Das fremdlich Bekannte

Eine vorsichtige Berührung an der Schulter, eine freundliche Stimme, die sprach.
„Herrin, aufwachen! Sonst verschlaft ihr noch.“
Ich rieb meine Augen und spürte regelrecht, wie die Energie in meine Glieder schoss. Ich musste mich bewegen.
Vorsichtig setzte ich mich in meinem Bett auf und erblickte dann eine verdunkelte Sophie, die mit einem Tablett neben meinem Bett stand. Das Zimmer war düster, die Sonne war also noch nicht aufgegangen. Meine Zofe hatte mich tatsächlich rechtzeitig geweckt.
„Ich habe Euer Frühstück bereit, Herrin. Wollt Ihr es sofort zu Euch nehmen oder wollt Ihr erst einmal...“
„Stell es auf den Schreibtisch.“, unterbrach ich sie. „Und hol mir dann etwas zum Anziehen aus dem Kleiderschrank. Aber lass das Licht aus, hast du gehört?“
„Wie Ihr wünscht.“
Ich konnte gerade so erkennen, wie sie ihre Befehle sauber ausführte und stand währenddessen selber auf. Ich schritt zum Fenster und blickte nach draußen. Der Himmel war tiefschwarz und färbte sich allmählich dunkelblau. Die Sterne funkelten immer noch. Gleich würde er kommen, das wusste ich. Gleich würde der Mond tiefer sinken und vor meinen Augen von den Wolkenbergen und dem Himmel verschlungen werden. Genau wie gestern Abend. Ich konnte es kaum erwarten, sein silbernes, reines Schimmern zu erblicken und mich in seinem kühlen Licht zu baden.
„Stimmt etwas nicht, Herrin?“ Sophie legte die Kleidung ordentlich auf den Stuhl und schüttelte dann mein Bett auf. Kurz darauf spürte ich, wie sie hinter mich trat. Nicht zu dicht, aber dicht genug, dass ich ihre Präsenz bemerkte.
„Ich betrachte bloß den Himmel und die Sterne.“, antwortete ich. „Und warte auf den Mond.“
„Auf den Mond?“
„Ja. Merkwürdig, nicht wahr? Vielleicht sollte ich mich doch noch ein weiteres Mal untersuchen lassen.“ Ich lachte leise, verbittert. Und ich war erstaunt bei ihren nächsten Worten, denn sie reagierte nicht, wie ich es erwartet hatte.
„Warum solltet Ihr euch untersuchen lassen, Herrin? Ich betrachte den Mond auch gerne, besonders den Vollmond. Ich finde ihn magisch.“
Magisch?“ Mit diesem Begriff konnte ich nichts anfangen.
„Oh, natürlich. Magisch. Wie etwas, das nicht von dieser Welt ist. Etwas surreales, versteht Ihr? Aber mich fasziniert nicht nur der Mond, sondern auch der Nachthimmel.“
„Ach so. Und warum?“
Das war das erste Mal, dass ich mit jemandem ein Gespräch dieser Art führte. Bisher hatte ich nur mit meinem Mentor und meiner Zofe gesprochen, doch noch nie so ausgelassen wie jetzt. Es fühlte sich gut an, befreiend.
Sophie zögerte, bevor sie antwortete. „Ich liebe es, wenn der Himmel dunkel ist, wenn er pechschwarz ist. Er erinnert mich dann immer an Eure Flügel, Herrin.“
Mein Körper spannte sich an und unwillkürlich ballten sich meine Hände zu Fäusten. „Nur wenn der Himmel pechschwarz ist, sieht man das Funkeln und Glitzern der Sterne auch wirklich. Ich finde, erst dann kann man erkennen, wie schön sie eigentlich sind. Und der Mond glänzt auch nur im Vergleich zu dem schwarzen Nachthimmel. Ihr könnt wirklich stolz auf Eure Flügel sein, Herrin. Sie sind wunderschön.“
Meine aufkeimende Wut verebbte sofort und ich fuhr zu ihr herum. Hinter mir neigte der Mond sich jetzt seinem Ende zu und tauchte mein Zimmer in ein silbernes Licht. Das Gesicht meiner Zofe wurde erhellt und ich sah ihr Lächeln. Es war anders als sonst, breiter und man konnte ihre Zähne sehen. Das sah auf befremdliche Weise interessant aus. „Was tust du da?“, fragte ich und sie schüttelte belustigt den Kopf.
„Verzeiht mir Herrin, es schickt sich nicht, Euch derart anzusehen. Aber ich konnte nicht anders, als ich Euer verlegenes Gesicht sah. Ihr müsst wegen eines Komplimentes doch nicht gleich rot werden.“
„Was... Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“
Ihr Lachen verstummte und sie wurde ernst. „Ich habe gegrinst, Herrin. Das zeigt, wenn man von etwas amüsiert ist. Es eine andere Art von Lächeln.“
„Verstehe.“

