Das Land des dunklen Mondes (6)

Aellia war verzweifelt, als sie eine Gefährtin nach der andern fallen sah. Sie versuchte alles um die Gorgonas aus der Distanz zu erledigen, mit Pfeilen und ihrer Magie. Die Gorgonas merkten schnell, dass von ihr eine besondere Gefahr ausging. Deshalb konzentrierten sich immer mehr von ihnen auf die junge Novizin. Zwei von ihnen sandten gleichzeitig ihre tödlichen Augenblitze nach ihr. Doch Aellia sah sie kommen. Sie konzentrierte sich und zentrierte ihre Magie erneut über dem Herzen. Dann drehte sie ihre beiden Handflächen den Feinden zu. Eine weisse, durchschimmernde Energiescheibe entstand zwischen ihnen. Sie wurde grösser und grösser und mit aller Macht, schleuderte sie diese nach vorn. Die grünen Todesblitze der Gorgonas prallten von der Scheibe ab und wurden mit doppelter Macht zurückgeschleudert. Das hatte den Effekt, dass die beiden Feinde buchstäblich in ihren eigenen Flammen aufgingen und als verkohlte, schleimige Masse ins Bodenlose stürzten.

Aellias aussergewöhnliche Kräfte richteten grosse Verluste bei den Gegnern an und lichteten ihre Reihen. Doch dann geschah etwas Unerwartetes! Als sie gerade wieder gegen mehrere Gegner gleichzeitig antrat, spürte sie auf einmal einen entsetzlichen, brennenden Schmerz im Rücken. Er war so schlimm, dass es ihr das Bewusstsein raubte. Wie ein Strohpuppe stürzte sie in die grosse Leere, unter sich. Eine Gorgona hatte es geschafft, sie von hinten anzugreifen und ihre grünen Blitze nach ihr geschleudert. Diese fügten Aellia schwerste Brandwunden zu und versengte ihre Flügel. Ein endloser Fall begann…

 3. Kapitel

Riesige, rote Klauen fingen Aellia auf. Sie erwachte für einen kurzen Moment, sah wie ein grünes, weites Land unter ihr vorbeizog. Ein Land, das sie noch nie zuvor gesehen hatte. Es war für ihre Begriffe sehr hell, das Licht schmerzte in ihren Augen. Das Firmament durch das sie glitt war veilchenblau, durchzogen mit einigen dünnen, weissen Wolkenschwaden. Doch sie war zu schwach um richtig zu erwachen. Es war wie ein seltsamer, unwirklicher Traum. Über sich sah sie den Bauch einer gewaltigen Echse mit rubinroten Schuppen, welche in diesem hellen Licht irisierend glänzten. Ausserdem erblickte sie einen gewaltigen, gehörnten Kopf auf einem langen Hals. Das Wesen trug sie zwischen ihren Klauen, ganz sanft, ohne Druck auf den Körper der Harpya auszuüben. Als wäre sie eine kostbare Fracht, ein zerbrechliches Kind, mit dem man besonders behutsam umgehen musste. In Aellias Kopf stieg eine Erinnerung auf, eine Geschichte die sie schon gehört hatte, doch sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie war wie gelähmt und erneut glitt sie hinüber in die Dunkelheit, ihrem Bewusstsein weit entrückt…

Nach einer endlosen Zeit des Schlafes, erwachte die Harpya gänzlich aus ihrer Ohnmacht. Sie öffnete ihre Augen, doch diesmal wurde sie nicht mehr von grellem Licht geblendet. Eine sanfte Dunkelheit umgab sie, welche nur von etwas Kerzenlicht erhellt wurde. Sie sah sich um. Sie befand sich in einem hohen Raum. Doch dieser Raum war ganz anders, als die Räume der Obsidian Stadt. Er hatte Wände aus hellgrauem Gestein und besass, anders als jene in ihrer Heimat, runde statt zugespitzte Bogengewölbe. Ausserdem waren andere Symbole an den Säulen zu sehen: Stierköpfe, Hirsche und wunderbar herausgearbeitete Ranken- und Blumenmuster.

Sie lag in einem Bett, das wie in ihrer Heimat an der Decke befestigt war, aber es war etwas näher am Boden. Ausserdem bestand es aus hellem Holz, wie alle Einrichtungsgegenstände hier. Es hingen Bilder an der Wand und farbige Wandbehänge. Sie zeigten teilweise Harpyas, aber… ihre Gefieder waren anders, irgendwie farbiger, vielfältiger, als es Aellia kannte. „Gefallen dir die Bilder?“ fragte auf einmal eine tiefe, wohlklingende Stimme in ihrer Nähe. Eine Gestalt löste sich aus den Schatten. Sie war gross und kräftig mit roter Haut, schwarzen Augen und langen, ebenfalls schwarzen, glänzenden Haaren, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Sie besass auch Flügel, aber eher ledrige ohne Federn. Irgendwie kam ihr dieses Geschöpf bekannt vor. „Bist du… ein Drakonier?“ fragte sie. Die Gestalt erwiderte: „Ja, unter diesem Namen kennt ihr uns. Ich habe dich sozusagen aus der Luft gegriffen, du bist ja schrecklich tief gestürzt. Ein Wunder, ist dir nichts geschehen. Deine Göttin muss dich sehr lieben.“ Der Drakonier lächelte. Eine angenehm warme, kraftvolle Präsenz ging von ihm aus. Aellia starrte ihn ungläubig an. „Du warst das…aber, du bist ein…“ „Er ist ein Drache“, vernahm sie auf einmal eine andere, etwas hellere, aber ebenfalls sehr angenehme Stimme. Vor ihr tauchte eine weitere Gestalt auf. Ihre Flügel erzeugten einen sanften Luftzug, als sie ins Licht trat. Aellia schaute den Neuankömmling noch fassungslosen an. Es war…eine männliche Harpya- ein Masculina! Aber sein Gefieder war rein- weiss mit etwas blau. Er hatte helle, irgendwie rosafarbene Haut und silberne, lange Haare, die ihm glänzend über die Schultern fielen. Sein Gesicht war schön und ebenmässig mit etwas kantigen Wangenknochen. Er besass tiefblaue Augen, noch nie hatte sie solche Augen gesehen. Sie waren wie leuchtende Lapislazuli und schlugen einem sofort in ihren Bann. Er wirkte sehr männlich und doch irgendwie sanft, ein wahrlich ansehnliches männliches Exemplar. Respektvoll, aber keineswegs unterwürfig, deutete er eine Verbeugung an und sprach „Ich heisse euch herzlich willkommen… im Reich des Silber- Mondes! Mein Name ist Nannios, dürfte ich vielleicht auch den euren erfahren?“...

 

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