Das Land des dunklen Mondes (17)

Diese Geschichte hatte Trojanas tief erschüttert und der Hass, der aus den Worten seines Vaters sprach, erschreckte ihn irgendwie. Er konnte sich kaum vorstellen, dass es einen Ort gab, wo die Männer sich den Frauen so unterordnen mussten. Die Männer waren den Frauen doch in allem überlegen. Körperlich, sowie auch geistig. Allerdings konnte er sich auch nicht vorstellen die Frauen so zu hassen, wie es sein Vater tat. Ohne Frauen, konnte schlussendlich die Kultur der Solianer nicht überleben, was dieser Femina Notstand klar bewies. Und nun…sollte er zu einem völlig andern Volk reisen und Frauen mit Gewalt beschaffen? Etwas stimmte ihn dabei sehr nachdenklich... Trotz allem würde er es jedoch tun, denn immerhin hing das Überleben seines Volkes davon ab und es zu retten war sein oberstes Ziel.

Trojanas breitete seine Schwingen aus, die im Gegensatz zu jenen seines Vaters rot und orange waren. Er sah gut aus. Bronzene Haut, spannte sich über stählerne Muskeln. Er besass ein etwas kantiges Gesicht und langes, schwarzglänzendes, glattes Haar. Seine Augen waren von einem tiefen Dunkelbraun. Anders als die Harpyas und die Lunarier, sah er in der Nacht damit aber eher schlecht. Die dadurch geringere Empfindlichkeit auf helles Licht, war eine nützliche Einrichtung für ein Reich, das von gleissendem Sonnenschein erleuchtet war.

Trojanas war ein sehr guter Krieger, mit einem erstaunlichen, strategischen Talent. Deshalb hatte ihm sein Vater auch die Führung der solianischen Armee anvertraut. Er war geschickt und klug und so war er auch von Solianas, zu dessen einstigem Nachfolger bestimmt worden. Manchmal erstaunte dass den jungen Mann, denn er hatte immer das Gefühl sein älterer Bruder Taumanas, sei dem Vater ähnlicher als er. Doch so wie es aussah, schätzte der König doch mehr die Fähigkeiten, des jüngeren Sohnes. Taumanas war deshalb auch oft eifersüchtig auf Trojanas.  Die beiden Brüder hatten keine wirkliche Bindung zueinander. Sie stammten auch nicht von derselben Mutter. Solianas hatte Kinder, von verschiedenen Frauen. Er legte sich da nicht fest. Das war auch nicht üblich im Land des Sonnengottes. Die Männer machten was ihnen gefiel und nahmen sich so viele Frauen, wie sie wollten. Enge Bindungen zwischen Paaren gab es auch hier nicht. Zu tief war der Graben zwischen weiblich und männlich, zu gross war die Allmacht der Männer. Auch den Kontakt zu ihren Müttern, hatten die Kinder kaum. Wenn sie männlich waren, wurden sie sogleich in die Gesellschaft eingegliedert und vorwiegend von ihren Vätern grossgezogen. Die Mädchen… nun ja die hatten es schwerer. Sie lebten beim niedrigen Volk und wurden, sobald sie geschlechtsreif waren, von den Männern für ihre Zwecke benutzt. Er gab für sie keinen andern Weg, genauso wie es auch keinen andern Weg, für die Masculinas im Reich der Harpyas gab…

Aellia erwachte. Nach der wundervollen Paarung mit Nannios, waren die beiden zusammen in der weichen Wiese eingeschlafen. Doch als die Harpya nun die Augen öffnete, wurde sie von einem unglaublich hellen Schein geblendet. Er war Tag geworden und die Sonne stand an einem veilchenblauen Himmel. Es war eigentlich keine übermässig helle Sonne, sie wurde etwas gedämpft, durch einen lilafarbenen Schimmer. Doch im Gegensatz zum Reich des dunklen Mondes, war ihr Licht gleissend. Die Harpya schreckte hoch und hob ihre Hände vor die schmerzenden, an Dunkelheit gewöhnten Augen. Nannios wurde dadurch ebenfalls geweckt. Die beiden befanden sich auf einem Art Grat, der auf beiden Seiten von Flussläufen flankiert wurde. Das glasklare Wasser umspielte schäumend die Felswände und stürzte weiter vorne, als mächtiger Wasserfall in die Tiefe. Ein Stück entfernt, erblickte Aellia die nestartigen Bauten der Lunarier, welche an den vielen, umliegenden Klippen klebten. Sie sah auch den Tempel der nun, da der Sonnengott Heliosus ihn beschien, wie ein funkelndes, weisses Juwel, in dem sich die Strahlen aller Regenbogenfarben brachen, leuchtete. „Gefällt es dir hier?“ fragte Nannios und legte seinen Arm um ihre Hüften. Ja, aber es ist sehr hell. Ich bin mich das nicht gewöhnt.“ „Du musst wirklich in einer sehr dunklen Welt leben.“ „Ja, im Gegensatz zu dieser hier, ist sie schon sehr dunkel. Ich finde es hier nicht so angenehm.“ „Vielleicht brauchst du am Anfang noch eine Art Schutzbrille, bis deine Augen sich den Gegebenheiten einigermassen angepasst haben.“ „Ja das stimmt. Sollen wir zurückfliegen?“ „Natürlich, wenn du möchtest.“ „Gerne.“ Sie lächelte ihn an, aber es wirkte etwas gequält.