Nein, ich verstand gar nichts. Ich warf noch einen letzten Blick über die Schulter und sah den Mond, wie sein letzter Strahl von den Wolken verschluckt wurde. Über mein Zimmer senkte sich wieder die Dunkelheit und ich befahl meiner Zofe Licht zu machen.
Sie zündete die Kerzen des fünfköpfigen Kerzenständers auf meinem Schreibtisch an. Sie nahm meine Hand und führte mich zum Stuhl.
„Ich werde Euch jetzt ankleiden, Herrin. Oder wollt Ihr zuerst noch duschen?“
Ich verneinte.
Sie entkleidete mich von meinem hauchdünnen, seidenen Schlafkleid und half mir in Unterwäsche und Bluse. Die Hose aus braunem Leder, welche sehr weich war und eng an meiner Haut saß, zog ich mir alleine an. Die Schwierigkeit bestand viel mehr darin, mit meinen Flügeln umzugehen.
Es befanden sich immer Löcher in den Kleidungsstücken, die nach oben oder unten hin mit Reißverschlüssen zu öffnen und zu schließen waren.
Sophie kämmte mir noch meine Haare und wusch mein Gesicht mit einem Lappen und duftendem Seifenwasser, als der Himmel draußen auch schon in einem hellblauen Ton erstrahlte. Die Kerzen waren nicht mehr nötig.
„Gut, Herrin. Ich werde mich jetzt auf den Weg bereiten, die Erlaubnis zum Ausgehen zu besorgen. Ich kehre so schnell es geht zurück, verlasst unterdessen bitte nicht Euer Zimmer. Frühstückt während ich weg bin und Seid bereit, sobald ich zurückkehre.“
Da war sie wieder, diese geschwollene Sprache, die aber auch mir problemlos über die Lippen ging. „Verstanden. Ich werde nun etwas essen, du findest mich dann hier.“
Sie knickste und senkte ehrerbietend den Kopf, ich nickte ihr knapp zu. Damit war sie entlassen und so sollte es eigentlich immer sein.
Hätte ich sie vorhin für ihre Freiheit bestrafen sollen, sich mit mir unterhalten zu haben? Ich wusste es nicht. Und es war mir auch gleichgültig, ob ich sollte. Schließlich war es ohnehin zu spät.
Nach dem Frühstück holte mich Sophie wie abgesprochen ab und wir machten uns auf den Weg in die dritte Region. Es war an der Zeit ein passendes Kleid für das Abendbankett zu kaufen und ich war gespannt, was sie alles für mich ausgesucht hatte. Zudem war es mein erster Ausgang in die dritte Region und die Aufregung und meine Erwartungen wuchsen.
Weiteres Wissen flutete mein Bewusstsein und ich wusste nicht, woher es kam. Mir wurde klar, dass es sich bei unserer Heimat um einen riesigen Felsen handelte, der dank der Kraft der göttlichen Familien schwebte. Er war in drei Regionen unterteilt. Oben auf der Spitze befand sich der Palast, in dem heute Abend auch das Bankett stattfinden würde. Das reine Weiß und das glänzende Gold, die prächtigen Säulen und Torbögen, das glitzernde Wasser eines Springbrunnens, das alles war auch von fern klar zu erkennen.

