Das gute Mädchen wird böse

Der eiskalte und raue Wind peitschte Richtung Nordosten und brachte meine bereits zerzausten Haare noch weiter durcheinander. James lief immer noch, wobei ich keine Ahnung hatte wohin.
Die frische Luft kühlte meine Haut mit der Zeit ab und machte auch meinen Kopf wieder frei, denn erst jetzt drang mir wirklich ins Bewusstsein, dass James mich trug.
Der Hautkontakt zwischen uns widerte mich an und ich wurde unruhig. Ich wollte, dass er mich auf der Stelle losließ und für immer aus meinem Leben verschwand.
Bei diesem Gedanken zirpte ein kurzer, aber heftiger Schmerz blitzschnell durch mein Herz.
Natürlich, in meinem Herzen gab es eine Stelle, an der sich die Liebe zu James eingegraben und Wurzeln geschlagen hatte.
Und der Teil, der an der Liebe mit allen Kräften festhielt, wollte sich nicht verdrängen und zerschlagen lassen. Mir ging das gegen den Strich und ich wurde wütend. Wie konnte ich noch irgendetwas für ihn empfinden? Er war hinterhältig, ein Verräter und nicht zu vergessen, ein Mörder.
Er hatte keine Pluspunkte bei mir gesammelt, weil er mich nicht getötet und stattdessen aus der Gefahrenzone geschafft hatte. Schließlich war er der Auslöser für das Unheil, das über meine Familie hereingebrochen war. Wenn er nicht geredet hätte, dann hätte er mich gar nicht erst retten müssen.
Vermutlich hielt James sich jetzt für einen Helden, der seine große Liebe nicht erschossen, sondern sein Leben riskiert hatte, um ihr zur Flucht zu verhelfen. Zornig schnaubte ich und hämmerte mit meinen Fäusten gegen seinen Rücken, der sich durch das Blut feucht und klebrig anfühlte. Bei jedem weiteren Schlag spritzten dicke Tropfen in alle Richtungen und befleckten meine blasse Haut.
Die Spritzer waren schwarz, doch am Tage, im Sonnenlicht, wären sie rot gewesen. Ich spürte, wie sich die Flüssigkeit einen Weg durch meine Finger Richtung Erde bahnte. Abrupt hielt ich inne.
Apathisch starrte ich auf meine zitternden Hände. James´ Blut auf meiner Haut machte mir erst wirklich klar, dass er schwer verletzt sein musste und mein verzücktes Grinsen kehrte augenblicklich zurück. Ich leckte mir über die trockenen Lippen und fing an, ihm noch mehr Schmerz zuzufügen. Mit viel Schwung haute ich meine Fingernägel in seinen starken Rücken und krallte mich fest. Ein erneuter Blutschwall quoll aus den frischen Wunden direkt auf meine Hände. Ein überraschend lauter Schrei entfuhr ihm und er blieb nach langer Zeit endlich stehen.
Unter mir sah ich eine unebene Grasfläche, die mir meinen Aufenthaltsort nicht verriet. Ich wollte gerade den Kopf heben, um mich umzusehen, als James in die Hocke ging und mich mit beiden Händen von seiner Schulter schob.
Meine Fingernägel ratschten über seine warme Haut und hinterließen tiefe Kratzer. Unsanft landete ich auf dem Boden, wo sich spitze, klitzekleine Steine und harte, dünne Äste nur so tummelten. Vor mir sackte James endgültig auf seine Knie und rang hörbar nach einer Menge Luft. An dem Bund seiner Jeans hatte sich ein breiter Streifen seines Blutes gebildet. Es wirkte, als trüge er einen Gürtel. Sein Gesicht war leichenblass und in seinem Blick lag eine Mischung aus Panik und Verzweiflung. Ich schmierte das Blut an meinen Händen an meinem T-Shirt ab.
Während James seine verbliebenen Kräfte mobilisierte, keimte ihn mir nicht nur Stolz auf, weil ich ihn zum Anhalten veranlasst hatte, sondern auch eine Idee. Genauer gesagt ein Fluchtversuch. Doch wann sollte ich loslaufen und wohin? Würde ich schnell genug sein oder würde James mich trotz körperlicher Einschränkungen einholen? Zu meinem Pech ließ er mich nicht aus den Augen, denn er vermutete wohl, dass ich bloß auf eine Chance wartete, um abzuhauen. Das Grau durchbohrte mich und ich fühlte mich unwohl. Sofort wendete ich den Blick ab und schaute auf meine Hände, die noch ein paar Bluttropfen aufwiesen. Der metallene Geruch wurde vom kalten Wind verweht.
Wieso starrt er mich so an? Glaubt er, dass er mein persönlicher Beschützer ist? Kann er mich nicht fragen, was ich eigentlich will?
Nein, dazu war James nicht fähig, denn er dachte nur an sich und interessierte sich nicht für meine Gefühle. Verärgert verschränkte ich die Arme vor der Brust und kaute auf meiner Unterlippe.
Um mich herum wuchs sattes Moos auf den Steinen und Baumstümpfen. Blätter lagen überall und wurden vom Wind in die Luft gewirbelt und weiter getragen. Ich hörte Eulen und andere Tiere, die durchs Unterholz krochen oder in den hohen Baumkronen saßen. Hin und wieder zirpte eine Grille. Dazu roch ich Harz und Kiefern. Wir mussten uns entweder in einem Park oder einer weniger besiedelten Wohngegend aufhalten.
Als ich meinen Kopf hob, entdeckte ich aber keinerlei Lichtquellen. Ich sah weder Straßenlaternen, noch Licht, das aus umstehenden Häusern stammen könnte. Verwirrt sah ich zu James. Obwohl sich alles in mir dagegen sträubte, sprach ich ihn an.
„Wo hast du mich hingebracht?“ Meine Stimme klang vorwurfsvoll und bitter. Er hatte sich auf die kalte Erde gesetzt und sah mich noch immer unverwandt an. Die dunkelbraunen Haare standen wild und zerzaust vom Kopf ab und waren vom Schweiß klitschnass. Heftig bebte sein Körper und seine Zähne klapperten. Ihm schien ausnahmsweise einmal kälter zu sein, als mir. Trotz fehlender warmer Kleidung merkte ich nichts vom unangenehmen Wetter, dazu war ich viel zu aufgewühlt.
