Das 12. Geschenk: Von gelüfteten Geheimnissen und Liebe

Langsam öffnete Hermine ihre Augen. Heute war es soweit, heute war der 24. Dezember, Heilig Abend. Heute würde sie ihr letztes Geschenk an Draco Malfoy überreichen, am Abend, während eines festlichen Balls. Sie wünschte, sie hätte sich darauf freuen können, doch der Vortag hatte ein schlechtes Gefühl hinterlassen. Sie konnte sich zwar inzwischen vorstellen, warum Draco wütend geworden und in sein altes Muster zurückgefallen war, dennoch traute sie sich nicht, ihm unter die Augen zu treten. Nicht umsonst hatte sie gestern den restlichen Tag bei Cathrin verbracht und war dann ohne Abendessen zu Bett gegangen - sie hatte vermeiden wollen, Draco zu begegnen. Doch nun bereute sie das. Heute würde sie ihm begegnen müssen, zumindest für einen kurzen Moment, um korrekt die Geschenke auszutauschen. Und das, ohne dass das Missverständnis zwischen ihnen ausgeräumt war. Es wäre besser gewesen, sich dem Ganzen schon gestern zu stellen.

Stöhnend rollte Hermine sich auf den Bauch. Das laute Schnarchen im Raum verriet ihr, dass ihre Zimmergenossinnen alle noch schliefen. Träge griff sie nach der Uhrenkette, die auf ihrem Nachttisch lag, und prüfte die Uhrzeit: Es war erst sieben Uhr morgens. Draußen war es noch dunkel und für einen Tag in den Ferien eigentlich viel zu früh zum Aufstehen. Doch so wach, wie sie sich fühlte, konnte sie keine Minute länger liegen bleiben. Entschlossen stand sie auf, schlich sich ins Bad und nahm eine ausführliche Dusche. Vielleicht schaffte sie es ja, in der Großen Halle zu sein, ehe irgendjemand anderes dort aufkreuzte. Sie würde in Ruhe frühstücken und danach nochmal ins Dorf hinunter gehen, um Cathrin um Rat zu fragen, wie sie den Ball am Abend am besten angehen sollte.

Fertig angezogen und voller Tatendrang stieg Hermine die Stufen zum Gemeinschaftsraum hinab - nur um wie angewurzelt stehen zu bleiben. Ron saß alleine in einem Sessel vor dem Feuer.

"Was tust du denn so früh hier?", fragte sie misstrauisch. Offensichtlich überrascht über ihr plötzliches Erscheinen wirbelte ihr Freund herum: "Oh, du bist's. Ich ... ich warte hier auf dich."

"Um diese Zeit? Warum?"

"Ich weiß doch, dass du ein Frühaufsteher bist, und ich dachte mir, wenn ich auch früh aufstehe, habe ich vielleicht die Möglichkeit, ungestört mit dir zu reden!", erklärte er vorsichtig. Ihrerseits überrascht trat Hermine an ihn heran und setzte sich auf den Sessel neben ihn: "Na, dann rede mal."

"Mein Verhalten die letzten Tage war nicht so gut", fing er an und Hermine spürte sofort, wie schwer ihm das fiel, "ich weiß auch nicht. Du warst plötzlich so komisch, hast mich nur noch angeschrien und alles kritisiert. Und dann hast du angefangen, mit Malfoy rumzuhängen, als sei es das natürlichste der Welt. Das hat mich alles so genervt. Und anstatt dass du dich freust, dass ich endlich mal ein Mädchen abbekomme, warst du so zickig ..."

"Wolltest du nicht über dein schlechtes Verhalten reden?", fragte Hermine kalt. Sie konnte nicht glauben, dass Ron erst so tat, als wolle er sich entschuldigen, und dann doch wieder nur an ihr herum meckerte.

"Gib mir doch mal eine Chance, Hermine!", rief Ron verzweifelt aus, "Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll. Ich mag dich, ich bin gerne mit dir befreundet und ich will das nicht verlieren. Ginny hat mir gestern Abend gesagt, dass ich mich bei dir entschuldigen sollte, wenn ich nicht unsere Freundschaft gefährden will. Aber ich verstehe einfach immer noch nicht, was ich falsch gemacht habe."

