Das kristallene Medaillon (Teil 20)

Währenddessen, sassen die Geschwister mit gefalteten Händen und unterschlagenen Beinen da, ohne zu merken, dass die vier Herren der Elemente, die Hände über sie hielten. Je länger je mehr konnten sie die unwichtigen Gedanken aus ihren Köpfen verbannen. Nur der Hunger war schwer zu vergessen. Ihre Magen knurrten. Immer wieder kämpften sie dagegen an, versuchten ihn zu bezwingen. Mit der Zeit aber, begann sich ihr Geist langsam von der irdischen Schwere zu lösen. Schliesslich sahen sie nur noch die Sonne an der Wand. Die irdischen Belange, rückten immer weiter in die Ferne. Eine tiefe, innere Ruhe umfing sie. Sie schliefen jedoch nicht ein, sie nahmen nur nichts mehr um sich herum wahr. Die Ewigkeit hüllte Pia und Benjamin ganz in ihren weichen Mantel ein. Ein Gefühl der Glückseligkeit, erfüllte sie dabei, eine Geborgenheit, die sie noch nie zuvor empfunden hatten... Die erste Phase war geschafft!

Als Ululala am Abend erneut kam, um nach den Geschwistern zu sehen, waren diese noch immer weit entrückt. Das Herz des Magiers machte einen Freudensprung. Sanft stupste er die beiden an. Diese öffneten sofort die Augen und blickten ihn mit tiefer Klarheit an. „Ich gratuliere!“ rief der Zauberer freudestrahlend: „Ihr habt den ersten Schritt zur Sphärenwanderung gemacht!“ „Tatsächlich?“ staunten die beiden. „Ja! Das habt ihr gut gemacht!“ Es war auch wirklich wunderbar!“ schwärmten die Jugendlichen. „Alles war so voller Ruhe und Frieden. Wir haben alles um uns herum vergessen und die Gedanken flossen nur noch wie Wasser an uns vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen.“ „Ich hatte einen Moment lang das Gefühl, mein Geist könne sich überall hinbegeben wo er will“, ergänzte Pia noch. „Doch ich wagte es noch nicht so richtig.“ „Du hattest schon dieses Gefühl?“ fragte Ululala, hellhörig geworden. „Ja... aber wie gesagt, ich hab‘s gelassen, ich wollte auf Nummer sicher gehen.“ „Das war klug von dir. Doch das was du beschreibst, wird dir bei der zweiten Phase sehr hilfreich sein.“ Ihr habt euch jetzt mal eine Pause verdient. Habt ihr Hunger?“ „Oh ja und wie!“ riefen die Geschwister, welche erst jetzt merkten wie leer ihre Mägen waren. „Ich habe uns eine leichte Mahlzeit hier herauf gebracht. Ihr solltet nicht zu viel und nicht zu schwer essen, denn bald geht es weiter und da ist ein übervoller Magen nicht sehr dienlich. Es gibt in der Zauberkammer auch ein Schlaflager für euch, das ich extra eingerichtet habe. Dort könnt ihr etwas schlafen, aber nur wenige Stunden.“ „Wie spät ist es eigentlich jetzt?“ fragte Benjamin. „Es ist fünf Uhr früh und dämmert gleich. Ihr habt wirklich lange meditiert, eine reife Leistung für das erste Mal! Ich bin sehr, sehr stolz auf euch.“

Das Essen schmeckte diesmal wahrlich besonders gut. Die Schlossköche hatten eine wunderbare, leichte Mahlzeit zubereitet, die gut verdaulich war.

Um zwei Uhr Nachts, nachdem die Geschwister ein paar Stunden geschlafen hatten, weckte sie Ululala wieder auf. Sie hatten sehr grosse Mühe aufzustehen, denn sie waren todmüde. „Leider kann ich euch nicht schonen“, meinte ihr Lehrmeister mitfühlen. „Wir haben sehr wenig Zeit. Ausserdem ist euer Geist in diesem Zustand besonders aufnahmefähig. „Aber wir sind doch viel zu müde, um zu meditieren,“ klagte Pia. „Das schafft ihr schon. Ihr befindet euch auf einer andern Bewusstseinsebene in der Nacht, besonders wenn ihr geschlafen habt. Kommt mit mir!“ Sie gingen zusammen mit Ululala, erneut hinauf in den Raum der Stille.

Dort setzten sie sich wieder auf die Kissen und Ululala sprach: „Nun kommen wir zum zweiten Schritt. Dieser wird noch schwieriger sein als der Erste. Es gilt nun, den Geist mit dem eigenen Willen zu lenken und ihm beizubringen, sich unabhängig vom Körper zu bewegen, Dies ist sehr anspruchsvoll und birgt auch eine gewisse Gefahr in sich, da ohne euer Geist und eure Seele euer Körper schutzlos ist. Es gibt genug Geistwesen, die Anspruch auf so einen Körper erheben wollen und ihn dann besetzen, so dass ihr nicht zurückkehren könnt. Das ist die verletzlichste Phase die ihr durchlauft. Bedenkt dabei auch immer, dass man mit solchen Dingen nicht leichtfertig umgehen darf. Nicht jeder ist dazu berufen Geist und Körper voneinander zu trennen. Ihr müsst es lernen, um euren Auftrag zu erfüllen. Jedenfalls , bleibe ich hier um mich um euch zu kümmern und aufzupassen, dass euer Körper unbehelligt bleibt. Der Raum der Stille ist zwar ein besonders geschützter, gesegneter Ort. Dennoch weiss man nie. Doch keine Angst, ich kenne mich mit solchen Dingen aus. Schon oft habe ich gegen die sichtbaren und unsichtbaren Mächte gekämpft. Wichtig ist, dass ihr mir vertraut. Tut ihr das?“ „Ja, das tun wir“, gaben die Geschwister ohne Zögern zur Antwort.