„Wir sind im Wald, aber nicht sehr tief“, erwiderte James wie selbstverständlich, ohne mich aus den Augen zu lassen. Mir klappte der Kiefer nach unten. Wir konnten doch unmöglich im Wald sein. Von mir Zuhause brauchte man mit dem Auto schon eine halbe Stunde. Wie konnte er bloß so unnatürlich schnell sein?
„Wie können wir denn im Wald sein?“
„Ich bin hierher gelaufen, falls es dir in deiner Raserei nicht aufgefallen sein sollte.“
Spott schwang unverkennbar in seiner Stimme mit. Seine Unverschämtheit brachte mich auf die Palme und verletzte mich zutiefst.
„Wie kommst du auf die Idee, nach allem, was du mir angetan hast, so mit mir zu reden? Du hattest kein Recht mich einfach mitzuschleppen und in den Wald zu bringen. Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben. Ich hasse dich und will, dass du aus meinem Leben verschwindest und zwar für immer. Ich brauche dich nicht!“ Das alles sprudelte in Windeseile aus mir heraus.
Mein Herzschlag hatte sich beschleunigt. Mein Puls raste. James saß unverändert auf seinem Platz und fuhr sich durch die Haare. Er wirkte gelassen, doch in seinen Augen erkannte ich, wie sehr meine Worte ihn getroffen hatten. Wütend funkelte ich ihn an.
„Ich weiß, dass du mich hasst und dass zu Recht. Ich kann niemals wiedergutmachen, was ich dir angetan habe, Holly, aber ich lasse es nicht zu, dass du auch noch stirbst. Deswegen habe ich dich, so weit wie möglich, von deinem Haus weggebracht. Deshalb lasse ich dich auch nicht aus den Augen, weil ich weiß, dass du am Liebsten vor mir weglaufen würdest. Tut mir leid, Holly, aber ich werde nicht weggehen.“
„Und warum nicht? Glaubst du etwa, dass ich ohne dich nicht klar komme?“ Tränen flossen aus meinen Augen die Wangen hinab. Ich konnte kein einziges Wort von ihm ertragen, selbst seine Stimme machte mich krank.
„Ehrlich gesagt nein. Erstens hast du keine Ahnung, wo du nun hin sollst und zweitens hast du keine Chance gegen meine ehemaligen Kollegen, wenn sie dich in die Finger kriegen.“ Mit ernster Miene musterte er mich.
Beim Wort ehemalig hatte ich empört geschnaubt. Jetzt, nachdem meine Eltern tot waren, wollte er plötzlich aus dem Geschäft aussteigen. Vorher hatte er in keinster Weise Rücksicht auf meine Einwände genommen.
„Wenn du deinen Mund nicht aufgerissen hättest, dann müsste ich mich nicht fragen, wo ich hin soll und ich bräuchte mir keine Sorgen wegen deiner Kollegen zu machen. Ich würde nämlich jetzt in meinem Bett liegen und schlafen und am nächsten Morgen würde ich meine Eltern …“
Nach diesen Worten schnürte sich meine Kehle zu und ich brachte keinen Ton mehr heraus. Der Tränenfluss, der aus meinen Augenwinkeln quoll, wollte nicht aufhören. Ich schlug die Hände vors Gesicht, weil ich nicht wollte, dass James mich so sah. Dabei war er derjenige, der mich in den seelischen Abgrund gestoßen hatte.
„Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll, Holly“, druckste er beschämt und entschuldigend herum.  
„Wie wäre es mit gar nichts“, giftete ich zurück und schluchzte.
Ich wollte in diesem Moment nichts lieber als nach Hause, aber dort lagen die Leichen…Stopp.
Ich konnte meinen Gedanken nicht weiterführen, denn ich konnte sie nicht ertragen. Meine Eltern würden nie wiederkommen und mich in den Arm nehmen und für mich da sein. Ich war ganz allein auf dieser Welt.
Ich fiel in ein tiefes schwarzes Loch voller Zweifel, Verunsicherung und Ahnungslosigkeit. Was sollte bloß aus mir werden? Meine Schluchzer wurden lauter und mehrten sich. Ich bekam keine Luft und glaubte zu ersticken. Hysterisch rang ich nach Atem. Meine Lunge fühlte sich an, als ob sie bald platzte.
„Alles in Ordnung, Holly?“ James´ besorgte Stimme war direkt neben meinem Ohr, als er mich an seine Brust zog.
Für Sekunden genoss ich seine Wärme und Zuneigung, aber es dauerte nicht lange, bis sich mein Verstand einschaltete und die Gefühle überschattete. Angewidert stieß ich ihn mit beiden Händen von mir weg, direkt auf den grünen Waldboden.
„Wenn du mich noch einmal ohne Erlaubnis anfasst, kann ich für nichts garantieren“, brüllte ich hoch und laut, sodass meine Kehle zu kratzen begann.
James blieb liegen. Durch seine Verletzung war er nicht im Stande wieder aufzustehen.  
Während er sich vor Schmerzen krümmte, realisierte ich erst langsam, dass meine Chance auf eine Flucht gekommen war. Nach einem allerletzten, kurzen Blick auf James nahm ich die Beine in die Hand und rannte so schnell ich konnte.
Das Moos unter meinen Füßen federte meine Schritte ab und ich glaubte zu Schweben. Ich lief immer tiefer in den Wald hinein, obwohl es durch die großen und breiten Bäume um mich herum stockfinster war.
Ich sah absolut nichts, doch mir war es egal. Endlich hatte ich es geschafft James hinter mir zu lassen. Nachdem ich seine Anwesenheit nicht mehr ertragen musste, fühlte ich mich frei.