Am liebsten hätte Hermine ihren besten Freund dumm sterben lassen, doch ihr lag zu viel ander Freundschaft zu Harry und Ron, als dass sie dazu in der Lage gewesen wäre. Sie atmete einmal tief ein, dann erklärte sie: "Dann hör mal gut zu. Als du mich zu Madam Puddifoot eingeladen hattest, dachte ich, das wäre ein Date, auf dem du mir deine Gefühle gestehen wolltest. Ich war vorher nicht wirklich in dich verliebt ... zumindest nicht mehr so wie letztes Jahr, aber als du mich eingeladen hast, hab ich doch ganz schön Herzklopfen bekommen. Entsprechend enttäuscht war ich, als es um Lavender ging. Und es war mir unfassbar peinlich, dass ich so vorschnell was über meine Gefühle gesagt hab. Ich war einfach nur enttäuscht und habe mich geschämt und ... war so wütend auf mich, dass ich nicht anders konnte, als die Wut auf dich zu übertragen. Das hat sich dann gelegt, aber ... als du dann tatsächlich mit Lavender zusammen warst, hast du mir das Gefühl gegeben, als wäre ich überflüssig. Und Harry und Ginny auch. Meine beiden besten Freunde haben plötzlich keine Zeit mehr für mich wegen anderer Mädchen. Das tat weh. Und dass ihr das nicht verstanden habt, hat es nur noch schlimmer gemacht."

"Oh", machte Ron nur, "so viel habe ich da gar nicht drüber nachgedacht. Wow. Aber sag mal, was sollte das mit Malfoy? Wolltest du uns eins auswischen?"

"Nein. Ich verstehe mich schon seit einiger Zeit mit Blaise, Blaise Zabini, Malfoys bestem Freund, ganz gut. Und so habe ich eine Seite an Draco ... an Malfoy kennen gelernt, die mir sympathisch war. Das hatte nur insofern was mit euch zu tun, als dass ich dank eurer Vernachlässigung alle Zeit der Welt hatte, mit anderen Menschen zu reden."

"Aber Malfoy will dir Böses, Hermine. Das weiß ich einfach!"

Lächelnd schüttelte Hermine die Kopf: "Nein, denke ich nicht. Aber das ist zu kompliziert zu erklären."

"Mh", kam es von Ron, doch er wusste nicht, was er sonst zu ihr sagen sollte. Schweigend saßen sie da, starrten gemeinsam ins Feuer, bis er schließlich sagte: "Können wir wieder Freunde sein? Wie vorher?"

"Wie vorher wohl nicht", erwiderte Hermine, "denn ein Junge mit fester Freundin kann niemals ein so guter Freund sein wie ein Junge ohne feste Freundin. Aber wenn du ab und an mal Zeit für mich übrig hast, dann bin ich gerne weiterhin deine beste Freundin."

"Also ist alles wieder gut?"

Hermine bezweifelte, dass mit diesem Gespräch wirklich alles wieder gut war, doch sie wusste, dass Ron zu schlicht war, um das zu begreifen. Entsprechend nickte sie mit einem gequälten Lächeln, und ließ sich dankbar umarmen. Gemeinsam machten sie sich schließlich auf, in der Großen Halle das Frühstück einzunehmen.

oOoOoOo

Amüsiert betrachtete Blaise seinen besten Freund, der wie ein nervöser Tiger im Gemeinschaftsraum auf und ab schritt. Beim Frühstück hatten sie beobachten können, dass Hermine sich offensichtlich mit Ron wieder vertragen hatte - und nun war Draco doppelt besorgt, dass er vielleicht alle Chancen bei ihr vertan hatte. Blaise konnte sich nicht erklären, warum er die ganze Situation zu ruhig betrachten konnte, denn seine Gefühle für Hermine waren unverändert. Trotzdem wünschte er seinem besten Freund, dass er Erfolg haben würde, und gleichzeitig zweifelte er nicht mehr daran, dass Hermine zumindest ein kleines bisschen Zuneigung zu ihm verspürte.

"Nun hör schon auf, Draco!", sagte er schließlich ungeduldig, "Du läufst uns noch ein Loch in den Boden. Vor heute Abend wirst du eh nicht wissen, wie es ausgehen wird, darum macht es gar keinen Sinn, sich jetzt unnötig einen Kopf zu machen!"

