Das neue Schuljahr beginnt

5 Uhr morgens aufstehen, Zähneputzen, anziehen, frühstücken und zur Schule gehen, danach nach Hause gehen, immer wieder das gleiche. Genauso geht es auch einer Milliarde anderen Jugendlichen. Wie viele andere, stamme ich aus einer totalen Durchschnittsfamilie, 3 Kinder mit zwei liebenden Eltern und lebe in einem Durchschnittshaus, welches sich in einer Nachbarschaft befindet, in der fast alle Häuser gleich aussehen.
Vielleicht klingt das jetzt so, als wäre ich mit meinem Leben unzufrieden, aber dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil, ich bin froh dieses Leben zu leben. Ein Leben ohne Sorgen. Weder muss ich Hunger leiden, noch mir Gedanken um mein Überleben machen. Meine Zukunft ist auch gesichert, solange ich regelmäßig zur Schule gehe und nicht komplett versage. Im Großen und Ganzen ist es mir sogar egal, wie ich in der Schule abschneide. Genauso ist es mir egal ist, ob ich viele Menschen kenne und beliebt bin, oder ob ich später zu den am besten bezahlten Menschen zähle. Ich muss nur dem Durchschnitt entsprechen, um in dieser Welt zu überleben und um meinen Eltern keine Sorgen zu machen. Ein normales Leben in einer normalen Welt.
In der kleinen Stadt in der ich wohne, mitten im Nirgendwo, bekommt man nicht zwangsläufig alles aus der Welt mit. Die Nachrichten schneiden selbst die wichtigen Neuigkeiten knapp zusammen, sodass man höchstens erfährt, wo und warum gerade ein Krieg geführt wird. Daher müsste man sich über alles selbst informieren, was aber niemand macht. Nicht einmal in der Schule werden solche Themen angeschnitten, in der solche Informationen eigentlich aber an erster Stelle stehen sollten. Deswegen müsste ich meine gesamte Freizeit dafür opfern, um über alles im Bilde zu sein, wie es von einem idealen Menschen erwartet. Ich habe aber nie versucht so zu sein und werde es definitiv auch nie probieren. Mein generelles Desinteresse an vielen Dingen hat meine Eltern schon so manches Mal zur Verzweiflung getrieben. Mittlerweile lassen sie mich in Ruhe und ich versuche mich in der Öffentlichkeit zusammenzureißen. Wenn ich mein generelles Desinteresse dann aber doch mal laut kundtue, tut jeder so als wäre ich ein Unmensch, oder irgendetwas wäre bei mir nicht ganz richtig gelaufen. Als würden sich die anderen dafür interessieren, dass irgendwo am anderen Ende ein schreckliches Erdbeben war.
Natürlich ist es furchtbar, aber was hat das mit mir zu tun? Das konnte ich noch nie verstehen. Meine Eltern haben diesen Aspekt an mir mittlerweile akzeptiert, sie hätten ja doch nichts ändern können. Meine Mutter gab jedoch nie auf mich dazu zu bringen wenigstens die Nachrichten zu sehen, was meiner Meinung nach größtenteils Zeitverschwendung war. Die einzig wichtigen sind für mich die lokalen Mitteilungen, die, die mich direkt betreffen. Davon gibt es aber nicht jedes Mal welche und wenn erfahre ich sie meistens direkt von meiner Mama. Sie ist selbst eine Nachrichtensprecherin, was sie nur noch mehr anspornt mir jede kleine Kleinigkeit zu berichten und wenn ich mal aus Versehen einen Tag die Nachrichten verpasst habe, findet sie trotz ihrem engen Zeitplans immer die Zeit mir eine Privatvorstellung zu geben. Nach einem Jahr habe ich es dann aufgegeben und immer brav, mit kompletten Desinteresse die Nachrichten geschaut. Aber wenigstens ist meine Mutter darüber glücklich und nervt mich nicht in jedem Gespräch damit. Dennoch ist es jedes Mal eine reine Quälerei.
Das einzige was es erträglicher gestaltet ist, dass meine Geschwister das gleiche zu erleiden haben. Wir können uns unterhalten und müssen die Langeweile nicht alleine durchstehen. Mein Bruder, Lukas, ist allerdings schon vor zwei Jahren ausgezogen und lebt jetzt mit seiner Freundin zusammen in einem anderen Teil der Stadt. Ich habe sie schon ein paar Mal besucht, aber ihre Wohnung ist trotz allem ziemlich klein und sie haben kein Gästezimmer. Zudem gehen sie mir auf die Nerven, ständig kleben sie aneinander und man kann kein Gespräch mit ihnen haben, ohne, dass es damit endet, dass sie sich abknutschen.
Für mich scheinen sie wie das perfekt verliebte Paar. Obwohl sie mittlerweile schon über 6 Jahre zusammen sind, habe ich sie nie streiten sehen und wenn war der Streit belanglos. Meine Eltern sind sehr stolz auf meinen Bruder, er hat es geschafft ein angesehener Architekt zu werden und durch sein gutes Einkommen war er der Mittelschicht entkommen. Auch seine Auserwählte war eine erfolgreiche Modedesignerin, trotz allem hatte sie aber nie wirklich zum Durchschnitt gehört, sie war von Geburt an steinreich. Laut meinen Großeltern hat mein Bruder „das große Los gezogen“. Jeder mochte sie und um ehrlich zu sein ist sie auch immer freundlich, allerdings kann ich sie nicht leiden. Jedes Mal, wenn man sie fragt, wie ihr Job läuft fängt sie an zu prahlen. Ihr Job sei ja so toll und sie würde dadurch ja so viele berühmte Leute treffen. Außerdem habe sie ja keine richtige Konkurrenz in ihrer Branche. Vielleicht bemerkt das außer mir nur keiner, oder sie ignorieren es alle. Auf jeden Fall fangen immer alle gleich an sie zu verteidigen, wenn ich auch nur die kleinste Kleinigkeit gegen sie sage. Wahrscheinlich bin ich die einzige, die nicht verstehen kann, was mein Bruder in dieser Zicke sieht, aber das ist ja eigentlich nicht mein Problem.
Nachdem meine Schwester Marie gesehen hat, wie glücklich unser Bruder ist wollte sie auch unbedingt einen Freund haben. Nach 2 Jahren hat sich dann auch endlich einen Freund angelacht, er scheint auch ganz nett zu sein. Nur der Fakt, dass er jünger ist als ich erscheint mir ein wenig komisch. Aber solange sie zusammenbleiben, habe ich wenigstens meine Ruhe. Die zwei Jahre davor waren einfach unerträglich. Marie schwärmte mir immer wieder vor, wie toll es sein würde endlich den Richtigen zu finden. Aber jedes Mal wenn sie mit jemanden ausging, bemerkte sie nach wenigen Wochen, dass ihr Freund nicht der Eine war und machte Schluss. Jedes Mal durfte ich mir dann ihre Heulerei anhören. Ich bin noch nie der soziale, umgängliche Mensch gewesen, aber zu hören, wie sie sich über all ihre Exfreunde ausließ trug nicht gerade dazu, dass zu verbessern. Ich versuchte mich so weit wie möglich vom anderen Geschlecht fern zu halten. Seit Marie allerdings mit Tobi zusammen ist, ist das besser geworden.
Die Beziehung hält nun schon über 4 Jahre und meine Schwester ist sich todsicher, dass er der Richtige ist. Hoffentlich würde ihre Beziehung noch lange halten, oder, was mir genauso lieb wäre, dass sie sich dann bei einer ihrer vielen Freunde ausweint. In dem Fall ergänzen meine Schwester und ich uns von oben bis unten, was mir an Persönlichkeit fehlt, hat sie zuhauf.
Ich wähle meine Freunde mit bedacht, ihr hingegen scheint es komplett egal zu sein, mit wem sie da eigentlich befreundet ist. Durch ihre vielen Freundschaften ist sie ständig unterwegs und hat auch immer wieder Besuch, vielleicht lag das auch daran, dass sie nicht nein sagen kann. Wenn sie jemand fragt ob sie Zeit hat sagt sie immer ja, es sei denn sie ist schon mit jemand anderen verabredet. Ihre beste Ausrede scheint Tobi zu sein, trotzdem gingen bei uns Tag ein Tag aus immer wieder Fremde ein und aus. Ich konnte ihre ganzen Freunde schon gar nicht mehr zählen.
