Wahrlich, die Zeit selbst musste diesen Landstrich vergessen haben, der in einer urtümlichen Rohheit und unberührt von den Verwüstungen der Moderne weitab jeder Zivilisation lag. Wenn es je eine Gegend verdient hatte, gottverlassen genannt zu werden, so war es diese. Denn Gottes Gegenwart war hier nicht zu spüren. Stattdessen haftete der Landschaft eine archaische Aura an. Eine Präsenz, die älter war als Götter oder Menschen.
Ein Schaudern überkam mich, als wir in Zweierreihen zwischen den uralten Bergen in das Tal einzogen, beschattet von riesigen, knöchrigen Eichen, von denen noch vereinzelt das Herbstlaub fiel. Über uns war der Himmel grau und dicke Regentropfen fielen herab. Sie durchweichten unsere Uniformen, unsere Haut. Ja, wir glaubten gar, den Regen bis in unsere Knochen zu spüren.
Vor uns, angeschmiegt an den Fuß des Berges, erkannten wir das Ziel unseres Marsches: ein kleines Dorf aus niedrigen Hütten, aus deren strohgedeckten Dächern Rauch aufstieg. Die Behausungen waren kreisförmig um einen Platz angeordnet, auf dem eine hölzerne, mit schwarzen Schindeln gedeckte Kirche und ein langgezogenes Gasthaus standen.
Ich versuchte mich an den Namen des Dorfes zu erinnern, aber es gelang mir nicht. Es war zu unbedeutend, um auch nur einen Punkt auf einer Landkarte zu verdienen. Ich hätte wohl nie auch nur von seiner Existenz erfahren, hätte mich der Krieg nicht hierher gebracht. Ja, der Krieg hatte die Menschen des Ostens aufgescheucht, wie ein Ameisennest. Nun streiften bewaffnete Scharen überall durch die weiten Ebenen und Gebirgszüge und kamen dabei an entlegene Orte, die seit Jahrzehnten nicht von Fremden bereist worden waren.
Die Kompanie, der ich angehörte, war abgestellt worden einen Bergpass zu bewachen. Zu schmal, um als Heeresstraße zu taugen, konnten über ihn doch feindliche Kommandoeinheiten ins Landesinnere eindringen.
Wir sollten unser Biwak außerhalb der Siedlung aufschlagen, doch zunächst galt es, sich mit der einheimischen Bevölkerung zu verständigen.
Die Dorfbewohner beäugten uns misstrauisch, als wir zwischen den Lehmhütten hindurch schritten. Tiefe Falten legten sich über ihre wettergegerbten Gesichter und ließen sie mürrisch und abweisend wirken. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Ihre Münder hielten sie zu dünnen Schlitzen zusammengepresst, denen kein Laut entwich.
Auch die Gespräche der Soldaten, die zotigen Scherze, das derbe Gelächter waren verstummt. Als die einzigen Geräusche blieben das prasseln des Regens und das dumpfe patschen schwerer Stiefel auf schlammigem Untergrund.
Vor der Kircher erhielten wir Erlaubnis unser schweres Gepäck abzunehmen und zu rasten. Wir setzten uns auf unsere soliden, ledernen Tornister und stützten unsere Gewehre vor uns ab, während der Hauptmann auf den Priester zuging, der mit würdevollem Schritt aus der Kirchentür trat.
Er trug eine lange, dunkelgraue Robe und sein scharf geschnittenes Gesicht, das von dünnem, aschfarbenem Haar eingerahmt wurde, hatte etwas falkenhaftes, obgleich es eingefallen und vom Alter gezeichnet war. Der Priester starrte mit einem unheimlich intensiven Blick aus seinen stahlgrauen Augen, und schien direkt in die Menschen hinein zu sehen. Er wechselte einige Worte mit dem Hauptmann, dann winkte er er ihn in die Kirche. Wir anderen blieben vor dem Gotteshaus sitzen und tuschelten leise untereinander. Keinem von uns war dieser Ort wirklich geheuer.
