Das erste Mal konnte ich das Flüstern des Geisterbaumes hören, als mein Vater uns verließ, um in die große Stadt zu gehen.
Mutter sagte immer, das sei nur das Rascheln des Windes in den trockenen Schoten, aber ich wusste es besser. Alles um uns herum war trocken, doch nur der Geisterbaum sprach zu mir.
Die Geister flüsterten mir zu, redeten mit mir. Etwas Schreckliches würde geschehen.
Vater würde nicht zu uns zurückkehren.
Keiner von denen, die gegangen waren, kam jemals zurück …
Doch Vater sagte, er müsse es versuchen … ein wenig Geld auftreiben, damit wir neues Saatgut kaufen könnten.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie er eines Morgens davon zu sprechen begann, dass er fortgehen müsse. Er starrte dabei auf seine Schale mit Hirsebrei, deren Boden kaum bedeckt war. Er könne nicht zusehen, wie seine Kinder hungern müssten, erklärte er.
Meine Mutter hörte wohl etwas ganz anderes. Sie widersprach meinem Vater nie. Doch an jenem Morgen versuchte sie es dennoch …
Sie sprach leise, aber ich verstand sie. Ihr „Bitte Buruk, tu das nicht …“ klang selbst für mich hilflos.
Als mein Vater wortlos unsere Hütte verließ, folgte ich ihm. Ich musste wissen, was er tun würde.
„Du musst das verstehen, Haile“, erklärte er mir. „Ich kann nicht hierbleiben und auf die Dürre starren …“
Er schwieg lange.
„Du wirst der Mann im Haus sein, so lange, wie ich in der Stadt bin… ich werde zurückkommen und Saatgut mitbringen. Ihr werdet genug zu essen bekommen, wenn ich erst zurück bin!“
Zwei Tage später ging er und kam nicht wieder. Keiner von denen, die gegangen waren, kam jemals wieder. Der Geisterbaum wusste es ebenso gut wie ich und flüsterte es mir zu.

Damals wehte der Wind unablässig - nur Regen brachte er dieses Jahr nicht. Eine Zeitlang schleppten wir noch täglich Wasser von der weit entfernten Quelle zu unserem kleinen Feld … doch als der schwangere Bauch meiner Mutter immer dicker wurde, blieb auch sie zu Hause. Ich alleine aber konnte kaum das Wasser tragen, das wir zum Trinken brauchten.
Ich war doch erst sieben! Und mein kleinerer Bruder Birhane konnte mir nicht helfen. Niemand konnte mir helfen.

Die Männer waren gegangen, alle starken Jüngeren waren gegangen und geblieben waren nur die Alten und die Mütter mit ihren vielen Kindern …
Der Wind trug den Staub in unser Dorf und schließlich brachte er zu dem allgegenwärtigen Durst noch den Hunger mit. Als der Herbst kam, waren wir alle dünn wie die Spinnen an den Wänden der Hütten, auch Mutter. Das kleine Mädchen, meine erste Schwester, hatte nicht überlebt. Sie war drei Tage alt geworden.
Als wir sie begruben, flüsterte der Geisterbaum erneut mit mir und ich verriet ihm den Namen, den ich für meine kleine Schwester ausgewählt hätte, wenn sie denn bei mir geblieben wäre: Azmera, die Erntende.

Als der Herbst kam und mein Vater ausblieb, beschloss meine Mutter, sich einer Gruppe von Frauen anzuschließen, die ebenfalls das Dorf verlassen wollten.
Im Süden sollte es große Lager geben, in denen Hungernde aufgenommen und gespeist werden sollten. Es schien fast zu schön zu klingen, um wahr zu sein.
Schweren Herzens nahm ich Abschied von meinem Freund, dem Geisterbaum, und folgte den Frauen und meiner Mutter mit meinem Bruder dorthin, wo Milch und Honig fließen sollten.
Zwei Wochen lang wanderten wir und nicht jeder von uns war den Entbehrungen und den Strapazen des Weges gewachsen. Drei Alte und zwei Kinder blieben zurück.
Einsam würden sie sein in der Tiefe der roten, fruchtlosen, trockenen Erde am Wegesrand …