Der Wind peitschte durch die Äste und heulte laut. Meine langen schwarzen Haare schnitten durch die Luft. Hin und wieder kratzten dünne Äste über die Haut meines Gesichts und hinterließen leicht brennende Wunden. Es wurde stetig kühler und zum ersten Mal merkte ich, dass ich bloß Socken trug und keine Schuhe.
Meine Zehen fühlten sich taub an und bei jedem Schritt schmerzte es in meinen Füßen. Dennoch stoppte ich nicht, aus Angst, dass James mir folgen und mich dann einholen würde. Er hatte ja bewiesen, dass er sehr schnell laufen konnte.
Unbewusst legte ich noch einen Zahn zu und flitzte durch den Wald. Dass hätte ich wohl lieber nicht tun sollen, denn es dauerte nicht einmal fünf Minuten, ehe ich über eine knorpelige Wurzel stolperte.
Unbeholfen warf ich meine Arme in die Luft, um einen Ast zu fassen zu bekommen, aber ich griff bloß ins Leere. Mit einem erstickenden Schrei fiel ich der Länge nach hin.
Erschöpft und mit den Nerven am Ende lag ich im Dreck und verfluchte meine Ungeschicklichkeit. Der Geruch von frisch aufgewühlter Erde stieg mir in die Nase und vernebelte meinen Verstand. Komischerweise fühlte ich mich hier pudelwohl. Ich wurde trotz der Unruhe durch den heftigen Sturm, der die Bäume zum Knarren und die Blätter zum Rascheln brachte, auf einen Schlag schläfrig.
Ich verdrängte meine Sorgen, die Trauer und die Gefahr, dass James mich finden würde. Mein größtes Verlangen galt dem Schlaf.
Meine Lider wurden schwerer und schwerer und ich glitt bereits ins Land der Träume, als ich schwere Schritte und rasselnde Atemzüge vernahm.
„Verdammt“, murmelte ich leise vor mich hin, denn mich beschlich der Verdacht, dass er tatsächlich hier war. Musste er mich ständig verfolgen? Konnte er nicht verschwinden und seiner Wege gehen, ohne mich?
„Holly! Bist du verletzt?“, fragte James panisch und besorgt, als er sich neben mich hockte.
Das war´s dann wohl. Meine Flucht war gescheitert und die Luft wurde mir erneut abgeschnürt. Auf meinem Herzen lag ein schier tonnenschweres Gewicht.
Na toll, jetzt geht es mir wieder beschissen und daran bist du Schuld.
„Hau endlich ab, bitte.“ Ich flehte James regelrecht an, obwohl dass mir gar nicht passte. Ich hoffte, dass er auf mich hörte, wenn er spürte, wie verzweifelt ich war und wie ernst ich diese Worte meinte.
„Bitte dreh dich um und verschwinde. Bitte, bitte, bitte.“ Dabei sprach ich eher zu mir selbst, als zu ihm. Ich presste die Hände gegen die Ohren und begann jämmerlich zu schluchzen.
„Ich kann nicht, dafür liebe ich dich zu sehr. Ich könnte es mir niemals verzeihen, wenn dir etwas zustößt. Ich werde bei dir bleiben und dich beschützen, ob du willst oder nicht.“ Seine Stimme klang streng und ließ keinen Gegenspruch zu.
„Schön, dass du dich über meinen Willen hinwegsetzt und auf einem Egotrip unterwegs bist, aber ich werde es sicherlich nicht zulassen, dass du mich hinschleppst, wohin du möchtest.“ Unbändiger Zorn flammte in mir auf und machte mich hellwach. Blitzschnell setzte ich mich auf und stierte James kalt entgegen. Ich atmete noch einmal tief ein, bevor ich fortfuhr.
„Ich kann auf deine Beschützernummer redlich verzichten, denn ich muss nicht immer von dir gerettet werden. Du willst mir erzählen, dass es das Schlimmste für dich wäre, wenn mir etwas passiert, dabei hast du all meinen Kummer verursacht. Du bist nutzlos und bloß eine Last für mich“, spuckte ich ihm regelrecht entgegen.
Meine Hände ballten sich zu Fäusten und die weißen Knöchel traten hervor. Trotz meiner harten Worte, die ihn sicher ins Herz trafen, blickte James mich entschlossen an. Ein bisschen imponierte mir seine Standhaftigkeit und ich bewunderte ihn dafür. Er musste mich unendlich lieben, aber warum hatte er mich dann verraten?
Diese Frage ging mir nicht aus dem Kopf, doch ich wagte es nicht sie zu stellen. Ich befürchtete, dass seine Antwort meine Meinung über ihn vielleicht ins Wanken brachte, aber nur vielleicht. Dieses Wort hinderte mich jedoch daran, meine Frage auszusprechen. Ich wollte kein Risiko eingehen.
„Ich bleibe bei dir, Holly. Ich werde auf dich aufpassen“, erklärte er mit angespanntem Gesicht und schaurig leuchtenden Augen.
Das Kreischen einer Eule unterbrach die Stille und ließ mich zusammenzucken. Mit ihren großen Schwingen kreiste sie über unsere Köpfe und schoss auf die Erde zu. Vielleicht hatte sie im Dickicht eine Maus entdeckt. James hatte den Blick von mir abgewandt und schaute konzentriert auf seine Hände.
Derweil knirschte ich unzufrieden mit den Zähnen und zog die Augenbrauen zusammen. Was sollte als nächstes passieren? Würde er mich wieder über seine Schulter werfen und davonrennen, wenn ich mich weigerte mit ihm zu gehen? Angewidert verzog ich das Gesicht. Nur bei dem Gedanken daran, dass James mich anfasste, zitterte ich und bekam ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Ich schlang meine Arme um meinen Körper und zog die Beine an.
Aufmerksam folgte ich jeder seiner Bewegungen. James saß auf einem Baumstumpf, der rund herum mit Unkraut bewachsen war. Er schien in Gedanken verloren zu sein. Die Blutmenge auf seiner Hose hatte sich vergrößert, sodass es vom Bund, bis unter die Hosentaschen geflossen war. Sein linker Arm hing tatenlos und schlaff herunter und wirkte wie der Arm einer Marionette, dessen Seil nicht vom Puppenspieler gezogen wurde. Es war einfach unfair, dass er trotz seiner Verletzung noch immer schneller war, als ich.
