Damals - Vor 17 Jahren

Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit, als die Wälder Athaneriás noch in ihrer vollen Pracht erstrahlten und die Sonne in den Reichen ihre kühlenden Schatten warf. Ein blonder Junge, kaum das Mannesalter erreicht, stürmte mit vor Furcht verzerrtem Gesicht und vor Aufregung roten Wangen über den Schlosshof Zkuras. Sein bunter, geflickter Umhang wehte hinter ihm her, sein Herz raste schneller denn je. Jeder kannte die Legenden, auch die, die nicht lesen konnten. Am Eingangstor blieb er keuchend stehen und schöpfte etwas Atem, bis die Wachen das Tor aufgezogen hatten, dass letztendlich mit einem leisen Quietschen aufschwang und den Blick auf die prächtige Eingangshalle des Palastes preisgaben.


Links und rechts von ihm erstreckten sich Wendeltreppen, die hinauf in die jeweiligen Türme des Schlosses führten, verziert mit dem goldenen Geländer, dass noch aus König Arthurs Zeiten stammte. Die Wachen, denen er als Hofnarr bekannt war, ließen ihn passieren, runzelten aber verwirrt die Stirn. So kannten sie den sonst fröhlichen und einfallsreichen Jungen nicht. Sie sahen sich kurz an und ihre flüchtigen Blicke sagten dasselbe: Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.

Hlorra rannte außer Atem die vielen Treppenstufen der mit roten Teppich überzogenen Marmortreppe hinauf, die sich ihm direkt gegenüber befand und zu den Privatgemächern der Herrscher Zkuras führten, bog nach links ab und lief fast die kleine Prinzessin, die brabbelnd den breiten Gang entlang krabbelte. Nur knapp konnte der Bursche dem Kind ausweichen und stolperte gegen eine Säule, an die er sich nun lehnte und zu Atem kommen konnte.

Die einzelnen Säulen ließen das Innere des Schlosses noch majestätischer wirken, als es eh schon war und Hlorra nahm nur aus den Augenwinkeln die Gemälde der Vorfahren der Königsfamilie an den Wänden wahr, während er auf die Königin wartete, denn er wusste, dass sie ihre kleine Tochter nicht lange unbeaufsichtigt ließ.
"Oh, Mylady!", war alles, was er dem Mädchen entgegen brachte, zu weit war er mit seinen Gedanken entfernt, doch Fae störte sich daran überhaupt nicht, sondern kroch vor sich hin glucksend weiter auf die Treppe zu.

Die Legenden sprachen von einem zerstörerischen Krieg zwischen dem Drachenvolk und den Magiern Larrïms, der damit endete, dass beide Völker beinahe ausgerottet wurden. Der Krieg in der Legende fing genauso an, wie dieser Krieg: Ein lautes Grollen begleitet von einer alles schwärzenden Dunkelheit, so als würde Thor seinen schweren Hammer zur Erde fallen lassen und als würden sich die Wolken vor Zeus verschließen. Das Beben, das kurz darauf folgte, alle zum straucheln und die sorgfältig gestapelten Obststände und die Bierfässer auf dem Markt zum Umfallen brachte, war die letzte Warnung, die die Magier von sich gaben, bevor sie die Drachen angriffen.

Ein lauter Ausruf der Entzückung holte ihn aus seinem tiefen Gedankenstrudel, in den er gesogen worden war und verwundert sah er sich nach der Quelle um. Als er sie sah, weiteten sich seine Augen. Die Prinzessin saß an der ersten Treppenstufe, spielte mit den losen Fäden des roten Teppichs, die sich immer wieder mit der Zeit lösten und drohte, das Gleichgeweicht zu verlieren. Hlorra sprintete auf das Mädchen zu und holte es aus der Gefahrenzone. Nicht einmal der Krieg könnte so schlimm sein, wie die Prinzessin zu verlieren. Er setzte sie auf dem Gang wieder ab und strich ihr kurz über das weiche, schwarze Haar, dass sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Es war es nur eine Frage der Zeit, bis Pelia, die Drachenkönigin kommen würde, um nach ihrer einzigen Tochter zu schauen.

