Das Geschenk

(Das ist nun das ursprüngliche, 2. Kapitel, das eventuell etwas zu schwülstig daher kommt. Eure Meinung dazu würde mich sehr interessieren.

"Das Geschenk" ist, so glaube ich, im Vergleich zu allen anderen Kapiteln recht schwere Kost. Altmodischer, teils sehr blumiger und barocker Stil. Und die Handlung fegt einen vielleicht auch nicht unbedingt vom Lesesessel. Doch diese Abstecher ins 18. Jahrhundert sind äußerst selten. Der Großteil der Geschichte spielt in der Gegenwart.)

Es war der Morgen nach Martini. Die güldenen Strahlen der aufgehenden Sonne tauchten die bleichen Bergspitzen in ein rötliches, verheißungsvolles Licht und erweckten König Laurins Rosengarten für kurze Zeit zum Leben. Johann war am Fuße dieses sagenumwobenen Felsmassivs aufgewachsen. Doch auch nach so vielen Jahren hatte der Anblick der glühenden Zacken nichts von seiner Magie verloren. Verzaubert hielt er den Atem an. Als die warme Luft schließlich aus Johanns Mund entwich, bildete sich eine weiße Dampfwolke. Es roch nach Schnee. Der Winter kam früh und ging spät in dieser vorletzten Dekade des ausklingenden 18. Jahrhunderts. Ein wenig willkommener Gast mit unzähligen Nöten im Gepäck. Von einer »kleinen Eiszeit« würde dereinst in den Geschichtsbüchern zu lesen sein.

Selbst durch die geschlossenen Stubenfenster drangen gedämpft Evas Wehschreie. Johann tastete mit klammen Fingern nach der Schnupftabakdose in seiner rechten Jankertasche. Zum Vorschein kam eine ovale, aus Horn gearbeitete Tabatiere. Er gab sich eine ordentliche Prise des schwarzbraunen Pulvers auf den rauen Handrücken und sog den Tabak geräuschvoll durch die Nase. Drinnen folgten derweilen die Schmerzensschreie in immer kürzeren Abständen aufeinander. Sollte dieses Kind tatsächlich überleben, wäre es von noch größerer Bedeutung, dass das Vieh ausreichend Nahrung und damit auch sie selbst zu essen hätten. Seine geröteten Augen wanderten weg von den wilden Felstürmen, hin zu den schroffen Abhängen und den sanfteren Ausläufern der inzwischen kargen Weideflächen. Als Kleinbauer konnte Johann nur wenig Grund sein Eigen nennen. Die schwierigen klimatischen Bedingungen taten ihr Übriges. Ohne Wildheuen wäre es ihm diesen Sommer nicht möglich gewesen, auch nur annähernd genug Grünfutter zu beschaffen. Unbehaglich trat er von einem Fuß auf den anderen. Mehr als einmal war er, um an die kostbaren, entlegenen Grashalme zu gelangen, mit dem Seil über dem Abgrund gehangen, hatte sich in engen Felsspalten unglücklich das Bein eingeklemmt oder war von einem plötzlichen Schneesturm überrascht worden. Johanns treuester Begleiter war die Angst, die sich in seinen Nacken krallte und ihm stets erbarmungslos vor Augen hielt, dass er am Ende eines Tages womöglich nicht mehr nach Hause zurückkehren würde. An jenem Abend im Oktober des vergangenen Jahres war es so weit. Da hätte er fast das Zeitliche gesegnet. Wäre SIE nicht gewesen. Johann schluckte. Nur wenig Speichel benetzte dabei seine ausgedorrte Gurgel. Ob es sich irgendwann rächen würde, dass er dem Gevatter damals ein Schnippchen geschlagen hatte? Verglichen mit den Repressalien, die SIE zu ergreifen in der Lage war, erschien der Tod gar gütig. Johann kratzte sich über die borstigen Bartstoppeln, welche sein hohlwangiges Gesicht noch eingefallener wirken ließen.
In diesem Augenblick durchschnitten die schrillen Schreie des Neugeborenen die morgendliche Stille und Johanns düstere Gedanken. Sein Kind war es, das der Welt lauthals die eigene Ankunft verkündete und ihn in die Gegenwart zurückholte. Das inbrünstige Krakeelen allein erfüllte Johanns Herz bereits mit tiefer Dankbarkeit. Ungeachtet dessen, dass er den Preis kannte – für dieses Geschenk, das er als solches erachtete, trotz der Gegenleistung, die es verlangte. Nach drei Fehl- und zwei Todgeburten war es das erste von Evas und Johanns Kindern, welches diese Erde nicht bereits verlassen musste, ehe es sie überhaupt erblicken durfte. Und dem kräftigen Gebrüll nach zu urteilen würde es auch mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dafür kämpfen, am Leben zu bleiben. Ein kleines Lächeln stahl sich über Johanns wettergegerbtes Gesicht.