Wenn sie Freunde zu Besuch hat versuche ich immer mein Zimmer möglichst nicht zu verlassen und ihnen ansonsten auch aus dem Weg zu gehen. Ich würde sonst mit ihnen reden müssen und ich kann mich selbst nicht mehr leiden, wenn ich anfange falsche Freundlichkeit vorzuspielen. Aber ich will die Freunde meiner Schwester auch nicht verletzen. Sie sind ihr wichtig und das respektiere ich. Dadurch, dass sie mich noch nie gesehen haben, wissen viele der Fremden nicht einmal das ich existiere, was für mich perfekt ist.
Trotz aller Erwartungen habe ich im Lauf meines Lebens tatsächlich auch zwei Menschen kennengelernt, die ich mit großer Freude als meine Freunde bezeichne. Als wir uns kennenlernten gingen wir noch auf eine Schule und es war auch purer Zufall, dass wir uns überhaupt kennengelernt haben. Wir hatten die Aufgabe zusammen einen Vortrag auszuarbeiten und da wir uns das Thema selbst aussuchen mussten, lernten wir uns ein wenig kennen. Von da an verbrachten wir praktisch unsere gesamte Zeit zusammen, wir drei waren uns so ähnlich, dass es schon verrückt war. Vor ein paar Monaten sind dann aber die Eltern von Moira in eine andere Stadt versetzt worden, welche etwa 2 Stunden entfernt liegt. Deshalb werden wir uns nur noch selten sehen können. Meine andere Freundin geht jetzt auf eine neue Schule. Sie war schon immer ein richtiger Streber und wurde von ihren, nicht ganz armen, Eltern auf ein Eliteinternat geschickt, damit sie auch ja ein Arzt werden würde und so mit der Familientradition fortfuhr. Wir drei telefonieren regelmäßig um uns nicht aus den Augen zu verlieren.
Dennoch bin ich dieses Jahr dadurch wieder alleine, es war schon angenehm gewesen sich auf die beiden verlassen zu können. Vielleicht werde ich dieses Jahr ja wieder ein paar gute Seelen treffen, aber die gibt es meiner Ansicht nach viel zu selten. Die Menschen sind im Allgemeinen viel zu konzentriert darauf, beliebt oder erfolgreich zu sein, sodass sie ganz vergessen zu leben. Diesen Fehler werde ich nie machen. Ich tat was ich wollte und wie ich es wollte, mir ist egal was die anderen von mir denken, solange sie mich nicht hänseln oder schlimmeres. Das ist meine größte Angst.
Heute beginnt das neue Schuljahre und somit habe ich absolut keine Ahnung was für Menschen alles in meiner Klasse sein werden. Daher mache ich mich auch nicht ganz freiwillig auf den Weg. Meine Schwester geht zwar zur gleichen Schule, aber ich will nicht, dass gleich alle Augen auf mich gerichtet sind. Ich weiß das Marie beliebt in der Schule ist, zwar nicht wie beliebt, aber das werde ich schon noch früh genug herausfinden. Marie wartet schon unten auf mich. Langsam trotte ich hinter ihr her. Es wird nicht lange dauern bis sich einer ihrer Freunde bemerkbar macht.
Meine Schwester weiß genau was ich tue und spielt mit. Sie weiß, dass ich nicht gleich am ersten Tag von ihren Freunden belagert werden will und deswegen meinen Abstand halte, damit niemand bemerkt, dass ich ihre Schwester bin. Tatsächlich kommt genau in dem Moment schon der erste Typ um die Ecke. Zum Glück versucht sie nicht einmal mich vorzustellen, der Typ gefällt mir nicht, nicht, dass er den Eindruck macht, dass er Marie ausnutzen würde. Nein dafür sieht er selbst zu gut aus. Seine Haare sind leicht gestylt, aber nicht so, dass sie vor lauter Haar Gel fettig aussehen. Seine Uniform sitzt perfekt und durch kleine unauffällige Accessoires wirkt sie sogar schon fast modisch. Die Uhr die er am Handgelenk trägt sieht ziemlich teuer aus, er benimmt sich auch so wie ein Prinz. Er geht aufrecht und sieht den Mädchen, die ihn auf dem Weg grüßen nicht einmal in die Augen. Mein Gefühl sagt mir sofort, dass ich mich lieber von ihm fernhalten soll. Marie scheint sich allerdings sehr gut mit ihm zu verstehen. Immer wieder lacht sie und erzählt ihm ganz begeistert etwas. Mir selbst wirft er nicht einmal einen kurzen Blick zu, er hat nur Augen für Marie. Wie zahllos andere ist er sicherlich auch in die verknallt. Irgendwie schon verständlich, meine Schwester sieht nicht schlecht aus. Ihre goldbraunen Haare gehen ihr etwas über die Schultern und umrahmen ihr niedlich, rundliches Gesicht mit ihren strahlend blauen Augen und ihrem bezaubernden Lächeln. Sie erscheint vielen wie eine Prinzessin und die meisten Typen scheinen nur auf eine solche zu warten.
Wenn ich hören könnte, worüber sie erzählen, könnte ich mir sicher sein. Allerdings habe ich es mir zu einer Gewohnheit gemacht, bis pünktlich zum Stundenbeginn Musik zu hören. Dadurch würden meine Mitschüler nicht einmal versuchen mit mir zu reden, außerdem liebe ich nichts mehr als Musik.
Nach etwa 20 Minuten kann ich die Schule schon erspähen, das Gebäude ist einfach monumental riesig. Es reicht bestimmt drei Stockwerke hoch. Mittlerweile sind wir auch nicht mehr alleine, um uns herum tauchen immer mehr Jugendliche in Uniform auf. Ich bin der Schule unendlich dankbar, dass sie vor kurzem eine Uniformpflicht eingeführt haben. So sticht niemand aus der Masse heraus und nur die, die es auch wirklich wollen, werden von den anderen beachtet. Nur aus reiner Vorsicht gehe ich etwas schneller, um Marie nicht aus den Augen zu verlieren. Noch habe ich keine Ahnung wo ich hinmuss und sie ist die Einzige, die mir helfen kann. Zu Glück wird der Typ sofort von lauter Mädchen belagert und ich nutze die Chance, um Sie nach dem Weg zu fragen. Sie lächelt und geht mit mir zusammen nach drinnen. Dabei merke ich wie der Typ Marie einen fragenden Blick zuwirft, sie ignoriert ihn aber gekonnt.
Zuerst bringen wir unsere Jacken weg. Jeder Schüler bekommt hier von der Schule einen Spind gestellt. Meinen finde ich relativ schnell. Vorsorglich wurden überall Namensschilder angebracht. Nachdem ich fertig bin, begleitet mich Marie zu einer großen Halle. Dort sind schon lauter andere Schüler versammelt.
An den Uniformen kann man genau erkennen, zu welchem Jahrgang wer gehört. Meine Uniform ist zum Beispiel weiß, dass zeigt, dass ich neu bin. Die Uniform meiner Schwester ist himmelblau, dass zeigt, dass sie bereits im dritten Jahr ist. Ich glaube das zweite Jahr ist schwarz, auf den ersten Blick kann ich aber keine erspähen. „Die neuen Schüler setzen sich alle nach ganz vorne, die anderen Jahrgänge setzen sich dann hinter euch. Zuerst hält der Rektor eine Rede und dann werdet ihr auf die Klassen aufgeteilt.“ „Na toll.“ Meine Schwester sieht mich noch einmal ermutigend an und gibt mir dann einen Klaps auf den Rücken. „Das schaffst du schon“. Sie hat gut reden, ich bin mir zu 90% sicher, dass wir auf die Bühne gerufen werden. Hätte ich bloß vorher gefragt, dann hätte ich heute geschwänzt. Ich hasse nichts mehr als im Mittelpunkt zu stehen und dann auch noch vor der gesamten Schule! Ein letzter Blick zu meiner Schwester, welche mittlerweile bereits einen Platz suchte und mir schwant Böses.