Da der Felsen nach unten immer breiter wurde, war in dessen Mitte die zweite Region entstanden. Hier befinden sich auf der einen Seite im Halbkreis herum die Tempelanlagen der Priesterinnen und auf der anderen Seite ebenfalls im Halbkreis das Trainingslager der Engel.
Von dem, was ich wusste, war die zweite Region die schönste von allen. Zwar war die Erste am Prächtigsten, doch dafür war die Zweite schmuckvoller. Ihre Haine und Gärten schienen endlos, die immergrünen Hecken waren in Figuren und Mustern geschnitten, auf allen Felsvorsprüngen fand man mannshohe Statuen aus Kristall, welche die berühmtesten Engel seit Anbeginn unserer Zeit darstellten.
Ich hatte bisher nicht jeden Ort gesehen, doch ich konnte ich mir meine Heimat mit geschlossenen Augen bildlich vorstellen. Ein Ort des Friedens und der Schönheit. Vollkommenheit und Perfektion.

In meinen Gedanken versunken seufzte ich und zog damit Sophies Aufmerksamkeit auf mich. Besorgt sah sie mich von der Seite an und fragte dann: „Seid Ihr in Ordnung, Herrin, oder stimmt etwas nicht?“

„Es ist nichts.“, antwortete ich und lächelte, ohne jedoch ihren Blick zu erwidern. Meine Augen waren auf den sandigen Weg unter mir gerichtet und auf meine ledernen Bundschuhe. Sie passten zu meiner knielangen Hose, ebenfalls aus Leder, und der weinroten Bluse mit langen weiten Ärmeln. Zugegeben, Sophie hatte ein gutes Gespür für Kleidung.

Den Zofen war es überlassen, wie die Garderobe ihrer Engel gestaltet werden sollte. Sie mussten entscheiden, welcher Schnitt und welche Farben gut zu ihrem Herren oder ihrer Herrin passten. Ich wusste, dass ich Sophie in diesem Bereich voll und ganz vertrauen konnte.

Wir stiegen die letzten Stufen der langen Serpentinentreppe hinab und betraten einen Wald. Viele unterschiedliche Bäume standen dicht beieinander und ein rauchiger Geruch lag in der Luft. Es brannte leicht in der Nase, doch das war vollkommen in Ordnung. Ich wusste, dass es erst dann gefährlich war, wenn man zu viel davon einatmete; man könnte eine Rauchvergiftung erleiden und ersticken. Das waren jedoch die Sorgen der Menschen und nicht die meinen, denn wir Engel besaßen modifizierte Körper. Wir waren längst nicht so anfällig für Krankheiten und auch nicht so leicht zu töten. Ausgeprägte Instinkte, starke Körper, herausragende Intelligenz und umfangreiches Wissen. Wir waren schließlich nicht umsonst die Wächter des Friedens und der Ordnung.

Sophie berührte mich flüchtig am Arm und ich blinzelte überrascht.
Ich hatte gar nicht bemerkt, dass wir bereits das stattliche Dörfchen der Menschen und damit die dritte Region betreten hatten. Der größte Teil der Grundfläche war Wald und Ackerland, die restlichen Bereiche wurden mit Häusern, Mühlen und allen weiteren, wichtigen Gebäuden bebaut.

Als ich auf den überraschend vollen Platz trat, wurde es schlagartig still und jeder starrte mich an. Die Menschen ähnelten Sophie, nur war keiner von ihnen schön wie sie. Sie waren durchschnittlich. Ihre Kleidung war zwar nicht schmutzig und sie trugen Schuhe, doch an ihnen war nichts besonders. Sie waren ganz einfach normal. Und mir wurde sofort klar, dass ich für sie so etwas wie eine Übergeordnete war. Ich war etwas besonderes. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Ich musste mich benehmen.

