Das Dunkel der Nacht

Sie seufzte tief und ließ sich gegen einen der Stützbalken sinken, vermied noch immer den Blickkontakt mit ihren Freunden, doch schließlich räusperte sie sich und begann leise, mit brüchiger Stimmer zu sprechen: „Ich habe mein Leben lang im Unterreich mit meinen Geschwistern gelebt, unter der strengen Hand unserer Eltern, der Gemeinschaft und dem erdrückenden Wissen, dass ein einziger Fehltritt zum Tod führen kann.
Loth
lehrt mein Volk, dass man einzig in der Dunkelheit zu wahrer Größe finden kann. Man wird allein geboren und man wird allein sterben, erst im Tod findet man Einigkeit, doch der Weg dorthin ist steinig und tief. Es ist ein langer Weg bis in die dunkeln Abgründe der Spinnenkönigin und nur die Stärksten unter uns, schaffen es ihn zu bewältigen. Das Leben selbst ist ein Kampf, der Tod ein Sieg und nur die, die bereit sind jede Schlacht zu schlagen als wäre es ihre Letzte, die bereits sind ihre Schwächen zu überwinden und in die tiefsten Abgründe zu steigen, können siegreich aus dieser immerwährenden Schlacht scheiden.
In diesem Wissen wuchs ich auf und versuchte schon als Kind dem Tod gerecht zu werden, damit ich durch ihn endlich mit meiner Familie leben konnte und stark genug für jeden Kampf war.

Ich wollte mit meinen Geschwistern durch die Nacht ziehen, ohne dass sie meine Angst sehen, ich wollte von meinen Eltern respektiert werden und mich nicht jeden Moment meines Lebens allein und zu schwach für den Tod fühlen. Fast täglich war ich in Loths Tempel und habe in der Dunkelheit zu ihr gebetet, doch ich bekam nie eine Antwort und als ich schließlich einen Fremden dabei fand, wie er versuchte den Tempel zu zerstören, interpretierte man es als Zeichen. Als eine Prüfung, die Loth mir geschickt hatte, um zu wahrer Größe zu finden.

Man nahm den Mann gefangen, damit ich ihn in einem Zweikampf töten konnte, doch am Abend vor dem Kampf war ich erneut im Tempel. Ich konnte ihn brüllen und schluchzen hören, immer wieder schrie er nach seiner Frau, seinen Kindern und da wusste ich, dass ich nicht die Stärke besaß ihn zu töten.“


Keeda verstummte und blickte kummervoll zu ihren Freunden. Alice sah sie aus tränennassen Augen an und Harbek schien durch ihre Geschichte seinen Zorn zu vergessen.

„Du bist fortgelaufen?“, fragte er tonlos, doch Keeda schüttelte den Kopf.

„Ich bin in die Zelle des Mannes gegangen und er verfluchte mich, er sagte eines Tages, würde ich in meiner Finsternis ertrinken und an diesem Tag, würde er oben bei den Göttern stehen und lachend auf mich herab blicken.

Seine Stimme klang so überzeugt … so stark, doch er hatte unrecht. In mir war keine Finsternis, so sehr ich auch versucht hatte, wütend zu sein, diesen Mann zu hassen, so wie es jeder meines Volkes tat, ich konnte nicht. Als ich seine Fesseln gelöst habe, hat er sich sofort auf mich gestürzt. Er hätte mich töten können, doch er ließ von mir ab und floh.

Der Lärm seiner Flucht hat meine Geschwister alarmiert, und sie entdeckten mich in der leeren Zelle. Ohne zu Zögern haben sie mich gefesselt und selbst eingesperrt.

Man folterte mich, um zu verstehen, weshalb ich den Mann gehen ließ, doch ich schwieg. Keine Folter wäre furchtbar genug gewesen, um ihnen zu gestehen, dass ich zu schwach war ihn zu töten, den Glauben an den ewigen Kampf verloren hatte und ihn müde geworden war.

Schließlich verurteilte man mich zur wilden Jagd, brannte mir dieses Zeichen in die Haut, und ließ mich im Wald frei, um mich wie Vieh zu jagen. Jeder Drow darf mich seit diesem Tag jagen und töten, meinen Kopf zu Loths Tempel tragen und als Sieger gefeiert werden.

Es war helllichter Tag, als sie mich hinaus schickten, um mich zu verstecken und die Jagd interessanter zu machen. Die Sonne brannte mir in den Augen, meine Haut schmerzte und jede Träne die ich vergoss verschlimmerte meine Qualen. Doch während ich mich durch den Wald schleppte, erkannte ich, dass Gnade kein Zeichen von Schwäche war, im Gegenteil. Es war ein Zeichen von Stärke, ich hatte gewusst was mich erwarten würde und den Mann dennoch befreit.

