Das Paradies


Am nächsten Morgen stand Elli frisch und fröhlich vor meinem Bett. „Steh auf, du Schlafmütze. Jessica hat dir heute frei gegeben. Und ich will mit dir mal raus hier.“ Dabei zwinkerte sie mir geheimnisvoll zu, sodass ich annahm, dass sie keinen gewöhnlichen Spaziergang meinte.  

Eine halbe Stunde später liefen wir über die matschige Straße. „Frühstücken kannst du, wenn wir da sind.“ Wo auch immer da sein sollte. Nach einigen Minuten gingen wir nach links. Zielsicher führte mich Elli den Begrenzungszaun entlang. Die Strecke zog sich. Mein Magen knurrte „Erkennst du das hier?“ Ich sah mich um. Weit und breit nur Schneematsch. „Hier habe ich dich gefunden.“ Das war hier? „Du lagst nur zwei Meter vor meiner Tür.“ Ich musste sie angesehen haben wie ein Auto, weil sie lauthals loslachte. „Es gibt ein Loch im Zaun. Dort verschwinde ich ab und zu mal, wenn es mir hier zu eng wird. Und heute nehme ich dich mit. Ich glaube du brauchst ein bisschen Freiheit mehr als ich.“ Nachdem wir durch das Loch im Zaun geklettert waren, erzählte mir Elli, dass wir nur noch etwa 500 Meter weiter geradeaus laufen mussten und dann abgeholt werden würden. „Jason ist mein persönlicher Taxiservice. Er ist nicht gerade clever, aber seine Aura ist so rein.“ Sie geriet ins Schwärmen. Sie erzählte, wie sie ihn in der Eisdiele zum ersten Mal gesehen hatte und von seiner Aura hin und weg war. „Er hat mich gesehen und sofort in mich verliebt.“ Während sie lachte wie ein kleines Mädchen, war ich über die Tragweite ihrer Gabe erstaunt. Obwohl ich eigentlich mehr über ihre Fähigkeit hören wollte, wechselte sie das Thema. In wenigen Sätzen erklärte sie mir, dass sie das Schlupfloch beim Reiten (es gab hier wirklich Pferde) gefunden hatte. Das erste Mal sei sie die ganze Strecke, bis in die Stadt, zu Fuß gelaufen. Dort lernte sie Jason kennen. Im Sommer kellnerte er in einer Eisdiele. Im Winter war er Aushilfskoch bei >dem besten Restaurant für regionale Gerichte<. Das war anscheinend auch unser Ziel.

Wie versprochen holte uns Jason ab. Er fuhr einen alten Toyota-Starlet in metallic-grün. Während der Fahrt rauchte unser „Taxifahrer“ eine Zigarette nach der Nächsten und ließ das Fenster dabei nur einen spaltbreit auf. Da ich Zigarettenrauch nicht gewöhnt war, reizte der Qualm meine Lunge und ich konnte einen Hustenanfall nicht stoppen. Doch anstatt mit Rauchen aufzuhören oder das Fenster weiter zu öffnen, sagte er mir nur, dass ich demnächst mal zum Arzt gehen solle, da mein Husten sich nicht gut anhörte. Elli hatte Recht. Er war nicht der Cleverste.

Die Stadt war zu dieser Uhrzeit wie ausgestorben. Das Neonlicht über einem Geschäft für Wollzubehör flackerte unruhig.

„Um diese Zeit haben doch alle Geschäfte und Restaurants zu.“

Jason lachte. „Nicht, wenn man den Koch kennt.“ Fünf Minuten später standen wir vor einem ziemlich runtergekommenen Gebäude. „Willkommen im Paradies.“ Zuerst wollte ich lachen, bis ich bemerkte, dass Jason das todernst meinte. Paradies? Dieses herunter gekommene Haus sollte das Paradies sein? Von den ehemals weißen Wänden bröckelte der Putz ab. Zwei, drei Scheiben waren zersprungen. An einem Fenster hingen die braunen Jalousien schräg runter. Das Dach sah aus wie ein altes Puzzle, da etliche Ziegel fehlten. Die unteren Fenster waren mit Brettern zugenagelt. Die Eingangstür hatte auch schon ihre besten Jahre hinter sich. Wo sahen sie da das Paradies? Denn es war nicht zu übersehen, dass sowohl Jason als auch Elli in diese Ruine verliebt waren. Händchenhaltend standen sie vor dem Haus. Elli hatte ihren Kopf verträumt an seine Schultern gelehnt und Jason umfasste sie liebevoll. Elisabeth drehte sich zu mir um und lächelte „ Warum so skeptisch? Wo ist deine Fantasie? Dieses Schmuckstück wird mal der ganze Stolz dieser Stadt werden. Und Jason ihr Sternekoch.“ Sie lächelte ihn verliebt an. „Heute müssen wir aber erst mit einer Dosensuppe zufrieden sein. Komm. Ich zeige dir unser Schmuckstück.“ Auf den Weg ins Innere, wobei ich fast über ein paar lose Dielen gefallen wäre, erfuhr ich, dass Jason dieses Haus von seinem Großvater geerbt hatte. Da er damals aber erst zehn Jahre alt war, konnte er natürlich das Haus nicht in Schuss halten. Seine Eltern erwähnte er mit keinem Wort, weshalb ich lieber nicht nachfragte.