Ich folgte meinem Verstand, der mir sagte, ich solle den Mund halten und meiner Zofe gewähren, alles für mich zu regeln. Ich hob das Kinn und nickte Sophie zu.

„Hier entlang, Herrin.“, sagte sie und bedeutete mir dann, ihr zu folgen, welches ich auch widerspruchslos tat. Wir durchquerten die starrende Menge, ohne sie weiter zu beachten und kaum waren wir in einer der Hütten verschwunden, brach draußen lärmende Unruhe aus.

Die hölzerne Hütte besaß keine Tür, sondern ein einfach zusammengeflicktes Tuch, das den Einblick in den Innenraum versperrte. Drinnen herrschte ein weitaus kühleres Klima als draußen und der beißende Geruch in meiner Nase verschwand .

„Sophie, Schätzchen, lass dich ansehen!“, ertönte eine Stimme, die mich trotz ihres tiefen Klanges an die einer Frau erinnerte.

Ein schwarzhaariger Mann kam aus einem Hinterzimmer herbei geeilt und warf die Arme in die Luft, eine sehr groteske Geste wie mir schien, und nahm dann meine sprachlose Zofe in den Arm. Das Erstaunen auf ihrem Gesicht war mit den Gefühlen vergleichbar, die gerade in mir aufkamen. Gefühle, positiv wie negativ, die ich nicht benennen konnte.

Noch während er die Umarmung löste, fiel sein Blick auf mich. Sein Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig, wurde glatt und nichtssagend, doch seine Augen glitzerten verdächtig.
Er verneigte sich und hielt den Kopf gesenkt. „Es ist mir eine Ehre. Hier entlang, bitte.“
Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm an den ganzen hängenden Klamotten vorbei in ein Hinterzimmer zu folgen und mich immer wieder unsicher nach meiner Zofe umzusehen. Sie lächelte ermutigend und ich erwischte mich dabei, das Lächeln zu erwidern. Schnell wandte ich mich wieder um, denn wir waren angekommen.
Der Mann bot mir einen hölzernen Stuhl an und ich setzte mich. „Darf ich Euren Namen erfahren, Lady?“ Er hielt seinen Blick gesenkt und ich runzelte die Stirn. Sophie war stets respektvoll gewesen, doch noch nie war mir jemand mit solcher Unterwürfigkeit begegnet. Als ich hilfesuchend zu meiner Zofe sah, blickte diese bloß zu Boden. Ich musste diese Entscheidung allein treffen.
„Du kannst mich Kelly nennen.“, antwortete ich und erwartete, dass meine Stimme leise und unsicher klang, genau so wie ich mich fühlte. Doch stattdessen schien sie förmlich den Raum zu füllen. „Und wie heißt du?“

Sein Kopf fuhr hoch und er starrte mich für einen flüchtigen Augenblick an, bevor er schnell einen Punkt an der Wand fixierte. „Verzeiht, ich...“

„Nein.“, die Strenge in meiner Stimme erschreckte mich. Meine Hände zitterten, als ich hinunter in meinen Schoß blickte. Ich ballte sie zu Fäusten und streckte meine Finger dann, hoffte, dass das Zittern dadurch aufhörte. Doch es blieb. Ich runzelte die Stirn, weil in meinem Inneren verschiedene Stimmen zu streiten schienen. Ich war hin und her gerissen und wusste nicht einmal, zwischen was genau.
„Tut mir leid.“, murmelte ich schließlich und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Sophie mich intensiv beobachtete. „Weißt du, das ist das erste Mal, dass ich... hier bin. Und Leute treffe, die wie du sind.“ Ich sah auf und erkannte, dass der Mann mich mit fragendem Blick ansah. „Menschen, meine ich“, fügte ich schnell hinzu und seine Lippen verzogen sich zu einem schmalen Strich. Hilfesuchend wandte ich mich an Sophie. „Ich weiß einfach nicht, wie ich mich verhalten soll. Was richtig ist und was nicht und was man von mir erwartet. Ich glaube, ich bin ein bisschen nervös.“

