Das kristallene Medaillon (Teil 10)

Lumniuz behielt recht, Ululala hatte ihr Kommen wirklich bereits bemerkt. Er beobachtete die drei Freunde schon länger durch seine Kristallkugel. Der Magier war nicht viel grösser als ein Gnom. Gekleidet war er in einen violetten Mantel, auf dem goldene Sterne glänzten und der Mond in seinen verschiedenen Stadien prangte. Sein Gesicht war von Falten durchfurcht, doch seine hellblauen Augen, blickten wach und gütig. Ein langer, weisser Bart fiel ihm auf die Brust. In seiner Hand hielt er einen ähnlichen Zauberstab, wie ihn die Fee Isobia besass, nur dass seiner mit einem violetten Stein geschmückt war. Auf seinem Kopfe prangte ein spitzer Hut, passend zu seinem Mantel.

Ululala war ein grosser Magier, der seine Zauberkünste jedoch ausschliesslich für das Gute einsetzte. Schon mehr als zwei Jahrhunderte, lebte er nun schon auf diese Welt. Als ganz junger Mann, hatte er sich ganz dem Dienst an der Schöpfung verschrieben. Er hatte viele Lernprozesse durchlaufen und sich schliesslich dazu entschieden, sein ganzes Leben lang ohne Familie zu bleiben. Das hiess nicht, dass er nicht wusste was Liebe war. Er hatte wohl mal eine Frau geliebt, doch er entschied sich schliesslich doch für das Alleinsein.

Eine Familie hätte auch nicht viel von ihm gehabt, ständig war er unterwegs, nicht selten in anderen Welten. Er kannte z. B. das Reich der hundert Juwelen sehr gut. Denn er war einst Berater von Nofretes Familie gewesen, bis...dieser schreckliche Vorfall mit Malek passierte... Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, wenn er daran dachte.

Heute war jenes wunderbare Reich verwüstet und nur noch Sitz der Bosheit und Finsternis. Wie nur, hatte es so weit kommen können? Das fragte er sich immer wieder. Oft machte er sich grosse Vorwürfe, weil er nichts dagegen hatte tun können, dass es Nofretes Familie und deren Hofstaat, so traurig ergangen war. Malek hatte einen schrecklichen Fluch ausgesprochen, einen Fluch, den kein Magier des Lichts je gebraucht hätte. Ululala litt unter seiner eigenen Ohnmacht. Er konnte diese armen Seelen nicht aus den andren Welten zurückbringen und setzte nun sein ganze Hoffnung auf die beiden Menschenkinder, die durch unerklärliche Umstände den Weg hierher gefunden hatten. Sie besassen eine ganz besondere Voraussetzung. Ihr Geist war anders gestaltet, als der von den anderen Menschen. Wenn jemand überhaupt etwas für die Verbannten tun konnte, dann sie.

Das Menschengeschlecht an sich, hatte sehr viel Gaben erhalten, nur waren die meisten Erdlinge sich derer nicht bewusst. Sie hatten ja auch kein sehr leichtes Leben. Die Erde war eine wunderschöne, wenn auch teilweise schon zerstörte Welt. Ausserdem sehr hektisch und es wurde oft mit harten Bandagen gekämpft. Allerdings beinhalteten all die Widrigkeiten auch ein grosses Lernpotenzial. Er Ululala, wünschte sich deshalb, dass seine Seele nach dem Tod in einem menschlichen Körper wiedergeboren würde, auch wenn er wusste, dass dies kein einfacher Weg sein würde. Er wollte sich jedoch noch weiter entwickeln. Leider war er nun schon sehr alt und er spürte, dass er nicht mehr sehr lange leben würde.

Eine wichtige Aufgabe aber wartete noch auf ihn. Er musste diesen beiden Menschenkindern begreiflich machen, was für ein grosses Potenzial sie besassen. Etwas sagte ihm, dass ihre Anwesenheit hier noch eine andere Bedeutung hatte. Es ging nicht in erster Linie darum die Verbannten zurückzuholen. Da war noch mehr... viel mehr. Doch auch für ihn, lagen viele Dinge noch im Dunkeln...

Plötzlich ging die Tür zu Ululalas Gemach auf und ein hübscher, blonder Junge mit goldenen Augen trat ein. Er mochte etwa 16 Jahre alt sein, war schlank, hochgewachsen und trug eine tannengrüne, enganliegende Hose mit dazu passendem Oberteil, das einen zickzackförmigen Saum aufwies. Auf seinem Kopf befand sich eine grüne Jägermütze, ähnlich jener des englischen Helden Robin Hood. Seine Gesichtszüge waren ausgeprägt, die Lippen sinnlich und seine Nase und die Ohren spitz.