Doch mein Bruder und ich waren stark und so gelangten wir zusammen mit Mutter an unser Ziel, eine unübersehbare, endlose Zeltstadt am Rand der Steppe.
Man empfing uns freundlich.
Hellhäutig waren die Geistermenschen, die die Zeltstadt leiteten, hellhäutig und mit wasserfarbenen Augen. Ich hatte von ihnen gehört. Doch geglaubt, dass es Wesen wie sie geben könnte, das hatte ich nicht. Hier aber waren sie und sie waren die Herren des Ortes.
Sie gaben uns eine Hütte, die aus einem festen, hellen Stoff gemacht war und wir erhielten tatsächlich zu essen. Ein Schamane untersuchte unsere Körper gründlich und stach uns mit etwas, das er Impfung nannte und das gut gegen böse Geister sein sollte.

Und wirklich schien sein Zauber zu helfen, denn während der kühlen Zeit ging es uns im Dorf der Geistermenschen gut.
Mutter kochte uns täglich einen Brei aus dem fremden Getreide und wir, mein Bruder und ich, besuchten jeden Vormittag einen Weißen, der uns Lesen beibrachte und uns erzählte, wie die Welt für ihn aussah.
Manches von dem, was er erzählte, war seltsam. Er war wohl ein wenig verrückt.
Doch er kannte den Geisterbaum, der auch in unserem neuen Dorf wuchs. Selbst wenn er ihm einen merkwürdigen Namen gab. Er nannte ihn Moringa.

Nun, da ich wusste, wo mein Baum stand, besuchte ich die Geister auch hier.
Lange Zeit schwiegen sie und ich war glücklich.
Doch dann kamen immer mehr Hungrige. Sie krochen in jede Behausung. Auch Mutter nahm die Gäste bei sich auf. Keiner von uns konnte ahnen, dass sie den Tod mit sich brachten. Nicht einmal die Geister hatten mich vor ihnen gewarnt.

Die Geistermenschen nannten es Cholera, doch wir hatten für das Brennen und Bluten in unseren Eingeweiden keinen Namen …
Birhane nahm als erster sein Schicksal an. Der weißhäutige Schamane kämpfte auf seine Weise gegen die Dämonen. Er stach meinen Bruder erneut und ließ ein seltsames Wasser in seinen Körper laufen. Er fluchte und betete zu seinem Gott.

Doch er hatte gegen die Dämonen keine Macht.
Mein Bruder starb und damit der Jüngere nicht allein gehen musste, folgte ihm meine fürsorgliche Mutter zwei Tage später klaglos nach. Bevor sie ging, versprach sie mir, auf mich zu warten, sollte ich ihr folgen wollen.

Doch um ehrlich zu sein, bleibt mir gar keine Wahl.
Das Wasser läuft aus mir heraus und es kann nicht mehr lange dauern, dann wird mein Blut ihm folgen.
Ich werde nicht zu jenem geisterfarbenen Schamanen gehen.
Er hat keine Macht über die Dämonen Afrikas. Die hat er nie gehabt, auch wenn er etwas anderes glauben mag.


Ich folge nun mit meinen letzten Kräften dem Ruf meiner eigenen Geister. Der Moringabaum ist nicht mehr weit und er bietet mir seinen tröstlichen Schatten inmitten der trockenen, wasserlosen Steppe. Meine Mutter wird auf mich warten, dort, von wo aus es kein Zurück mehr gibt. Ich bin bereit, ihr zu folgen …

Der Geisterbaum flüstert …

Ich bin bereit!

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    Danke dir, Sophie, für diesen aufrüttelnden Text! Danke, dass du jenen eine Stimme gibst, die wir als zu weit weg empfinden um sie zu hören...

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