Meiner Meinung nach konnte er unmöglich ein Mensch sein. Eingehend musterte ich ihn, um eine Bestätigung für meine Vermutung zu erhalten, doch er sah aus wie jeder andere Mensch. Aber er war ein grausamer und hinterhältiger Mensch, ohne jegliches Verständnis. Er wollte partout nicht akzeptieren, dass ich ihn um jeden Preis nicht bei mir haben wollte. Wie konnte er nur so stur sein?
Verzweifelt schlug ich die Hände vor mein eiskaltes Gesicht und verbarg die aufkommenden Tränen. Meine Situation war aussichtslos. Ich hing hier fest, mit James ständig im Nacken und ohne das Wissen, wie es mit mir weitergehen sollte. Mein Schädel dröhnte und fühlte sich an, als ob er kurz vor der Explosion stand. Liebend gerne hätte ich die ganze Wut, Trauer und Enttäuschung herausgeschrien, aber meine Kehle war staubtrocken und ich brachte keinen Ton heraus.
Ich war wütend auf mich selbst. Ich hasste meine Ungeschicklichkeit, mein fehlendes sportliches Talent, dass ich heute überhaupt nicht gebraucht hätte und vor allem verabscheute ich den kleinen Teil in meinem Herzen, der sich wie wahnsinnig an James klammerte; an ein Menschen mordendes Monster, das ich seit der heutigen Nacht bis aufs Blut hasste.
Genauer gesagt hassen wollte, doch meine Gefühle machten mir einen Strich durch die Rechnung. Ich schämte mich in Grund und Boden. Wie konnte ich das Andenken an meine geliebten Eltern beschmutzen, indem ich den Menschen liebte, der ihre Mörder ins Haus gelassen hat?
Warme Tränen rannen über meine, durch die Kälte, geröteten Wangen und ich unterdrückte die Schluchzer, die aus meinem Mund heraus wollten.
„Wir sollten weitergehen, Holly. Es ist kalt und du bist sicher müde.“ Seine Stimme war nicht mehr, als ein Flüstern, das durch den Wind zu mir herübergetragen wurde. Der sorgenvolle Ton entging mir dabei nicht.
„Das Wörtchen wir kannst du gleich streichen, okay? Außerdem lasse ich mir von dir bestimmt nicht sagen, wann ich wohin zu gehen habe.“ Erbost presste ich meine Lippen aufeinander.
Mein Hass gegen ihn und seine heuchlerische Fürsorge waren einfach unvereinbar.
Auf einmal erhob sich James vom Baumstumpf und näherte sich mir vorsichtig mit unmenschlich hell glänzenden Augen, die ich sogar in der Dunkelheit erkennen konnte. Unter seinem Blick versteifte ich mich so stark, dass meine Muskeln sich verhärteten und deutlich sichtbar unter meiner Haut hervortraten.
„Du hast mir deutlich klar gemacht, was du von mir hälst und dass kann ich durchaus verstehen, Holly. Ich verstehe deinen Hass, aber ich werde dich auf keinen Fall alleine lassen. Ich will mich jederzeit versichern, dass es dir gut geht und du nicht in Gefahr schwebst.“
Ich hatte schon den Mund geöffnet, um zu widersprechen, als er unverwandt weitersprach.
„Du brauchst mich nicht daran zu erinnern, dass ich an allem Schuld bin, sowohl am Tod deiner Eltern, als auch an der Gefahr, der ich dich ausgesetzt habe und in der du dich immer noch befindest, aber ich bitte dich den Wald mit mir zu verlassen und einen Schlafplatz für die restliche Nacht zu finden.“
Um mich zusätzlich zum Umdenken zu bewegen, kniete er sich demütig und unterwürfig vor mich und sah mich aus leeren Augen an. Tief im Innern wusste ich genau, dass er Recht hatte, doch das hätte ich im Leben nicht zugegeben.
Während ich darüber nachdachte, wie ich es geschickt anstellte nicht nachzugeben und dennoch aus dem Wald zu verschwinden, warf ich einen flüchtigen Blick auf James. Ihm schien es von Minute zu Minute schlechter zu gehen, denn seine Haut war schneeweiß und er zuckte und zitterte unkontrolliert, wie bei einem epileptischen Anfall.
Die Kälte, der heftig peitschende Wind und der enorme Blutverlust taten ihm offensichtlich nicht gut. Ich konnte nachvollziehen, warum er so schnell, wie möglich, den Wald verlassen wollte. Jetzt stellte sich bloß die Frage, ob er aus selbstsüchtigen Gründen irgendwoanders hin wollte oder weil er sich tatsächlich Sorgen um mich machte.
Argwöhnisch verengte ich meine Augen zu Schlitzen und mein Misstrauen stieg ins Unermessliche. Sollte ich vielleicht doch noch einen Fluchtversuch starten? Schließlich ging es James schlecht und die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass er nicht ein zweites Mal schneller sein würde, als ich und mir folgen könnte. Aber ich spürte, dass ich körperlich ebenfalls nicht in der Lage war einen Megasprint hinzulegen. Dass hieß, Wohl oder Übel, dass ich mich James anschließen musste, obwohl mein Inneres sich heftigst dagegen wehrte. Doch musste ich wirklich mit ihm gehen?
Nein, denn ich war alt genug, um selbst aus dem Wald herauszufinden und eine Unterkunft zu suchen. Wie ich selbst bereits zu James gesagt hatte, ich brauchte ihn nicht. Wild entschlossen schoss ich augenblicklich in die Höhe und machte auf dem Absatz kehrt. Ich achtete nicht im Geringsten darauf, ob James mir hinterherlief oder nicht.
Schnurstracks stapfte ich auf Socken in die Richtung, von der ich zumindest glaubte, dass ich von dort gekommen war. Ich war unsicher, da mein Orientierungssinn zu Null tendierte. Trotzdem ging ich weiter, in der Hoffnung, einen Ausweg aus dem Irrgarten aus Bäumen zu finden.