Sie wird von fast jedem begrüßt, sie steht definitiv im Mittelpunkt. Sie ist nicht nur beliebt, sie ist super beliebt. Falls jemand herausfindet das wir Schwestern sind würde das für mich nichts Gutes bedeuten. Es würden dann bestimmt ständig fremde Leute versuchen mit mir zu sprechen und sich bei mir einzuschleimen um näher an Marie heran zu kommen. Hoffentlich werden sie mich in Ruhe lassen. Ich seufze und mache mich auf den Weg nach vorne. Die ersten Reihen sind bereits voll, weswegen ich mich in der vierten Reihe ganz an den Rand setze. Sofort fallen immer wieder Blicke auf mich, was zur Hölle? Bin ich eine Attraktion oder was? ...Wow die seltene Spezies Mensch, die sich nicht sofort in den Mittelpunkt schmeißt und dazu jeglichen Kontakt zu vermeiden sucht. Ich kann auf den ersten Blick die Süchtigen erkennen, die, die alles tun um den Blick anderer zu erhaschen, die Sorte von Mensch, die ich am wenigsten leiden kann.
Sie posieren regelrecht und kontrollieren ständig ihr Aussehen im Spiegel. Zum Glück dauert es nicht lange, bis meine Beobachter es leid werden und aufhören immer wieder zu mir zu sehen. Zu Recht, ich tue ja nichts außer zu sitzen und Musik zu hören. Die Halle ist fast vollständig abgedunkelt, aber ich kann sehen, dass man überall überflüssiger Weise Blumen deponiert hat. Wahrscheinlich um eine gewisse Feierlichkeit zu erzeugen, allerdings kann man sie jetzt schon nicht mehr richtig erkennen und ich sitze weit vorne. 4 der 6 Scheinwerfer sind auf die Bühne gerichtet, auf der ein paar Leute hin und her huschen um die letzten Reste vorzubereiten. Die anderen beiden Scheinwerfer beleuchten momentan noch die Gänge, werden aber bestimmt bald ausgeschaltet.
Die Halle gibt im Gesamtbild vom Aussehen her nicht viel her, der Boden besteht aus grauen Fliesen und die Wende sind in einem hellen grau gestrichen. Allerdings fallen mir dadurch ein paar ziemlich schräge Vögel unter meinen Mitschülern auf. Ein Mädchen hat sich doch tatsächlich die Nase komplett mit Piercings zugehauen und sich die Haare kunterbunt gefärbt. Dass das hier an der Schule überhaupt erlaubt ist überrascht mich doch sehr. Vielleich ist sie aber auch einfach der Typ, der sich allen Regeln wiedersetzen muss. Ein paar Jungs sehen ziemlich zwielichtig aus, ihre Schuluniformen sind total zerknautscht und teils auch dreckig. So wie der eine aussieht, haben sie sich definitiv vorher geprügelt. Ich stemple sie sofort unter Abstand einhalten ein. Fehlt mir noch das ich gemobbt werde. Aber sie scheinen sich ihr Ziel schon ausgesucht zu haben. Immer wieder schauen sie zu einem Jungen hin, der totale Streber-Typ, er hat eine fette Brille auf der Nase und einen schwarzen Bob-Schnitt. Er scheint ein Sachbuch zu lesen, was dieses Bild nur noch weiter unterstützt. So wie sich die Typen über ihn lustig machen, scheinen sie sich schon jetzt Witze und Sprüche auszudenken. Weiter links sitzt definitiv die neue „Oberschicht“ des Jahrgangs.
Die Mädchen sind zwar geschminkt und gestylt aber nicht im übertriebenen Maße, wie die Süchtigen, man kann sogar behaupten, sie sehen gut aus. Sie sind allerdings von lauter Süchtigen umgeben, welche ihnen ununterbrochen Komplimente machen. Furchtbar, wie kann man da denn noch einen einzigen klaren Gedanken fassen, sie reden in einer Tour und ignorieren gekonnt, dass sie gar keine Beachtung finden. Bestimmt sind sie nicht sonderlich gut in der Schule, vor lauter Mode und Klatsch und Tratsch ist sicherlich nicht mehr viel Platz in ihren Köpfen und mit solcher Unaufmerksamkeit kommt man nicht weit. Zumindest nicht in der Schule. Ein kurzer Blick auf meine Uhr und ich atmete erleichtert auf, nur noch 3 Minuten, dann würde es endlich anfangen. Plötzlich richten sich wieder alle Blicke auf mich, genauer gesagt auf die Person neben mir. Neben mir sitzt auf einmal ein riesiger Typ, also für unser alter ist er wirklich riesig und er sieht aus wie ein Bär.
Seine Harre sind total zerzaust und hängen ihm direkt über die Augen. Er scheint keinerlei Wert auf sein Äußeres zu legen. Na toll, noch ein möchte-gern Gangster. Ein kurzer Blick aus dem Augenwinkel genügt mir, um zu sehen, dass alle anderen Plätze bereits besetzt sind. Ich hätte mich ja doch nicht umgesetzt, dass würde nur Aufmerksamkeit erregen. Der Typ verschränkt die Arme und sinkt in sich zusammen. Nach einigen schmerzvoll langen Sekunden entspannen sich alle wieder und beschäftigen sich wieder mit sich selber. Wobei es mir eher so erscheint, als würden sie mit allen Mitteln vermeiden, auch nur in seine Richtung zu schauen. Ob sie ihn kennen? Vielleicht kommen sie ja von der gleichen Schule und er ist so etwas wie ein berüchtigter Schläger. Ich mache meine Musik aus und es dauert auch nicht lange, bis der Rektor auf die Bühne tritt. Die letzten Gespräche verstummen als er an das Podium tritt. Er ist nicht sonderlich groß, wodurch er fast 5 Minuten lang versucht das Mikrofon richtig einzustellen, bis ihm endlich jemand hilf. Neben der helfenden Person sieht der Direktor noch schräger aus. Er trägt einen karierten Anzug in einem grüngelben Ton mit einer dunkelbraunen Krawatte, dazu ist er nicht gerade dünn, was neben dem doch sehr schlanken Typen noch deutlicher wird. Weiter hat der anderen einen schwarzen Anzug an und gepflegte schwarze Haare, während der Rektor offensichtlich ein Toupet trägt und dazu nicht einmal ein gutes. Fast alle Mädchen fangen sofort an über diesen super scharfen Lehrer zu reden, doch dieser wirft ihnen sofort missbilligende Blicke zu. Nachdem er die Bühne wieder verlassen hat fängt der Schulleiter an. Nach einer kurzen Begrüßung folgt die üblich langweilige Rede, die jedes Jahr wiedergehalten wird. Bla...bla bla willkommen...bla bla bla...gute Noten... bla bla bla Benehmen...blablablablabla.... wen interessiert es. Nach gefühlten drei Stunden ist er dann endlich fertig.
Es kommen gleich vier Lehrer mit Listen in den Händen auf die Bühne, darunter auch der Typ von vorhin. Definitiv die Klassenlehrer, ich es doch gewusst, wir müssen auf die Bühne. In der ersten Klasse sind der Streber und ein paar der „Oberschicht“, danach nur noch „Normalos“ wie ich, die keine besondere Ausstrahlung haben. In der zweiten Klasse sind die Rowdys, ich atme erleichtert auf, denen würde ich also so schnell nicht über den Weg laufen. Als die beiden Klassen vorne auf der Bühne versammelt sind müssen wir applaudieren und danach machen sie sich mit ihren Lehrern auf den Weg zu ihren Klassenräumen. Mein Herz rast immer mehr, die Listen sind offensichtlich nicht nach Alphabet sortiert und so habe ich keine Ahnung wann ich aufgerufen werde. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt, nach und nach erheben sich die anderen und gehen nach vorne. Plötzlich wiederholt einer der Lehrer, der Mann von vorhin einen Namen, es erhebt sich niemand.