Nach einer furchtbar langen Zeit, in der wir nass und frierend unter den bohrenden Blicken der Einheimischen dagesessen hatten, traten die beiden wieder durch die Türen. Ohne ein Wort gab unser Befehlshaber uns das Zeichen zum Aufbruch und wir folgten ihm aus der Siedlung heraus. Ein Teil unserer Anspannung schien von uns ab zu fallen, als wir die Hütten hinter uns ließen.
Unser Weg führte uns zum Bergpass, in dessen unmittelbarer Nähe wir unser Biwak errichteten. Nachdem wir unsere Zelte aufgeschlagen hatten, wurden wir in den Wald geschickt um Holz zu schlagen. Es gab viel zu tun. Das Lager musste befestigt werden, und es musste so schnell wie möglich eine einfache Schanze am Pass her. Wie unser Hauptmann uns auf dem Weg mitteilte, hatte ihm der Priester gesagt, die Dorfbewohner hätten in letzter Zeit vermehrt Soldaten am Pass und in den Wäldern gesehen. Er glaubte, dass eine größere Einheit bald versuchen würde den Pass zu überqueren und wollte keine Zet verlieren.
Die Bäume wehrten sich erbittert gegen unsere Äste, als wir versuchten sie zu fällen. Das Holz unter ihrer uralten, knochigen Rinde war hart wie Eisen und ihre Stämme waren dick. In Schweiß gebadet und vor Anstrengung keuchen, wünschte ich mir bei jedem Schlag, bei den anderen Soldaten zu sein, die in diesem Augenblick am Pass Gräben aushoben. Sicher war es einfacher die Erde aufzureißen, als diese hölzernen Giganten zu Fall zu bringen.
Wir hatten nicht einmal annähernd genug Holz geschlagen, als die Sonne in tiefem rot hinter den Bergen versank. Die Befestigung des Passes würde eine Arbeit werden, die auch mich noch einige Wochen auf Trab gehalten hätte.

Weit nach Einbruch der Dunkelheit, der Mond stand bereits hoch am Himmel, hatten wir die Baumstämme endlich zum Bergpass geschafft und uns in das Lager zurückgezogen. Da wir zwar von der Arbeit erschöpft waren, jedoch noch keine sonderliche Müdigkeit verspürten, schlichen wir uns im Schutze der Dunkelheit aus dem Biwak um in das Gasthaus des Dorfes einzukehren.
Die Dorfschenke war das einzige Gebäude, in dem zu dieser späten Stunde noch Licht brannte. Zumindest schien es aus der Entfernung gesehen so zu sein. Die Dörfler, die um diese Zeit nicht dort einkehrten, waren wohl bereits zu Bett gegangen.
Vorsichtig schlichen wir, fünf an der Zahl, an den Wachtposten vorbei. Zwar glaubten wir nicht, dass diese uns an den Hauptmann verraten würden, doch wir wollten es auch nicht darauf anlegen. Angespanntes Schweigen umhüllte uns, als wir zwischen den Stümpfen der gefällten Bäume hindurch in den Wald traten. Unsere Stiefel versanken in der dicken Schicht aus feuchtem Laub, und Schwärze schien alles um uns zu verschlucken. Aus der ferne hörten wir den Ruf einer Eule. Ein Rudel Wölfe antwortete in vielstimmgem Heulen darauf. Mich überlief ein Schaudern und Kälte kroch mir in die Glieder, obwohl die Temperaturen in diesem Herbst recht mild waren und auch der Regen gegen Nachmittag aufgehört hatte. War es der ungemilderte Kontakt mit der rohen Natur, so fern von den großen Städten, der mich derartig beklommen stimmte? Oder war da tatsächlich etwas unnatürliches an diesem Flecken Erde? Diese Fragen stellte ich mir in jenem Augenblick.