Er gehörte zum Waldvolk und war Ululalas momentaner Lehrling Hungoloz.

„Meister, sie sind bald da!" rief er aufgeregt. „ Ja ich weiss," erwiderte der Zauberer gleichmütig „ Man soll sie freundlich empfangen. Sag das den Wächtern!" „Wie du wünscht!" antwortete der Junge und verliess den Raum wieder.

In der Abend- Dämmerung erreichten Benjamin, Pia und Lumniuz, ziemlich müde, das blauschillernde Tor des Regenbogenschlosses. Zwei kräftige Männer, mit silbernen Harnischen und Speeren, standen hier Wache. Als die Freunde etwas zögernd näher traten, liessen sie sie sofort passieren. Der Erdgnom lachte triumphierend: „Ich habe ja gesagt, dass Ululala uns bereits erwartet. Kommt!" Erstaunt betraten die Geschwister den ersten Innenhof und sahen sich um. In der Mitte dieses Hofes, gab es ein kreisrundes Blumenbeet, das in allen Farben  leuchtete. Der Boden hier, war aus rauem, sandfarbenem Gestein. Die regenbogenfarbigen Mauern, die den Hof umgaben, hatten viele Fenster mit Blumenkisten davor. Treppenstufen führten zu schneeweissen Türen. Leute jeden Alters, gingen hier ein und aus. Einige trugen weisse Togas, zusammengehalten mit einem schlichten, braunen Gürtel. Andere wiederum bunte, weite Gewänder, die an flatternde Schmetterlingsflügel erinnerten.

Benjamin und Pia schauten verstohlen zu Lumniuz herüber, welcher plötzlich erstaunlich still geworden war. In seinen Augen lag ein seltsamer Ausdruck. Zielstrebig führte er sie zwischen zwei Mauern hindurch in einen weiteren Innenhof. Und hier... stockte den Jugendlichen einmal mehr der Atem! Ein riesiger Turm, um den sich eine Wendeltreppe wand, ragte plötzlich vor ihnen auf. Sie hatten ihn schon von weitem gesehen, doch aus der Nähe wirkte er noch viel gewaltiger und schien fast den Himmel zu berühren. Auch er schillerte in allen Regenbogenfarben.

 „Dort oben sind Ululalas Gemächer, ausserdem seine Zauberkammer und der Raum der Stille," erklärte Lumniuz. „Ein ziemlich langer Aufstieg.“

Die drei betraten die ersten Stufen. Sie waren ähnlich wie die Böden der Innenhöfe etwas aufgeraut, sodass die Füsse darauf guten Halt fanden. Natürlich gab es beidseitig der Treppe ein perlmutterfarbenes Geländer, woran man sich festhalten konnte, was bei der Gesamthöhe dieses Turmes auch nötig war.

Als sie etwa die Hälfte des Weges geschafft hatten, kamen ihnen der Magier und sein Lehrling- der Waldelf Hungoloz entgegen.

Fasziniert schauten die Geschwister ihnen entgegen. Ululala war trotz seines offensichtlich hohen Alters eine sehr beeindruckende Erscheinung. Auch wenn er ziemlich klein gewachsen war, machte seine starke Persönlichkeit das wieder wett. Auch sein junger Begleiter, gefiel vor allem Pia. Etwas haftete ihm an... etwas Träumerisches... und zugleich Abenteuerliches. Woher er wohl stammen mochte? Seine goldenen Augen waren aussergewöhnlich und als sie sich nun mit einem besonderen Ausdruck auf das hübsche Mädchen richteten, wurde dieses irgendwie sehr verlegen.

Lumniuz seinerseits strahlte vor Freude. Er lief die Treppe hoch und umarmte den Zauberer herzlich. Dieser lächelte und erwiderte die Umarmung. Verstohlen strichen sich die beiden über die Augen, doch die glitzernden Freudentränen darin, waren den Geschwistern nicht verborgen geblieben. „Die beiden scheinen ein enges Verhältnis zu haben,“ flüsterte Pia ihrem Bruder zu. Dieser nickte zustimmend.

Ululala wandte sich nun mit freundlichem Lächeln an die Geschwister: „Seid herzlich willkommen." sprach er. „Wie ihr sicher schon wisst, nennt man mich Ululala, das hier ist mein augenblicklicher Lehrling Hungoloz. Er gehört zum Volk der Waldelfen. „Wir haben euch bereits erwartet, kommt mit in meine Gemächer und ruht euch erst mal etwas aus!"    

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