Dicke Wurzeln ragten aus der Erde wie spitze Knochen. Ich bahnte mir mehr stolpernd, als gehend einen Weg durch den Wald. Das Mondlicht drang nur sehr selten durch das dichte Blattwerk und tauchte hin und wieder die Umgebung in ein gleißendes, märchenhaftes Licht. In einiger Entfernung hörte ich das fröhliche Rauschen eines Baches, der sich durch das Dickicht schlängelte.
Unter meinen Füßen verschwand das weiche Moos und machte kleinen messerscharfen Steinchen und klebrigem Matsch Platz. Die Steine bohrten sich unsanft in meine Haut und lösten kurze Schmerzimpulse aus, die bis in meine Waden reichten. Der Matsch schmatzte jedes Mal, wenn ich einen Fuß anhob, um einen neuen Schritt zu tun. Aber es waren nicht nur meine Schritte, die ich hören konnte, sondern auch seine.
Wie erwartet folgte mir James und machte sein Versprechen, dass er jederzeit bei mir sein würde, tatsächlich wahr. Verbittert zogen sich meine Mundwinkel nach unten und ich schnaubte laut hörbar. Mich machte es wütend, dass er mich wie ein Schatten auf Schritt und Tritt verfolgte und ich seine Anwesenheit ständig hinter mir spürte.
Minutenlang ging ich durch den Wald, ohne einen Ausweg zu finden. Das Problem war, dass alles gleich aussah. Die Bäume, die Büsche, die Blumen, alles war pechschwarz. Ich war kurz davor aufzugeben und mich einfach trotzig auf die Erde zu setzen und abzuwarten, bis es hell wurde.
Die Tatsache, dass James mich verfolgte und bestimmt ganz genau wusste, wo wir langgehen mussten, hielt mich jedoch davon ab. Ich wollte ihm keinen Grund liefern, um sich als rettender und strahlender Held aufzuspielen.
„Ich will deinen Enthusiasmus ja nicht bremsen, aber du gehst in die völlig falsche Richtung. Du marschierst immer tiefer in den Wald hinein, also, warum gibst du nicht einfach zu, dass du nicht weißt, wo es langgeht?“, sagte er mürrisch und entnervt. Blöder besserwisserischer Idiot.
„Das ist nicht dein Problem, schließlich habe ich dich nicht darum gebeten, mir zu folgen.“ Aufgebracht fuhr ich herum und knurrte ihn an. Strähnen meines Haares fielen mir ins Gesicht.
„Egal, was du auch tust oder sagst, Holly, ich weiche nicht von deiner Seite. So schnell wirst du mich nicht los.“
James hatte sich gegen eine nahe stehende Kiefer gelehnt und stierte mich eindringlich an. Dabei sah er aus, als ob er entweder bald in Ohnmacht fallen oder sterben würde. Mein Mitleid weckte er nicht.
Mit seinen Worten regte er mich nur noch mehr auf, denn er ging in keinster Weise auf mich ein. Er verstand einfach nicht, wie ernst ich es mit meinem Alleingang meinte.
„Wieso haust du nicht ab, wie ich es dir gesagt habe? Ich mache keine Scherze, verstehst du das nicht? Ich will, dass du verschwindest und nie mehr in meine Nähe kommst.“
Meine Stimme klang merkwürdig schrill und unangenehm in meinen Ohren. Ich erkannte sie gar nicht wieder. Ich ärgerte mich maßlos über James´ Sturheit und mein Hass gegen ihn nahm von Sekunde zu Sekunde zu.
„Ich sterbe, wenn ich dich nie wiedersehe. Deswegen, und zu deinem Schutz, bleibe ich bei dir.“
Ich riss die Augen weit auf.
„Du denkst nur an dich selbst. Und mir ist es gleich, wenn ich aus deinem Leben verschwinde und du dann tot umfällst!“, brüllte ich kalt und schroff. Für einen kurzen Moment zuckte James leicht zusammen, so schnell, dass man es kaum wahrnahm.
An seinem Gesichtsausdruck konnte ich erkennen, dass er inständig hoffte, dass ich seine Reaktion nicht bemerkt hatte. Mir zauberte der Schmerz, den ich auch in seinen grauen Augen sehen konnte, ein höhnisches Lächeln auf die Lippen.
Ein Schatten legte sich auf sein Gesicht und seine Wangen wirkten auf einmal eingefallen. Der Tod höchstpersönlich schien vor mir zu stehen.
Ich fröstelte und das Lächeln wurde von meinem Gesicht gewischt. Ich wusste, dass meine Gänsehaut nicht an der Kälte lag, sondern an James. Er besaß von Anfang an eine furchteinflössende Ausstrahlung, die er mir schon des Öfteren in voller Pracht präsentiert hatte. Hart schluckte ich den schweren Kloß herunter, der sich in meinem Hals gebildet hatte. Mein Atem ging in Stößen und ich musste meinen Blick abwenden.
„Sei bitte vernünftig, Holly. Schluck für höchstens eine halbe Stunde deine Wut herunter, denn länger wird es nicht dauern, bis ich einen Weg aus dem Wald und eine Unterkunft gefunden habe.“ Er legte all seine Überzeugungskraft in seine Stimme und versuchte mich zur Vernunft zu bringen.
Derweil rasten die Gedanken blitzschnell durch meinen Kopf. Was sollte ich bloß tun? Weiter durch den finsteren Wald wandern oder auf seinen Vorschlag eingehen? Ich kannte die Antwort auf diese Fragen genau, doch ich konnte mich nicht überwinden und „Okay“ sagen.
Wenn ich ihm zustimmen und nachgeben würde, dann wäre das eine Niederlage für mich. Ich wollte ihm zeigen, dass auch ich stark sein konnte und nicht auf ihn hörte. Ich würde nicht nach seiner Pfeife tanzen.
Entnervt sah ich wieder zu James herüber. Erwartungsvoll stieß er sich vom Baum ab und trat wenige Schritte auf mich zu. Sogleich fühlte ich mich von ihm bedroht.