Nach dem wir lange zwischen den mächtigen Eichen hindurch schritten, kamen wir endlich an den Saum des Waldes und konnten das Dorf wieder vor uns sehen. Nun fiel auch ein Teil der Anspannung von uns ab und wir begannen uns wieder gedämpft zu unterhalten. Gott, wie ich mich in diesem Moment auf ein Bier in diesem verdammten Gasthof freute!
Die Gassen des Dorfes waren menschenleer, nur aus der Schänke drangen Gesprächsfetzen nach draußen. Ansonsten hing Stille wie ein Tuch über der Siedlung. Wir traten durch die schwere Holztür in den Schankraum ein und fanden uns in einem gemütlichen, von einem Feuer erhellten Raum wieder. Die Wände waren in bunten Farben mit Blumen bemalt und unter dem strohgedeckten Dach waren Girlanden aus geflochtenen Trockenblumen gespannt. Die Dorfbewohner saßen an Tischen rund um die Feuerstelle in der Mitte des Raumes, tranken aus großen Steingut-Krügen und hatten sich angeregt unterhalten....bis wir durch die Tür traten. In diesem Moment verstummten in kurzer Zeit sämtliche Gespräche, und alle blickten uns mit durchdringenden, misstrauischen Blicken an.
Die Temperatur im Raum schien zu sinken und die freundliche Atmosphäre war wie weggeblasen.
Erstaunt über diesen plötzlichen Wandel der Situation blieben wir einen Moment wie angewurzelt stehen. Doch dann besannen wir uns auf unser Anliegen und zogen uns in eine dunkle Ecke des Schankraumes zurück. Sollten diese Hinterwäldler doch unter sich bleiben! Wir hatten ohnehin kein großartiges Bedürfnis mit ihnen zu sprechen. Ich ging zum Wirt des Gasthauses und orderte fünf Bierkrüge, dann setzte ich mich zurück zu meinen Kameraden, wo wir uns gedämpft unterhielten. Über den Krieg, über Frauengeschichten und über das, was wir tun wollten, wenn wir wieder nachhause kamen. Einer der Männer stellte einen Würfelbecher auf den Tisch und wir begannen Pasch zu spielen.
Die Dorfbewohner beachteten uns dabei nicht weiter, sondern waren in ihre eigenen Gespräche vertieft, die nun wieder lauter wurden. Doch mir fiel ein junger Mann auf, der immer wieder zu uns hinüber schielte. Er war kräftig, hatte dunkles Haar und wirkte längst nicht so alt und verlebt wie die anderen Männer in diesem Lokal.
Wir saßen bis tief in die Nacht beisammen und als der Schankraum sich langsam zu leeren begann, beschlossen wir auch, ins Biwak zurückzukehren. Wir stellten unsere Bierkrüge am Tresen ab und ich wollte den anderen durch die Tür folgen, doch bevor ich als letzter durch den Rahmen treten konnte, hielt mich eine starke Hand an der Schulter zurück. Es war der junge Mann, der uns vorhin beim Würfeln zugesehen hatte.
Er stellte sich als Sohn des Holzfällers vor und fragte mich, warum wir Soldaten in die Region gekommen seien, der Priester hätte den anderen Dorfbewohnern nichts erzählt. Ich antwortete ihm, dass wir hier seien um den Pass zu verteidigen und er fragte mich woher wir kamen. Allerdings scheiterte ich daran ihm dies zu erklären, da seine geographischen Kenntnisse am Rande des Gebirges endeten.
Meine Kameraden warteten unterdessen ungeduldig auf mich. Ich gab ihnen zu verstehen, dass ich noch eine Weile bleiben wollte und sie ohne mich zurück gehen sollten. Seufzend machten sie sich auf den Weg und ich ging mit meinem Gesprächspartner zurück in den Schankraum.
Es entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung über unsere jeweilige Heimat und die Unterschiede. Er hörte meinen Schilderungen von den hohen Bauten und den prunkvollen Palästen der Städte mit vor Unglauben geweiteten Augen zu. Während dieser Unterhaltung spürte ich erneut die Blicke der wenigen verbliebenen Einheimischen in meinem Rücken und ich fragte, warum die Menschen hier so misstrauisch gegenüber Fremden seien.
