Doktor Leonard McCoy verließ nur selten und fast ausschließlich zum Feierabend die Krankenstation, für die er zuständig war. Für die Blutproben unbekannter Arten und zur Analyse und Archivierung waren Krankenschwestern zuständig. Wenn die Krankenschwestern zu viel zu tun hatten oder es sich um besondere und seltene Blutproben handelte, übernahm diese Aufgabe jedoch Doktor McCoy.

Heute war so ein Tag. Diese besonders wichtigen Blutproben mussten sorgfältig archiviert werden. Die Dokumente verlangten die Unterschrift eines Arztes. Ein sehr triftiger Grund für McCoy, selbst den Gang zum Labor anzutreten.  

Widerwillig verließ der brünette Arzt seine hochmoderne Krankenstation und lief einige Hundert Meter über das große Gelände der Sternenflotte-Akademie. Um sich etwas Weg zu sparen (schließlich hatte ein Arzt nicht alle Zeit der Welt) ging McCoy über den schön gepflegten, grünen Rasen, der sich wie das Wasser eines kleinen Sees vor dem Geländer ergoss.

„Sir, Sie können hier nicht einfach über das Gras laufen. Bitte nutzen Sie dafür den Gehweg.“

McCoy würdigte den Studenten, dem die undankbare Aufgabe übertragen wurde das Gelände zu beaufsichtigen, keines Blickes. Stattdessen beeilte er sich aus der prallen Sonne zu kommen. (Er spürte bereits die Krebszellen emsig unter der Haut seines Nackens wachsen.)

,Analysencenter und Archivierung‘ stand in hellen Buchstaben auf der Tür. Wie durch Geisterhand öffnete sich diese, als McCoy ihr näher kam. Kaum hatte er den nicht allzu großen Raum betreten, blieb er stehen und hob den Kopf.

Dort stand er. Wild mit einem Kollegen diskutierend.

Sein blondes Haar war ein wenig feucht und klebte an seinen Schläfen. Die Wangen waren gerötet, was entweder darauf schließen ließ, dass er bis vor Kurzem noch draußen in der prallen Sonne gewesen war oder eine sehr anregende Unterhaltung führte. Möglicherweise sogar beides. McCoy verstand nicht, wie ihm der absurde Gedanke kam, der junge Mann könnte sogar zum Gebäude gejoggt sein. In der Hitze. Das wäre Wahnsinn.

Der Blonde trug seine rote Uniform. Doch im Vergleich zu den anderen stand seine Jacke offen und die ersten Knöpfe seines Hemdes waren gelockert, sodass McCoy einen guten Blick auf dessen Schlüsselbein erheischen konnte. In seinem Kopf löste das sofort Fantasien aus.

Die beinahe leuchtenden blauen Augen des jungen Mannes, die von dunklen Wimpern umrandet waren, und ihm einen harmlos, fast schon naiven Ausdruck verliehen, fesselten den Arzt so sehr, dass er unfähig war, irgendwo anders hinzusehen.  

Trotz des begeisterten Blickes eines Kindes verriet das Gesicht des Blonden eine frühreife Weisheit, einen abgeklärten Schalk, als hätte er schon in alle Abgründe geblickt und entschieden, darauf mit Mut und kleinen Lachfalten zu reagieren. Später sollte McCoy erfahren, was für immense Willenskraft und Entscheidungsstärke in diesem jungen Herzen brannte. Jetzt allerdings nahm der Arzt fasziniert die wilde Erscheinung des Blonden auf.

Etwas Unbändiges glühte in der Seele des jungen Mannes. Etwas, das die meisten vielleicht fälschlicherweise als Arroganz oder Übermut interpretierten. Aber McCoy sah, was es wirklich war und er wusste, dass es nur die Wenigsten erkennen konnten. Es war Aufopferung und der Mut eines Löwen, der seine Familie um jeden Preis beschützen wollte.

Abgelenkt wie er war, stieß McCoy mit einem anderen Kadetten der Sternenflotte zusammen.

