Das Bündnis

                                                          ***Keeda***

"Der Abgrund! Alice der Abgrund! Bring ihn näher daran!", Keeda fühlte sich als würde sie sich die Seele aus dem Leib schreien und es frustrierte sie, dass Alice sie nicht zu verstehen schien.
"Wie schwer von Begriff kann man eigentlich sein? Lass ihn reinfallen!", Harbeks Stimme klang nicht weniger heiser, als die ihre, dafür um ein vielfaches zorniger.
"Sie hat es verstanden!", rief Keeda dem Zwerg zu, als sie sah wie sich Alice Augen kurz weiteten, "Jetzt!"
In einer flüssigen Bewegung schulterte sie wieder ihren Bogen und warf sich mit all ihrem Gewicht, Zorn, Willen und ihrer Angst auf den Boden. Für Keeda blieb einen Moment die Zeit stehen, in dem sie alles was auf ihr lastete in den Boden unter ihr fließen ließ und in dem sie sich federleicht und frei fühlen konnte.
Der Boden erbebte unter ihrem Willen und die steinerne Brücke wurde zu einem Mosaik aus Rissen.
"Nein hat sie nicht!", schrie Harbek angsterfüllt und hielt sich nur mühsam auf den Beinen. Keeda folgte seinem Blick leicht benommen und sah mit Schrecken, wie sich Alice abermals auf die Bestie stürzte, die bereits nach hinten torkelte und drohte in die Tiefe zu stürzen.
Sie warf sich mit all ihrem Gewicht und den beiden Dolchen in den Händen gegen die Brust des Riesen und warf sich mit ihm in den Abgrund. Das Monster schrie überrascht auf, als es spürte wie es durch den steinernen Boden brach und in die Tiefe stürzte.
"Alice!" Keedas Schrei ging im Gebrüll des Monsters unter.

                                                            ***Alice***

Alice schloss die Augen, als sie sich gegen das Monster warf und ihre Klingen in der grauen Haut vergrub. Sie konnte den Herzschlag der Bestie unter ihren Armen spüren und über seine Schulter in die bodenlose Schwärze sehen.
Ein ehrenvoller Tod, dachte sie noch bevor sie die Augen schloss und fühlte, wie sich etwas enges um ihre Brust schloss. Die Hand des Riesen, vermutete sie.
Eine gewaltiger Ruck riss sie plötzlich nah hinten und ließ sie ihre Augen aufreißen und auf die goldenen Lichtketten um ihren Körper starren. Ihre Waffen wurden ihr aus den Händen und zusammen mit dem Monster in die Tiefe gerissen, während sie in der Luft hängen blieb.
Jemand schrie ihren Namen, und gleich darauf griffen ein paar starke Hände nach ihrem Kragen und zerrten sie zurück auf den rauen Steinboden. Sie unterdrückte einen Aufschrei, als Keeda ihr dabei ein paar Haarsträhnen herausriss.
Ungläubig lag sie auf dem Rücken und starrte in das Gesicht der Drow. Der Mond spiegelte sich in ihren weit aufgerissenen Augen und brachte ihr silbernes Haar und die gleichfarbige Tätowierung unter ihren Augen zum leuchten.
"Mach das nie wieder!", fauchte Harbek und ließ sich völlig erschöpft neben ihnen auf den Boden fallen. Der Zwerg half ihr dabei sich aufzusetzen, lächelte sie aber erleichtert an.
"Weshalb bei allen Göttern, hast du dich gegen ihn geworfen? Wolltest du unbedingt sterben?", fragte Keeda ungläubig und starrte sie aus großen, roten Augen an. Alice erwiderte ihren Blick verwirrt.
"Ich ..." setzte sie an, doch ein Stöhnen ersparte ihr die Erklärung.