"Ich kann es aber eben nicht ändern!", fauchte dieser angespannt, "Weißt du eigentlich, wie beschissen ich diese ganze Sache finde? Da habe ich, Draco Malfoy, ein Slytherin durch und durch, mich in eine Gryffindor verliebt, bin sogar bereit, das zuzugeben und es auf einen Versuch ankommen zu lassen - und dann ist alles noch zusätzlich kompliziert!"

"Du meinst, weil zufällig dein bester Freund in dasselbe Mädchen verknallt ist, ihr vor dir seine Liebe gestanden hat, du aus Eifersucht zum Arschloch mutiert bist und sie nun vielleicht auf immer verscheucht hast?", fragte Blaise unschuldig. Es machte ihm Spaß, seinen besten Freund zu necken, es kam einfach viel zu selten vor, dass dieser sich angreifbar zeigte. Bei seinen Worten jetzt war Draco immer ungeduldiger geworden, bis er schließlich stehen blieb und ihn anfuhr: "Du musst mir das nicht auch noch zusätzlich unter die Nase reiben! Du tust ja gerade so, als ob es dir Spaß macht!"

"Tut mir leid", erwiderte Blaise, doch er konnte ein Lachen nicht unterdrücken. Gerade, als er dachte, dass sein bester Freund endgültig explodieren würde, ließ dieser sich geschlagen neben ihm auf das Sofa sinken.

"Na schön, du hast gewonnen. Die ganze Situation ist vermutlich tatsächlich zum Lachen. Aber statt es zu genießen, könntest du mir ja vielleicht helfen."

"Ich?", fragte Blaise überrascht, "Ausgerechnet ich? Dein Rivale?"

"Wieso Rivale?"

"Nur, weil ich einen Korb bekommen habe, bedeutet das nicht, dass meine Gefühle sofort weg sind. Wenn Hermine will, stehe ich immer noch zur Verfügung."

"Was?", schrie Draco aufgebracht, doch Blaise beruhigte ihn sofort: "Aber das steht vermutlich außer Frage. Um ehrlich zu sein, ich vermute, sie ist dir nicht abgeneigt. Wenn du dich heute Abend nicht vollkommen blöd anstellst, solltest du noch eine Chance haben. Immerhin muss sie mit dir reden, wenn du ihr dein Geschenk gibst."

"Ich hoffe, sie sieht das genauso."

"Lass den Kopf nicht hängen, Draco. Komm, wir wollen mal sehen, ob dein Festumhang dir noch passt!"

oOoOoOo

"Wirklich, ich hätte mit allem gerechnet ... aber dass du dich ausgerechnet in ihn verliebst ..."

Cathrin schaute Hermine skeptisch an, während sie an dem Ballkleid herumzupfte.

"Das hast du gestern schon ständig gesagt. Ich kann es nicht ändern", erwiderte Hermine genervt. Wenn ihre ältere und eigentlich sehr offene Freundin schon so ungläubig reagierte, wie sollte sie es dann ihren besten Freunden vermitteln, die voller Vorurteile gegen Slytherins steckten?

"So, ich denke, jetzt sitzt es gut. Was meinst du?"

Langsam drehte Hermine sich herum, um sich in einem Spiegel betrachten zu können. Was sie sah, gefiel ihr sehr gut. Das dunkelgrüne Kleid saß eng an ihrem Oberkörper und formte dank der im Nacken zusammenlaufenden Träger ihre Brüste zu einem schönen Ausschnitt. Von der Taille abwärts fiel es wie eine große Glocke bis zum Boden, dennoch war der Stoff nachgiebig genug, dass sie den Rock zum Tanzen mit einer Hand anheben und so den Saum vor übereifrigen Füßen schützen konnte. Als sie sich umdrehte, um sich von hinten zu betrachten, blieb ihr der Atem weg: Das Kleid war bis knapp über der Hüfte ausgeschnitten und gab so den Blick auf ihren gesamten Rücken frei. Einen BH würde sie darunter nicht tragen können, da musste sie zu Magie greifen.

"Ist das nicht ein bisschen ... gewagt?", fragte sie zögerlich, doch Cathrin schüttelte energisch den Kopf: "Nein, finde ich gar nicht. Man sieht doch nichts Schlimmes."