Und so dauerte es nicht lange, bis er sie sah, eingehüllt in Seide aus Gold und Cremé. Ihr rabenschwarzes Haar war bis auf einzelne Strähnen zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt und ihr mit Stickereien und Tüll verziertes Kleid wirbelte um ihre Beine, als sie besorgt auf Fae zulief, sie unter den Armen packte und hochhob.
"Na, Fae, wieder auf Erkundungstour?" Sie rieb ihre Nase an der ihrer Tochter und lächelte zufrieden, beruhigt, dass nichts passiert war, während die Prinzessin fröhlich lachte und anfing, mit dem Amulett ihrer Mutter zu spielen, dass ihr um den Hals hing. Königin Pelia lachte leise und sah auf. Erst da bemerkte sie den ungeduldig dreinschauenden Hlorra, der an einer dunklen mit Schnitzereien aus der Ursprungszeit des Palastes verzierten Säule lehnte und das Treiben der beiden nervös beobachtete.

"Hlorra, mein Lieber! Was machst du denn schon so früh hier? Beschäftigst du nicht sonst mit den Kinder aus den Dörfern? Brauchst du etwas?" Sie setzte ihre Tochter auf ihre Hüfte und sah ihn liebevoll an. Für sie war er immer wie ein Sohn gewesen, ein verspielter und etwas aufgedrehter Knabe, nicht ganz das was man von einem Königssohn gerne sah, aber sie liebte ihn von ganzem Herzen. Auch dass er nicht ihrem Volk, dem Drachen, angehörte sondern einer der wenigen Elementbändiger war, störte sie nicht und hielt sie noch weniger davon ab, ihn aufzunehmen und ihm all die Liebe zukommen zu lassen, die er schon als kleines Kind nicht spüren durfte, als er in den Wäldern Athaneriás ausgesetzt wurde und bis jetzt nicht geklärt werden konnte, wer seine Eltern waren.

"Mylady! Draußen ist etwas im Gange! Etwas schlimmes, aber ich weiß nicht genau, was. Es wurde plötzlich ganz dunkel und die Erde bebte heftig, draußen in den Straßen vor den Dörfern! Ich hörte Getrappel, wie von Pferdehufen, das immer näher auf uns zukam! Da kommt irgend-" Er wurde von einem Donnergrollen ähnlichem Geräusch unterbrochen, dessen Vibration bis in die Palastmauern deutlich zu spüren war. In den Augen der Königin machte sich Erkenntnis breit, eisige Erkenntnis. Panisch sah sie sich nach den Schatten um, die sie schon seit der Geburt Faes erwartete.

"Hlorra, warne die anderen, sie sollen sich in Sicherheit bringen, läute die Warnglocke!" Damit ließ sie den nunmehr sehr verängstigten Jungen stehen und rannte mit ihrer Tochter in ihre Gemächer zu ihrem Gatten und dem Drachenkönig Heron von Zkura.

Zu den Glocken im linken Turm rennend brüllte er für alle Palastbewohner den Befehl der Königin: „VERSTECKT EUCH ALLE IN EUREN GEMÄCHERN UND VERSCHLIESST DIE TÜREN! VERBARRIKADIERT EUCH SO GUT IHR ES KÖNNT!" Was genau auf sie zukam, wusste der Blondschopf nicht. Als er endlich den höchsten Punkt des Turmes, die Turmspitze, erreicht hatte, läutete er die große, schwere Glocke und der dumpfe, tiefe Klang erfüllte den Palast und die Dörfer außerhalb der Schossmauern. Der hallenden Klang der Glocke übertönte den Lärm, den die Bewohner verursachten, als sie versuchten, ihre wenigen Habseligkeiten zu retten und ihre Holztüren ängstlich hinter sich zuknallen ließen und sie mit schweren Eisenstangen verriegelten.