Jason und Elli hatten einen Zehn-Jahres-Plan. Elli wollte studieren und sich dann mit einer eigenen Praxis selbstständig machen. Jason hatte seine Lehre zum Koch schon absolviert und wollte deshalb, während Elli später studierte, ins Ausland und sein Kochkünste erweitern. Nach der Heirat und dem ersten Kind würden sie dann das Haus von Grund auf sanieren und als ein „Weltrestaurant“ eröffnen. „Mit Speisen aus aller Welt. Jede Woche wechselnd.“ Sie schwärmten mehrere Minuten und führten mich zu der oberen Etage. Das Innere des Gebäudes war besser erhalten als die äußere Fassade. Draußen dachte ich noch, dass drinnen das pure Chaos herrschen würde, doch es war sogar noch möbliert. Erstaunlich. Bei uns in Berlin hätten Leute es längst leergeräumt, abgefackelt oder besetzt. An den Wänden hingen alte Bilder. Die Ohrensessel waren von Motten zerfressen. Die Gardinenstangenhalterungen lösten sich und drohten die schweren Gardinen in Kürze fallen zu lassen. Elli führte mich durch weitere Räume. Sie erklärte mir, wo welcher Durchbruch gemacht werden müsste und wie welche Wand in welchen Farben erleuchten würde. Und langsam – ganz langsam – keimte auch in mir die Vorstellung vom Paradies auf. Ich sah die Gäste an den großen schweren Tischen sitzen. Die Gesichter lächelnd oder genießend. Leckerer Duft stieg mir in die Nase und alle wirkten glücklich und zufrieden. Ein schöner Traum. Ich wünschte ihnen von ganzen Herzen, dass er in Erfüllung gehen würde. Elli drehte sich schwindelerregend schnell um sich selbst, die Arme weit ausgebreitet und sah einfach glücklich aus. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht und ich wünschte mir, dass ich in zehn Jahren hier sitzen würde, klein Elli oder klein Jason um die Tische rannten und das Paradies Realität war. Ich wünschte es mir so sehr…

Nachdem wir, erstaulich leckere Fruchtspieße, Fleischhäppchen und Küchlein verputzt hatten, lagen wir auf dem staubigen Boden des Paradieses und genossen das wohlige Gefühl, wenn man einfach vollgefressen mit leckeren Sachen war. Vor allem diese Küchlein! Die Küchlein! Ein Schokotraum mit warmen flüssigen Schokoherz. Ein Träumchen für jede Naschkatze. Ich wurde nicht müde Jason zu loben, der jedoch nichts erwiderte. Elli flüsterte mir nur leise zu, dass er sich innerlich sehr freute, aber es niemals zugeben würde. Er sei eher einer von der stillen Sorte. Auch gut. Solange er nur weiter solche Kuchen zaubern würde!

Nach dem Paradies fuhr uns Jason zum Hafen. Er verabschiedete sich und wir winkten so lange, bis der alte Toyota nicht mehr zu sehen war. Sicherlich wirkte es albern, aber uns war es egal. Ich fühlte mich lange nicht mehr so gut. Zum ersten Mal fühlte ich so etwas wie Hoffnung. Eine Hoffnung, dass vielleicht doch noch alles gut werden würde. Das war größtenteils Ellis Verdienst. Und ich war ihr so dankbar dafür. Ihre Lebenslust und der wahnsinnige Optimismus waren einfach ansteckend. Die ersten warmen Sonnenstrahlen schienen uns ins Gesicht. Keine Wolke weit und breit. Wir strahlten mit der Sonne um die Wette. „Ich bin so froh, dass du mit mir hier bist.“ Elli lächelte mich an und ich lächelte zurück. Mein Gesicht fing schon an weh zu tun. Soviel Grinsen an einem Tag war es nicht mehr gewöhnt. Wir setzten uns auf eine Bank und beobachteten die Schiffe. Der Wind frischte auf und mein Schal flog mir ständig ins Gesicht. Ich erschrak wirklich jedes Mal. Elisabeth lachte fast Tränen. Schließlich beschloss ich den Schal richtig anständig um meinen Hals zu wickeln, damit der Wind keine Chance mehr hatte. Doch hatte ich zwei Dinge unterschätzt: die Länge des Schals und die Stärke des Windes. Wie ein Windfang blähte sich mein Schal auf und drohte mir aus der Hand zu wehen. Ich griff nach vorn. Elisabeth auch. Unsere Hände berührten sich.