                                                         ***Keeda***

Keeda stand augenblicklich auf und hob den Bogen, halb erwartete sie einen zweiten Riesen aus den Schatten des Tores heraustreten zu sehen, doch sie ließ ihn augenblicklich sinken, als sie eine Bewegung am Fuß der Steinmauer bemerkte.
"Wilfred!", stieß Alice aus und richtete sich mit Harbeks Hilfe schwankend auf.
Sie kniete sich neben den Soldaten, und untersuchte ihn auf Verletzungen. Keeda wurde bei dem Gedanken, wie sie ihn damals unwirsch zurück gewiesen hatte, als er das Gleiche bei ihr getan hatte, traurig. Damals ... Das alles ist weniger als einen Tag her ...
Wilfred schüttelte den Kopf und hielt Alice Handgelenk in der Bewegung fest.
"Es tut mir so leid, ich hätte vorsichtiger sein sollen", stöhnte er leise und schnappte rasselnd nach Luft, "Aber ich konnte nur noch an all die Freunde denken, die sie auf dem Gewissen hat ..." Ein Hustenanfall schüttelte ihn und er spuckte Blut auf den Boden.
Keeda suchte Harbeks Blick, doch er schüttelte kaum merklich den Kopf, bevor er Alice beruhigend eine Hand auf die Schulter legte.
"Berichtet Feldwebel Knox was passiert ist. Bittet ihn, sich um meine Mutter zu kümmern", seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, "Es war mir eine Ehre an eurer Seite zu kämpfen."
"Haltet durch Wilfred! Wir holen Hilfe", Alice Stimme zitterte und sie drückte fest seine Hand. Er lächelte sie schwach an und fing eine Träne auf, die sich von ihrer Wange gelöst hatte.
"Für mich ist es zu spät, doch nicht für die Menschen Neverwinters.
Ihr müsst Valindra aufhalten. Lord Neverember ist kein Heiliger, doch die Alternative ist viel schlimmer. Wenn Neverember fällt herrscht der Tod über Neverwinter! Sucht nach Feldwebel Knox. Er ist einer von Neverembers Wachen, einer der Guten ...!" Seine Atemzüge wurden schwerfälliger, "Ihr müsst ... Valindra ...!" Mit einem letzten Seufzer atmete er aus.
"Wilfred!", Alice flüsterte seinen Namen und drückte erneut seine Hand, doch die Augen des Soldaten blieben starr in die Leere gerichtet. Harbek schloss sie mit einer sachten Handbewegung und zog Alice auf die Beine.
Keeda machte es ihr nach und ging zu einem Rad, mit dem sie das erste der beiden Fallgitter hinab ließ. Sachte zog sie Alice von dem Leichnam und dem Anblick wie Harbek ihn hinter ihnen vor das zweite Gitter zerrte weg. Tröstend legte sie ihren Arm um ihre Schultern, während der Zwerg das zweite Gitter schloss und so die Brücke für Valindras Armee versperrte.
Alice straffte unter Keedas Berührung die Schultern und wischte sich die Tränen von den Wangen.


"Wilfred ist tot? Himmel und Hölle, er war zu jung für so einen Tod!"
Feldwebel Knox schaute betrübt in die Ferne, bevor er sich wieder den drei Kämpfern widmete.
"Er war zu jung für jeden Tod!", fauchte Alice den großen, dunkelhäutigen Mann an. Er war mehr als einen Kopf größer als sie und mit seinen muskulösen Schultern auch doppelt so breit, trotz der Sicherheit in der Protectors Enclave trug er eine schwere Rüstung. Sein rechtes Auge wurde von einer Augenklappe verdeckt, doch mit dem anderen sah er Alice mitfühlend an.
"Ich möchte euch für eure Hilfe auf der Brücke danken", sprach er sanft weiter, "Ohne euch hätte Valindra sie eingenommen und wir würden schon bald einen Kampf hier im Herzen der Enclave ausfechten. Ihr habt unzählige Leben gerettet, nehmt dort aus der Kiste eure Belohnung.
Neverwinter braucht Helden wie euch, und die Tatsache dass diese Bestie, dieser Vorbote Valindras, so nah an unsere Mauern kommen konnte, stellt die gesamte Sicherheit der Enclave in Frage." Knox sah jeden von ihnen aus seinem Auge ernst an, "Gut möglich, dass eure Dienste schon bald wieder benötigt werden."
Alice verschränkte die Arme vor der Brust und sah betreten zur Seite, indessen Harbek die Kiste hinter dem Feldwebel prüfend musterte. Ohne Zweifel schätzte er gerade ab, wie viele Goldstücke sich in ihr verbargen.
Knox bedankte sich erneut bei ihnen, bevor er sie allein ließ, um Lord Neverember von den jüngsten Geschehnissen zu berichten.