Als Hlorra zwischen den mannshohen Zinnen hindurch spähte, weiteten sich seine Augen und ihm stockte der Atem. Durch die immer spärlicher werdenden Bäume des Waldes kamen im schnellen Galopp die schwarzen Pferde der Magier. Selbst von hier aus konnte er die rot glühenden Augen sehen und ihm stellten sich die Nackenhaare auf. Der graue, dichte Nebel, der den Reitern folgte, kam dem Jungen bekannt vor. Er hatte ihn in einem der Bücher in der Palastbibliothek gesehen. Es war der Nebel der Verwirrung.

Einmal ausgedehnt, konnte er ganze Dörfer vernebeln und die Bewohner verwirren, so dass sie nicht wussten, aus welcher Richtung die Gefahr kommen würde. Wäre der Nebel nicht auch schon damals gewesen, wäre die Legende vielleicht anders ausgegangen. Die Schlosswachen stellten sich ihnen mutig und ohne zu zögern mit gezogenen Schwertern und den Schilden schützend vor ihren Gesichtern in den Weg, allerdings konnten sie wenig anrichten, denn der vorderste Magier zog seine Hand von links nach rechts und alle Soldaten fielen augenblicklich um. Ob sie nun tot waren oder nicht - die Schlossmauern war nun ungeschützt.

Im Schlosshof blieben die Reiter stehen und der Anführer, bei allen als Lord Markin bekannt sah kurz zu dem Turm hinauf, auf dem sich Hlorra versteckt hielt. Mit angehaltenem Atem und klopfendem Herzen drehte er sich um und versteckte sich hinter einer der Zinnen. Als er sich sicher war, dass der oberste Magier und Herrscher des Reiches Larrïm nicht mehr in seine Richtung schauen würde, kniete er sich wieder zwischen die Zinnen und beobachtete das beängstigende Spektakel.

Die Männer und Frauen sahen in den roten Roben mit dem schwarzen Emblem ihres Herrschaftsgebietes nicht einmal so gefährlich aus. Es waren eher ihre Blicke, die Pferde und das Wissen um die Macht, die sie besaßen, das sie zum Fürchten machte.

Lord Markin trieb sein Pferd voran, bis er in der Mitte des kreisrunden Hofes stand und sah zu dem Balkon der privaten Gemächer von König Heron und seiner Gemahlin Königin Pelia hinauf.

„Zeigt euch, ihr elenden Feiglinge von Athaneriá! Ausgestoßene, Verräter!", brüllte er wütend, als sich niemand dazu bewegte, gegen ihn und seine Truppe zu kämpfen. Seit dem Pelias Schwester, Lady Swina, das friedlebende Volk der Elben zu einem todbringenden Krieg herausforderte, war dem Drachenvolk kein Ansehen mehr in Athaneriá vergönnt.

Was niemand wusste war, dass Pelia ihre Tochter Fae durch die einzig verbliebene Tür zur Menschenwelt in ihrem Reich schickte. Vor Urzeiten, als die Drachen noch ganze Mythologien und Kulturen prägten, waren einige hundert Türen in jedem Reich verteilt, durch die jeder Drache in die Menschenwelt gelangen und auch aus ihr wieder heraus konnte. Doch nach dem großen Streit und dem Götterkrieg waren nur noch wenige Durchgänge erhalten geblieben und die Menschen fürchteten die übernatürlichen Wesen, die ihre Erde während des Kampfes erheblich zerstörten und einige Tierarten dem Aussterben überließen.