„Kannst du nicht aufpassen“, blaffte McCoy ihn an. „Mach gefälligst die Augen beim Laufen auf!“ So als wäre es ganz die Schuld des anderen gewesen.

Bei der Maschine zum Testen der Blutproben blieb McCoy stehen und steckte eine Ampulle nach der anderen in das dafür vorgesehene Fach, wo die rote Flüssigkeit in seine einzelnen Bestandteile zersetzt und analysiert wurde. Während dieses Vorgangs beobachtete er den jungen Mann aus dem Augenwinkel. Jede Geste und Mimik speicherte er in seinem Gehirn ab. Saugte es in sich hinein wie ein Schwamm.

Der Kadett, den McCoy angerempelt hatte, trat zu dem Blonden und deutete mit seinem Kopf in die Richtung des Arztes. Sobald ihn die blauen Augen zu mustern begannen, wendete McCoy den Blick ab.

Plötzlich piepte die Maschine auf und die Blutproben wurden eingezogen. Auf dem Bildschirm erschien ein Feld. McCoy musste nur unterschreiben. Dann war er auch schon fertig.

,Sollen die Daten gedruckt werden?‘ erschien auf dem Bildschirm. Gedruckt wurde in den seltensten Fällen. Also so gut wie nie. Kein Mensch brauchte Papierabfall, wenn er die Daten sofort auf sein PADD laden konnte. Allerdings würde das McCoy Zeit verschaffen. Erneut wanderte sein Blick zu den Kadetten. Sie lachten über etwas. Irgendwie hatte McCoy das eigenartige Gefühl, Auslöser für dessen Heiterkeit zu sein.

Nachdem er die Nachricht auf dem Bildschirm bestätigte, wurden die Daten innerhalb weniger Sekunden auf schneeweißes Papier gedruckt. Zeit, um den Blonden zu beobachten, verschaffte es ihm keine. Also druckte McCoy die Analysen so lange aus, bis er sich dumm vorkam. Minutenlang musterte er die Papiere ohne sie wirklich anzusehen, anschließend ging er an den Schalter und ließ sich nochmal alles bestätigen. Und dann war alles vorbei.

Vor der Tür, nachdem sich diese hinter ihm geschlossen hatte, blieb er stehen und wartete. Worauf, das wusste er selbst nicht. Nun war der blonde Mann nur noch eine vorübergehende, reizvolle Ablenkung von dem stressigen Alltag. Gleichgültig, welch emsigen Pläne McCoy bezüglich der Gestaltung des weiteren Tages auch hegte, diese Augen, diese vollen Lippen und dieses verdammte Schlüsselbein wollten ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Diesen Mund zu berühren, ihn zu küssen, zu schmecken, an ihm zu saugen und ...

Ohne eine Vorstellung davon zu haben, was er tat, machte McCoy auf dem Absatz kehrt und betrat erneut das Gebäude. Da ihm nichts Besseres einfiel, ließ er die Blutproben, die bereits archiviert waren, noch einmal analysieren. Er wertete sie aus. Sah sich die Bestandteile lange und gründlich an und ließ dann alles noch einmal drucken. Den ersten Ausdruck hatte er draußen entsorgt.

Selbstverständlich spuckte die Maschine nichts Neues aus. Wie ein Trottel wiederholte McCoy den Vorgang ein weiteres Mal. Dieses Mal so nervtötend langsam, als stünde er unter Drogeneinfluss, welcher ihn in einen komatösen Zustand versetzte.

Natürlich hätte er ihn ansprechen können, aber McCoy war darin noch nie gut gewesen. Seit der dreckigen Scheidung mit Jocelyn glaubte er nicht an Beziehungen. Doch gegen die Attraktivität dieses Beelzebubs war er machtlos. Im Falle einer Abfuhr befürchtete McCoy einen inwendigen Weltuntergang. Außerdem würde sein in sexueller Hinsicht von Niederlagen geprägtes Selbstbewusstsein so zerspringen, wie ein Spiegel bei einem Frontalzusammenstoß mit einem großen Stein. Vielleicht fürchtete er aber auch, dass nichts Nettes seinen Mund verlassen würde. Hatte es nie. Er war sarkastisch, direkt und grimmig. Nicht Viele mochten diese bescheidenen Charakterzüge an ihm.

