Das Medaillon der vier Gewalten (2)

Gerade habe ich etwas länger Ferien. Das ist der Vorteil, wenn man noch Student ist. Eigentlich schade, dass man noch nicht baden kann. Warum ist es nur so lange kühl dieses Jahr? Es ist als ob die Erde irgendwie frösteln würde, aber wieso das so ist, ich weiss es nicht. Es ist einfach so ein Gefühl, irgendwie unbestimmt, bedrohlich…

Als ist das Haus mit dem hellen Marmorboden betrete, höre ich Stimmen aus dem Wohnzimmer. Es scheint, als hätten wir Besuch. Aber wer mag das wohl sein? Ich trete etwas zögernd in das Wohnzimmer und sehe wie meine Eltern sich mit zwei Personen unterhalten. Es sind eine Frau und ein Mann. Die beiden drehen sich nun zu mir um und ich staune, wie ähnlich sie sich sehen. Beide sind sie blond und sehr ansehnlich. „Hey Manuel!“ ruft meine Mutter. Sie hat dunkelbraunes, lockiges Haar und braune Augen. Das genaue Gegenteil von der Frau die auf Besuch gekommen ist. Deren langes Haar, sieht aus wie gesponnenes Gold und sie hat blaue Augen. Auch der Mann der bei ihr ist, hat solche tiefblauen Augen. Sehr schöne Augen übrigens… muss ich sagen, als sich diese nun auf mich richten und in einem freundlichen Lächeln erstrahlen. Meine Mutter fährt fort: „Das sind Pia und Benjamin. Kennst du sie noch? Wir haben sie schon ewig nicht mehr gesehen. Es sind sicher fast 10 Jahre her, seit sie das letzte Mal da waren. Nun sind sie gerade in der Nähe am Meer in Urlaub und wollten uns mal wieder besuchen!“ Die hübsche Frau kommt als erstes auf mich zu und ihr Lächeln lässt die Sonne auf ihrem schönen Gesicht aufgehen. Ich werde ganz verlegen als sie sagt:

„Hallo Manuel! Wow du hast dich aber verändert, wie alt bist du denn jetzt genau?“ „Ich bin gerade 20 geworden und du?“ Ich beginne mich langsam immer besser an die Zeit erinnern, als die beiden das letzte Mal dagewesen sind. „Ich bin mittlerweile 32 und mein Bruder Benjamin 34.“ Benjamin reicht mir grinsend die Hand zur Begrüssung. Ich mag die beiden auf Anhieb. Irgendwie fühle ich mich mit ihnen seelisch verwandt. Warum weiss ich auch nicht. „Es ist schön, dass ihr mal wieder auf Besucht kommt“, spreche ich mit ehrlicher Freude. „Ja, ihr lebt ja auch wirklich toll hier!“ erwidert Pia und knabbert an einem der leckeren Butterkekse meiner Mutter. Dann trinkt sie einen Schluck Milchkaffee dazu. Sie strahlt eine wundervolle Anmut und Herzlichkeit aus und als sich ihre blauen Augen mit den langen Wimpern wieder auf mich richten, senke ich verlegen den Blick. Sie nimmt das lächelnd zur Kenntnis und unterhält sich dann weiter mit meinen Eltern. Ich beteilige mich auch an dem Gespräch und wir merken gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht.

Als die Nacht sich über die Umgebung senkt, gehe ich wie so oft noch hinaus auf die Terrasse, von wo aus man alles sehr schön überblicken kann. Der Himmel hat etwas aufgeklart und ich suche automatisch das Meer nach den Meeresmenschen ab. Aber irgendwie lassen sie sich nicht mehr blicken. Schade!

„Du wirkst ja so als würdest du da draussen nach etwas suchen“, reisst mich auf einmal die erheiterte Stimme von Pia aus meinen Gedanken. Erschrocken zucke ich zusammen. Irgendwie fühle ich mich ertappt. Doch sie sagt nichts weiter und sucht stattdessen mit ihren Augen, die mittlerweile schwarze, mit einigen silbernen Glanzlichtern durchbrochene See ab. „Heute tut sich da wirklich nicht sehr viel, hab ich Recht? Nicht mal die fernen Lichter von Schmugglerbooten sind zu sehen.“ Ich schaue sie mit einer Mischung aus Überraschung und sogleich darauf folgender Ernüchterung an und denke verächtlich: „Schmugglerboote, so ein Quatsch!“ Doch dann lacht Pia und ich merke das sei einen Scherz gemacht hat. Ich grinse ebenfalls und erwidere. „Nein, Schmuggler habe ich hier noch nie gesehen.“

„Wer weiss“, erwidert die Frau nachdenklich „Vieles spielt sich oft im Verborgenen ab, fern von den Blicken unserer irdischen Augen.“ „Das klingt jetzt ziemlich philosophisch“, spreche ich. „Ich studiere übrigens Philosophie.“ „Tatsächlich?“ freut sich Pia, „ ein wirklich schönes, interessantes Gebiet.“ „Nun… manchmal fehlt mir jedoch etwas das Herz in dieser ganzen Philosophie. Oft werden darin einfach nüchterne Abhandlungen gemacht, über Fragen die die Welt bewegen, oder auch nicht.“ „Nicht viele setzen sich heut noch mit philosophischen Fragen auseinander und wenn, dann fehlt tatsächlich oft das Herz dahinter, “ gibt Pia mir Recht. „Dabei ist die Welt doch so viel mehr als einfach irgendwelche philosophischen Gleichungen…“ Als sie das sagt, blickt sie erneut hinaus aufs Meer und irgendwie wirkt sie seltsam traurig dabei. „Manchmal sehne ich mich nach einer andern, nach einer nicht so nüchternen Welt, “ spricht sie dann kaum hörbar und es ist, als würden dabei Gedanken durch ihren Kopf gehen, welche mich selbst auch, seit ich denken kann, bewegen. „Meinst du es gibt noch mehr da draussen, als wir es uns im Klaren sind?“ frage ich vorsichtig. „Ja, es gibt bestimmt noch mehr. Davon bin ich überzeugt.“ Sie schaut mich an und es ist, als würde sie genau wissen wovon sie spricht. „Welten… wundervoll, farbenprächtig, zauberhaft…“  „Ja nach solchen Welten sehne ich mich manchmal auch, “ erwidere ich, ohne mir wirklich darüber im Klaren zu sein, wie diese Worte auf gewissen Leute wirken könnten. Doch bei Pia ist das nicht der Fall. Ein Licht der Freude scheint auf ihrem schönen, ebenmässigen Gesicht aufzugehen. „Ja, genau! Ich sehe, wir beide verstehen uns!“

Pia

Als dieser Junge diese Worte sagte, da hatte ich das Gefühl, er redet vom selben wie ich. Wenn er gewusst hätte, dass ich ihm nicht nur von diesen Welten erzählt habe, sondern ich diese auch wahrhaftig gesehen habe: Die Welt der Sagen, Märchen und Legenden! Eine Welt so wundervoll so schön und so voll mit den verschiedensten Lebewesen.

Ich schaue heute vergeben hinaus auf die See. Sie sind nirgends zu sehen, weder Meerjungfrauen, noch Meermänner, noch Undinen, oder die kleinen, hübschen Wasserfeen, welche leuchten wie kleine Lichter. Die Erinnerung holt mich wie so oft mit aller Macht ein ich kann mich nicht dagegen wehren...

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Feenstaub

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