"Na gut. Kannst du es mir heute Abend in den Gemeinschaftsraum liefern lassen?"

"Kein Problem. Die Eule kommt um fünf Uhr", sagte Cathrin, "als Pfand hätte ich dann gerne zehn Galleonen. Oder hast du es dir anders überlegt und willst es doch kaufen?"

"Nein, dazu werde ich zu wenig Anlässe zum Tragen haben."

Nachdem sie wieder in ihre eigene Kleidung geschlüpfte war, zahlte Hermine den Pfand und machte sich auf den Weg zum Salazars Liebstes. Sie wollte sich unbedingt bei Mr. Higgs bedanken, immerhin hatte er maßgegblich dazu beigetragen, dass sie Geschenke für Draco gefunden hatte - und sie vermutete, dass sie das ein oder andere schöne Geschenk durch Draco auch ihm zu verdanken hatte.

Das bekannte meckernde Lachen der Schrumpfköpfe erklang, als Hermine die Tür zum Laden öffnete.

"Ah, Miss Granger. Was führt sie am Heilig Abend hier her?", wurde sie sofort freundlich begrüßt. Lächelnd trat Hermine an den Thresen: "Ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Sie haben mir wirklich geholfen bei der Wichtel-Sache. Und Sie waren immer freundlich zu mir, obwohl ich eine Gryffindor bin."

"Ooh", entfuhr es dem alten Mann gerührt, "Sie machen mich ganz verlegen, meine Gute. Und schließlich haben Sie ja auch eine Menge Geld bei mir gelassen, dafür muss ich mich bedanken. Ohne Sie wäre mein Geschäft nicht so belebt gewesen."

Mit einem Lächeln reichte Hermine dem Ladenbesitzer ihre Hand, die dieser mit seinen beiden umschloss und fest drückte. Sie versprach, auch im nächsten Jahr regelmäßig vorbeizuschauen, und sei es nur, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Sichtlich erfreut über ihre Worte verabschiedete sich Mr. Higgs von ihr. Fröhlich und zufrieden, dass sie alle Punkte auf ihrer ToDo-Liste so schnell abgearbeitet hatte, wanderte Hermine durch das dichte Schneegstöber zum Schloss zurück. Ihr Magen knurrte und sie freute sich auf ein heißes Mittagessen mit ihren Freunden.

oOoOoOo

"Draco, du hast mir immer noch nicht gesagt, dass du mit mir als Partnerin zum Ball heute Abend gehen wirst!", tönte Pansys aufgeregte Stimme durch den Gemeinschaftsraum. Diverse Köpfe hoben sich, doch keiner der anwesenden Schüler hatte wirklich Interesse an Pansy. Jeder wusste, dass sie das einzige Mädchen in der Gruppe um Draco Malfoy war und entsprechend hatte sich keine andere Schülerin die Mühe gemacht, Draco nach einem Date zu fragen und kein Schüler wagte es, Pansy zu fragen. Es war sowieso klar, dass sie zusammen zum Ball gehen würde, auch das lange Schweigen des blonden Jungen konnte daran nichts ändern. Umso erstaunter waren alle, als er kalt antwortete.

"Stimmmt. Ich gehe nicht mit dir."

"Waaaas?", rief Pansy schockiert aus, "Komm, Draco, lass die Scherze. Ich weiß doch, dass es für dich nur mich gibt."

"Ich scherze nicht", erwiderte Draco ungerührt, "ich habe keine Lust, mit einem verlogenen Miststück wie dir zum Ball zugehen, also ist meine Antwort Nein."

Entsetzt hielten die anwesenden Schüler die Luft an - niemand hätte damit gerechnet, dass Draco Malfoy vor versammelter Mannschaft so deutliche Worte finden würde. Noch dazu gegen Pansy, die den Inbegriff von Unschuld und Naivität darstellte.

"Verlogen? Bitte? Wann habe ich denn je gelogen?", schnurrte sie nun mit weinerlicher Stimme, doch Draco zeigte sich noch immer unbeeindruckt: "Spaß dir das Theater, Pansy. Blaise, Theo und ich wissen eh, was Sache ist. Und wenn du nicht willst, dass ich dich noch mehr bloßstelle, solltest du jetzt die Klappe halten und verschwinden."

