Daheim im Palais

"Es ist ja schön, dass du Papas Leidenschaft teilst, Michael, aber dass du dieses laute, harte Ding all den schönen anderen Autos vorziehst, kann ich nicht nachvollziehen!" - "Das verstehst du nicht, Schatz! Du bist zwar ein kluges Mädchen, Sel, aber das mit den Oldtimern ist dir nicht gegeben." - "Das ist mir bei Papa schon so ergangen, aber was soll's. Du kannst bewegen, was du willst! Und das ist eben der Lamborghini..." - "Am allerliebsten, meine Süße, bewege ich dein Herz!" - "Och, Michael..."
Ich lenkte den Boliden die Allee zum Palais hinein. Georg stand gerade vor dem Eingang und da ich wusste, dass ihm das Freude bereiten würde, blieb ich direkt vor der Haustür stehen. "Guten Tag, Selina! Herr Montar... Er hatte Selina die Autotür geöffnet und reichte ihr die Hand zum Aussteigen. Unkundigen sei gesagt, dass der Wagen gerade mal einen guten Meter hoch war, und man mehr darin lag, als saß.
"Georg, würden sie den Wagen für mich in die Garage stellen? Und es wäre mir lieb, wenn sie mich in Zukunft auch beim Vornamen nennen würden!" - "Aber Herr Montar! Ich meine, Michael... Sie sind doch der Chef!" - "Aber Georg! Das kann ich ich doch auch als Michael sein!" - "Das stimmt allerdings!" Mit einem zufriedenen Lächeln kletterte er in den Sportwagen, um ihn zu garagieren. Diesen Wagen, hatte er nicht einmal bei Martin Bücker bewegen dürfen. Alle Anderen, aber diesen nicht. Er nahm es als großen Vertrauensbeweis, was es ja auch war. Er freute sich außerdem darauf, seine Maria in einem passenden Augenblick damit zu schockieren, mich mit dem Vornamen anzusprechen.
Unterdessen ging ich mit meiner Frau ins Haus. Maria begrüßte uns und erkundigte sich, ob wir schon etwas essen wollten, aber es war uns noch zu früh. Selina begleitete mich in mein Arbeitszimmer, dass mehr einer Bibliothek glich. Ich setzte mich an den Schreibtisch und Selina setzte sich leicht schräg vor mir auf eben Diesen. "Es gefällt mir, wenn du zu mir aufsehen musst!" lächelte sie. Ich betrachtete sie kurz. Dieses freche Lächeln kannte ich gut. "Ich sollte es dir nicht sagen, Kleines, aber ich bin dir wehrlos ausgeliefert." Ich nahm ihre Hand in meine Hände und küsste ihre Finger. Dieses Knistern, das ich vor Jahren das erste Mal in meinem Seehaus erlebt hatte, war mit unverminderter Intensität noch immer zwischen uns. "Ich liebe dich sehr, Kleines, weißt du das?" Die Tür ging auf und unsere Tochter sauste herein. Sie lief auf uns zu und ich hob sie auf meinen Schoss. Maria klopfte an die offenstehende Tür und musste lächeln, als sie uns drei da so sitzen sah. "Sie sollten sich sehen, wie sie da sitzen!" Sie zog ihr Handy aus der Tasche um uns zu fotografieren. "Darf ich...?" - "Aber ja! Das ist eine gute Idee Maria!" antwortete Selina. Dieses Bild steht heute nach wie vor sowohl auf ihrem, wie auf meinem Schreibtisch in der Klinik. Es ist so ein Bild, das entsteht, wenn man es nicht geplant hat. Man könnte so eine Atmosphäre künstlich nie erzeugen...
Wir alberten ein Wenig mit Melina herum. Ihr Gegacker, wenn ich sie kitzelte hatte etwas Erfrischendes. Selina ging schließlich mit ihr in den Salon, während ich mir die Post auf dem Schreibtisch durchsah. Im allgemeinen erhielt ich fast meine gesamte Post ins Büro in der Klinik. Da meine Privatadresse aber im Palais, gemeldet war, versuchte so mancher Schlaumeier über meine private Post mit uns ins Geschäft zu kommen, warum etwa 90 Prozent der Post für den Mülleimer bestimmt war. Diesmal aber war ein Briefumschlag dabei, der mir bekannt vorkam. Einen Gleichen hatte ich heute schon in der Hand gehabt... Ich fühlte, dass mein Puls sich erhöht hatte. Ein ungutes Gefühl hatte mich ergriffen und ich versuchte, den Brief so wenig wie möglich zu berühren beim Öffnen, um die Chance, einen guten Fingerabdruck zu erlangen nicht zu vernichten, ich schlitzte das Kuvert der Länge nach auf und entnahm den Brief. 
"Schon vergessen?" Ich nicht! Wie gesagt: Glück, Unglück, Freude, Enttäuschung, Leben, Tod... Der Tod ist nicht unbedingt das Übelste, wenn man darüber nachdenkt, wie schmerzlich eine Enttäuschung sein mag. Nach dem Tod, spürt man nichts mehr! Noch nicht einmal Furcht. Es macht viel mehr Sinn, sich vor einem Leben in Angst, Enttäuschung und Unglück zu fürchten! Findest du nicht auch? Jemandes Glück zu rauben, ist viel effektiver, als ihn mit dem Tod zu bedrohen, nicht wahr? Mit Geld, lässt sich vieles richten. Aber eben nicht alles, Michael..."

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