Er räuspert sich und ruft den Namen noch einmal. Ich sehe mich neugierig um und bekomme fast einen Herzinfarkt. Der Typ neben mir ist allen Ernstes eingepennt. Es ist definitiv er, der da aufgerufen wird. Es kann niemand anderes sein, es gibt keine leeren Plätze, also kann niemand fehlen und alle anderen hören aufmerksam zu. Was zur Hölle soll ich jetzt machen?! Sein anderer Sitznachbar scheint gekonnt zu ignorieren, dass er überhaupt existiert, wenn ich ihn jetzt aber anspreche, würde mir nur ungewollte Aufmerksamkeit zufallen, man würde meine Stimme lautstark hören, da es ansonsten totenstill in der Halle ist. Der Lehrer scheint sichtlich verärgert, dass ist sicherlich das letzte Mal das er ihn aufruft und wenn ich gar nichts tue und der Typ sauer wird, könnte er mir das Schulleben zur Hölle machen. Wie nach einer Kurzschlussreaktion trete ich ihm einmal kräftig auf den Fuß, natürlich so, dass es niemand bemerkt. Mit einem gewaltigen Ruck schreckt er auf und sieht mich wütend an, bevor er mich jedoch anbrüllen kann deute ich auf die Bühne. Der Typ scheint das zu kapieren, er dreht sich schnell um und setzt sich in Bewegung. Alle Augen sind auf ihn gerichtet.
Der Lehrer erscheint erleichtert und macht weiter. Eins der Mädchen, die wie gerüschte Pudel aussehen ist in derselben Klasse. Ich bin hoffentlich in der letzten Klasse. Doch leider ruft der Lehrer genau in diesem Moment noch einen letzten Namen „Cleo Vanderit“ Shit! Das ist mein Name. Ich kann genau spüren wie sich alle Blicke auf mich richten, als ich langsam nach vorne gehe. Jeder Blick fühlt sich an wie ein Laserstrahl und mir wird leicht schwindelig. Mit jedem Schritt fühlen sich meine Beine immer mehr wie aus Blei an. Als ich dann endlich auf der Bühne bin und in der Masse der Klasse untertauchen kann, schaffe ich es auszuatmen. Ich habe nicht bemerkt, dass ich die Luft angehalten habe. Nun starren alle nur noch auf den riesigen Typen. Er scheint von den Scheinwerfern, die auf uns gerichtet sind geblendet zu werden und schaut dadurch noch grimmiger drein. Man kann regelrecht sehen, wie um ihn herum ein unsichtbarer Graben entsteht, in den definitiv niemand treten will. So einer mit Alligatoren oder anderen gefährlichen Kreaturen drin. Dass er die Statur eines Bären hat, also riesig und muskulös, ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Selbst der Lehrer scheint Respekt vor ihm zu haben, wenn nicht sogar Angst.
Was für ein Glück, dass ich überdurchschnittlich durchschnittlich bin. So brauche ich mir nie um so etwas Sorgen machen zu müssen. Und in einer Klasse mit ihm zu sein kann nur dazu führen, dass ich noch weniger beachtet werde, vielleicht meint es das Schicksal heute gut mit mir. Mittlerweile hatte ein anderer Lehrer damit begonnen die andere Klasse nach oben zu rufen. Danach führen sie uns zu den Klassenräumen. Die ersten Klassen scheinen bereits mit dem Unterricht angefangen zu haben. Wobei man das nicht unbedingt Unterricht nennen kann. In den meisten Schulen geht es am ersten Tag nur um das „kennenlernen“, man spielt Spiele und redet miteinander. Ich kann den Rektor hinter uns noch hören, wie er zu einer zweiten quälend langweiligen Rede ansetzt, dieses Mal an die Oberstufe gerichtet. Irgendwie tut meine Schwester mir leid. Und ich tue mir schon für das nächste Jahr vorläufig leid. Nach genau 6 Ecken, 9 Gängen und 2 Treppen kommen wir endlich an unserem Klassenzimmer an. Es würde eine wahre Herausforderung werden den Raum morgen wieder zu finden. Unser Lehrer, Herr Hedsa, bedeutet uns, uns zu setzten, nur damit wir nach einem 20 Minuten langen Vortrag wieder aufstehen können. Er besteht darauf, dass wir die Sitzordnung durch das Zufallsprinzip auslosen, da dadurch Gespräche im Unterricht minimiert werden würden. Jeden Monat würden wir neu auslosen, damit man sich nicht zu sehr auf seinen Sitznachbar konzentriert und im Stande bleibt eigenständig zu denken. Als ob ich mich jemals so sehr auf jemanden verlassen würde. Mit seiner Rede erreicht Herr Hedsa allerdings nur eines, und zwar, dass ich noch mehr am Verstand meiner Mitschüler zweifle. Wenn es wirklich so leicht für sie ist, gegenseitig voneinander anhängig zu werden erscheint mir alle Hoffnung verloren. So ende ich letzten Endes ausgerechnet neben dem Pudel und gegenüber von dem Bären.
Das ist ja echt ein super Tag, von wegen das Schicksal meint es gut mit mir. Danach erklärt Herr Hedsa, wir würden entgegen der anderen Klassen sofort mit dem normalen Stoff loslegen. Er müsse erst einmal herausfinden in welcher Verfassung sich die Klasse befindet, bevor er Zeit damit vergeuden könne sinnlosen Spielen nachzugehen. Das kommt mir nur entgegen und meine Laune bessert sich etwas. Der erste Schultag beinhaltet für jede Klasse nur 4 Schulstunden, für uns 2 Stunden Englisch und 2 Stunden Literatur. Zeitgemäß vergehen die Stunden recht schnell, jedoch ist es eine pure Qual den Pudel ständig reden zu hören. Schlimm genug, dass sie anscheinend komplett verblödet ist, redet sie immer in einer übertriebenen hohen Stimme, welche eindeutig nicht ihre echte ist. Und ständig stellt sie die dümmsten Fragen um Aufmerksamkeit zu bekommen oder sie ist wirklich so dumm, dass sie die einfachsten Fragen nicht versteht. Zum Glück scheine ich nicht die einzige zu sein, die das ankotzt.
Immer wieder verdreht irgendwer die Augen oder mimt sie nach. Natürlich bekommen wir auch haufenweise Hausaufgaben auf. Als alle aufstehen um zu gehen, ist es für mich erstaunlich zu beobachten, wie sich die ersten Gruppen bilden. Der Pudel ist gleich umringt von Gaffern und Bewunderern, was mich wundert und auch die anderen Schüler finden sich ich 3er 4er Gruppen zusammen und fangen lauthals an zu erzählen und zu lachen. Ich bin immer wieder überrascht wie leicht es manchen Menschen fällt, sich so schnell mit anderen anzufreunden.
Langsam nehme ich meine Kopfhörer wieder raus und mache mich daran meine Musik anzuschalten, als ich merke das jemand vor mir steht und ganz offensichtlich etwas von mir möchte. Ich seufze innerlich, es kann ja einfach nicht glatt laufen. Hoffentlich ist es nicht der Pudel, oder schlimmer, jemand der sich mit mir anfreunden will. Aber es ist tatsächlich der Bär der vor mir steht. Er sieht nach wie vor bedrohlich und imposant aus, widerwillig nehme ich meine Kopfhörer ab und sehe ihn fragend an. Es dauert gefühlte Jahre bis er etwas sagt. In der Klasse herrscht absolute Stille, alle scheinen nur geradezu darauf zu warten, dass er mir den Kopf abreißt. Man kann die Spannung fast schon sehen. „Danke. Für vorhin.“ Ah, ok. Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Der erste Eindruck kann halt täuschen. Wäre er wirklich so, wie sein Äußeres es vermuten lässt, hätte er mich jetzt angeblafft, was ich mir dabei gedacht habe ihn zu treten. „Kein Problem.“ Er scheint ganz in Ordnung zu sein.