Das helle Sonnenlicht hatte irgendwie die Romantik der letzten Nacht vertrieben und die Realität holte Aellia ganz plötzlich ein. Diese Welt hier… sie war so vollkommen anders. Die Menschen die hier lebten waren anders, die Götter waren anders, einfach alles. Aellia hatte sich dem Zauber hingegeben, der sich unter dem Schein der Mondgöttin ausgebreitet hatte, hatte sich einem Mann geöffnet, wie sie es noch nie zuvor getan hatte und nun…beschien sie dieser männliche Sonnengott so penetrant mit seinem gleissenden Licht. Wie nur konnte unter so einem hellen Schein, die dunkle Mondgöttin Lilithia, noch gegenwärtig sein? Wie würde es überhaupt weitegehen mit Nannios und ihr? Aellia hatte in ihm grossen Hoffnungen geweckt, dass sah sie in seinen Augen, welche sie verliebt und hingebungsvoll anblickten, während sie auf die Stadt zuflogen. Er hatte zu ihr gesagt, dass er sie liebe, dass er das schon von Anfang an getan habe, als er sie sah. Doch…sie konnte diese Art der Liebe nicht erwidern. Sie war sich das schlichtweg nicht gewöhnt und ihr Hiersein diente einem andern Zweck. Es galt ihr Volk zu retten und das würde für die Lunarier wiederum schlimme Folgen haben, denn man würde sie gewaltsam dazu bringen müssen ins Reich des dunklen Mondes zu kommen. Aber konnten sie dort überhaupt überleben? Sie schaute diese Welt hier an, atmete die sauerstoffreiche Luft, die alles durchdrang. Dort wo sie herkam herrschten ganz andere Verhältnisse. Sie musste ihr Volk dennoch retten und das hiess, Nannios früher oder später zu hintergehen, auf die eine… oder andere Weise. Es war nicht klug, wenn sie sich zu sehr in diese Gefühle, die sie letzte Nacht empfunden hatte, hineinsteigerte. Sie musste unbedingt einen klaren Kopf bewahren.

„Es war wundervoll, letzte Nacht“, sprach Nannios und strich ihr zärtlich durchs Haar. „Ja, es war sehr schön“, sprach sie, wich ihm jedoch aus. Sie durfte keine Hoffnungen mehr in ihm wecken. Dennoch sehnte sie sich so sehr nach den Berührungen und der Nähe dieses lunarischen Mannes. Es fiel ihr sehr schwer ihn zurück zu weisen, es blieb ihr jedoch nichts anderes übrig…

„Ich möchte dich gerne mal zu meiner Mutter einladen“, sprach er plötzlich „Sie sollte dich besser kennenlernen, “ sprach er. „Aber ich will ihr nicht zur Last fallen, sie hat sicher viel zu tun, “ wandte Aellia ein und spürte auf einmal einen schweren Kloss im Hals. „Sie nimmt sich bestimmt etwas Zeit. Für ihre Kinder immer.“ „Sie ist bestimmt eine gute Mutter“, erwiderte Aellia und ein seltsamer Schmerz zog ihr Herz plötzlich zusammen. „Ja das ist sie, die beste Mutter der Welt! Auch unsere Väter sind oft bei uns auf Besuch. Das ist immer sehr schön. „Lebt Artemia mit einem von ihnen zusammen?“ „Nicht direkt, aber sie treffen sich immer wieder und teilen die sexuellen Wonnen miteinander. Sonst lebt meine Mutter allein, sie hat ihr Leben ganz in den Dienst von Lunaria gestellt. Wie ist das mit deinen Eltern?“ Aellia spürte bei dieser Frage einen Stich im Herzen. „Mutter ist vor  kurzem gestorben, mit meinem Vater hatte ich nie Kontakt.“ „War denn jemals jemand richtig für dich da?“ frage Nannios, auch wenn er intuitiv fühlte, dass er damit wohl ein eher schmerzhaftes Kapitel ansprach. „Nun ja…meine Mutter etwas mehr, aber… sie war eine eher kühle Frau. So ist das in unserer Welt. Mein Vater hatte, wie gesagt, kaum mit mir zu tun. Im Reich des dunklen Mondes…übernehmen meist die Mütter die Verantwortung für ihre Töchter.“ „Für ihre Töchter? Was ist mit den Söhnen?“ Aellia zögerte, dann erwiderte sie: „Nun…um die Söhne kümmern sich eher die Väter.“ „Also nur ein Elternteil kümmert sich jeweils um die Kinder?“ „Ja, das kann man so sagen…“ „Das ist aber schade. Eine Tochter braucht doch ihren Vater und ein Junge seine Mutter sowieso.“ „Tja, wie ich sagte, wir leben in sehr verschiedenen Welten und…“ sie wandte sich ihm zu und senkte etwas schuldbewusst den Blick. „Ich…muss wieder zurück nach Hause. Ich… kann nicht hier bleiben.“ Eine plötzliche Trauer und Enttäuschung stieg in Nannios Augen auf, doch er fasste sich wieder und meinte mit leiser Stimme. „Ich…hatte eigentlich gehofft, dass du vielleicht hierbleibst, bei mir…“

 

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