"Bloßstellen? Du mich?", ätzte Pansy daraufhin mit vollkommen gewandelter Einstellung. Wenn es möglich war, wurde es noch leiser im Gemeinschaftsraum. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass Pansys Stimme jemals so giftig klingen könnte - und dass sich dieser Tonfall ausgerechnet gegen ihren geliebten Draco richten würde.

"Wenn ich an deiner Stelle wäre, liebster Draco", fuhr sie süßlich fort, "würde ich mir ganz genau überlegen, was ich sage. Oder willst du, dass dein kleines Geheimnis rauskommt? Willst du, dass jeder hier erfährt, wie du wirklich zum Dunklen Lord stehst?"

Wütend sprangen Blaise und Theo auf, doch Draco bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, sich wieder zu setzen. Ruhig erwiderte er: "Welches Geheimnis? Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich inzwischen nicht mehr viel auf das Reinblut-Geschwätz gebe. Sieh dich doch um, Pansy. Jeder zweite hier in diesem Raum ist nach deinen Vorstellungen ein Schlammblut, das nicht verdient, leben zu dürfen. Und du wirst unter den übrigen niemanden finden, der nicht mit einem solchen Mitschüler befreundet ist. Denkst du wirklich, dass irgendjemand in dieser Schule deine Ansichten teilt? Wach auf."

Gemurmel ging durch den Raum, nachdem Draco zu Ende gesprochen hatte. Keiner konnte glauben, dass ausgerechnet der Sohn von Lucius Malfoy, der stolz zugab, ein Todesser zu sein, sich gegen die Agenda vom Dunklen Lord stellte und offen proklamierte, anders zu denken. Jeder hatte bis zu diesem Moment geglaubt, Angst vor Draco Malfoy haben zu müssen, Angst davor, von ihm an den Dunklen Lord verraten zu werden, wenn man ein falsches Wort sagte. Man konnte den Stein beinahe hören, der diversen Schülern, insbesondere jenen mit Muggel-Verwandten, vom Herzen fiel. Und gleichzeitig wandten sie nun mit abweisendem Blick ihre Augen auf Pansy, die erstarrte dastand und nicht fassen konnte, dass die Stimmung plötzlich gegen sie war.

"Ihr seid alle Narren!", schrie sie wütend, "Nicht lange und ihr werdet bereuen, euch auf die falsche Seite gestellt zu haben! Wartet nur ab!"

Mit diesen Worten stampfte sie aus dem Raum und hinterließ eine schweigende Menge, die erwartungsvoll zu Draco aufschaute. Dieser wusste jedoch nicht, was er noch sagen sollte, und so setzte er sich einfach wieder hin.

"Tja", meinte Blaise schließlich, "die Katze ist wohl aus dem Sack."

oOoOoOo

Hermine schien, als dauere die Rede von Dumbledore an diesem Abend besonders lange. Sie war nervös und hatte Angst vor dem, was ihr bevorstand, doch gleichzeitig wollte sie es endlich hinter sich bringen. Sie wollte endlich wissen, woran sie war, wollte wissen, ob Draco ihre Gefühle wirklich erwiderte oder nicht.

"Warum bist du denn so nervös, Hermine?", fragte Ginny sie von der Seite. Seufzend wandte sich Hermine ihr zu und sagte: "Ich verrate es dir, wenn du es vorerst für dich behältst."

Nach einem ernsten Nicken ihrer Freundin fuhr Hermine fort: "Ich beschenke Draco. Und er beschenkt mich. Und ... ich habe mich in ihn verliebt. Und er sich vielleicht in mich. Ich weiß es nicht sicher, aber ich werde es heute Abend heraus finden. Darum bin ich nervös."

Ginnys Mund blieb offen stehen, als sie die Worte ihrer älteren Freundin hörte, doch sie erholte sich schnell: "Na, das erklärt einiges. Himmel, Hermine, auf den Gedanken wäre ich nie im Leben gekommen. Und du bist dir sicher, dass Malfoy dir keinen bösen Streich spielt?"

"Tja, das ist eben die Crux an der Sache", erwiderte sie, "ganz sicher bin ich mir nicht. Ich halte es für unwahrscheinlich, aber ich kann es eben nicht ausschließen. Deswegen bin ich doch so nervös. Ich möchte mich unter keinen Umständen vor der versammelten Schule blamieren."

