehen, ich fand Mary in der Küche die in stilvollen weiß und Grautönen gehalten war. „Ella, haben Sie Hunger ich könnte ihnen etwas zubereiten, worauf haben Sie Lust?" fragte Sie mich. Ich schüttelte den Kopf „Nein danke. Ist mein Dad da?" Es war mir unangenehm mich von ihr bedienen zu lassen, Mary schaute mich entschuldigend an „Nein, leider nicht er musste kurzfristig geschäftlich verreisen und wird erst in einer Woche zurück sein, wenn sie etwas benötigen möchten Sie sich bitte an Karl wenden". Ich nickte verstehend war aber dennoch enttäuscht das er nicht hier war, schließlich war es seine Idee das ich hier einziehen sollte und nun war er nicht einmal hier um mich zu begrüßen. Was sollte ich davon halten. Ich unterhielt mich noch eine Weile mit Mary über grundlegende Regeln die hier im Haus galten. Die sich aber im großen und ganzen darauf zusammenfassen ließen, das Haus weder anzuzünden, zu ertränken oder ähnliches damit anzustellen. Ich wurde allerdings das Gefühl nicht los, das Mary mich ein bisschen auf den Arm nahm, als sie mir die Hausordnung nahe legte. Als draußen die Nacht anbrach beschloss ich mich in dieses unglaublich weiche und nach Lavendel riechende Himmelbett zu werfen, es war ein langer Tag und ehrlich gesagt musste ich das alles erst einmal auf mich wirken lassen. Vielleicht wache ich ja morgen in einer zweckmäßig eingerichteten Drei-Zimmer-Wohnung auf, ohne Personal und eigenem Park. Sollte es so sein würde ich nicht protestieren, allerdings hatte ich die leise Ahnung das Morgen früh alles genauso sein würde wie in diesem Moment. Vielleicht sollte ich die Option einer Wohngemeinschaft mit Putzplan und ständigen Partys doch in Erwägung ziehen. Aber fürs erste würde ich mich mit dem unnötigen Luxus abfinden.

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