„Vergiss es“, raunte ich und fletschte die Zähne. Er blieb direkt stehen, als ob jemand die Stopptaste gedrückt hätte. Sein markantes Kinn zitterte und ich konnte Funken in seinen Augen sehen.
„Entweder gehst du jetzt freiwillig mit mir mit oder…“
„Oder was? Zwingst du mich dann wieder gewaltsam mir dir zu kommen, indem du mich wie ein Höhlenmensch über deine Schulter wirfst?“ Herablassend musterte ich ihn, während er stocksteif zwischen zwei Bäumen stand.
„Ja“, entgegnete er kurz und knapp. Er versuchte krampfhaft die Kontrolle über die Situation zu behalten.
„Es liegt an dir, was ich gleich tun werde.“
„Na toll“, sagte ich sarkastisch und verdrehte die Augen.
„Die Auswahl ist ja überwältigend.“ James stöhnte auf und trat ungeduldig von einem Bein aufs Andere.
„Kannst du mir nicht einfach die Führung überlassen? Wenn du freiwillig mitkommst, dann brauche ich dich auch nicht anzufassen.“ Das war ein Argument, dass musste ich zugeben.
„Außerdem weiß ich, dass es nicht unweit von hier ein kleines Motel gibt.“ Seine Stimme klang für mich vertrauenswürdig, aber auch ein wenig drängend. Mein Widerstand und meine Sturheit schrumpften überraschenderweise immer schneller in sich zusammen und ließen Platz für eine endgültige Entscheidung.
„Na gut, du hast gewonnen. Geh voran, bring mich hier raus und dann zeigst du mir das Motel. Danach will ich, dass du sofort abhaust. Verstanden?“, fragte ich ihn emotionslos.
Wortlos nickte James, bevor er mit gesenktem Blick an mir vorbeiging. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm schnellen Schrittes zu folgen. Unverwandt starrte ich auf seinen Rücken und den linken Arm. Schlagartig brannte mir Blutgeruch in der Nase und mir wurde speiübel.
Die Erinnerungen an das geflossene Blut und die toten und seelenlosen Körper meiner Eltern überrannten mich. Mein Herz pochte schmerzhaft und schnell gegen meinen Brustkorb. Ich ging immer langsamer, bis ich endgültig stehen blieb. Meine Nasenflügel blähten sich auf und meine Lider flatterten. Als meine Pupillen nach oben wanderten, wurde es vor meinen Augen pechschwarz.                  

Leises, gedämpftes Gluckern ertönte. Es klang wie eine Melodie; ein Schlaflied. Auf meiner Haut spürte ich nicht mehr die Kälte, die im Wald geherrscht hatte, sondern wohlige Wärme. Ich lag auf etwas Weichem, das sich an die Form meines Körpers anpasste. Es fühlte sich an, als schliefe ich auf einer Wolke.
Ich kuschelte mich noch tiefer in meine Wolke und gähnte ausgiebig. Mir war klar, dass irgendetwas in der Zeit passiert sein musste, als plötzlich das Licht ausgegangen und ich ohnmächtig geworden war, doch ich wollte nicht die Augen öffnen, um zu sehen, was genau geschehen war. Dazu fühlte ich mich viel zu wohl und geborgen. Ich hatte merkwürdigerweise eine Art Heimatgefühl.
Nach einigen Minuten verstummte das Gluckern und es wurde still. Es war kein Ton zu hören. Verwirrt runzelte ich die Stirn. Wo waren die traumhaften Klänge hin? Was war los? Ich war leicht verunsichert, denn die Melodie hatte mich beruhigt und schläfrig gemacht. Sie schien eine magische Kraft auf mich auszuüben.
Nun, da sie fehlte, fühlte ich mich nicht mehr sicher. Ein Schauer lief mir über den Rücken und ich schlug die Augen auf. Mein Blick fiel direkt auf ein Fenster, vor welches ein schokobrauner Vorhang gezogen war. Trotzdem drang eine handvoll Sonnenlicht hindurch und gab dem kleinen Zimmer eine erdrückende Atmosphäre.
Die aufkommende Hitze hatte sich gestaut und es gab keinen Platz mehr für sauberen Sauerstoff. Die Luft war stickig und es roch nach Schimmel. Langsam setzte ich mich auf und die Wolke verwandelte sich in ein stinknormales Bett, das mit einem weißen Laken bezogen war. Ich musste mich in dem Motel befinden, welches James vor meinem Zusammenbruch erwähnt hatte. Mit Sicherheit hatte er mich hierher getragen. Zorn stieg in mir auf und machte meine gute Laune zunichte.
Reg dich nicht auf, Holly. Er ist weg, für immer. Er hat dich, wie versprochen, ins Motel gebracht und ist dann verschwunden. Die kleine nervige Stimme meldete sich wieder mal zu Wort.
Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Schließlich hat er mir auch versprochen, dass er seinen Kollegen niemals von mir erzählt. Daran hat er sich nicht gehalten.
Ja schon, aber siehst du ihn irgendwo? Nein. Die Stimme hatte Recht. James war weg und würde nicht wiederkommen. Ich war erleichtert, aber ein winziger Teil in mir schrie vor Schmerz auf. Ich versuchte, so gut es ging, diese Gefühle zu ignorieren und nicht einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden.
Tief atmete ich ein und aus und sah mich im Zimmer um. Die mintgrüne Tapete war bespickt mit einem kitschigen floralen Muster und war an einigen Stellen fleckig oder teilweise abgerissen. Das Doppelbett war, Gott sei Dank, frisch mit einer, zur Tapete passenden, Bettwäsche bezogen worden.
An den Wänden hingen grässliche Bilder, welche komische Farb- und Formkombinationen zeigten, die absolut nicht zusammenpassten. Rechts neben dem Bett entdeckte ich eine Tür, welche vermutlich zu einem angrenzenden Badezimmer führte. Alles in allem machte das Zimmer einen heruntergekommenen Eindruck.
