Das größte aller Monster

Das größte aller Monster

Kira

»Und dann?«
In der Leere des Raums klang meine Stimme hohl. Ich hielt den Blick gesenkt, weil ich nicht wusste, ob mir Vareks Blick eine Antwort geben würde, die ich nicht ertragen konnte. Ich hatte so lange gebraucht, um zu erkennen, dass Varek bedeutungsvoll für mich war und nun wusste ich, dass ich ihn verlieren würde, ganz gleich wie der Kampf endete.
»Dann wird gar nichts mehr so sein, wie früher.«
»Vielleicht kannst du mir nur ein einziges Mal eine klare Antwort geben, ohne in Rätseln zu sprechen?«, begehrte ich auf. »Ich verstehe nämlich nicht, was du mir sagen willst. Wenn du die Macht besitzt, Layra zu töten, wieso hast du dich so lange von ihr quälen lassen? Wieso hast du diese Tortur auf dich genommen, wenn du es schon lange hättest beenden können?«
Obwohl er mich nicht ansah, spürte ich deutlich, wie sich in ihm etwas regte. Sein Bewusstsein öffnete sich für eine Wahrnehmung, die so viel größer war als das, was ich sehen und hören konnte. Ich konnte ihn nach meinem Geist tasten fühlen und wusste, in diesem Moment konnte er jeden meiner Gedanken nachempfinden, jeden Laut in meiner Brust fühlen und jedes Wort erahnen, das mir auf der Zunge lag.
»Kira«, setzte er an. Von seinem aufbrausenden Wesen war nichts geblieben. Vor mir saß ein Dämon, der vom Kampf sprach, doch dessen Kampfgeist fast vollends erloschen war. Ruhig hob er den Blick zu mir empor und brachte mich mit einem einzigen Augenaufschlag dazu, beinahe zusammenzubrechen. »Ich wollte niemals unsterblich sein, nie dieses Leben führen. Ich wollte immer nur Kadra finden. Was auch immer ich getan habe, wohin ich gerannt und vor wem ich geflohen bin, ich habe es nur getan, weil ich sie ein letztes Mal sehen wollte.«
»Und ich habe sie zu dir gebracht«, sagte ich. »Jetzt gerade. Du kannst jeden Tag deines Lebens in ihrer Nähe sein, solange ich lebe. Und wenn ich gehe, kannst du sie haben. Für immer.«
»Es wird kein für immer geben. Wenn Layra stirbt, gehe ich mit ihr. So will es der Bannschwur.«
Ein eiskalter Schauer fuhr meinen Rücken hinab. Vareks Worte trafen mich mit der Wucht eines Blitzschlags und trieben von einem auf den anderen Augenblick Tränen in meine Augen. »So?«, gab ich zurück. Jedes Wort kam bitterer über meine Lippen, als gewollt war. Jede Silbe triefte vor Zorn und Verständnislosigkeit. »Das soll dein fantastischer Plan sein? Du willst sterben?«
»Nein. Ich will kämpfen, aber realistisch gesehen sind meine Chancen vernichtend klein. Ich habe Layra nichts entgegenzusetzen. Ich bin an ihr Wort, an ihr Blut und ihren Willen gebunden. Als wir vor dem Portal standen, konnte ich nichts tun, um euch zu beschützen. Gar nichts. Hätte John dich nicht hindurchgestoßen, hätte ich euch sterben lassen.«
»Du bist dort geblieben, um uns zu retten!«
»Ich bin dort geblieben, weil ich nicht weglaufen konnte.«
Ich spannte die Schultern, klopfte Staub von meinen Hosenbeinen und drehte mich zur Tür um. »Wie du willst. Vielen Dank für alles.« Doch als meine Hand nach der Türklinke schnappte, stand Varek plötzlich vor mir, schob meine Finger von der Klinke fort und mich einen halben Meter von der Tür zurück. Sein Blick traf mich hart. »Was willst du noch von mir?«, fauchte ich. »Wenn du in wenigen Tagen tot sein wirst, gibt es nichts, worüber wir reden sollten. Lass mich gehen.«
»Nein.«
»Varek, lass mich gehen oder ich werde William anrufen und alles erzählen.«
»Ich kann dich nicht gehen lassen, ohne dir gezeigt zu haben, wie sehr du dich in mir geirrt hast.« In Vareks Augen loderte mit einem Mal jenes bedrohliche Feuer auf, das mich bei unserer ersten Begegnung so sehr erschreckt hatte. »Du glaubst, ich bin mehr Mensch als Dämon? Denkst du wirklich, ich hätte die letzten eintausend Jahre überlebt, weil ich so menschlich und gerecht war? Und glaubst du tatsächlich, es kümmert mich, ob ich deinen Gefährten töten muss? Ein Leben mehr oder weniger spielt keine Rolle für mich.«
Mit diesen Worten packte er mich am Arm und schleuderte mich durch ein Portal, das aus dem Nichts durch seine Berührung entstand in bodenlose Schwärze. Mit einem Schrei sank ich zusammen und spürte sogleich wieder festen Grund unter meinen Füßen. Von plötzlich aufkeimender Angst erfüllt, hob ich den Blick und sah zwischen zerwühlten Haaren, wie Vareks aus dem Rest des Portals trat, sich bückte und nach meinem Mantel griff. Mit einem Ruck hatte er mich auf die Füße gestellt und herumgedreht, sodass sich mein Blick auf das große Zelt richtete, in dem wir uns das letzte Mal begegnet waren.