Als ich seinem Blick diesmal begegnete, starrte er mich ungläubig an. „Nervös? Ich habe noch nie davon gehört, dass ein Engel nervös wäre.“

Ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden und zog die Schultern hoch. „Ich weiß nicht.“
Nach einer kurzen, unangenehmen Stille biss ich mir auf die Unterlippe und ahmte so gut ich konnte ein Grinsen nach. „Bin wohl anders als die anderen, was?“
Die fassungslose Miene des Mannes wurde nichtssagend glatt und seine Mundwinkel zuckten. Ich konnte es ganz genau sehen. Kurz darauf lachte er und schüttelte den Kopf.
„Sophie, meine Güte! Hätte ich gewusst, dass sie sich so benimmt.“, er schmunzelte und zwinkerte mir zu. „Aber wir sollten besser mal anfangen, dir einen schönen Fummel zu suchen, meinst du nicht auch?“

Und damit wirbelte er herum und steuerte auf den Tisch zu, auf dem sich mehrere Stoffe und Kleider stapelten.
Falsch falsch falsch.
Ich zuckte zusammen und lächelte beruhigend, als Sophie besorgt zu mir schaute.
Falsch falsch falsch.
Ich hätte mir am liebsten die Hände auf die Ohren gepresst und mich von dieser Stimme abgeschirmt, doch ich wusste, dass das nichts nützen würde. Denn sie war in meinem Kopf, sie war in mir. Eine Welle der Panik ergriff mich.
Falsch. Das war falsch.
Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und bemühte mich zuzuhören, als mir verschiedene Kleider vorgestellt wurden, doch die Scham und der plötzliche Selbsthass lenkten mich ab. Das war falsch. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich war schlecht.

Ich durfte mich nicht so verhalten.
Warum hatte ich der falschen Stimme nachgegeben? Was stimmte nicht mit mir?

„Herrin? Geht es Euch nicht gut?“

Ich sah Sophie an und runzelte dann die Stirn. „Nein, alles gut. Ich weiß nur nicht, welches Kleid das Richtige für einen derart wichtigen Anlass ist.“
„Natürlich. Soll ich eins auswählen, Herrin?“

Ich betrachtete die Kleider erneut, doch keines davon gefiel mir. Bis mein Blick plötzlich auf eine Puppe in der Ecke des Raumes fiel und mein Herz einen Schlag aussetzte. Wie von selbst setzte ich mich in Bewegung und berührte den Stoff.
„Was ist das für einer?“

Der Mann trat neben mich und warf einen Blick über die Schulter. Er war besorgt.
„Chiffon.“

„Das ist es. Dieses Kleid ist perfekt.“
Ich wusste, dass Sophie versuchen würde, etwas zu sagen, deshalb kam ich ihr zuvor. „Es ist perfekt. Trägerlos, mit einer Schnürung am Rücken. Der Saum ist asymmetrisch und es ist mit Perlen und Rüschen verziert. Wie nennt man diesen Schnitt?“

„A-Linie.“

„A-Line.“, wiederholte ich bedächtig und ließ mir das neue Wort auf der Zunge zergehen. Ich würde es bis zu meinem Tod nicht mehr vergessen.

Die Atmosphäre im Raum war unangenehm angespannt. Mir war klar, dass keiner von beiden wollte, dass ich das Kleid trug, dabei war es doch nur ein Kleidungsstück. Es würde sie schon nicht an den Galgen bringen. Außerdem war dieses das Einzige, das ich auch tragen wollte. Ich seufzte und drehte mich um.
„Ich will dieses Kleid. Lasst es mich einmal tragen. Ich bin mir sicher, dass es mir passen wird.“ Der Gesichtsausdruck von Sophie war blank, während der Schneider sie fragend ansah.
„Na schön. Aber Herrin, ich kann nicht versprechen, dass Ihr dieses Kleid auch zum Fest heute Abend tragen könnt.“