Ich wäre nie in diesem Motel abgestiegen, wenn all die Ereignisse in der gestrigen Nacht nicht stattgefunden hätten und ich nicht auf der verzweifelten Suche nach einem Schlafplatz gewesen wäre. Augenblicklich schnürte sich mir die Kehle zu und der Kloß in meinem Hals kehrte zurück. Schwerfällig legte ich mich wieder flach aufs Bett.
Die Bilder von gestern blitzten erneut vor meinem geistigen Auge auf. Sie würden mich mein ganzes Leben lang verfolgen und ich fragte mich, ob ich jemals noch einmal glücklich sein konnte.
Wie immer, wenn ich an den Tod meiner Eltern dachte, überkamen mich eine Trauer und Beklommenheit, die mich bald zu Grunde richten würden. Die wichtigsten Personen in meinem Leben, die mir Halt, Geborgenheit und Liebe geschenkt hatten, waren mir brutal geraubt worden und fehlten mir unheimlich. Ich konnte kaum atmen, denn mein Brustkorb fühlte sich an, als ob sich jemand auf ihn gesetzt hätte. Hektisch rang ich nach Luft.
Ich werde ersticken, dachte ich panisch und riss die Augen auf. Ich bekam Angst und meine Kräfte schwanden.
Dann hörte ich, wie eine Tür aufgestoßen wurde und schwere Schritte auf mich zukamen. Jemand packte mich an den Schultern und riss meinen Oberkörper in die Höhe.
„Ganz ruhig, Holly. Atme tief durch.“
Der Klang dieser Stimme war wie ein Schlag ins Gesicht. Das konnte doch nicht wahr sein. James war hier und brachte mich völlig durcheinander. Er beruhigte mich nicht, sondern das Gewicht auf meinem Brustkorb wurde noch mal einige Kilo schwerer und meine Atemnot verschlimmerte sich. Meine Augen wanderten hin und her.
Zuerst sah ich das verdunkelte Fenster, dann das markante und einzigartige Gesicht von James und daraufhin diese dämlichen Bilder. Und das geschah immer und immer wieder. Fenster. James. Bilder. Fenster. James. Bilder. Fenster. James. Bilder.
Mir schwirrte der Kopf und mir wurde schwindelig. Ich fühlte mich hilflos, in einer Welt aus verschwommenen Farben und Formen. Egal, wie sehr ich mich auch konzentrierte, ich konnte nicht aus der verwirrenden Welt ausbrechen.
Intuitiv kam ein kreischendes „Hilfe“ über meine Lippen. Es dauerte nicht lange, ehe sich starke Arme um mich legten und Finger sanft über meinen Rücken strichen. Die Berührungen beruhigten mich und stoppten die Irrfahrt meiner Augen.
Meine Pupillen fokussierten die schmuddelige Wand, die mir gegenüber lag. Auf unerklärliche Weise konnte ich meinen Blick nicht von ihr abwenden. Automatisch normalisierten sich meine Atemzüge und ich wurde in seinem Griff ruhiger.
„So ist es gut“, flüsterte er mir ins Ohr. James war mir so nah, dass der Blutgeruch einfach überwältigend war. Es war widerlich und ekelerregend.
„Lass mich sofort los“, fauchte ich und drückte ihn von mir weg.
„Du hast gesagt, dass du mich ins Motel bringst und dann abhaust, aber jetzt muss ich feststellen, dass du erneut ein Versprechen gebrochen hast.“ Ohne es zu wollen, schwang Enttäuschung in meiner Stimme mit.
Als ich ihn auf dem Bett nur wenige Zentimeter von mir entfernt sitzen sah, hasste ich mich dafür, dass ich ihm erlaubt hatte mich in den Arm zu nehmen. Und ich verabscheute mich, weil ich es für einen kurzen Augenblick sogar genossen hatte.
„Warum bist du noch hier?“ Fragend sah ich ihn an. James stöhnte qualvoll auf, bevor er mich mit einem zärtlichen Blick durchbohrte.
„Ich habe versucht zu gehen, ehrlich, aber wie gesagt, die Liebe ist zu stark. Ich kann dich nicht verlassen, es geht einfach nicht.“ Jetzt war ich diejenige, die stöhnte.
„Für mich ist deine Anwesenheit unerträglich, aber das kannst oder willst du nicht einsehen.“ Ich wurde lauter und hysterischer. Ich fühlte mich immer mehr wie seine Gefangene. Verzweifelt robbte ich ein Stückchen zurück, bis ich das hölzerne Kopfende des Bettes im Rücken spürte. So brachte ich weitere Zentimeter zwischen uns. Jeder Zentimeter war mir wichtig, um mich nicht eingezwängt zu fühlen.
„Du hast Recht. Ich will es nicht einsehen, obwohl ich dich verstehe.“
„Klasse und wie soll es nun weitergehen? Willst du mich für den Rest meines Lebens verfolgen, um dich zu versichern, dass ich in Sicherheit bin?“ Er nickte.
„Hast du überhaupt eine Ahnung, wie fanatisch das ist?“ James setzte amüsiert ein schiefes Grinsen auf.
„Ich weiß, aber ich schäme mich nicht dafür. Erinnerst du dich noch an den Tag, als ich an deiner Schule auf dich gewartet habe?“ Er wartete nicht auf meine Antwort.
„Damals habe ich dir gesagt, dass ich für immer bei dir bleiben werde, mein Leben lang und daran halte ich mich.“ Seine Augen sprühten förmlich vor Energie und zeigten seine Stärke. Sein Körper dagegen wirkte schwach und verbraucht.
Ich wunderte mich, dass er noch immer stehen konnte und überhaupt so lange durchgehalten hatte. Ich wandte mich ab.
Egal, was ich auch sagte, er würde sowieso das tun, was er wollte. Was für eine ernüchternde und bittere Erkenntnis.
„Anscheinend hat es keinen Sinn mich weiterhin zu sträuben, aber du musst mir eins versprechen.“ Er konnte ein triumphales Lächeln nicht unterdrücken.
„Und das wäre?“
„Du bleibst im Hintergrund. Ich will dich nicht sehen und nichts von dir hören.“ Das Lächeln fror ein. Sein Kopf zuckte leicht hin und her. Ich sah ihm an, wie sehr ihm meine Forderung missfiel, dennoch nickte er.
