Meine Hände ertasteten rauen, klamm-feuchten Stein um mich herum. Doch sehen konnte ich ihn nicht. Der Ort, an dem ich erwachte, war in pechschwarze Finsternis getaucht. Keine bloße Dunkelheit, an die sich das Auge langsam gewöhnte, sondern tiefste, absolute Finsternis. Die Abwesenheit jeglichen Lichtes.

Neben mir spürte ich ein Bett aus weichem Moos auf dem Boden, an den Wänden fühlte ich Pilze auf dem blanken Stein und in einer Pfütze sammelte sich eiskaltes, klares Bergwasser.         

Ich kann nicht sagen, wie lange ich auf dem weichen Bett aus Moos ausharrte. Dafür aber kann ich sagen, ich spürte keinen körperlichen Mangel, jedoch eine tiefe Unzufriedenheit an mir nagen.

Stunde um Stunde, Tag um Tag verging, bis Stunden und Tage, ja selbst das Wort Zeit ihre Bedeutung verloren. Ich ernährte mich von Pilzen und trank das klare Wasser, stillte meine natürlichen Triebe, während ich versuchte meine Rastlosigkeit zu ergründen, wo es mir doch an nichts fehlte.

Und plötzlich sah ich ein Licht aufflackern. Und obgleich es schwach war und sofort wieder erlosch, erkannte ich doch den Korridor der vor mir lag. An seinem Ende glaubte ich, den verglimmenden Docht einer Kerze zu sehen und so tastete ich mich an den Wänden aus Granit entlang. Ich war ein Blinder auf der Suche nach dem Augenlicht.

Der Korridor war lang und bald spürte ich den Hunger und den Durst in mir aufsteigen, der mir nun schon so lange unbekannt gewesen war. Doch eine Umkehr kam nicht mehr in Frage, denn tief in mir spürte ich, dass das einzige Mittel, zum beruhigen meines Gemütes, das Licht am Ende dieses Tunnels war.

Meine Hände wurden wund und blutig, während ich mit ihnen über die immer scharfkantigeren Wälle zu beiden Seiten neben mir strich um mich zu orientieren. Als ich schließlich glaubte, den Schmerz, den Hunger und den Durst nicht länger ertragen zu können, stieß mein Fuß gegen etwas, das mit matt metallischem Klang zu Boden fiel.

Ich tastete auf dem Boden nach dem Gegenstand und fand eine alte Laterne und einen Feuerstein. Mit einiger Anstrengung gelang es mir, die Lampe trotz der tiefen Dunkelheit zu entzünden und Licht in die unterirdische Welt zu bringen.

Die Laterne warf einen weiten Schein, konnte mir jedoch nicht das Ende des Weges zeigen. Also drehte ich mich um, entschlossen zu meinem Moosbett zurückzukehren. Doch was ich dort im Schein des Feuers sah, ließ meinen Atem stocken, mein Blut gefrieren.
Hatte ich tatsächlich diese Pilze gegessen?
Dieses Wasser getrunken?
Auf diesem Moos geschlafen?
Mir war, als könnte ich nun die wahre Gestalt meiner Lebensspender sehen und mir wurde übel dabei.

Einen Moment stand ich unschlüssig und starr auf dem Fleck. Doch dann traf ich eine Entscheidung: Die Pilze und das Wasser hatten mich ernährt. Mich gut ernährt, doch ich wollte, durfte, nein konnte nicht dorthin zurück! Nicht nachdem ich sie bei Lichte gesehen hatte.

Der Weg vor mir mochte dunkel, ungewiss und voller Entbehrungen und Gefahren sein. Doch er war besser als weiter so zu leben.

Und wie ich meine ersten Schritte dem schwarzen Horizont entgegen tat, verlosch die Laterne in meiner Hand und am Ende des Korridores sah ich ein neues Licht aufflackern.

Kommentare

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    Wunderschöner Text und sehr tiefgründig! 5/5

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    Tolle Geschichte. Ich musste genau wie Polla auch an das Höhlengleichnis von Platon denken :)

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    Ich kann mich Sharimaya nur anschließen, spannend und aussagekräftig! Toll geschrieben ^^ Einzig der 2. Satz des 3. Absatzes hat mich irgendwie stutzen lassen. Außerdem musste ich die ganze Zeit an Platons Höhlengleichnis denken XD ***** :)

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    Gänsehaut! Was für ein toller, tiefsinniger Text! 5/5

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