Allerdings hätte ich fast laut losgelacht, als ich sein sichtlich verblüfftes Gesicht sehe. Er hat wahrscheinlich mit einer Antwort gerechnet wie: „Wehe du fasst mich an!“ oder „Es tut mir leid“ und dann hätte ich angefangen zu heulen. Als ob, wer reagiert heut` zu Tage denn noch so? Außer vielleicht der Pudel. Ich sehe ihn noch mal kurz an, nicke zum Abschied, setze meine Kopfhörer auf und gehe. Es ist regelrecht zum Schreien komisch wie er angewurzelt auf der Stelle steht, wie bestellt und nicht abgeholt. Es war schon ziemlich lange her, dass ich jemand so lustiges kennengelernt habe. Anscheinend wurde er schon immer als `Schläger´ abgestempelt, sodass sich jeder von ihm fernhält. Na ja nicht mein Problem. Was mir an der ganzen Sache allerdings nicht gefällt ist, dass mich der Rest der Klasse total entgeistert anstarrt. So als wäre ich besessen oder so.
Zu viel Aufmerksamkeit, nicht das ich als Freak abgestempelt werde und als Mobbingopfer ende. Marie wartet schon am Schulausgang auf mich und ist offensichtlich ganz erpicht darauf mit mir zusammen nach Hause zu gehen. Allerdings ist sie umzingelt von Fremden, die zwanghaft um ihre Aufmerksamkeit buhlen. Hauptsächlich Jungs. Wissen sie nicht, dass sie einen Freund hat? Vielleicht interessiert es sie auch einfach nicht. Sie sind ja nicht verheiratet, es gibt in ihren Augen also noch Hoffnung. Ich gehe unauffällig an ihr vorbei, aber so, dass sie mich sehen kann. Einige Meter hinter dem Schultor warte ich dann auf sie. Es dauert sichtlich lange bis sie endlich alle loswird und endlich zu mir aufschließt.
„Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Aber die wollten nicht lockerlassen.“ „Was wollten sie denn? Du sahst aus wie das letzte Stück Fleisch um das sich ausgehungerte Hunde schlagen.“ Marie lacht. „Was für wundervolle Vergleiche du doch wieder anstellst. Einfach herzzerreißend. Aber es kommt der Realität erschreckend nahe. Es geht das Gerücht um, ich und Tobi hätten in den Ferien Schluss gemacht und deswegen hängen sie mir an den Hacken. Aber genug von mir, wie war dein erster Tag?“ Ich überlege kurz, entscheide mich dann ihr alles zu erzählen. Sie würde es eh merken, wenn ich ihr auch die kleinste Kleinigkeit verheimliche. „Eigentlich würde ich den Tag als Stufe rot Katastrophe einstufen. Zuerst war die Rede zu lang und ich wurde über den Tag immer wieder angestarrt. Dann ist der Typ neben mir, der unnötig viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat auch noch eingepennt und ich musste ihn wecken, als er aufgerufen wurde. Also bin ich ihm auf den Fuß getreten. Danach hat er mich super wütend angestarrt. Außerdem sind in der anderen Klasse eine Gruppe Schläger, die scheinen sich aber einen Streber als Opfer ausgesucht zu haben, von daher werden die mich wohl in Ruhe lassen. Außerdem habe ich ein Mädchen im Jahrgang das sich anscheinend in einen menschlichen Magneten verwandeln will...wahrscheinlich verstößt sie damit gegen sämtliche Schulregeln. Ansonsten lauter Pudel. Dann wurde unsere Sitzordnung gelost und ich sitze ausgerechnet neben einem Pudel, die super brutal nervig ist.“
„Mhm das klingt interessant, warum freundest du dich nicht mit dem Magnet-Mädchen an? Ich habe sie heute in der Pause kurz kennengelernt, sie ist die kleine Schwester von Telli. Super lieb und nett. Und wenn der Tag wirklich so kacke war, warum hast du dann so gute Laune? Du lächelst ja schon fast.“ Ich kann spüren wie ich leicht rot werde, normalerweise würde das niemanden auffallen, aber Marie und mein Bruder sind darin geschult meine nichtssagende Miene zu deuten. Sie bleibt überrascht stehen und klatscht vor lauter Freude in die Hände. „Bist du etwa verliebt?! Ist es das? Dass ich das noch erlebe!“ Ich winke ab. „Als ob. Nein, der Typ der während der Rede eingepennt ist, kam nach dem Unterricht zu mir und hat sich tatsächlich bei mir bedankt, ich hätte eher damit gerechnet das er mir eine Standpauke hält oder mir droht, aber er hat sich super höflich bedankt. Als ich darauf ganz normal geantwortet hab war er so überrascht, dass er regelrecht zu Stein geworden ist. Sein Gesicht sah so idiotisch aus, dass ich fast laut losgelacht hätte. Leider habe ich dadurch auch die ganze Aufmerksamkeit auf mich gezogen. Die haben mich angestarrt als wäre ich ein Alien. Er und alle anderen haben wahrscheinlich nicht damit gerechnet und gedacht, dass ich von ihm super eingeschüchtert bin.“
„Mhm. Das ist neu. Du und das Interesse an einem anderen Menschen?“ „Das ist kein Interesse. Er sah einfach absolut dämlich aus. Das war wahrscheinlich das erste und letzte Mal, dass wir miteinander geredet haben. Also hör endlich auf so dämlich zu grinsen.“ Ich gebe ihr einen Stoß in die Seite. „Wie du meinst.“ Ich weiß genau, dass sie mir das nicht abkauft, aber es noch mehr abzustreiten würde es nur noch schlimmer machen. Den ganzen Weg nach Hause grinst sie von oben bis unten. Kurz vor unserem Haus holt uns aber ein Junge ein, einer von denen, die Marie vorher belagert haben und ihre gute Laune vergeht. Anscheinend ist er uns die ganze Zeit lang gefolgt. Was für ein Idiot.
Am Anfang bleibe ich noch mit Marie stehen, habe aber schon bald genug von seinen verzweifelten Versuchen meine Schwester anzubaggern. „Marie? Kommt Tobi nicht gleich zum Essen?“ Marie blickt erleichtert drein und beeilt sich dann zu sagen: „Ja, auf jeden Fall. Wir sollten auch bald mit dem kochen anfangen sonst wird es noch zu spät.“ Damit winkt sie den Typen ab, der ganz verdattert dasteht und uns nachblickt wie wir im Haus verschwinden. Das letzte was ich von dem Typen sehe, ist wie er mir einen vernichtenden Blick zu wirft. „Danke, du hast mich da echt gerettet.“ „Kein Problem, ich habe Hunger und der Typ hat genervt. Mehr Grund braucht man nicht. Außerdem würde ich dich töten, wenn du mit so einem gruseligen Typen zuhause auftauchen würdest.“
„Das stimmt, der Typ hat sie nicht alle. Also worauf hast du Hunger? Mama und Papa kommen heute nicht vor vier nach Hause.“ „Wie wäre es mit Nudeln? Einfach und schnell.“ „Ja das klingt gut. Machst du die Nudeln ich die Soße?“ Ich nicke, das war ein faires Angebot. Maries Soße schmeckte immer besser als meine, dafür machte Sie aber immer zu wenig Salz an die Nudeln. Nach etwa 20 Minuten sind wir beide Papp satt. Marie macht sich auf den Weg zu ihrem Freund und ich mache es mir im Wohnzimmer gemütlich. Gerade läuft eine ziemlich gute Serie, ich kenne zwar schon fast alle Folgen aber ich kann sie mir einfach immer wieder ansehen. Nebenbei mache ich alle Hausaufgaben die ich zum nächsten Tag brauche. Alles ist mir für einen Tag einfach zu viel und da ich den Rest erst für nächste Woche brauche, kann das getrost warten. Entgegen meinen Erwartungen scheint unser Stundenplan ziemlich entspannend zu sein. Nur Montag und Dienstag erscheinen mir wie eine Qual. Ich hasse Naturwissenschaften und ich weiß genau, dass sie mich genauso sehr hassen. Nur durch Glück schaffe ich es immer wieder mich durchzumogeln, meistens muss ich auch raten, aber bisher habe ich es immer geschafft zu bestehen. Nach einem halben Jahr werden wir eh einen neuen Stundenplan bekommen, da dann der gesamte Jahrgang auf Gruppen aufgeteilt wird. Jeder darf dann die Fächer wählen die er will und sich komplett darauf konzentrieren. Ich kann es kaum erwarten endlich „lebe wohl“ zu Biologie und Chemie zu sagen.