Wir rennen. Schneller. Noch schneller. Bald sind sie da. Es kann nicht mehr lange dauern. Scheiß Bullen. Da! Die nächste Kurve. Vorbei am Kulturpalast. Die Leute sehen uns skeptisch an. Ob sie unsere Todesangst bemerken? Wir stolpern. "HALT! Stehen bleiben!" Doch wir bleiben natürlich nicht stehen. Mein Herz rast. Beim Atmen brennt mir der Brustkorb. Doch ich weiß, dass es nicht mehr lange dauert. Ich kann es regelrecht spüren. Und dann ein lauter Knall. Instinktiv ducke ich mich. Sie schießen auf uns! Das ist doch alles nur ein Albtraum. Das kann unmöglich wahr sein. Panisch schaue ich zurück uns sehe: Amalia. Ihr Gesicht ist gerötet vor Anstrengung und ihre Augen sind vor Panik weit aufgerissen. Aus ihren zusammengebundenen Zopf haben sich einzelne Strähnen gelöst. Plötzlich durchbohrt mich ein unbeschreiblicher Schmerz. Für einen kurzen Augenblick verschwimmt meine Welt. Ich drohe zu stürzen. Doch ich werde von starken Armen gehalten. Weitere Arme kommen hinzu. Eigenartig. Irgendwie stimmt da was nicht. Es sind zu viele Hände, die meinen Körper berühren. "Elli! Du musst weiter laufen. Wir helfen dir. Oh Gott! Sie haben uns gleich. Lauf! Lauf! LAUF!" Mühsam bringe ich ein Bein vor das andere. Ich. Muss. Laufen. Oder ich sterbe. Da bin ich mir ganz sicher. "Wir müssen sie so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. Es sieht nicht gut aus." Was sieht nicht gut aus? Und wer spricht da? Das ist doch eine männliche Stimme. Ich versuche meine Atmung zu beruhigen und schlucke heftig. Doch es bringt nichts. Mein Mund füllt sich immer wieder mit Flüssigkeit. Wie unangenehm. Am besten spucke ich es aus. Ich spucke ganze dreimal. Doch besser wird es auch nicht. Lauf! Lauf! Lauf! - sporne ich mich selbst an. Wenn ich doch besser sehen könnte. Aber so sehr ich mich auch anstrenge - meine Umgebung wird nicht ganz scharf. Es ist, als ob mir jemand eine zu starke Brille aufgesetzt hat. Ich sehe nach links und erkenne mich. Das beruhigt mich ein bisschen. Dann sehe ich nach rechts. Wer ist das? Ein Mann. Jedenfalls dem Umriss nach. Ich blicke wieder nach vorne. Langsam schärft sich mein Blick wieder. Ich spucke erneut. Für einen Moment bleibt mir die Luft weg. Schmerzen habe ich keine. Aber müsste ich nicht Schmerzen haben? Es kommt mir so vor. Mhm... Irgendwie fühle ich mich fluffig. Wie Watte. Selbst mein Kopf fühlt sich leicht an. Gleich fange ich an zu fliegen, wenn sie mich los lassen. Eine leise Stimme in mir hofft es sogar. Fliegen. Ich bin noch nie geflogen. Plötzlich ist es dunkel. Ein paar Arme lösen sich von mir. Sanft werde ich nach unten gedrückt. Ich sitze auf kaltem Boden. Jemand streicht mir die Haare aus dem Gesicht. Eine Stimme redet mit mir. Männlich, tief, beruhigend. Seine Aura pulsiert. Das habe ich schon mal gesehen. Ich versuche mich zu erinnern, aber mein Kopf ist so leicht, so schwer. Egal. Amalia tritt neben ihn. Ihre Auren verschwimmen ineinander. Fangen an sich zu synchronisieren und pulsieren gemeinsam, im Gleichtakt. Sie scheinen ineinander zu verschwimmen. Seine Aura ist so warm und legt sich um ihre, fast beschützend. Ohne jeden Zweifel. Er liebt sie. Beschützt sie. Kennt sie – so lange schon. Ich winke ihn zu mir. Er kommt ganz nah. Ich kann nicht laut sprechen. Es ist so anstrengend. „Egal was passiert. Beschütze sie. Sie weiß es noch nicht, aber sie wird dich lieben. Ihr passt wie Arsch auf Eimer.“ Ich lächle. Denke ich zu mindestens. Ami setzt sich zu mir. Nimmt meine Hand. Ihre Aura verfärbt sich dunkel. Sie trauert, macht sich Vorwürfe, hasst sich selber. Arme Maus. Sie selbst müsste doch am besten wissen, dass sie nichts daran ändern konnte. Ich muss an Jason denken. Mein armer armer Jason. Er bleibt nun allein und ich habe dieses Kleid doch nur für ihn heute angezogen. Mein einziges Kleid. Mein rotes Kleid. Ich sehe an mir herunter. Das schöne neue Kleid ist voller Blut. So viel Blut. Ich werde immer müder. Ami schluchzt, doch sie weint nicht. Ich habe sie nie weinen sehen. Bei jedem Atemzug gluckert es in meiner Lunge. Meine Zeit läuft davon. Mit letzter Kraft ziehe ich sie zu mir runter. „Vertrau ihm.“ Sie dreht sich zu dem Mann. Die Luft bleibt mir weg. In einem letzten verzweifelten Kampf versuche ich zu atmen – doch es gelingt mir nicht. Ich werde leicht… mein Kopf ist leer. Und ich beginne zu fliegen.

 

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