Sobald er außer Sichtweite war, trat Harbek vor und öffnete die Truhe. Als er sich wieder aufrichtete hielt er mit leuchtenden Augen eine Kette in den Händen, deren Anhänger mit Schriftzeichen versehen war, die weder Keeda noch Alice bekannt waren; doch für den Zwerg schien das Amulett mehr zu bedeuten als eine Kiste voll Gold.
Keeda fand in der Truhe einen neuen Bogen und drückte Alice, als diese sich nicht rührte, ein paar neue Dolche in die Hände, die sie teilnahmslos entgegen nahm.

Sie schien keine Regung mehr zeigen zu wollen, selbst als Harbek, Keeda und sie durch die Gassen der Protectors Enclave streiften, einer Stadt voller Treppen, engen Straßen, gewaltiger Bauten und zahlloser Menschen, sprach sie kein Wort.
Erst als sie über den Marktplatz schlenderten blieb sie unvermittelt im Schatten eines gewaltigen Baumes stehen. Harbek und Keeda drehten sich verwundert zu ihr um.
"Ich habe über das nachgedacht was Wilfred gesagt hat ..." begann sie und sah betreten zu Boden. Keeda ging vorsichtig auf die Frau zu, die sie erst einen Tag kannte, mit der sie aber mehr durchlebt hatte, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben.
"Worüber genau?", fragte sie vorsichtig, wohl wissend auf welch unbekanntem Terrain sie sich bewegte. Sie war noch nie eine gute Trösterin gewesen, geschweige denn eine gute Freundin ... oder überhaupt jemandes Freundin.
"Er sagte, wenn Neverember fällt, herrscht der Tod über die Stadt. Ich meine seht euch doch um ... ", sie deutete auf die Menschen auf dem Marktplatz, die unbekümmert ihre Besorgungen machten, "Was wird Valindra mit all diesen Menschen tun?" Sie sah verzweifelt von einem zum anderen und kämpfte um jedes Wort.
"Sie töten?", fragte Harbek und Keeda zischte ihn warnend an. Selbst sie als Drow hatte bemerkt wie unsensibel seine Worte waren. Entschuldigend hob er die Hände, doch Alice lachte freudlos auf.
"Sie töten oder schlimmeres! Wilfred hätte sein Leben für die Sicherheit dieser Leute gegeben, er hat sein Leben für ihre Sicherheit gegeben, und hatte mit jedem seiner Worte recht. Wir müssen Valindra aufhalten! Wir haben zu dritt eine kleine Armee von ihren Untoten besiegt, sogar diesen Vorboten. Wenn nicht wir für die Sicherheit des Volkes kämpfen, wer dann?"
Harbek schaute nachdenklich auf sein Siegel, während Keeda fassungslos in Alice schönes, aber schmerzverzerrtes Gesicht sah.
"Ich möchte euch damit sagen, dass wir uns verbünden sollten! Wir sind eine fantastische Gruppe und dieses Bündnis kann für jeden von uns eine neue Möglichkeiten sein, seine Ziele zu erreichen.
Harbek, du sagtest, du wärst für jeden Kampf zu haben, bei dem du die Untoten wieder in ihre Gräber schicken kannst. Als Priester ..."
"Glaubenskleriker", berichtigte Harbek sie leise, doch bestimmt.
"Als Glaubenskleriker ist es doch deine Aufgabe den Göttern zu dienen und ihrem Willen zu entsprechen. Was könnten sie mehr wollen, als die Dunkelheit die Valindra in die Welt gebracht hat wieder zu verbannen?"
Alice sah den Zwerg erwartungsvoll an und Harbek grummelte zustimmend.
"Von einem gewissen Standpunkt aus gesehen, hast du Recht", gab er zu, "Ich wäre dabei. Es muss schließlich etwas bedeuten, dass wir uns nicht gleich bei der Ankunft in der Protectors Enclave getrennt haben und alle zusammen in den Genuss deiner Rede kommen."
Alice lächelte ihn dankbar und und drückte seine Hand.
"Und Keeda ... ", sie verstummte beklommen, "Ich weiß eigentlich nichts über dich und deine Ziele, doch ich bin sicher, dass auch du von einem Bündnis profitieren würdest. Ich habe dich auf der Brücke kämpfen sehen, du warst fantastisch, unglaublich ..."
Sie verstummte als Keeda ihr das Wort mit einer Handbewegung abschnitt.
"Hör bitte mit diesen leeren Komplimenten auf", sagte sie tonlos und sah von Alice zu dem Zwerg hinunter, der sie erwartungsvoll beobachtete.