Bisher sind die Aufgaben noch leicht zu erledigen, da wir bisher nur den vorherigen Stoff wiederholt haben. Spätestens nächste Woche würde die Hölle erst richtig losgehen. Wenn ich nur daran denke, was für Gelegenheiten der Pudel haben wird die Klasse in den Wahnsinn zu treiben bleibt mir schon der Speichel weg. Wenn dass das ganze Jahr so weitergeht, werde ich sie irgendwann erwürgen. Todsicher.

Hoffentlich bekommt Herr Hedsa es wenigstens hin, dass sie nicht zu jeder Aufgabe eine Frage stellt oder einen Kommentar abgibt. Das würde die Sache schon deutlich angenehmer gestalten. Bestimmt werden wir bald einen Test schreiben, Herr Hedsa scheint diese Art von Lehrer zu sein, die es lieben ihren Schülern das Leben schwer zu machen.

Ich seufze und schmeiße mein Heft auf den Boden. Danach strecke ich mich gemütlich auf dem Sofa aus. Es ist schon schön so viel Freizeit zu haben. Ich sehe es ja immer wieder bei meiner Schwester, vor lauter Terminen vergisst sich auch mal Zeit für sich zu nehmen. Zudem macht sie sich immer viel zu viele Sorgen. Im letzten Schuljahr wollte sie fast jeden Tag wissen, wie es mir geht und ob in der Schule noch alles in Ordnung ist, als wäre ich ein kleines Kind. Tatsächlich finde ich es super lieb, dass sie sich so um mich sorgt. Mein Bruder ist da auch nicht viel anders. Er wird mir bestimmt eine Nachricht schicken oder mich anrufen, wenn er Feierabend hat. Ich kann mich immer auf die Beiden verlassen, dessen bin ich mir sicher.

Ich werfe einen Blick auf die Uhr, in einer halben Stunde würden meine Eltern wiederkommen. Dann würde meine Mutter sich schlafen legen und mein Vater würde seine Sendung sehen wollen. Vielleicht ist es eine gute Idee spazieren zu gehen. Das Wetter scheint stabil genug, die Sonne scheint zwar nicht, es wird aber auch nicht plötzlich anfangen zu regnen und eine halbe Stunde oder so wird mich auch nicht umbringen. Also Jacke an und raus. Vielleicht hätte ich doch nicht losgehen sollen, die ganze Zeit fühle ich mich super unwohl und auch meine Musik kann daran nichts ändern. Also blieb es bei einer 10 Minuten Wanderung einmal um den Block. Das reicht aber auch damit mir kalt wird. Ich bin froh, dass unser Haus immer so kuschelig warm beheizt ist, was hauptsächlich meiner Mutter zu verdanken ist, denn sie ist eine richtige Frostbeule. Ich packe meine Schulsachen zusammen und gehe nach oben in mein Zimmer.

Die meiste Zeit verbringe ich hier. Am liebsten würde ich die ganze Zeit Musik hören und oft tu ich es auch einfach. Es sei denn meine Mutter will schlafen, dabei will ich sie auf keinen Fall stören. In letzter Zeit ist sie immer so gestresst von der Arbeit, dass sie schon wegen der kleinsten Sache ausrasten kann. Mein Vater ist auch nicht sonderlich besser, mittlerweile verbringt er schon Nächte in seinem Büro. Vielleicht tut er es auch nur um Mama aus dem Weg zu gehen, verübeln kann ich es ihm nicht. Jedes Mal, wenn die beiden in einem Raum sind endet es damit, dass meine Mama ihm alles Mögliche vorwirft und ihn anschreit. Ich warte praktisch nur darauf, dass meine Eltern sich irgendwann scheiden lassen.

Was dann wohl aus mir und Marie werden würde? Wenn es nach mir geht, würde ich am liebsten mit meinem Vater mitgehen, er war zwar seltener da, aber, wenn er da ist, hat er meist gute Laune und geschrien hat er in meiner Gegenwart auch noch nie. Marie würde wahrscheinlich hier bleiben wollen, bei all ihren Freunden. Zudem ist sie fast mit der Schule fertig und es wäre für sie sinnlos zu diesem Zeitpunkt die Schule zu wechseln. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und starte meinen Computer. Es bringt mir ja doch nichts darüber nachzudenken. Wenn es passiert, dann muss ich es ja nehmen wie es kommt. Vielleicht würde ich es mir ja nicht einmal aussuchen können.

Ich weiß ja nicht einmal was genau mein Vater eigentlich bei seiner Arbeit tat, das letzte Mal das ich ihn dort besucht habe ich bestimmt schon 6 Jahre her. Daran kann ich mich natürlich nicht das kleinste bisschen erinnern. Ich durchforste das Internet ein wenig und mache mich dann daran zu spielen. Computerspiele gehören zu meinem größten Hobby. Ich kann dabei Musik hören und habe meine Ruhe. Meinen Eltern gefällt es trotz allem ganz und gar nicht, dass ich die meiste Zeit vor meinem Computer hänge und mich kaum mit anderen treffe. Jedes Mal muss ich mir eine Standpauke anhören, wenn einer meiner Elternteile in mein Zimmer kommt und ich gerade am PC sitze. Langsam kann ich es nicht mehr hören.

Meine Mutter liegt mir auch ständig damit in den Ohren, dass ich mein Zimmer aufräumen soll. In meinen Augen ist mein Zimmer aber sauber. Gut ich wische nicht jede Woche Staub und meine Klamotten liegen meistens irgendwo auf einem Stapel, nur nicht im Schrank. Aber deswegen ist mein Zimmer noch lange nicht dreckig. Das wichtigste ist ja wohl, dass ich mich wohl fühle, alles andere kann mir egal sein und solange hier im Zimmer nicht plötzlich etwas zum Leben erwacht, dürfen sich meine Eltern eigentlich gar nicht beschweren. Wie immer vertrödele ich meine Zeit mit den hirnverbranntesten Dingen. Eigentlich habe ich auch gar keine Lust die ganze Zeit zu spielen, aber zu anderen Sachen fehlt mir einfach die grundlegende Motivation.

Das einzige, was ich in meiner Freizeit tue, was mein Leben in irgendeiner Art bereichert, sind ein Kampfkurs und ein Fechtkurs zu denen mein Vater mich gezwungen hat. Seit 5 Jahren gehe ich dort einmal die Woche hin, würde Papa mir nicht jedes Mal einen Schubs verpassen, hätte ich die letzten Male geschwänzt. Selbst mein Lehrer hat mir gestanden das er nicht glaubt das ich mehr lernen kann als bisher. Aber aus welchen Grund auch immer besteht mein Vater stur darauf, dass ich weitermache.

Wahrscheinlich hat er genauso sehr Angst, dass ich gemobbt werde, wie ich selbst und will deswegen, dass ich mich verteidigen kann. Eigentlich total lieb, dass er sich solche Sorgen macht. Am Anfang sind die Kurse immer wie ein Trip in die Hölle für mich gewesen, mittlerweile habe ich mich an die Leute dort gewöhnt und es ist erträglicher geworden. Allerdings habe ich mich von Anfang an geweigert an Wettkämpfen teil zu nehmen, man wird von allen genau angestarrt und gemustert. Felix mein Lehrer war davon gar nicht begeistert, da ich, wie er es sagen würde „voll was drauf hab“. Ich sehe das aber ganz anders, ich tue was getan werden muss und gehe dann nach Hause. Mich haben diese Sportarten noch nie interessiert und werden sie auch nie.

Am Anfang konnte ich immer mit Lukas oder Marie zusammen trainieren, nach einiger Zeit hatte sich Lukas aber ziemlich schwer verletzt und war gezwungen gewesen aufzuhören. Danach war Marie immer panisch gewesen, dass ihr das auch passieren würde und durfte aufhören. Zuerst bin ich deswegen super eifersüchtig gewesen und habe Marie deswegen eine ganze Woche ignoriert, bis sie sich weinend bei mir entschuldigt hat. Da habe ich dann auch endlich kapiert das so einer lieben Seele eh nie jemand etwas antun würde. Es bestand also gar kein Zwang für sie die Kurse zu besuchen. Das hat einfach keinen Sinn, heute schweben meine Gedanken total durcheinander, ich kann mich nicht einmal auf mein Spiel konzentrieren.

Am besten ich lege mich schlafen oder lese etwas. Wobei, bevor ich ein neues Buch anfange kann ich auch schon mal anfangen für den definitiv kommenden Test zu lernen. Am besten ich fange mit Englisch an, Literatur stellt für mich kein Problem dar. Und in den Naturwissenschaften kann es ja immer noch passieren, dass meine neuen Lehrer keinen Wert auf Test legen. Zwar sehr unwahrscheinlich, aber man kann ja hoffen. Laut dem Kurrikulum müssen wir in dem halben Jahr ein Buch lesen, dass wir dann im Unterricht behandeln werden. Analyse und weitere sinnlose Interpretationen, wahrscheinlich werden wir das Buch sogar im Unterricht weiterlesen, was meiner Meinung nach gar keinen Sinn macht. Die Meisten werden eh nicht einmal die Hälfte verstehen, da wäre es logischer, dass jeder das Buch zuhause alleine liest und sich alles übersetzen kann, dass man nicht versteht. Mein Englisch ist eigentlich nicht so schlecht, dass ich große Probleme habe sollte. Im Unterricht kam ich heute auch gut mit und das Buch erscheint mir nicht allzu kompliziert. Wenn ich da allerdings an den Pudel denke läuft es mir da schon kalt den Rücken runter.