Diese Frage war ihm offensichtlich unangenehm, denn er begann sich auf seinem Stuhl nervös zu winden und unzusammenhängend von dem Priester und irgendwelchen Geheimnissen zu stammeln.
Plötzlich packte eine riesige, muskulöse Pranke den Jungen von hinten am Kragen und schleifte ihn zur Tür, ihn wüst zurecht weisend.
Verwundert über diese grobe Behandlung ging ich ebenfalls zur Tür und schaute dem Mann nach, der wohl der Vater des Jungen war. Er hatte ihn am Handgelenk gepackt und zog ihn energisch in Richtung der Kirche.
Ich wollte ihnen nachlaufen, doch eine gebrechlich Hand hielt mich sanft, doch bestimmt zurück. Sie gehörte zu einer alten, dürren Vettel, die langsam den Kopf schüttelte und in die Richtung wies, in der das Biwak lag. Die anderen Dorfbewohner hatten sich drohend hinter ihr aufgebaut.
Ein mulmiges Gefühl packte mich und mit einem letzten unschlüssigen Blick in Richtung der Kirche machte ich mich auf den Weg zurück ins Lager.

Der nächste Morgen kam mit dichten Nebelschwaden, in denen man kaum fünf Schritte weit sehen konnte. Die dicke Hexensuppe war in der Nacht über den Gebirgspass gekrochen und hatte das gesamte Tal in weißes Nichts gehüllt.
Nach dem Weckruf hatten wir uns wie üblich auf dem Exerzierplatz vor dem Lager zum Drill versammelt. Doch heute sollte etwas unerwartetes geschehen.
Neben dem Hauptmann traten auch der Priester und zwei Dorfbewohner auf den Platz. Sie hatten unserem Kommandanten verraten, dass sich einige Soldaten in der letzten Nacht in das Dorf geschlichen hatten. Einer der Dorfbewohner zeigte nun der Reihe nach auf mich und meine vier Gefährten.
Der Hauptmann war außer sich vor Zorn, er war ein strenger Anführer und duldete derlei Disziplinlosigkeit unter seinem Kommando nicht. Er verordnete uns allen Stockhiebe um uns dieses Verhalten auszutreiben, doch gerade als wir vortreten sollten, damit seine rechte Hand die Strafe vollstrecken konnte, schritt der Priester ein. Er appellierte an die christlichen Tugend der Vergebung und bat unseren Hauptmann darum, uns als Bestrafung stattdessen für einige Arbeiten mit ins Dorf nehmen zu dürfen.
Der Hauptmann zögerte eine Weile, doch schließlich willigte er ein, drohte uns aber, sollte so etwas noch einmal vorkommen, würden wir die doppelte Anzahl an Schlägen zu spüren bekommen. Dankbar für mein Rettung schaute ich den Priester an, doch dieser hatte nur einen eiskalten Blick für mich übrig.
Im Dorf angekommen, nahm mich der Mann beiseite, der gestern seinen Sohn so grob aus dem Schankraum gezerrt hatte. Er sagte, dass das Wasser im Brunnen versiegt sei, und die Dorfbewohner einen weiten Weg hätten um frisches Wasser aus den Bergen zu holen. Der Brunnen reichte tief in den Fels hinein und wurde von einem unterirdischen Fluss gespeist. Meine Aufgabe sollte es sein, herauszufinden, warum diese Quelle nun kein Wasser mehr gab und gegebenenfalls das Hindernis zu beseitigen, das den Fluss blockierte. Der Mann drückte mir eine Spitzhacke in die Hand, dann führte er mich an den Brunnen.
Dieser hatte einen Rand aus aufeinander getürmten, schweren Steinen und von einem Querbalken hing ein langes, festes Seil hinab in die Schwärze. Einen Grund konnte ich, so sehr ich meine Augen auch anstrengte, nicht erkennen.