»Bitte nicht«, flüsterte ich. Furcht schnürte mir die Kehle zu. Ich hatte mich geirrt. In diesem Moment war Varek das Monster, das Will in ihm sah. Das Ungeheuer, das ich im Feld gesehen hatte und der Mann, vor dem Kadra davon gelaufen war. In diesem Moment war von dem fühlenden Wesen, für das ich Gefühle hegte, nichts mehr übrig. »Varek, bitte.. Tu mir nichts!«
»Glaubst du wirklich, am Grund meines Fürstentums liegen nicht mehr Leichen herum, als du je zählen könntest?« Dann versetzte er mir einen Ruck nach vorn und ließ mich los. »Los«, erklang seine Stimme eisig. »Geh rein.«
»Varek..«
Hinter ihm bewegte sich das Gebüsch. Ich sah einen Schemen zwischen den Sträuchern hervor huschen. Flink wie eine Katze war Varek herumgefahren, und als sich John hinter ihm aufbaute, zeigte der Dämon knurrend seine Zähne. »Verschwinde, John!«
»Varek, nicht«, grollte der Werwolf, beschwichtigend die Hände vor sich ausgestreckt. »Du weißt nicht, was du tust.«
»In meinem ganzen Leben«, fauchte Varek, »habe ich selten so klar gesehen.« Sein Kopf ruckte herum zu mir und sein eiskalter Blick traf mich wie ein Schwertstich. »Ich zähle bis drei. Eins.«
Gnadenlos stach mir der Blick eines Killers aus den verschieden farbigen Augen des Kriegers entgegen. Ich zwang mich, ihn als das zu sehen, was er war. Das Wesen, das in meinem Traum herabgestiegen war, um Kadra zu retten, obwohl er sie nicht kannte. Der Dämon, der mir das Leben gerettet, und Will verschont hatte, nur weil ich ihn darum gebeten hatte. Doch von alledem war nichts in seinen Augen geblieben. Die eisige Kälte, die sein Blick abstrahlte, verbrannte meine Gefühle zu Asche. Ich sah ihn an und wusste, wenn ich floh, würde er mich zerreißen.
»Zwei.«
»Varek, nein!«, knurrte John. »Du weißt, was dort drin ist. Tu ihr das nicht an. Ich bitte dich als dein Freund darum. Bitte tu-«
Aus dem Nichts schoss Vareks Hand hervor und wischte einmal durch die Dunkelheit, als wollte er nach einer Fliege greifen. Unter Johns Füßen gab der Boden nach. Etwas Dunkles, Tiefes, etwas Böses drohte aus den Schatten zu brechen und ihn zu verschlingen. Mit einem Knirschen stürzte Erde vor seinen Füßen in die Tiefe und Dreck und Erde sackten in einen Krater, die sich dunkel und nackt zwischen ihnen erhob.
Das Ausmaß all seiner dämonischen Zauberkraft schob sich aus dem Krater hinauf und leckte wie Flammen in die Höhe. Diesen Schleier zu durchschreiten, schien unmöglich. Er trennte John von uns. Nahm mir den letzten Helfer, den ich hatte.
»Ich sagte, verschwinde«, hörte ich Varek sagen. »Ich bitte dich kein zweites Mal darum!«
Als Johns Geist nach mir tastete, wusste ich, dass er mir nicht mehr helfen konnte. Ganz gleich, wie sehr er sich um mich bemüht hatte, es machte keinen Sinn, sich Varek in den Weg zu stellen. Und wenn jemand wusste, wie weit man rennen sollte, wenn ein Dämon wie Varek durchdrehte, dann John.
»Es tut mir leid«, hörte ich ihn flüstern, ehe Vareks eiskalte Stimme hinter mir »Drei« sagte und seine Hand fest meinen Oberarm umklammerte.
Er hielt mich gepackt, schob mit der freien Hand die Plane des Zeltes beiseite und stieß mich hinein. Und dann war alles still. Nur das Pochen meines Herzens teilte die Stille im Inneren des Zeltes. Denn mein Herz war das Einzige, das schlug. Schemenhafte Formen waberten unter dem Planendach des Zeltes umher. Wesen, die zwischen dieser Welt und dem Jenseits gefangen waren.
