Das schwarze Kästchen

Alvarò saß in seiner Kajüte, an Bord seines nagelneuen Schiffes. Das frische Holz verströmte einen unglaublichen Duft und er glaubte nie etwas schöneres gerochen zu haben. Es wurde bereits dunkel, und im Schein einer Kerze beugte er sich über die Seekarte die ihm der Fremde gegeben hatte. Außer dem Kontinent im Norden waren auch kleinere, scheinbar unbewohnte Inseln sowie Strömungen im Geistermeer eingezeichnet.
Geistermeer. Ein unheilvoller Name.  Der König von Argos hatte in diesem Meer einst hundert Schiffe verloren, als er Krieg gegen die Nordlande führte. Die Schiffe sollten außer Sichtweite der Küste bis zum Sturmkap segeln, doch auf dem Weg waren sie einfach verschwunden. Es waren nicht einmal Trümmerteile an den steinigen Strand gespült worden. Aber man erzählte sich, dass man die Schreie der ertrinkenden Soldaten in stürmischen Nächten im Wind hören könnte.
Alvarò glaubte nicht an diese Schauergeschichten, doch es bestand kein Zweifel, dass das Geistermeer gefährlich war. Die Strömungen waren tückisch und selbst im Sommer tobten oft heftige Stürme über die rauen Fluten hinweg. Für ihn stand fest, dass die Reise nach Norden keine gewinnbringende Unternehmung war. Sie barg zu viel Risiko, auch wenn der Gewinn verlockend erschien.
Nein. Alvarò würde nach Süden segeln, in Richtung Argos. Das schwarze Kästchen würde er unterwegs im Ozean versenken und dem Fremden würde er nie wieder begegnen.
Was für ein Narr musste dieser Fremde sein, um so viel Geld für ein solches Unterfangen auszugeben. Ein Kästchen ans Ende der Welt verschiffen?
Plötzlich verspürte Alvarò Neugierde auf den Inhalt des Kästchens. Er zog es näher zu sich heran und betrachtete es genauer: Seine Oberfläche war ebenmäßig und bis auf die Gravuren glatt. Die Kanten waren scharf gezogen, so dass es als perfekter Quader erschien.
Alvarò untersuchte die eingravierten Schriftzeichen genauer. Sie waren filigran und geschwungen, doch er konnte keine ihm bekannte Schriftsprache erkennen.
Er versuchte das Kästchen zu öffnen, doch es schien fest versiegelt zu sein. Er besah sich das Schloss genauer und stellte fest, dass es ein simpler Verschluss aus einer Art Scharnier und einem kleinen  Eisendorn war. Er klappte das Scharnier zur Seite, doch stach sich dabei mit dem Finger an der kleinen Metallspitze. Ein Tropfen Blut rann am schwarzen Holz hinab und glänzte im Schein der Kerze.
Plötzlich riss ein Windstoß die Tür der Kabine auf. Die Kerze erlosch und ließ völlige Finsternis zurück. Alvarò spürte, wie ein Ruck durch den Rumpf des Schiffes ging und er konnte das Ächzen von Holz hören. War da nicht noch etwas anderes? Nein, das war nur der Wind, der durch die offene Tür pfiff. Jedoch... bildete er es sich nur ein, oder roch die Luft auf einmal nach Schwefel? Nein, das konnte nicht sein. Sicher war er nur übermüdet. Er legte die kleine Kiste beiseite und suchte in seiner Manteltasche nach dem Feuerstein. Er wusste, dass es keinen Grund zur Besorgnis gab, doch er verspürte ein mulmiges Gefühl und war auf einmal ganz und gar nicht mehr darauf versessen den Inhalt der Kiste zu sehen.
Mit zittrigen Fingern zündete Alvarò die Kerze erneut an, verschloss dann die Tür und ordnete die Papiere die auf dem Tisch verstreut lagen. Ein Tintenfass war umgefallen und sein Inhalt hatte sich über die Seekarte ergossen. Er wickelte das Kästchen in die unbrauchbar gewordene Karte ein und warf sie achtlos in die Ecke. Morgen, wenn sie in See stechen würden, würde er das Bündel über Bord werfen. Doch jetzt brauchte er Schlaf.

Kommentare

  • Author Portrait

    Das Warten hat sich gelohnt :D

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Feenstaub

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