„Dann ist es gut.“ Ululala wandte sich an Pia: „Diesmal darfst du dem Wunsch deiner Seele zu reisen nachgeben. Es droht dir keine Gefahr. Allerdings würde ich mir ein Ziel vornehmen.“Er lächelte wissend. „Ich glaube ich kenne dieses Wunschziel bereits.“ „Ja, ich will nach meinen Eltern sehen.“ „Wie aber stelle ich das Ganze an?“ fragte Benjamin etwas ratlos. „Ich habe keine solchen Gefühle wie Pia gehabt. Als ich meditierte, genoss ich einfach die ruhige, friedvolle Atmosphäre. Ich wollte nicht reisen.“ „Das ist bei meinem ersten Mal dasselbe gewesen“, erwiderte Ululala. „Bis ich... ein Ziel vor Augen hatte, dass ich besuchen wollte. Dieses Ziel musst du auch finden, ebenso wie Pia. Bestimmt wird es nicht viel anders sein, als ihres, “ erneut lächelte er warm. „Wäre es nicht interessant zu wissen, was mittlerweile bei euch daheim geschehen ist?“

Oh doch, das interessierte Benjamin wahrlich brennend. Wie hatte Isobia ihre Worte „für alles ist gesorgt“ gemeint? Das wollte er herausfinden. So begann er enthusiastisch zu meditieren.

Allerdings wurde seine Geduld noch eine Weile auf die Probe gestellt, denn es dauerte noch den ganzen nächsten Tag und eine weiter Nacht, bis er die Trennung des Geistes vom Körper schaffte.  

Beiden Jugendlichen erging es anfangs gleich. Viel zu viele Gedanken schwirrten noch in ihren Köpfen herum. Schliesslich schafften sie es jedoch wieder sich so zu konzentrieren, dass sie die erste, bereits erlernte Phase der Weltenwanderung, ein weiteres Mal durchliefen.

Benjamin fühlte wieder die wohlige Wärme und die Ruhe, die ihn durchströmte. Sein Kopf war jedoch leer. Er konnte keinen rechten Gedanken fassen. Mit allen Fasern seines Ich's spürte er eine friedvolle Gegenwart, doch sein Wille arbeitete nicht. Er war einfach nur da und liess sich treiben. Er brachte lange nicht die Kraft auf mehr zu tun. Ab und zu glaubte er Fetzen eines seltsamen, überirdischen Lichtes und verschiedene Farben zu sehen. Sie zogen wie Nebel vor seinem inneren Auge dahin.

Pia hatte eine etwas andere Ausgangslage. Sie versuchte sich das heimatliche Haus vorzustellen, war jedoch noch eine ganze Weile nicht fähig, sich richtig darauf zu konzentrieren. Immer wieder störten andere Bilder ihre Wahrnehmung. Ihr Wille war noch gelähmt, ähnlich wie bei ihrem Bruder. Trotzdem war alles sehr eindrücklich. Sie sah die Bilder ihrer Gedanken, so deutlich und klar und stets waren sie in dieses eigentümliche Licht getaucht, worüber bunte Farben hinweg tanzten.

Dann aber endlich! Sie wusste selbst nicht richtig wie, schaffte sie es auf einmal in ihrem Geiste ein ganz klares Bild von ihrer Haus am Waldrand entstehen zu lassen. Mit einer Entschlossenheit, die sie selbst erstaunte, hörte sie die Stimme ihrer Seele, die sprach: „Dorthin will ich!“ Und in diesem Augenblick, fand sich Pia schwebend an der Decke des Raumes der Stille wieder! Unter ihr und das erschreckt sie anfangs ziemlich, sah sie ihren Körper als leblose Hülle. Daneben kniete Ululala, der leise vor sich hin murmelte und Benjamin, der zwar meditierte, dessen Geist und Seele den Körper jedoch noch nicht verlassen hatten. Sie sah ein Strahlen in seinem Innern, ganz hell und weiss und sie dachte an die Worte die Ululala mal irgendwann zu ihnen gesagt hatte: „Dieser innerste Kern ist der Lebensfunke, der in allen Wesen schlummert. Er macht uns alle zu Brüdern und Schwestern...“ „Habe ich es etwa geschafft?“ fragte sich das Mädchen selbst ungläubig. „Habe ich wirklich und wahrhaftig meinen Körper verlassen? Aber ich wollte doch... nach Hause.“ Etwas aber hielt sie noch hier. Sie wollte ihrem Bruder helfen...

Auf einmal glaubte Benjamin eine leise Stimme an seinem Ohr zu vernehmen. „Benjamin. Ich bin hier. Komm zu mir! Du schaffst das auch. Lass dich einfach leiten. Wenn du zuviel willst schaffst du es nicht. Das Ziel ist hier wichtig, nicht der Weg.“ „Pia?“ fragte er telepathisch „bist du das?“ „Ja komm! Wir wollen doch nach Mom und Dad sehen. Lass dich einfach fliessen... einfach fliessen...“ „Fliessenlassen? So einfach war das nicht. Doch auf einmal begriff Benjamin. Es war wie eine Erleuchtung! Der Junge beschloss, nichts mehr aus eigener Kraft erzwingen zu wollen und... er liess einfach los! und doch wusste er genau wohin er wollte. Er stellte es sich ganz klar vor und... als er dies tat, fühlte er auf einmal ein leichten Ziehen und...sein Geist schwebte neben seiner Schwester an der Decke. Es war geschafft!

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