"Wenn er dir was tut, hexe ich ihm Flüche an den Hals, dass ihm Hören und Sehen vergeht!"

Dankbar schaute Hermine ihre Freundin an, aber wirklich lindern konnte sie ihre Nervosität nicht. Dankbar bemerkte sie, dass die Rede von Dumbledore endlich ein Ende gefunden hatte und er sich anschickte, die Tanzfläche mit Professor McGonagall zu eröffnen. Offensichtlich hatte er in seiner Rede irgendetwas über die Geschenkübergabe gesagt, denn wie auf ein Stichwort setzten sich alle Schüler in Bewegung, um ihren Wichtelpartner zu finden. Hermine konnte sehen, wie Ginny rot anlief, als sie von Blaise angehalten wurde. Offensichtlich hatte er die ganze Zeit ihre beste Freundin beschenkt, ohne dass sie etwas davon wusste. An einer anderen Stelle drückte Lavender gerade Ron einen Kuss für sein letztes Geschenk auf - hier war die Überraschung nicht groß, denn natürlich hatte Lavender schon lange gewusst, wer sie beschenkte. Zu ihrem Erstaunen bemerkte sie auch, dass Theodore Nott äußerst unwillig darauf reagierte, dass Pansy ihm ein Geschenk reichte. Offensichtlich hatte ihr Gespräch über Pansys schlechten Charakter tiefe Spuren in ihm hinterlassen. Doch weiter kam Hermine nicht, denn sie spürte, wie sich eine warme Hand auf ihre Schulter legte.

"Hermine?"

Sie holte tief Luft, dann stand sie auf und drehte sich um: "Draco."

"Ich ... ich möchte dir dein letztes Geschenk überreichen", sagte er im Flüsterton, während er ihr eine kleine Schachtel hinhielt. Lächelnd nahm Hermine ihm das Geschenk ab und packte es voller Neugierde aus. Als sie die Ohrringe in Form zweier Eulen sah, musste sie grinsen: "Passend zu meiner Kette, was? Soll das eine Anspielung auf irgendetwas sein?"

"Naja, Eulen gelten als weise ... und so", stotterte Draco verunsichert. Er wusste nicht recht, was er mit Hermines Reaktion anfangen sollte, doch ihr Grinsen wurde nur noch breiter, als sie seine Worte hörte: "Na, dann sage ich mal artig danke. Die Ohrringe sind wirklich wunderschön. Warte, ich nehme mal meine kleinen Stecker raus und lege die neuen gleich an."

Bewundernd beobachtete Draco, wie Hermine mit zwei geschickten Handbewegungen ihre winzigen Silberstecker entfernte und in der Schachtel mit den geschenkten Ohrringen verschwinden ließ, ehe sie die neuen anlegte. Er konnte nicht anders als darüber staunen, wie sie an diesem Abend aussah. Nicht nur, dass das Kleid ihr ausgezeichnet stand und einen wahnsinnigen Blick auf ihren Rücken zuließ, ihre raffinierte Hochsteckfrisur verbarg zudem sehr gut ihr sonst so krauses Haar. Als sie ihren Kopf keck zur Seite neigte, um die Ohrringe zu zeigen, musste er lächeln: "Wirklich schön. Habe ich gut ausgesucht."

Ein leises Lachen perlte von ihren Lippen, ehe sie neben sich griff und ihm ihrerseits ein Geschenk hinhielt. Gespannte packte er es aus - und starrte dann etwas ratlos auf eine kleine Holzbox.

"Das ist ein kleiner Kasten, der mit dem Zauberspruch des Nimmervollen Beutels belegt ist. Und der Schlüssel, den ich dir vor einigen Tagen geschenkt habe, öffnet sie", erklärte Hermine, als sie seine Verwirrung sah. Ein begeistertes Leuchten trat in Dracos Augen - das Geschenk war wirklich fabelhaft und er konnte sich nicht vorstellen, dass er sich mehr über irgendetwas anderes gefreut hätte. Nachdem er sein Geschenk wieder auf dem Tisch abgestellt hatte, fiel ihm auf, dass ihm die Gesprächsthemen ausgegangen waren. Worüber sollte er mit Hermine reden? Sollte er direkt mit der Tür ins Haus fallen und ihr sagen, was er fühlte? Doch was, wenn sie es nicht erwiderte? Noch hatte sie ihm keinen Anlass gegeben zu hoffen. Unsicher ließ er seinen Blick durch die Menge wandern und stellte fest, dass einige Schüler, die ihre Geschenke bereits übergeben hatten, sich nun auf der Tanzfläche zu einem langsamen Walzertakt vergnügten. In Ermangelung besserer Ideen trat er einen Schritt zurück, fiel in eine tiefe Verbeugung und hielt Hermine seine rechte Hand hin: "Darf ich um diesen Tanz bitten?"