Sie wandte sich von den beiden ab und starrte auf das rege Treiben auf dem Marktplatz, während sie in ihre Gedanken vertieft über ihre Wangen strich.
Das Mal des Donnerrabens, die Tätoowierung die sie als Verbannte brandmarkte und sie zu einer Vogelfreien machte, war abgeschwollen und die silberne Tinte hob sich nun deutlich von ihrer obsidianfarbenen Haut ab.
Eine Warnung nicht der Dunkelheit zu verfallen, so hatte sie es gegenüber Harbek bei ihrer ersten Unterhaltung bezeichnet.
Sie dachte über Alice Vorschlag und die Geschehnisse der letzten Tage nach. Die Flucht aus ihrer Heimat, der Angriff auf das Schiff, das Treffen mit Wilfred, Harbek und Alice.
Wie sie die Menschenfrau hätte sterben lassen, wenn sie nicht aus eigener Kraft angefangen hätte zu atmen und daran, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt keinen Moment über die Menschen Neverwinters nachgedacht hatte. An ihr Leiden, ihre Sicherheit, ihr Überleben. Es wäre grausam wenn sie sie im Stich ließe, es wäre genau das, was jeder von einer Drow erwarten würde.
"Ich bin dabei!" antwortete sie und drehte sich abrupt zu ihren Gefährten um.
"Wirklich?", fragte Alice erstaunt und ein breites Lächeln breitete sich auf ihrem schönen Gesicht aus und ließ ihre blauen Augen leuchten.
Keeda verdrehte die Augen und nickte, konnte aber nicht verhindern, dass sich auch auf ihre Lippen ein Lächeln stahl.
"Wir werden uns aber nicht vor Freude in die Arme fallen", knurrte Harbek und verzog missmutig den Mund, um das Grinsen darauf zu verstecken.
"Keine Sorge Priester", zwinkerte Alice ihm zu und gab ihm einen Kuss auf die stoppelige Wange. Er drückte sie weg, konnte aber das Grinsen nicht mehr verbergen.
"Wir reisen und kämpfen ab jetzt zusammen? Das kann ja heiter werden", murmelte Keeda und erwartete halb, dass Alice versuchte auch ihr einen Kuss zu geben, doch sie legte ihr nur den Arm um die Schulter und antwortete: "Ja, wir reisen und kämpfen ab jetzt zusammen. Für Wilfred und die Menschen von Neverwinter!"
"Und für die Götter!" berichtigte Harbek und strich liebevoll über sein Siegel.
"Und die Freiheit", murmelte Keeda leise.
"Und damit wir endlich erfahren, weshalb Wilfred für dich so etwas besonderes war!" ergänzte Harbek erneut und hob abwehrend die Hände, als er Keedas fassungsloses Gesicht sah, "Was? Als ob du dich nicht das selbe gefragt hättest!"
Sie schüttelte energisch den Kopf, um ihn am weiterreden zu hindern, doch Alice überging seine unsensible Frage mit einem Lächeln, zog sie aus dem Schatten des großen Baumes und weiter über den sonnigen Marktplatz der Protectors Enclave.

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