Ich packte das Brunnenseil fest mit beiden Händen und begann daran herunter zu klettern. Weiter und immer weiter in die Tiefe. Bald wurde es so finster, dass ich meine Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte und das Tageslicht über mir wurde zu einem undeutlichen Fleck.
Meine Hände begannen zu schmerzen von der Reibung an dem rauen Seil, die alten Schwielen platzten auf. Meine Arme und Schultern brannten vor Anstrengung.
Als ich schließlich wieder festen Boden unter meinen Füßen spürte, hatten meine Augen sich einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt, und ich sah nun die scharfkantigen Steinwände zu allen Seiten um mich herum aufragen. Der Boden unter mir war feucht, doch war es nur ein dünner Film von Wasser der ihn bedeckte. Links und rechts von mir befanden sich Durchgänge im Felsen, durch die ein Mann meiner Größe nur geduckt hindurchgehen konnte. Das musste der unterirdische Flusslauf sein. Ich sah ein kleines Rinnsal aus dem Tunnel zu meiner Linken fließen, dort musste also der Grund für das Ausbleiben des Wassers liegen. Ich zwängte mich durch die Öffnung und folgte dem Verlauf des Ganges, der sich bald verbreiterte. Verwundert stellte ich fest, dass ich nicht mehr durch einen natürlichen Hohlraum im Felsen ging, sondern durch einen von Menschenhand geschaffenen Tunnel. Die Wände zu beiden Seiten waren gemauert und von morschen Holzbalken gestützt.
Der Ursprung des dünnen Wasserlaufes befand sich ebenfalls an einer gemauerten Wand, welche den Tunnel versperrte. Zwischen den Fugen der Steine, pressten sich einzelne Wassertropfen hervor, die sich zu diesem mickrigen Strom vereinten. Die Steine aus denen diese Mauer bestand waren jünger als jene an der Wand. Es sah aus, als seien sie erst vor kurzem her geschafft worden. Das macht keinen Sinn, dachte ich, warum sollten die Dorfbewohner ihren eigenen Brunnen blockieren? Hatte am Ende der Feind von jenseits des Passes den Brunnen des nachts versiegelt, um dem Volk diesseits des Passes zu schaden? Daran konnte ich nicht so recht glauben, aber doch schien es mir, wie die einzige halbwegs plausible Erklärung.
Ich machte mich daran, die Wand mit meiner Spitzhacke zu bearbeiten. Der Stein war hartnäckig, doch gab er unter meinen Schlägen bald nach, so dass ich in knietiefem Wasser stand. Der Strom war stark und drückte mich zurück zur Brunnenhöhle. Da ich meine Aufgabe erfüllt hatte, folgte ich dem Wasserlauf, doch jemand versperrte mir den Weg, wo der  von Menschen gemachte Tunnel wieder in den Felsengang überging. Es war der junge Mann, der in der Schenke mit mir geredet hatte. Er hielt eine Axt in der Hand und seine Augen blitzten ängstlich in der Dunkelheit. Seine Stimme überschlug sich, als er wimmernd rief, dass es ihm leid tue. Dann stürzte er sich auf mich.
Die Axt krachte Funken sprühend gegen die Felswand, der Schlag war ins Leere gegangen, als ich einen Satz zurück gemacht hatte. Doch sofort holte der Junge wieder aus, und dieses Mal gelang es ihm beinahe meinen Schädel zu spalten. Die Axt fuhr mit einem lauten Platschen vor mir ins Wasser. Immer weiter wich ich in den Tunnel zurück, versuchte seine Schläge nun mit der Spitzhacke zu parieren, wusste jedoch, dass ich der Wildheit seines Angriffes nicht mehr lange standhalten konnte.
Doch dann glitt er auf dem rutschigen Boden aus, und fiel der Länge nach ins Wasser. Roter Nebel stieg auf und färbte die Fluten rot. Er musste sich den Kopf auf dem harten Stein eingeschlagen haben. Doch er bewegte sich noch und versuchte wieder auf die Beine zu kommen. Ich erkannte, dass dies wohl meine einzige Chance war, den Kampf zu beenden und schlug mit meiner Spitzhacke auf den wehrlos am Boden liegenden ein. Ein widerliches Gefühl war es, als die Spitze sich in sein Fleisch bohrte und auf ihrem Weg Knochen splittern ließ.