Hermine, die nicht mit so vollendeter Höflichkeit gerechnet hatte, ließ tiefrot an, doch sie legte ohne Umstände ihre Hand in die seine und ließ sich zur Tanzfläche führen. Jene Schüler, die die Szene beobachtet hatte, stießen aufgeregt ihre Freunde an und innerhalb kürzester Zeit war jede Bewegung in der Großen Halle erstarrt. Selbst die Lehrer starrten wie gebannt auf das ungleiche Paar, das auf der Tanzfläche die ersten zaghaften Schritte wagte.

"Wir werden beobachtet", flüsterte Draco amüsiert. Hermine hätte diesen Hinweis nicht gebraucht, sie war sich der Aufmerksamkeit nur zu bewusst und versuchte verzweifelt, nicht die Nerven zu verlieren. Insbesondere die finsteren Blicke von Ron und Harry spürte sie nur zu deutlich. Sie hatten die Tanzfläche bereits halb umrundet, als endlich wieder Leben in die übrigen Schüler kam. Von Seiten der Slytherins her brandete Jubel und Applaus auf, der bei den Schülern der anderen Häuser zuerst auf völliges Unverständnis stieß, doch als Dumbledore in den Applaus mit einstimme, fielen die übrigen auch mit ein. Aus den Augenwinkeln konnte Hermine sehen, wie Harry und Ron hektisch auf Ginny einredeten - und was auch immer diese zu ihnen sagte, schien sie zumindest vorläufig zu besänftigen. Der Applaus wurde leiser und endlich stießen wieder andere Paare zu ihnen auf die Tanzfläche hinzu.

"Das hätten wir also geschafft", sagte Draco erleichtert.

"Ja, in der Tat. Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet deine Freunde zu jubeln würden."

"Oh", meinte er fröhlich, "das liegt vermutlich an dem, was heute Morgen im Gemeinschaftsraum vorgefallen ist. Aber nein, ich werde dir nicht davon erzählen."

Unzufrieden, aber wissend, dass nachfragen nichts bringen würde, schwieg Hermine und ließ sich von Draco weiter über die Tanzfläche führen. Sie war begeistert, dass er neben Rechts- und Linksdrehung auch andere Figuren wie den Wischer oder den Impetus kannte. Sie hatte seit dem Ball vor einem Jahr keine Gelegenheit zum Tanzen mehr gehabt. Als die Musik verstummte, war sie entsprechend traurig. Sie hörte, dass der nächste Tanz eine Samba wurde, doch in diesem Kleid kam der Tanz für sie nicht in Frage. Etwas enttäuscht - sie hatte sich mehr von dem gemeinsamen Tanz erhofft - ließ sie sich zu ihrem Platz zurückführen.

Draco derweil registrierte, dass dank der schnellen Latein-Musik die Fläche nun deutlich bevölkerter als zuvor war und an dem Gryffindor-Tisch außer ihnen keiner mehr war. Tief holte er Luft, dann ergriff er die Hand von Hermine und sagte leise: "Hermine. Es tut mir leid, wie ich mich verhalten habe. Ich habe die Sache mit Blaise falsch verstanden und ... ich muss zugeben, ich war eifersüchtig."

"Eifersüchtig?", hakte Hermine nach, als sie merkte, dass Draco verstummte und der Mut ihn verließ: "Warum?"

"Weil ...", setzte Draco an, doch er musste schlucken, ehe er weitersprechen konnte, "weil ... ich mich selbst auch in dich verliebt habe."