Obwohl McCoy die Proben in Zeitlupe scannte und sich Zeit ließ das gedruckte Papier auszuwerten, war er plötzlich fertig. Er verfluchte die schnelle Technik und die Maschinen. Währenddessen hatte er den Blonden mit seinen Blicken ausgezogen, und dann wiederum über alle erdenklichen Katastrophen gebrütet, die sich zwangsläufig ereignen würden, wenn er ihn ansprach. Erneut ging McCoy zum Schalter, quittierte bei dem verdutzten Mann die Richtigkeit der Unterlagen und ging hinaus. Wieder sah der Blonde McCoy nicht an.

McCoy wollte es damit auf sich beruhen lassen. Fest entschlossen keinen Gedanken mehr daran zu verlieren, marschierte er los. Mit seinem grimmigen Gesicht verjagte er jeden Kadetten im Radius einiger Meter. Sie alle fürchteten sich vor dem Doktor mit der zynischen Zunge und den flinken Fingern, die ihnen Hyposprays brutal in den Nacken rammten.

 Geistesabwesend lief McCoy durch die Gegend, bis er erneut vor der Glastür des Archivs und Analysezentrums stehen blieb. Zuerst ging er stur daran vorbei, nicht aber ohne einen kurzen Blick aus dem Augenwinkel ins Innere zu riskieren.

McCoy hatte das schmerzhafte Gefühl, einen lebensentscheidenden Fehler zu begehen, wenn er wegging und zuließ, dass dieser Schöne in den folgenden Tagen zu einer netten Erinnerung verblasste, bis er am Ende vollkommen aus seinem Gedächtnis gelöscht worden wäre. Obwohl McCoy seine Zweifel hatte, dass er diesen Mann vergessen konnte. Zwangsläufig bedeutete das aber, dass er sein ganzes Leben lang bereuen würde, es nicht probiert zu haben. Das würde ihn innerlich zerfressen. Mehr zerfressen, als es all die anderen schrecklichen Dinge schon getan hatten.

Nach einer gefühlten, einstündigen Anstandspause (es war bestimmt weniger, weil er viel zu ungeduldig war) ging McCoy wieder zurück und stellte sich erneut an das Analysegerät. Als er sich umsah, war der junge Mann verschwunden. Enttäuscht ließ McCoy die Hand auf der kalten Oberfläche des Computers liegen, bis das Gerät signalisierte, dass die Blutproben bereits seit einigen Sekunden gescannt und wiederholt analysiert worden waren.

„Wenn du willst, mach ich das für dich. Die Auswertung kannst du abends abholen. Ich glaub, der Laden hier hat sowieso 24 Stunden geöffnet. Also wär‘ später auch okay. Scheinen sowieso immer nur die gleichen Proben zu sein.“

Abrupt drehte McCoy sich um. Zum Glück glitten ihm dabei die frisch ausgedruckten Papiere nicht aus den Händen, obwohl er erschrocken zusammengefahren war. Hoffentlich war sein Zucken unbemerkt geblieben. Als McCoy sah, wer hinter ihm stand und mit seiner faszinierend Stimme sein Herz zum Beben brachte, fürchtete er, dass ihm die Schamesröte ins Gesicht schoss.

Unschuldig stand der Blonde mit einem wissenden Lächeln da, lässig an die Maschine gelehnt mit vor der Brust verschränkten Armen.

„Das sind sehr wichtige Proben. Ich will nicht, dass sie verloren gehen, also mache ich das Selbst“, grunzte McCoy.