Erschöpft sank ich zurück, ließ mich in das eiskalte Wasser fallen. Die Spitzhacke steckte noch immer in dem Leichnam vor mir, den ich nun schwer atmend betrachtete. Mein Herz schlug laut und schnell wie eine Trommel.
Nach einiger Zeit, in der ich vor Entsetzen starr dasaß, rappelte ich mich mühselig wieder auf, stieg über den Toten hinweg und kehrte in die Brunnenhöhle zurück. Das Brunnenseil war nicht mehr da. Ich saß in der Falle!
Erneut ergriff mich Panik und ich begann wie wild zu schreien und mit den Fäusten gegen die rauen Steinwände zu schlagen. Doch niemand antwortete mir, noch gab der Stein unter meinen Schlägen nach.
Ich brauchte einige Zeit um mich wieder zu beruhigen, doch als es mir besser ging, dachte ich nach. Das Seil war die einzige Möglichkeit aus dem Brunnen zu klettern, und die war verloren. Doch wer sagte, dass es keinen anderen Weg nach draußen gab? Der Flusslauf musste irgendwo hinführen, und er war mit gehauenem Stein verkleidet gewesen. Womöglich gab es noch einen Ausgang irgendwo am Ende des Tunnels?
Mit diesem Hoffnungsschimmer kletterte ich in die andere Öffnung und folgte dem Flusslauf, bis er sich verzweigte. In der einen Biegung konnte ich einen Absatz und eine schwere hölzerne Tür erkennen. Bei ihrem Anblick durchzuckte mich ein Schaudern, völlig unbegründeter Natur. Diese Tür versprach die Rettung, und doch war sie mir nicht geheuer. Vorsichtig kletterte ich auf die steinerne Schwelle und versuchte sie aufzudrücken, doch sie bewegte sich keinen Millimeter. Resigniert und doch ein wenig erleichtert wandte ich mich der anderen Abzweigung zu und folgte dem Flusslauf weiter, bis mein Herz einen freudigen Satz machte. Da war eine Leiter, die in die Fluten ragte und durch einen Schacht nach oben führte!
Ich ergriff die Sprossen und erklomm diesen rettenden Weg, der mich an eine Luke führte, die sich mit geringem Kraftaufwand aufdrücken ließ.
Ich befand mich nun in einem Raum, mit hölzernen Wänden, in dem es nach Weihrauch roch. Es standen Kisten und gestapelte Bänke an den Wänden und in den Ecken. Dieser Raum musste zur Dorfkirche gehören. Erleichtert atmete ich auf und trat durch die Tür in das Kirchenschiff. Dort drehte sich der Priester mit verwunderter Miene zu mir um. Kurz glaubte ich, einen Anflug von Zorn über sein Gesicht huschen zu sehen. Doch kurz darauf glätteten sich seine Gesichtszüge wieder und er fragte mich teilnahmslos, wie ich hier herein gekommen sei.
Ich antwortete ihm, dass es eine Luke im hinteren Zimmer gebe, die in den Brunnenschacht führe, dann sprach ich ihn auf den Mordversuch des Holzfällersohnes an. Da wurde der Priester plötzlich sehr still und begann erst nach einiger Zeit wieder zu reden. Er sagte, dass der Junge schon sein ganzes Leben lang merkwürdiges Verhalten gezeigt hatte und dass eine gottlose Aura ihn umgeben hatte. Es wundere ihn nicht, dass sich seine Absonderlichkeit nun in diesem Ausmaß zeigte, obgleich es ihn bekümmerte. Wahrscheinlich hatte der Junge auch den Brunnen versiegelt um das Dorf zu tyrannisieren oder jemanden hinab zu locken. Der Priester versprach dem Vater des Jungen von dem Vorfall zu berichten, dann bedankte er sich bei mir für meine Hilfe und schickte mich mit dem Segen Gottes auf den Weg zurück ins Lager.