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, senkte er seinen Blick. Die Angst, dass Hermine ihn auch abweisen würde, wie sie es bei Blaise getan hatte, beherrschte seinen ganzen Körper. Er spürte das nervöse Flattern in seiner Magengegend, bemerkte ärgerlich, dass seine Hände kalt und schwitzig waren und konnte nicht verhindern, dass sich eine ganz leichte Röte in sein Gesicht schlich. Unendlich schien ihm die Stille, ehe er endlich Hermines Stimme hörte.

"Ich würde mich freuen, wenn du mich anschaust, wenn ich mit dir rede", sagte sie streng. Noch verunsicherter als zuvor schaute Draco wieder auf, direkt in die warmen, braunen Augen von Hermine.

"Draco Malfoy", sagte sie ebenso ernst wie er, "ich habe mich auch in dich verliebt."

Mit klopfendem Herzen und hochrotem Gesicht beobachtete Hermine, wie sich erst ein kleines Lächeln, dann ein ausgewachsenes, breites Grinsen auf das Gesicht des jungen Mannes vor ihr stahl. Angesteckt durch sein ausgelassenes, erleichtertes Lachen musste auch sie kichern.

"Oh man", kam es schließlich von ihm, "ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so nervös!"

"Freut mich!", erwidere Hermine schelmisch, "Da kann ich mir ja aufschreiben, dass ich der erste Mensch bin, der Draco Malfoy schwitzige Hände bereitet hat!"

Dafür bedachte Draco sie mit einem gespielt bösen Blick, doch ehe er eine Antwort von sich geben konnte, traten Ron, Harry, Ginny und Lavender auf sie zu.

"Darf man gratulieren?", fragte Ginny grinsend. Als Hermine nickte, entfuhr ihr ein freudiges Quietschen und ehe Hermine sich versah, wurde sie von den beiden Mädchen fest gedrückt. Harry und Ron sahen weniger glücklich aus, doch auch sie gratulierten ihr: "Ich freue mich für dich, Hermine. Aber du, sieh dich vor, Malfoy. Wenn du Hermine das Herz brichst, brechen wir dir was ganz anderes!"

"Alles klar, Wiesel. Musst keine Angst um sie haben, ich passe schon gut auf Hermine auf!"

Kurz noch blieben die vier, dann ließen sie das frische Paar wieder alleine. Ein neuer Tanz wurde angespielt, ein Slowfox, wie Hermine heraushörte, und diesmal war sie es, die Draco zum Tanzen aufforderte. Froh, dass bei diesem schwierigen Tanz die Fläche beinahe vollständig leer war, schwebte Hermine über das Parkett. Minutenlang gab es für sie nur die Musik, die starken Arme von Draco und das Gefühle, nicht auf dem Boden, sondern über Wolken zu tanzen. Als auch dieses Lied zum Ende kam, zog Draco Hermine eng an sich und schloss beide Arme um sie. Schüchtern schaute sie zu ihm auf, begegnete seinem ebenfalls schüchternen Blick, dann schloss sie die Augen, kam ihm ein Stück entgegen - und endlich spürte sie seine warmen Lippen auf den ihren. Verzaubert genoss sie den Kuss, stand einfach nur da, schaltete alles um sich herum aus und ließ sich küssen, wie sie noch nie geküsst worden war. Dann, für ihren Geschmack viel zu schnell, löste er sich wieder von ihr, hustete etwas atemlos, und hielt ihr erneut seine Hand hin. Eine Rumba wurde gespielt und kein Tanz der Welt hätte Hermine in diesem Moment lieber getanzt als diesen vor Leidenschaft knisternden Latein-Tanz.

Von seinem Platz am Slytherin-Tisch aus beobachtete Blaise seinen besten Freund und das Mädchen, in das er sich verliebt hatte. Er konnte nicht leugnen, dass der Anblick des glücklichen Paares ihm einen Stich im Herzen versetzte, aber das strahlende Lächeln von Hermine entschädigte ihn für alles. Es war ja nicht so, dass er sie verloren hatte. Er würde sich einfach mit seiner Rolle als guter Freund zufrieden geben müssen. Und wer wusste schon, ob die Beziehung der beiden halten würde? Sollte Draco sie verletzen, wäre er sofort zur Stelle.


  • Ende

Kommentare

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    Ich hab die Kapitel förmlich verschlungen :) Leider kam das Ende viel zu schnell... :'o Super geschrieben!^^

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Feenstaub

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