Gerade, als er seine Rechte auf den abgenutzten, rostigen Griff gelegt hatte, wurde die Tür schwungvoll von innen geöffnet und Anna, die Dorfhebamme, stand ihm gegenüber. Ihre sonst trüben Augen leuchteten. »Johann, kimm gschwing. Das Kind ist da. A Madl isch.« Sie packte ihn unsanft am Arm und zerrte ihn ungeduldig in die warme Stube, dem einzigen beheizten Raum im Haus. »Beide san wohlauf. Dem Herrgott sei Dank.« Johanns Blick fiel zuerst auf seine Frau, die sichtlich erschöpft, aber glückstrahlend inmitten ihres provisorischen Bettenlagers kauerte. Im Arm ein kleines, in Tücher gehülltes Bündel. Während sie das Baby wiegte, formte ihr Mund unbekannte, einem säuselnden Singsang gleichende Worte. Die schweißnassen, aschblonden Haarsträhnen fielen sich lockend über ihre geröteten Wangen. Johann überlegte, ob er Eva jemals derart verzückt und selig erlebt hatte. Außer dem Kind schien sie nichts um sich herum wahrzunehmen. Eine unsichtbare Kuppel wölbte sich schützend über die Beiden.
Johann räusperte sich. Er fühlte sich seltsam unsicher und fehl am Platze. Als Eva ihn endlich bemerkte, verdunkelten sich ihre braunen Augen und die Freude auf ihrem Gesicht wirkte ein wenig gedämpfter. Dann aber straffte sie, soweit es ihr möglich war in Anbetracht der Umstände, ihre Schultern und streckte die freie Hand nach ihm aus. Johann ergriff sie erleichtert. Sein Atem stockte, als Eva das mit dunklem Haarflaum bedeckte Köpfchen aus dem wärmenden Überwurf schälte. Das Baby hatte die Augen geschlossen. Ungläubig betrachtete Johann die rosigen Backen. Vor seinem inneren Auge erschien kurz ein kleines, lebloses Geschöpf. Die Haut fahl und bläulich schimmernd. Da waren sie sie wieder. Die eisernen Klauen, die sein Herz umfassten und es erbarmungslos quetschten. Hastig verdrängte er diese schmerzvolle Erinnerung an sein letztes Kind und wandte seinen Blick wieder dem von unverbrauchtem Leben erfüllten Neugeborenen in Evas Armen zu. So klein und zugleich so vollkommen. Die winzigen, runzligen Finger hatte es in Evas Hemd gekrallt. Der Atem ging ruhig und gleichmäßig. Jetzt schürzte es im Schlaf die herzförmigenLippen und schmatzte. »Sie wird bolamol Hunger kriagn.« Annas Stimme meldet sich aus dem Hintergrund. Eva studierte aufmerksam Johanns Gesichtszüge. Ihr war offensichtlich nicht entgangen, dass sein Gemüt soeben von einem dunklen Schatten gestreift worden war. »Jetzt wird alles gut.« Sie streichelte sanft ihres Mannes Hand, konnte aber ihre innere Zurückhaltung ihm gegenüber nicht verbergen. Die innige Liebe, mit welcher sie ihr Kind überschüttete, würde ihm nie wieder zuteil werden. Und schuld daran war er selbst. Ehe er es verhindern konnte, entwich ein tiefer Seufzer seiner trockenen Kehle. Er gab Eva einen Kuss auf die erhitzte Stirn. Dann strich er vorsichtig mit den Fingerkuppen über die weiche Babyhaut. Die innige Zuneigung, die er für dieses Menschenkind empfand, erschreckte ihn. Sie machte ihn noch verletzlicher, als er sich ohnehin schon fühlte.Und er schämte sich dafür, wenige Augenblicke zuvor den eigenen Tod als vernünftige Alternative in Betracht gezogen zu haben. Seine Tochter zu beschützen, würde von nun an sein größtes Ansinnen sein.