Auf dem Rückweg dachte ich über die Worte des Priesters nach. Was er sagte machte Sinn, doch etwas in mir sträubte sich, es zu glauben. Der Junge hatte auf mich nicht den Eindruck eines Verrückten gemacht. Und auch stellte sich mir die Frage, warum man mich in den Brunnenschacht hatte klettern lassen, anstatt mich durch die Luke in der Kirche zu schicken? Und wie hatte sich das Seil gelöst? Hätte es nicht unten im Brunnenschacht liegen müssen? Es gab zu viele Ungereimtheiten.
Zurück im Lager berichtete ich meinen Kameraden von diesen Erlebnissen, die das ganze nur mit einem Schulterzucken und einer verächtlichen Bemerkung über die verrückten Dorfbewohner kommentierten, oder mir gar unterstellten, mir diese Geschichte nur ausgedacht zu haben. Niemand glaubte mir. Doch ich wusste, tief in mir drin, dass hier mit diesem Dorf etwas nicht stimmte. Ich erinnerte mich an die Worte, die der Junge in der letzten Nacht seines Lebens gestottert hatte, über den Priester, und ein dunkles Geheimnis. Ich erinnerte mich, wie verzweifelt er mich um Vergebung angefleht hatte, bevor er versuchte mich zu töten. Den ganzen restlichen Tag beherrschten diese Gedanken mein Denken, lenkten mich von den Schanzarbeiten ab und als ich mich am Abend in mein Feldbett legte hielten sie mich wach. Unruhig wälzte ich mich hin und her, befallen nicht nur von Zweifeln an diesem Ort, sondern auch von einer unbestimmbaren Angst. Und da war noch etwas...etwas in meinem Unterbewusstsein, tiefer als alle Gefühle die menschliche Sprache benennen könnte. Etwas, das mich drängte. Mich anstachelte. Etwas...das mich rief? Es brannte in mir, peinigte mich mit Unruhe, hielt mich wach und wurde schlimmer, je mehr ich mir einzureden versuchte, dass es nur meine Einbildung sei und ich jetzt schlafen müsse.
Schließlich jedoch ergab ich mich in mein Schicksal, erhob mich von meiner Schlafstätte und kleidete mich an. Dann schlich ich mich aus dem Lager, wie ich es schon in der vorangegangenen Nacht getan hatte. Doch dieses Mal war ich allein. 
Ich rannte beinahe, als ich den Wald erreichte, gezogen von jenem unheimlichen Trieb in mir. Ich stolperte über Wurzeln, fiel immer wieder hin, rappelte mich auf und rannte weiter. Zweige peitschten mir ins Gesicht, doch ich blieb nicht stehen, bis ich das Dorf erreichte.
Erst hier ließ ich meinen Körper kurz rasten. Ich stand schwer atmend am  Waldessaum und starrte auf die dunkle Siedlung. Nirgendwo brannte ein Licht. Weder in den Hütten noch in der Kirche. Selbst der Gasthof war verdunkelt. Allein der Schein des Vollmondes beleuchtete die Szenerie.
Währenddessen wurde das obskure Gefühl in mir stärker und stärker. Es glich nun einem reißenden Strom, der an den Grundpfeilern meiner Seele rüttelte und sie fortzureißen drohte. Mit einer schieren Urgewalt trieb er mich an, auf die Kirche zu zugehen.
Schweigend, mit beklommenem Herzen, schritt ich durch die Reihen der Häuser auf das Gotteshaus zu. Immer weiter, bis zu seiner Pforte. Ich drückte die schwere Tür, die unverschlossen war auf, und folgte meinem Drang bis zu dem kleinen Zimmer mit der Luke. Sie stand offen, und Fackelschein drang durch sie hindurch an die Oberfläche.