„Schon klar.“

„Außerdem braucht es eine Unterschrift.“

„Ich weiß.“

„Na, dann war dieses Angebot mehr als dämlich.“

„Ich kann‘s. Vertrau mir. Auch ohne Unterschrift.“ Wie ein routinierter Trickbetrüger betrat er McCoys Freiraum, die Hände jetzt lässig in die Hüfte gestemmt, eine Augenbraue gehoben und ein schelmisches Grinsen im Gesicht. McCoy kriegte den Mund nicht mehr zu. Selbst ihm fiel es in diesem Moment schwer Gebrauch von seinem bissigen Wortschatz zu nehmen, wenn ihm der Blonde praktisch in den Nacken atmete. Von hier aus hatte er eine gute Sicht auf dessen närrisches Schlüsselbein, dessen Knochen sich mit jeder Bewegung durch die Haut abzeichnete. McCoy gestand sich ein, eventuell einen kleinen (aber wirklich einen klitzekleinen) Fetisch zu haben.

„Es sei denn, du willst den ganzen Tag hier verbringen? Ist das nicht eigentlich Schwesternarbeit?“, fragte der Blonde.

„Ach, daher weht der Wind“, McCoy hatte seine Sprache wiedererlangt. „Du bist der Schwerenöter, der mein Team vom Arbeiten abhält. Enttäuscht, dass kein weiblicher Hintern deine Augen bezirzt?“

„Ja und keineswegs.“ Der Blonde grinste und zog die Augenbrauen hoch. „Dein Hintern ist auch ganz nett.“

McCoy ließ sich seine Überraschung nicht anmerken. „Na fein“, räusperte er sich „aber wehe, dir geht etwas verloren.“ Dann fielen ihm seine Manieren wieder ein. „Danke“, ein erneutes Räuspern „für die Hilfe. Ich werde mich dafür revanchieren.“

Was zum Teufel redete er da? Revanchieren? Für etwas, das er gar nicht benötigte. Die Analyse war nur ein Vorwand den Mann, der jetzt vor ihm stand und dieses Angebot gemacht hatte, anzuschmachten und etwas mehr in seinen perversen Fantasien zu schwelgen. Tiefer konnte er gar nicht sinken. Außerdem revanchierte er sich nicht. Nie!  

„Auf jeden Fall. Mit einem Essen zum Beispiel“, erwiderte der Blonde begeistert.

Sprachlos stand McCoy da, während der Blonde ihm die Sachen aus den Händen nahm.

„Heute Abend?“, fragte der Mann und starrte McCoy unverhohlen auf die Lippen.

„Ich ... Also, heute? ... Keine Ahnung...“, stotterte McCoy und fragte sich, wo seine Schlagfertigkeit abgeblieben war, wenn er sie mal brauchte. Noch nie hatte es jemand geschafft, ihn sprachlos zu machen.

„Okay, abgemacht.“ Obwohl McCoy dem Mann keine befriedigende Antwort gegeben hatte, wurde dessen Lächeln breiter und zufriedener, wie bei einem Hund, der Käse vom Teller geklaut hatte. Dieses Lächeln auf seinen Lippen kam McCoy bereits verdächtig verrucht vor.

„Okay?“, wiederholte McCoy, was bei ihm mehr nach einer Frage klang. Es war alles andere als okay. Denn er würde erstens mindestens drei seiner Freunde anhauen müssen, um sich genug Geld zu leihen (seine letzte Scheidung war einfach zu teuer gewesen), damit er ein gutes Restaurant für das Date (es war kein Date, verdammt) wählen konnte. Und zweitens, würde es ätzend werden, die Zeit bis zum Abend zu überbrücken. Wie sollte er nur die Zeit totschlagen? Es war erst kurz nach Mittag.

Doch er nickte und wusste, dass er dabei grimmiger aussah, als er es wollte. Er wollte nicht warten. Der junge Mann musste ihn für einen seltsamen und unhöflichen Typen halten, aber so war McCoy nun mal. Dagegen konnte er nichts tun.

„James T. Kirk“, stellte sich der Kadett vor und reichte ihm die Hand.

„Dr. McCoy.“ Er nahm die ihm gereichte Hand. Sie war warm und lag perfekt in der seinen.

„Wie wäre es mit jetzt?“, fragte McCoy mit zurückgewonnenem Selbstbewusstsein und leckte sich über die trockenen Lippen.

James grinste erneut. „Klar. Gehen wir.“

Beim Rausgehen warf McCoy die ausgedruckten Papiere in einen Mülleimer.

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