Kreaturen von unvorstellbarem Schrecken hockten am Boden, liefen auf und ab und rissen ihre Köpfe herum, als sie uns bemerkten. Kreaturen, die niemals wirklich sein durfte, aber Teil einer Welt waren, in die ich eindeutig nicht gehörte. Gehörnte Dämonen, mehr Tier als Menschen, mit Zähnen, lang und spitz wie Finger. Kreaturen, kaum mehr menschlich, mit verkrümmten Leibern, verzogenen, fratzenhaften Geistergesichtern und Klauen dort, wo Hände liegen sollten. Augenlose Gesichter mit aufgerissenen Mündern, Wesen gänzlich ohne Form. Schattenwesen, ineinander verwoben wie Schlangen in einer Grube. Ein Zelt voller Grauen, ein Zelt voller Schrecken und Tod und Qual.
Meine Seele pulsierte wie ein Inferno. Feuer verzehrte mich und dann begann ich zu zittern. Niemals hätte ich den Blick von all dem Schrecken abwenden können, den ich vor mir sah. Entstellte, halb gestorbene, zurückgebliebene und sterbende Geschöpfe meiner Welt lauerten hinter jeder Ecke. Der Tod bewachte dieses Zelt nach Sonnenuntergang und der Tod regierte es, wenn Varek nicht anwesend war.
Hinter mir erklang ein Laut, wie ein Knurren und Grollen und kurz darauf stieß mich Vareks starke Hand in das Gewirr aus Leibern, Klauen, Zähnen und schauderhafter Albtraumgestalten hinein.
Ich schrie. Lange Nägel verwirrten sich in meinem Haar. Etwas streifte mein Gesicht. Fauler Atem berührte mein Gesicht, und als ich die Augen aufschlug, war mir eines der Wesen so nahe, dass mir übel wurde. Ich schrie, Tränen schossen in meine Augen, und ehe ich tatsächlich begreifen konnte, was um mich herum passierte, waren die Kreaturen auf mich losgestürzt. Ihre Klauen gruben sich tief in meine Haut, bis es schmerzte. Eine Zunge schleckte über mein Gesicht, und als mich eines der Geschöpfe von den Beinen riss, glaubte ich, sterben zu müssen. Mein Bewusstsein verwandelte sich in eine tiefe, dunkle Wolke aus Furcht, aus Schrecken und Ablehnung und dann - war es vorüber. Ohne sichtbaren Grund ließen die Geschöpfe von mir ab und wandten sich einem anderen, einem höheren, einem wichtigeren Ziel zu.
Varek.
Ich sah das Wesen, lang und dürr, mit pechschwarzer Haut und strohigem, weißen Haar auf ihn zugehen, wurde Zeuge, wie der alte Dämon seinen Arm hob und dem Geschöpf darbot und dann, wie sich mit einem widerlichen Geräusch Zähne in Vareks Arm gruben und sein Blut rasch in den Leib der Kreatur über ging.
Ein unheilvolles Raunen ging durch die Runde. Ein zweites Geschöpf, halb Mensch, halb furchtbar entstelltes Tier erhob sich aus der Menge und riss mit einem Maul voller rasiermesserscharfer Zähne tiefe Wunden in Vareks Schulter. Blut lief daran herab, hinein in die ausgestreckten Hände des Untiers und sofort waren zwei weitere zur Stelle.
Sie labten sich an ihm, sie zehrten ihn aus und verwandelten ihn in einen von ihnen und mit offenem Mund, mit einem Herzen voller Entsetzen erkannte ich, dass er genau wie sie war. Eine Hülle, etwas Entstelltes, das man mit bloßem Auge kaum betrachten konnte.
»Sie waren wie du, als ich ihnen zum ersten Mal begegnete. Junge, hübsche Menschen, Kinder, Erwachsene, Alte. Aber sie waren wie du. Sie waren lebendig und glaubten wie du, dass da genug Gutes in mir ist, um gerettet zu werden. Meine bloße Gegenwart hat sie in Tiere, in Ungeheuer und Launen der Natur verwandelt, die nur am Leben bleiben, weil sie nicht sterben können.« Er sah mir fest in die Augen, riss eine Hand aus denen der Kreaturen frei und packte mich viel fester an der Schulter, als ich gerne zugelassen hätte. »Wenn du nicht werden willst wie sie, haben wir uns heute zum letzten Mal gesehen. Andernfalls werde ich dich in etwas verwandeln, das weder tot noch lebendig ist, und keines Lebens würdig.« Er wies auf eine in den Schatten zurückgewichene Kreatur mit einem Kopf, der halb Schwein, halb faulig eingefallener Schimpanse war, und verzog die Lippen zu einem bitteren Lächeln. »In etwas wie mich. Nun, da du weißt, was ich bin und auch, dass du und ich keine Freunde sein können, müsste dir klar sein, dass ich Layra nicht ewig davon abhalten kann, dich zu töten. Also tu, was Menschen immer tun und nimm die Beine in die Hand. Ich will, dass du verschwindest und Kadra und mir das Letzte lässt, was uns geblieben ist: Unsere Würde. Ich entscheide, wie dieser Kampf zu Ende geht.«
Mit diesen Worten riss er sich von mir los, fuhr auf dem Absatz herum und stürmte aus dem Zelt; hinaus in die raue, kalte Wirklichkeit und ich stürzte wie benommen auf den Boden des Zeltes und auf den Grund der Tatsachen zurück.

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