Vielleicht sollte ich mir einfach alle neuen Vokabeln in mein Buch schreiben und es so hinlegen, dass sie mit reinschauen kann. Ja das schien mir ein guter Plan zu sein. Dadurch muss ich mir zwar mehr Arbeit machen, muss dafür morgen ihre schrille Stimme aber nicht im Übermaß ertragen und lerne gleich noch etwas. Das klingt für mich definitiv nach einem guten Deal. Für die ersten 2 Kapitel brauche ich etwa eine ganze Stunde, soviel werden wir wahrscheinlich nicht mal im Unterricht schaffen. Die harte Arbeit hat sich definitiv gelohnt, mein Buch ist jetzt voller Notizen. Mittlerweile sind meine Eltern sicher schon zu Hause, schließlich essen wir normalerweise immer um 18.00 Uhr.

Meistens auch alle zusammen. Angenehmer Weise ist das die einzige Zeit an der sich alle vertragen oder zumindest so tun. Ich packe das Buch in meinen Rucksack und gehe nach unten in die Küche. Wie ich mir schon gedacht habe steht meine Mama schon vor dem Herd und kocht. „Hi. Na wie war dein Tag?“ Meine Mama dreht sich um und lächelt mich traurig an. „Sehr stressig, dadurch, dass meine Kollegin ständig krank ist muss ich immer für sie einspringen. Und dann hat heute noch zusätzlich etwas mit der Technik nicht gestimmt, wodurch wir mit unserem Programm total in Verzug geraten sind. Deswegen gibt es heute nur etwas Schnelles zu essen ok? Ich habe gedacht Reis klingt doch gut, oder? Wo ist dein Vater überhaupt schon wieder?! Und Marie ist auch noch nicht da. Wobei, die steckt wahrscheinlich wieder bei Tobi. Sie wird wohl nicht mitessen.“

„Marie kommt erst gegen 10 wieder, dass sollte ich euch sagen. Papa habe ich auch noch nicht gesehen, war bis eben in meinem Zimmer.“ Mama runzelt die Stirn und setzt sich an den Tisch. „Typisch. Magst du Jerome anrufen und fragen wo er bleibt?“ Ich nicke, wenn Mama jetzt mit Papa reden würde, würde sie wahrscheinlich wieder ausrasten. Mein Handy liegt noch oben in meinem Rucksack, also schnell die Treppe hoch und die Nummer wählen. Bei meinem ersten Versuch geht keiner ran. Aber das kenne ich schon, auf seinem Handy ist mein Vater nur sehr selten zu erreichen.

Ich frage mich warum er überhaupt eins hat. Als er beim zweiten Versuch auch nicht abhebt, beschließe ich lieber bei ihm im Büro anzurufen. Nach dem zweiten Versuch hebt dort zum Glück jemand ab. „Hier im Büro von Jerome Vanderit. Wie kann ich ihnen behilflich sein?“ Das war nicht mein Vater, bisher hat noch nie jemand anderes geantwortet. Ich muss mich fasst zwingen, bis ich ein gestolpertes „Hallo hier ist Cleo, die Tochter von Herr Vanderit. Ist mein Vater zu sprechen?“ Stille. Ist die Person einfach weggegangen? Nach einem kurzen Klicken ertönt die müde Stimme meines Vaters: „Ja? Was gibt es?“ Ich atmete auf, es kostet mich immer riesige Kräfte um mich dazu zu bringen mit Fremden am Telefon zu sprechen. Das Telefonieren ist schon schlimm genug, wenn man aber nicht einmal weiß, mit wem man da spricht, wird die ganze Sache noch gruseliger. „Hallo Papa, ich bin´s Cleo. Ich soll dich fragen wann du nach Hause kommst.“ „Ah, hallo Schatz. Ich stecke mitten in einem wichtigen Meeting, darum werde ich heute wohl nicht nach Hause kommen. Wenn ich es diese Woche überhaupt schaffe.“ Er seufzt. „Ok dann sag ich Mama Bescheid das wir heute alleine sind. Pass auf dich auf und überarbeite dich nicht ok?“ Ich kann praktisch hören wie mein Papa schmunzelt „Ja ich passe auf mich auf. Grüß Franziska und Marie lieb von mir in Ordnung? Hab dich lieb.“ „Hab dich auch lieb, bis demnächst.“ „Bis dann.“ Damit legt mein Papa auf. Er erscheint mir völlig erschöpft. Hoffentlich hält er durch.

Vor ein paar Jahren hatte er es tatsächlich gebracht bei der Arbeit zusammen zu brechen. Danach hatte man ihn gezwungen Urlaub zu nehmen. Ich schmeiße mein Handy auf mein Bett und gehe wieder nach unten, Mama sitzt immer noch am Tisch. „Ich soll lieb Grüßen, aber Papa kommt wahrscheinlich wieder die ganze Woche nicht nach Hause.“ „Hab ich mir schon gedacht. Am besten lassen wir ihm gleich ein Bett dorthin liefern, falls er dort nicht schon eins hat.“ Überraschender Weise sieht meine Mutter kein bisschen sauer aus, eher traurig. Verständlich, angesichts all der Jahre die sie mit meinem Vater verbracht hat. „Soll ich den Tisch schon mal decken?“ „Ja gerne, das Essen ist gleich fertig.“

Ich nehme zwei Teller aus den Küchenschränken und hohle noch das Besteck. Nachdem ich es auf den Tisch platziert habe fragt meine Mama: „Wie wäre es, wenn wir beide es uns im Wohnzimmer gemütlich machen?“ Ich schaue auf die Uhr und stelle mit erschrecken fest, dass es schon fast 19 Uhr ist. Die Nachrichten würden gleich anfangen. Ich nicke nur teilnahmslos und bringe das Geschirr in die Stube. Auf dem Couchtisch stelle ich noch zwei Untersetzer, damit wir die Soße und den Reis gefahrlos hinstellen können. „Möchtest du noch was zu trinken?“ „Ich glaube ich gönne mir heute Abend ein Glas Wein. Aber das nehme ich mir gleich selber danke.“ Mama kippt gerade den Reis ab und als ich die Menge sehe, bekomme ich einen Schock. Sie hat viel zu viel gekocht, dass würden wir nie im Leben aufessen können. Ich setze mich schon einmal auf das Sofa und starte den Fernseher, meine Mutter braucht keine 2 Minuten um das Essen auf den Tisch zu stellen und sofort auf die Nachrichten umzuschalten. Ich nehme mir von dem Reis und fange an zu essen. Meine Mutter sieht den Nachrichten wie gebannt zu, während ich gelangweilt aus dem Fenster starre. „Das ist ja furchtbar! Cleo hast du das gehört?“

Nein, habe ich nicht, wie immer habe ich nicht zugehört. Meine Mutter sieht an meinem Blick sofort, dass ich am Einschlafen bin und spult zurück. Ich schaue sie entnervt an und frage. „Was denn?“ Sie deutet mit ihrem Finger auf den Fernseher uns ich schaue genervt hin. Im Fernseher ist ein Tatort abgebildet. „Angeblich wurde in unserer Nachbarschaft eine ganze Familie ermordet und das auf ziemlich bestialische Weise.“ Mir läuft es kalt den Rücken runter als sie die Nachrichten wieder startet. Normalerweise würde ich das einfach gekonnt ignorieren, aber so nah an uns? Und anscheinend ist das noch nicht einmal 3 Tage her. Sie haben den Täter immer noch nicht gefasst. „Aber es wäre von ihm ja ziemlich dumm in der gleichen Gegend zu bleiben oder?“ „Man weiß nie, was solche Psychopathen denken. Ich will, dass du ab jetzt mit Marie zusammen den Roller zur Schule nimmst. Zumindest bis sie ihn geschnappt haben.“