Es war Glück, dass ich es lebendig aus dem Wald schaffte, doch wie ihr wisst, wurde das Schiff, auf welchem ich mich versteckte, von einem Drachenlich angegriffen“, sie verstummte und wandte ihr Gesicht zu ihren Freunden, „Jetzt kennt ihr meine Geschichte, und wie ich nach Neverwinter kam. Und vielleicht fällt es dir Harbek nun leichter mich nicht mehr als Teil der Drowgemeinschaft zu sehen, denn ich bin und werde nie wieder eine von ihnen sein.“


Harbek erwiderte Keedas Blick kurz, bis er betreten zu Boden blickte und seinerseits mit den Schultern zuckte, während Alice augenscheinlich mit den Tränen rang.

„Ich danke dir für deine Ehrlichkeit und dein Vertrauen“, murmelte der Zwerg formell und schlug sich in einer ausladenden Geste die Faust vor die Brust, „Vertrauen schafft Vertrauen und ist gleich Gold, man muss es gewinnen.“

„Keeda …“, hauchte Alice und trat unsicher einen Schritt vor, die Drow zuckte schnell zurück und hob in Erwartung einer erneuten Umarmung schützend die Arme, doch Alice blieb stehen und schlug sich mit tränennassen Augen die Hände vor den Mund.

„Ihr müsst mich nicht mit solch kummervollen Augen anstarren. Ich habe mit meiner Vergangenheit abgeschlossen und sie euch nicht erzählt, um bemitleidet zu werden.“ Keeda wandte sich wieder von ihren Gefährten ab und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Mitleid? Keine Sorge, wir Zwerge halten nicht viel von Gefühlsausbrüchen“, erwiderte Harbek und nickte mit dem Kopf leicht in Richtung Alice, die ihn daraufhin fassungslos ansah, „Doch verstehe ich nun noch weniger, warum ausgerechnet du einen solchen Groll gegen Neverember hegst. Ein bürgerlicher Aufsteiger, der für die Freiheit kämpft? Er ist ein Held, kein Feind. Auch wenn ich ihm meine Dienste verweigern werde, wenn es mir zu brenzlig wird, so glaube ich nicht, dass er böse Absichten verfolgt.“

„Das Böse entspringt selbst den besten Absichten! Ist mein Volk nicht der Beweis? Das Einzige was wir immer wollten, war stark genug zu sein, um nicht an den Tragödien des Lebens zu zerbrechen. Schon seit Anbeginn der Zeit verehren die Menschen das Licht und seine Wärme und die Drow die Dunkelheit und seine Stärke. Sagen nicht die Zwerge selbst, nie brennt eine Kerze heller als in der Nacht? Mein Volk hat den rechten Pfad verloren, kann das gleiche nicht mit einem Menschen geschehen?

Bei meinem Volk gibt es ein altes Klagelied über einen Elf, der sich selbst verlor.


Das Dunkel der Nacht unendlich tief

Die Sterne erloschen als ich dich rief

Wo zuvor noch Ruh und Kraft

nun Hunger nach Macht und Chaos klafft

Das Dunkel der Nacht verlor seinen Schein

verlor seine Tiefe, drang in mich ein

Erfasste meinen Geist, lernte ihn Hassen

Nahm mir den Willen, ließ mich verblassen


Keedas Stimme verfiel, während sie die Verse rezitierte in einen traurigen Singsang und sah ihren Zwergenfreund eindringlich an, „Ich weiß, dass ein paar alte Reime darüber, wie leicht man sich in der Dunkelheit verirren kann, dich nicht überzeugen können, doch glaub mir. Ich erkenne, wenn sich jemand hinter einer Maske versteckt.

Als ich noch klein war, und in Unterreich lebte, erreichten nur selten Geschichten von außerhalb meine Welt, doch dann brach der Krieg aus und nie habe ich mehr Geschichten gehört. Über den König Neverwinters, über eine aufkommende Dunkelheit und Loths Aufstieg … Hinter jeder Tür wurden sie ausgetauscht und noch Jahre später sprach man über manche von ihnen nur hinter vorgehaltener Hand.“

„Komm auf den Punkt“, unterbrach Harbek sie unwirsch und sah sie verärgert, doch nachdenklich an, „Du glaubst Neverember verbirgt etwas und ist nicht der, der er vorgibt zu sein? Erzähl mir keine Märchen, keine alten Teufelslieder und sag, weißt du irgendetwas, was mich tatsächlich an der Ehrbarkeit des Lords zweifeln lässt?“

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media