Eva schien das Gleiche zu denken. Obgleich sie wusste, dass sie diesen gesunden Säugling nicht einfach einem glücklichen Zufall zu verdanken hatten und beizeiten ein ungeheurer Tribut zu erbringen wäre, erschien ihre Freude rein und ungetrübt. Er gönnte Eva ihr Glück von Herzen. Zu viele Jahre musste sie ihr Dasein in einer Vorhölle fristen – umgeben von kinderreichen Familien, die ihr jeden Tag aufs Neue das vor Augen führten, was sie so schmerzlich vermisste. Nein, er dachte nicht im Traum daran, Fortunas Bedingungen gerade jetzt zur Sprache zu bringen. Eher würde er sich die Zunge abbeißen. In Johanns eigenem Fleisch saß der ihn langsam, aber stetig vergiftende Stachel jedoch zu tief, um ihn ignorieren zu können.

In diesem Moment schlug das kleine Wesen seine dicht bewimperten Augen auf. Johann erstarrte. Das Neugeborenenblau wurde von einem intensiven Violettton überlagert. Solch eine lila Iris hatte er bisher nur einmal in seinem Leben gesehen. Mit klopfendem Herzen bemerkte er, dass das Mädchen ihn ebenfalls eingehend musterte. Evas Mund hatte währenddessen einen harten Zug angenommen. Das Baby runzelte die zuvor so glatte Stirn und eine kleine steile Falte bildete sich zwischen seinen eigenartigen Äuglein. »Die Farb bleibt net a so.« Anna war nicht entgangen, dass die Stimmung sich verändert hatte. »Wia soll des Madl überhaupt hoassn?« Offensichtlich wollte die Hebamme die Anspannung etwas abmildern. »Dora.« Eva und Johann sagten es gleichzeitig. »Geschenk Gottes«. Denn das war sie. Gleichgültig, welche anderen Mächte da noch ihre Finger im Spiel hatten. Anna nickte wohlgefällig und murmelte einige unverständliche Worte, mit denen sie offensichtlich ihre Zustimmung bekunden wollte.

Doras eindringliches Hungergeschrei riss die Drei schließlich aus ihren Gedanken. Die Hebamme geleitete Johann zum Kachelofen am Eingang der Stube, während Eva sich anschickte, dem Kind die Brust zu geben. Johann ließ sich mit einem ergebenen Seufzer auf der schmalen Ofenbank nieder und lehnte seinen Rücken an die aufgeheizten Kacheln. »Iatz brauchst erstamal an Schnaps.« Anna reichte ihm ein Stamperl Selbstgebrannten. Nun, da er von innen und von außen gleichermaßen gewärmt wurde, war ihm sogleich behaglicher zumute. Anna war eine gute und erfahrene Hebamme, aber was Doras Augen anging, täuschte sie sich. Wenn sie dachte, dass das durchdringende Violett irgendwann dem vertrauten Blau weichen würde. Trotz der ihn umgebenden Hitze fröstelte er wieder.