Erneut stieg ich hinab in die Tunnel unter dem Dorf, erfüllt von einer ungewissen Erwartung. Entlang des Ganges brannten Fackeln, die in eisernen Halterungen an den hölzernen Stützpfeilern angebracht worden waren. Ich folgte ihrem Schein und er führte mich bis zu der Eichentür. Sie stand offen.
Dahinter führte ein Gang, ebenfalls von Fackeln beschienen, tief in die Eingeweide des Berges. Von dort hörte ich leise und vom Echo verzerrte Gesänge. Der Fluss in mir riss mich nun förmlich von den Beinen, spülte mich völlig ohne mein Zutun der Quelle der Geräusche entgegen. Und je näher ich dieser kam, desto klarer nahm der Gesang Gestalt an. Ich konnte seine Worte noch immer nicht verstehen, da sie in einer mir unbekannten Sprache vorgetragen wurden, doch ich erkannte nun, dass es sich eher um eine gesungene Beschwörung handeln musste.
Schließlich kam ich zu einer weiteren Tür, die nur einen Spalt offen stand. Das Gefühl in mir wurde nun unerträglich und ich spürte, dass ich es nur besiegen konnte, indem ich sah was hinter der Tür lag.
Also riss ich das schwere Gebilde aus Eichenholz zur Seite und erstarrte. Vor mir bot sich eine schaurige Szenerie: Die Dorfbewohner saßen nackt auf dem kalten Steinboden und wiegten sich ekstatisch vor und zurück, während sie jenen schaurigen Gesang anstimmten, der die Luft zum vibrieren brachte. Vor ihnen, auf einem Podest aus glattem Stein stand der Priester, mit ausgebreiteten Armen in einer schwarzen Robe. Und dahinter ein Götzenbild aus schwarzem, blank polierten Marmor mit Augen aus Obsidian.
Beim Anblick dieses Götzens packte mich eine Panik, wie ich sie nie zuvor verspürt hatte. Eine Panik, die selbst jene überstieg, die ich vor meinem ersten Gefecht als Soldat verspürt hatte. Sie stellte den bloßen Überlebenstrieb, den Fluchtinstinkt, den ich immer für die stärkste Form der Furch gehalten hatte, bei weitem in den Schatten. Kein mensch konnte ein solches Wesen erdacht haben, das so falsch und doch so natürlich zur gleichen Zeit aussah! Dies konnte kein heidnischer Gott sein, dessen Bildnis von den ungeschickten Händen und mit den primitiven Werkzeugen eines Barbaren gehauen wurde!
Ich hatte es hier mit dem versteinerten Ebenbild eines uralten Wesens zu tun, und seine Präsenz erfüllte die Luft, getragen von den vereinten Stimmen der Dorfbewohner und den Beschwörungen des Priesters.
Und dann sprach er zu mir. Er sprach ohne Worte, schickte mir furchtbare Visionen und Gedanken und zischte im hintersten Winkel meines Gehirnes mit giftiger Zunge. Mich vor schmerzen windend fiel ich auf den Boden und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Ich presste die Fäuste gegen meine Schläfen, so fest, dass mir die Augen aus den Höhlen zu quellen schienen und schlug meinen Kopf gegen den Steinboden. Ich fügte mir Schmerzen zu, die ich in einem normalen Zustand nie im Stande gewesen wäre auszuhalten um ihn aus meinem Kopf zu bekommen. Und dann, plötzlich, hörte es auf.
Ich lag blutend und nach panisch nach Luft schnappend da, während der Priester sich über mich beugte.
Mit einem höhnischen Grinsen flüsterte er mir zu, ich hätte mich heute im Brunnen in mein Schicksal ergeben sollen. Dann wurde ich von vielen starken Händen gepackt und vor den Altar getragen.

Kommentare

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    Klasse! Deine Geschichte hat mich gepackt, atemlos beinahe habe ich sie gelesen! Die Wendungen sind immer wieder unerwartet und spannend. Die Beschreibungen der Landschaft und der Gefühle des Protagonisten zeichnet du sehr plastisch. 5/5

beta
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