Ich nicke, das beruhigt mich. Am besten sollte ich ihr schreiben, dass sie sich von Tobis Eltern nach Hause bringen lassen sollte. Allein die Vorstellung, dass jemand in meinem Umfeld ein brutaler Mörder sein könnte, lässt mich schaudern. Am liebsten würde ich mich jetzt in meinem Zimmer einschließen und erst mal nicht mehr rauskommen. Ich esse schnell auf, zum Glück sind die Nachrichten schon fast vorbei, dass einzige was mich betrifft ist der Mord, der Rest ist so langweilig und unbedeutend wie eh und je. Das Wetter scheint morgen auch gut zu werden, nur leicht bewölkt. Ich packe mein dreckiges Geschirr in den Geschirrspüler und lege mir schon mal Reste für morgen zur Schule zurecht. Sonst essen wir noch drei Tage Reis. Meine Mama schaut noch Fernsehen, deswegen verziehe ich mich still und heimlich in das Bad. Nur noch schnell duschen und dann ab zu Bett. Bevor ich anfange suche ich mir ein neues Duschgel raus, mein altes hängt mir schon zum Hals raus. Meine Mama hat vor kurzem eine Probe zugeschickt bekommen, Marshmallow Shampoo, dass hört sich vielversprechend an und gut riechen tut es auch. Nachdem ich mir meinen Schlafanzug angezogen habe, schreibe ich Marie noch eine Nachricht. Vielleicht hat sie die Nachrichten ja auch gesehen und hat schon geplant nach Hause gebracht zu werden, aber sicher ist sicher. Nachher hat sie sie nicht gesehen und dann passiert ihr noch etwas, das würde ich mir nie verzeihen. Nachdem sie mir versichert hatte, dass sie nicht alleine gehen würde, lege ich mich schlafen. Naja eigentlich lege ich mich „Musik hören“ und nicht schlafen. Das mache ich immer so, bis ich müde genug bin um problemlos einzuschlafen. Der Tag war ziemlich anstrengend, deswegen wird das sicherlich nicht so lange dauern wie sonst.    

 

                                                                      *      

 

Sie lief so schnell sie konnte, ihr Nachthemd verfing sich immer wieder in den Büschen und Ästen der Bäume. Sie trug keine Schuhe, wodurch ihre Füße schon wund gelaufen waren. Aber ihr Entführer ließ nicht locker, er hielt ihr Handgelenk fest umklammert und zog sie immer weiter. Sie kannte diesen Wald, er befand sich nahe eines Dorfes, etwa 2 km von ihrem Schloss entfernt. Wie lange sie jetzt wohl schon unterwegs waren? Ob jemand ihr Fehlen bereits bemerkt hatte?

Der Flegel war mitten in der Nacht in ihrem Zimmer aufgetaucht und hatte sie gezwungen ihm zu folgen. Dann hatte er ihr ein Seil um die Hüfte gebunden und sie von ihrem Balkon heruntergelassen. Danach war er selber an einem anderen Seil hinuntergestiegen und hatte sie weiter gezerrt. Er hatte ihr weder gesagt wer er war, noch warum er sie entführte, eigentlich redete er gar nicht. Sobald er sein Messer weggesteckt hatte, hatte sie angefangen sich zu wehren und lautstark zu protestieren. Darauf reagierte er aber gar nicht, sondern ging noch schneller und packte noch fester zu, sodass sie schon schnell außer Atem war und so keine Luft mehr bekam. Zudem fing ihr Handgelenk an zu schmerzen, er hielt es fest umschlossen und lies kein Stück locker. Bald würden sie das Ende des Waldes erreichen, wenn sie sich richtig erinnerte verlief dort ein Fluss, den man nur um eine bestimmte Zeit überqueren konnte, da er sonst zu tief war. Dort würden sie haltmachen müssen, das wäre ihre Gelegenheit zu entkommen.

Allerdings zweifelte sie, dass sie weit kommen würde, sie war völlig durchgefroren und spürte ihre Füße nicht mehr. Zudem hatte sie furchtbaren Durst und war völlig erschöpft. Ihr Entführer dagegen schien kein Stück beeinträchtigt, wie lange er sie so wohl noch weiter zerren würde, wenn der Fluss nicht da wäre? Wahrscheinlich bis sie zusammenbrach und selbst dann würde er ihr bestimmt keine Pause gönnen. Er würdigte ihr keinen Blick.

Sie konnte schon das Rauschen des Wassers hören. Für einen kleinen Moment war sie abgelenkt und stolperte über eine Wurzel. Schmerzen und Wärme breiteten sich in ihrem Fuß aus. Durch die Wucht ihres Falls, hatte sich der Typ zu ihr herumgedreht und sah sie mit gehässiger Miene an. Sie sah an ihrem Bein hinab und erschrak, ihr Knöchel war blutverschmiert und lief schon jetzt blau an. Etwas Ähnliches war schon einmal einer ihrer Kammerzofen passiert. Sie hatte vor Schmerzen geschrien, so grauenvoll, dass es einem kalt den Rücken runter lief. Nach etwa einem Monat war sie dann an einem hohen Fieber gestorben. Sie schauderte, war ihr Schicksal damit besiegelt? Ihr Entführer würde ihr sicherlich nicht helfen, schon jetzt ignorierte er ihre Verletzung, er zog sie grob auf die Beine und grinste nur noch hämischer als sie vor Schmerzen aufstöhnte. Dieses sadistische Arschloch. Wenn sie das hier überlebte würde sie ihn definitiv dafür büßen lassen. Für die nächsten Meter schleifte er sie mehr hinter sich her, als dass sie noch richtig lief. Bei jedem Schritt wurde ihr schwarz vor Augen.

Die frische Brise ließ sie zusätzlich noch erschaudern als sie aus dem Wald traten. Zuerst war sie leicht vom Mondlicht geblendet, konnte aber schon bald vier andere Personen ausmachen.

Wachen? Nein, vielleicht Bauern. Aber ob sie ihr helfen würden? Ihre Existenz wurde im Königreich verheimlicht, da sie die älteste Tochter des Königs war. Ihr Vater hatte aber entschieden, dass ihr kleiner Bruder den Thron erben solle und so wurde mit 4 Jahren ihr Tod vorgetäuscht. Sie konnte damit gut leben, sie hatte nie vorgehabt zu heiraten, nur damit ihre Herrschaft anerkannt wird. Außerdem schien mein Bruder gefallen an dem Regieren zu finden, er faszinierte sich für alles, was mit dem Königreich zu tun hatte. Aber die vier Personen schienen nicht einmal überrascht das Arschloch zu sehen. Verdammt, hinter ihnen war ein Boot vertäut, sie gehörten zu ihm!

„Was ist passiert? Du bist zu spät!“ Das Arschloch zuckte mit den Schultern und deutete auf mich: „Es wurde nicht eingeplant, dass unser Prinzesschen nicht mit mir mithalten kann, geschweige denn tollpatschig ist.“ Ich biss mir auf die Lippe, ich hatte mich nur verletzt, weil er mich so schnell hinter ihm hergezogen hatte, es was seine Schuld! Die vier Typen fingen an zu lachen, der größte, welcher vorher gesprochen hatte kam etwas näher und betrachtete sie.

„Was zur Hölle?! Sie blutet ja!“ Er sah das Arschloch wutentbrannt an und rief einen anderen Typen herbei. Er war nicht ganz so groß und hatte eine Glatze. Der Riese deutete auf mich „Am besten trägst du sie zum Boot, nicht, dass sie uns noch vor Schmerzen die Ohren voll schreit.“ Der Glatzkopf nickte und ging auf sie zu. Reflexartig wollte sie wegrennen, aber das Arschloch hielt sie noch immer fest umklammert. Durch ihren verzweifelten Versuch sich zu befreien verlor sie das Gleichgewicht und als sie auch auf ihren Fuß stützte um nicht hinzufallen stöhnte sie auf. Wie als wollte ihr das Schicksal etwas mitteilen trat sie mit ihrem kaputten Fuß auf und verlor das Bewusstsein. Die Schmerzen waren zu schlimm gewesen.

Kommentare

  • Author Portrait

    Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass mich deine Schilderungen gruselig genau an das Dorfleben erinnern, was ich mit meinen Schwestern geführt habe. Auch die Eigenarten der Schwester sind mir nur zu vertraut. Wie dem auch sei. Sehr authentisch. Ich werde dran bleiben ;)

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