Als Dora gesättigt war, fasste sich Johann ein Herz und bat darum, sein Kind selbst hochnehmen zu dürfen. Eva legte ihm das Kind vorsichtig in die Arme. Die Wärme dieses kleinen Körpers reichte im Gegensatz zu Ofen und Schnaps bis in die entlegensten Ecken seiner Seele. »Ich liebe Dich,« bekannte er schlicht. Dora hatte die Augen inzwischen wieder geschlossen. Ihre rosigen Lippen waren leicht geöffnet. Im Mundwinkel hing noch ein cremefarbener Tropfen Muttermilch. Johann beugte sich über sie, um diesen einzigartigen Duft, den nur Babys zu verströmen in der Lage sind, einzuatmen. Ihre spärliche Haarpracht kitzelte dabei seine Nase. Er musste lachen und niesen zur gleichen Zeit. Seine Tochter schien dies nicht zu stören. Sie schlief entspannt weiter.

Ein fragiles Idyll, das schon wenige Minuten später die ersten Risse bekam. Als nämlich plötzlich der Türklopfer draußen Besuch ankündigte. Wer mochte das wohl sein zu dieser frühen Stunde? »I geh scho.« Anna erhob sich von ihrem Stuhl und eilte zum Hauseingang. Johann hörte, wie sie die Türe öffnete und sich mit jemanden unterhielt. Die andere Stimme war allerdings so leise, dass er nicht ausmachen konnte, zu wem sie gehörte. Aber er spürte, wie sich die feinen Härchen an seinen Armen aufstellten. Das Kind in seinen Armen wurde nun auch unruhig und fing an zu zappeln. Wahrscheinlich hatte sich Johanns Nervosität auf den Säugling übertragen.

Kurze Zeit später kehrte die Hebamme in die Stuben zurück. Sichtlich verwirrt überreichte sie Johann wortlos einen in Tücher gewickelten Gegenstand. Die Assoziation mit dem gleichfalls in Decken gehülltem Baby lag nahe. Er gab Dora wieder in die schützenden Arme ihrer Mutter. Dann entfernte er widerstrebend den Stoff. »Das ist ja eine ganz ordinäre Enzianwurzel«, rief seine Frau. »Wozu soll die gut sein? Weder ich noch das Kind haben Magenbeschwerden.« Nein, diese Wurzel war nicht dafür vorgesehen, Bauchschmerzen zu kurieren. Johann strich vorsichtig über die raue, knorrige Oberfläche und die menschlichen Extremitäten ähnelnden Auswüchse. Er wusste sehr gut, wofür dieses Gebilde stand und was er damit zu tun hatte. Hastig bedeckte er die Wurzel abermals – verbarg sie vor Evas und Annas fragenden Blicken, die er deutlich im Rücken spürte.

Dann ging er, einem unvermittelten Impuls folgend, zum Fenster. Seine Augen wanderten suchend über den holprigen Weg, der in Serpentinen zu ihrem kleinen Gehöft hinaufführte. Dort unten schritt sie dahin. Eine hochgewachsene Gestalt in einem dunklen Umhang. Bereits so weit entfernt, dass SIE kaum mehr war als ein schwarzer, beweglicher Fleck am Rande seines Gesichtsfeldes. Aus dieser Distanz und vor der gewaltigen Bergkulisse wirkte selbst dieses Weib klein und unscheinbar. Des Morgennebels letzte Schwaden umwaberten die zerklüfteten Felsen und warteten darauf, SIE mitzunehmen. Eine ziehende, von der Urangst ein wenig gebremste Sehnsucht keimte in Johann auf. Fast schien es so, als hätten sich ihr seine Gefühle mitgeteilt: Sie verweilte kurz und drehte dabei den Kopf in Johanns Richtung. Dann war sie hinter der nächsten Biegung verschwunden. «SIE hat Dir die Wurzel gebracht, oder?« Eva stand wohl schon geraume Zeit neben ihm, die noch immer unruhige Dora unermüdlich hin und her wiegend. Als sie ihm diese Frage stellte, wusste er, dass er keinem Trugbild aufgesessen war.

Kommentare

  • Author Portrait

    Der Stil passt zum Jahrhundert, die Bilder und die Sorgen sind beklemmend eindrücklich geschildert. Ich bin nur etwas verwirrt durch den Sprung nun noch in eine andere Zeit - aber das wird sich bestimmt bald zeigen!

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media