Damit gab ich mich zufrieden. Ich beobachtete, wie der Mann, dessen Namen ich noch immer nicht wusste wie mir auffiel, das Kleid sorgfältig und mit gekonnten Griffen von der Puppe löste und über seinen Arm gelegt zu einem Vorhang trug. Sophie bedeutete mir, ihm zu folgen. „Hier könnt Ihr Euch umziehen, Lady.“

Es war nicht schwer. Während Sophie das Kleid hinten zuschnürte, berührte ich den Rock, der unmerklich leicht meine Beine umspielte. Er fiel hinten fast bist zu meiner Achillessehne, während er vorne bis zu meinen Knien reichte. Ich fühlte mich zum ersten Mal nicht schäbig, sondern elegant. Ich musste dieses Kleid behalten.
„Fertig, Herrin. Ich führe Euch nun zu einem Spiegel.“

Ich folgte meiner Zofe aus der Umkleide und warf dem Schneider einen Blick zu. Seine Augen fixierten mich, er beobachtete wie der Stoff meinen Bewegungen folgte und ich suchte nach Anzeichen von Regungen. Skepsis, Bewunderung, Erstaunen, doch sein Lächeln war für mich nicht zu deuten.
Der Spiegel war groß. Ich konnte mich vollständig darin betrachten und erst jetzt realisierte ich, dass ich gar nicht wusste, wie ich abgesehen von meinen Flügeln aussah. Ich wagte es nicht, mich anzusehen, sondern ließ meinen Blick sorgfältig auf dem Kleid ruhen. Ich hatte recht, es schien nur für mich angefertigt worden zu sein. Ich drehte mich vorsichtig nach rechts und links und sah dabei zu, wie der Rock sich nahezu schwerelos mitbewegte.
Als Sophie mich ansprach, geschah es wie von selbst.
„Herrin?“

Ich sah auf.
Große Augen starrten mich an. Die Iris war weißlich, fast silbern und von einem dunkelblauen Rand umgeben. Die Linse vergrößerte und verkleinerte sich und ich trat einen Schritt zurück.
Die Haare waren pechschwarz, genau wie meine Flügel und ich schüttelte den Kopf.
„Was ist das?“

Ich wusste nicht, an wen ich die Frage richtete. An mich selbst? An Sophie?
Ich hatte meine Geschwister gesehen und sie waren einwandfrei, perfekt. Warum musste gerade ich so sein?
Ich hob meine Hand und strich über meine Haut. Sie war weich, doch das beruhigte mich nicht im geringsten. Genau so wenig wie meine gerade Nase und meine vollen Lippen, die eine unnatürlich rötliche Farbe besaßen.
Ich trat noch einen Schritt zurück und musterte mich ganz, von oben bis unten. Meine Flügel waren tatsächlich riesig und das erkannte ich, obwohl sie noch angelegt waren. Was für eine Spannweite ich wohl besaß, wenn ich sie ausbreitete?
Ich schluckte und schüttelte den Kopf.
„Herrin? Seid Ihr in...“
„Ich hasse es.“ Ich starrte auf die Person vor mir und fragte mich, ob ich das Kleid oder sie meinte. Mich meinte. „Ich habe mich geirrt, es sieht schrecklich aus. Ich vertraue deinem Urteil, Sophie, wähle du eins.“

„Aber...“, sie würde versuchen, mich umzustimmen, doch ich hatte genug gesehen. Nichts würde mich jemals hübsch genug machen, um der königlichen Familie zu gefallen. Ich würde weiterhin ein Außenseiter bleiben, auch ein Kleid konnte das nicht ändern.
„Ich verlange, mich wieder umzuziehen. Sofort!"

Danach ging alles ganz schnell. Kaum war ich angezogen, führte Sophie ein Gespräch mit dem Schneider, um den Preis der Kleider zu erfahren und auszuhandeln. Ich hörte nicht zu. Ich war nicht länger interessiert daran, was ich auf dem Fest tragen würde.
Stattdessen rauschten Enttäuschung und Wut durch meinen Körper und ich konnte mit keinem dieser Gefühle umgehen.

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beta
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