„Ich würde alles tun, damit du mich nicht komplett aus deinem Leben streichst.“
„Gut“, nuschelte ich und betrachtete ihn. Seine Haut sah sogar noch schlimmer aus, als im Wald. Die dunklen Haare waren klitschnass und seine Lippen waren bläulich.
„Soll ich sofort gehen?“ James wirkte ängstlich und verunsichert. Sein Zustand war mir scheißegal und ich hätte ihn liebend gerne nach draußen geschickt, aber solch ein Unmensch war ich dann doch nicht.
„Nein, aber wenn du dich erholt hast, verziehst du dich.“
„Klar.“ Er schenkte mir ein dankbares Lächeln.
Mein Gesicht blieb dennoch ausdruckslos. Er fuhr sich gedankenverloren durch die nassen Haare und stand auf. Seine Beine zitterten und er hatte keinen festen Stand. Um die Gefahr zu mindern, dass er hinfiel, machte er einen großen Schritt zur gegenüberliegenden Wand und stützte sich mit der rechten Hand ab. Seine Atemzüge waren ungesund laut und rasselnd. „Kann…kannst du m…mir bitte einen Ge…Gefallen tun?“, stotterte er plötzlich mit heiserer Stimme. Ich runzelte die Stirn. Was war denn nun mit ihm los?
„Nein“, sagte ich wie aus der Pistole geschossen. Ich würde nie mehr etwas tun, was ihm helfen könnte.
„Ich fle…flehe dich an, Holly.“ Ich schnaubte.
„Was sollte ich denn für dich tun können?“, fragte ich spöttisch.
„I…ich habe ein…eine Kugel in der lin…linken Schulter.“ Er drehte sich zu mir um. Jetzt kannte ich den genauen Ort seiner Verletzung.
„Da i…ich sie natür…natürlich nicht selbst ent…entfernen kann, musst du es tun.“ Entsetzt schnappte ich nach Luft.
„Hast du sie noch alle? Ich habe doch keinen Schimmer, wie man sowas macht.“
„Ich wür…würde nicht da…darum bitten, we…wenn es nicht dring…dringend wäre.“
Seine Augen waren glasig und sahen dadurch noch schauriger aus, als sonst. Er ähnelte einer Leiche.
„Du verlangst zu viel von mir. Ich kann nicht.“
„Bitte. Das ist das let…letzte Mal, dass i…ich dich um etwas bi…bitte.“ Zögernd erwiderte ich James´ flehenden Blick. Unsicher und nervös rutschte ich auf meinem Platz hin und her. Sollte ich ihm helfen oder nicht? Ich konnte ihn doch nicht einfach sterben lassen, oder? Nein. Egal, wie sehr ich ihn auch hasste, ich wollte nicht so werden, wie er. Mein Gewissen konnte es nicht verantworten, dass ich jemanden sterben ließ.
Okay, ich wollte ihm helfen, aber mit meinem Entschluss war meine Angst nicht behoben. Wie schon erwähnt, ich hatte keine Ahnung, wie man eine Kugel aus einer Schulter entfernte. Was, wenn ich etwas falsch machte? Würde ich die Kugel weiter in den Körper schieben und ihm noch mehr Schmerzen zufügen? Ich biss mir auf die Unterlippe.
Derweil wartete James darauf, dass ich meine Meinung möglicherweise änderte.
„Du kann…kannst das, Holly. Ich…ver…vertraue dir.“ Sein Blick überzeugte mich restlos und ich versuchte meine Angst zu unterdrücken. Seine grauen Augen zeigten unendliche Wärme und Zuversicht. Er schien mir voll und ganz zu vertrauen, obwohl er wusste, dass ich Abscheu gegen ihn hegte. Hart schluckte ich, bevor ich mich erhob und zu James trat.
„Ich werde es versuchen, aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich das hinkriege.“ Mein Ton war sachlich und emotionslos.
„Danke.“
„Was genau soll ich tun?“ Er stieß sich leicht von der Wand ab und ließ sich schwerfällig aufs Bett plumpsen. Unter ihm knarrte das Lattenrost.
„Zuerst mus…musst du mir das He…Hemd ausziehen und da…dann lege ich mi…mich aufs Bett.“
„Und womit soll ich die Kugel rauskriegen?“ Ich schüttelte mich. Mir gefiel der Gedanken einfach nicht, dass ich gleich in seiner Haut herumbohren würde.
„Wie tief ist die Kugel eigentlich drin?“ Er zuckte mit den Achseln, was sogleich mit Schmerzen bestraft wurde. James verzog das blasse Gesicht.
„Du mu…musst einen langen und dü…dünnen Gegenstand finden. Und zu dei…deiner zweiten Fra…Frage: sie steckt si…sicherlich etwas tie…tiefer drin.“ Das klang absolut nicht gut.
Wo zur Hölle sollte ich in diesem Motel einen langen und dünnen Gegenstand finden? Ich hatte keine Ahnung.
Hektisch und angespannt sah ich mich im Zimmer um. Ich stand bereits jetzt schon unter Strom und dabei hatte die improvisierte und laienhafte „Operation“ noch gar nicht angefangen. Auf den ersten Blick entdeckte ich rein gar nichts, doch dann blieben meine Augen an einem kleinen schäbigen Nachttisch hängen. Darauf stand eine schwarze Lampe mit Schnörkeln und ein Telefon, neben dem ein kleiner Block lag, auf dem man Anmerkungen oder Beschwerden über das Motel notieren konnte.
Aber diese Gegenstände hatten meine Aufmerksamkeit nicht erregt, sondern ein blauer dünner Kugelschreiber. Bingo. Ich eilte ums Bett herum und schnappte mir schnell den Kuli.
„Ist der Kugelschreiber gut genug?“, sprudelte es aus mir heraus.
„Ja“, entgegnete er.
„Und jetzt?“
„Jetzt le…lege ich mich h…hin und du fän…fängst an.“

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