Mit einem letzten Kuss auf Faes Stirn und den Worten „Pass auf dich auf, meine kleine Drachenkönigin. Du bist viel mehr, als du dir je denken kannst." gab die Königin ihre Tochter in die Arme ihrer menschlichen Mutter, die immer auf diesen Moment vorbereitet gewesen war. Anbei schenkte sie ihr ihr Amulett, das sie vor allen Gefahren warnen und schützen und sie im richtigen Moment auf die Wahrheit vorbereiten sollte. Eine Träne kullerte der Königin die Wange herab und traurig blickte sie ihre Tochter an. Ein Opfer, welches gebracht werden musste, um das Land zu schützen. Und doch zerriss es ihr das Herz, als sie ihre Tochter nun weggab.

Im selben Moment, als Fae in den Armen der Menschenfrau lag, schloss sich der Durchgang und Pelia sank weinend zu Boden. Auch wenn sie Fae nur schützen wollte, so fehlte sie ihr jetzt schon. Heron sank zu ihr auf die Knie und nahm sie tröstend in die Arme. Für ihn war ihr Verlust genauso schmerzhaft wie für seine Frau, aber jetzt mussten sie an die Gefahr draußen im Schlosshof denken. Als hätte Pelia denselben Gedanken gehabt, wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und stand auf. Stolz und stark stand sie nun neben Heron, der ebenfalls aufgestanden war. Gemeinsam schritten sie aus dem Schloss und auf Lord Markin, dessen Pferd schon ungeduldig glühenden Dampf schnaubte. Kurz vor ihm blieben sie stehen.

„Du wirst sie niemals kriegen, ihr werdet uns niemals komplett besiegen können!", sprach Pelia nun mit fester Stimme, obwohl sie sich ganz anders fühlte. Doch Heron neben ihr gab ihr das Gefühl der Sicherheit, alles was sie brauchte, war er.

Zorn verzerrte das Gesicht des Magiers zu einer Maske des Grauen und ein tiefes Grollen entfuhr ihm. Der Nebel breitete sich schlagartig aus und Hlorra musste fassungslos beobachten, wie er die sich in der Verwandlung befindenden Drachen einhüllte. Mit einem Mal schossen die beiden steil auf und drehten sich in der Luft, die sie wie ein schützendes Schild umgab.

Die Magier nahmen dies als Zeichen des Kriegsanfanges auf und schossen Feuerfontänen ab, blaue Blitze, die den Nebel sekundenlang erhellten und gelbe Lichtstrahlen, die die Drachen nur knapp verfehlten, die als Antwort Feuer spien, welches die Magier nur mir größter Not abwehren konnten. Bei jedem Zauber, der gesprochen wurde, gab es einen knall und Hlorra zuckte jedes Mal vor Angst um das Königspaar zusammen.

Markin wandte sich an seine Gefolgschaft und brüllte etwas über den Lärm der Explosionen hinweg, worauf sich alle Magier auf die beiden Drachen konzentrierten und einen Punkt zu treffen versuchten: Ihre Schwanzspitze, in der die größte Macht eines Drachen steckte. Sie war der Antrieb, die Energie, die sie brauchten. Schwer verwundet könnten sich Pelia und Heron nicht mehr in der Luft halten und so fielen die geflügelten Wesen vom Himmel und noch im Sturz traf sie die zweite Welle tödlich. Mit einem Klagelaut, der Hlorra die Tränen in die Augen trieb, starben das tapfere Königspaar und Lord Markin streckte seine Hand triumphierend in den Himmel, siegreich über den Drachen stehend.

Das war das letzte Mal, dass es einen Krieg zwischen dem Drachenvolk und den Magiern gab und dass jemand sich in einen Drachen verwandelte.

Bis siebzehn Jahre später ein Mädchen in Zkura auftauchte, das alles verändern sollte.

Kommentare

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    Fae ... ein schöner Name. Der Jüngling scheint mir etwas verträumt, aber scheint ebenso passend zur Szene.

  • Author Portrait

    Das arme Paar >.< und das arme Drachenvolk

beta
Feenstaub

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